Abenteuerland

Mein Leben und Leiden im Nordosten von Brasilien... Eine Reise in eine unbekannte Welt!

Hallo, Herr Doktor!

Heute waren wir mal wieder unterwegs, meine Gata, Hägar und ich.

Hägar, ist ein alter Krieger. Er ist mein bester Freund, schon mein ganzes Leben lang. Er hat seine Helga schon vor einer ganzen Weile verloren und versuchte sein Glück nochmals, im Abenteuerland, mit einer anderen Begleitung. Diese Begleitung war aber sehr ungesund für ihn und er hat nun, abgesehen davon, dass er todkrank ist, ein weiteres Problem. Dieses Problem zieht sich nun schon bald ein Jahr in die Länge und wird bis zur endgültigen Lösung vermutlich nochmals soviel Zeit in Anspruch nehmen. Hägar meint, dass dies aber die Anwälte regeln sollen und hat sich vorsorglicherweise mal einer der besten in der Stadt genommen.

Über die Rechtsstreitigkeiten wollte ich aber gar nicht erzählen, sonst müsste der Titel ja "Hallo, Herr Anwalt" heissen. Nein, nach mehreren Wochen im Spital, ist Hägar wieder bei den lebenden, zum Glück! Er ist zwar immer noch stark geschwächt von den harten Schlachten, er geht aber nochmals als Sieger hervor.

Nun, heute war mal wieder die Ärzte Tourne angesagt. Liebe schweizer Ärzte, erstmal DANKE!, danke, dass man bei euch mehr oder weniger zur vereinbarten Zeit auch an die Reihe kommt... denn hier läuft das gaaaanz anders.

Hier ruft man ein paar Tage vorher bei dem entsprechenden Spezialisten (Allgemein Ärzte gibt es kaum) an, um heraus zu finden, ob denn der Onkel Doktor überhaupt arbeitet. Ein Vorzimmerdrache gibt dann Auskunft. "Der Herr Doktor ist am Montag", also gestern, "ab 16:00 erreichbar, schauen sie doch mal rein...". Ok, das machen wir doch glatt!
Wie wir schweizer nun mal so sind, sind wir auch pünktlich zur Stelle. Der Drachen sagte ja, "...ab 16:00..." und genau DA liegt das Problem. "AB" heisst, man setzt sich mal ins unterkühlte Wartezimmer und, deshalb heisst es ja so, wartet. Die Patienten, alle krank und blass, tröpfeln einer nach dem anderen herein. Alle warten... und warten... Es wird 17:00 Uhr und der Herr Doktor ist noch nicht da, obwohl die gesamte Fangemeinde (Patienten) schon lange auf den Startschuss wartet. Irgendwann fragt dann meine Gata beim Drachen mal an, ob es sich denn der Herr Doktor anders überlegt hat und sein Golfhandycap doch noch verbessern will. Die Antwort ist IMMER und bei ALLEN Ärzten die gleiche:"Der Herr Doktor ist noch am Operieren".

Interessant ist, dass alle Ärzte hier auch Chirurgen sind. Auf jeden Fall operieren sie immer dann, wenn eigentlich Sprechstunde ist. Und dies sind nicht kleine OPs, nein, dies sind stundenlange OPs auf Leben und Tod... Hmmm, der Aufgesuchte Spezialist ist doch eigentlich ein Hämatologe und was ist ein Hämatologe???

Siehe unter Hämatologie auf Wikipedia

nur, damit wir uns richtig verstehen, dieser Arzt Operiert nicht, NIE!

Naja, aber da hier das Durchschnittsvolk einen Arzt vom anderen nicht unterscheiden kann, wartet man eben weiter... und dann, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, fährt der Arzt ein. Braungebrannt die einen, etwas angegraut aber sehr gepflegt die anderen. Der Vorzimmerdrachen entwickelt augenblicklich eine ungeheure Aktivität und sprintet mit all den nötigen Unterlagen dem Herr Doktor hinten rein.

Jawohl, in der Schweiz würde es jetzt los gehen... denkste. Warten ist hier ein Volkssport. Zur allgemeinen Verblödung steht in JEDEM Wartezimmer ein Fernseher, auf dem ausschliessliche die dünnsten und dümmsten Soap Operas (hier Novellen genannt) laufen.
Das beruhigt besser als Morphium und alle starren gebannt, nun schon seit 2 Stunden, in die Flimmerkiste. Halleluja, Sendepause im Kopf, und das wird dann nicht mal in Rechnung gestellt, dass nenne ich Kundenservice.

Wenn man dann endlich an der Reihe ist, und zum Arzt vordringen kann, dann nimmt er sich Zeit. Viel Zeit mit dem Patienten. Man plaudert über das Sozialsystem der Schweiz und über das Wetter. Die stereotype Frage kommt eigentlich immer "So, Herr Schmid, gefällt es ihnen auch bei uns in Brasilien?".

Die Frage ist ja lieb gemeint aber sie ist doof. Würde es uns hier nicht gefallen, wären wir denn da? Und, würde ich jetzt mit "nein" antworten würde sich, mal abgesehen davon, dass ich den Nationalstolz verletze, etwas ändern, zum Beispiel die Wartezeiten beim Arzt?

Weil es aussichtslos ist, behjaht man immer mit einem grossen Lächeln die Frage und, nach einer 2 Minuten Konsultation, verlässt man mit neuen Aufgaben und einer Liste von Medikamenten, die man selber besorgen muss, den Ort der Novellen, äh, ich meine des Geschehens.

Der Medikus hat nun gesprochen. "Ihr sollt andere Spezialisten aufsuchen und ihr sollt suchen, diese Liste an Medikamenten, von denen ich selber nicht weiss, wo und ob es diese gibt". Das bedeutet dann eben wieder Telefonieren, mit dem nächsten Drachen, und weitere 1 bis 2 Stunden Apotheken abklappern um die notierten Sachen zu kaufen... wir wurden fündig und haben auch für heute die zwei Termine machen können. Den einen "AB" 09:00 Uhr und den anderen "AB" 16:00 Uhr.

Somit verbrachten wir den heutigen Tag wieder mit viel Warten und geistigem Durchzug, bis man dann eben wieder mal "Hallo, Herr Doktor" sagen darf.

Was ich jetzt noch anfügen will, die Ärzte sind durchwegs sehr gut hier. Die Qualität der Behandlung ist der Schweiz gleichwertig, zum Teil besser, da die Ärzte sehr umgänglich sind und gerne Erklärungen abgeben. Das System des wartens ist nicht nur aufgrund des Golhandycaps vorhanden, sondern fundiert auch darin, dass die Patienten nicht pünktlich kommen würden, denn Pünktlichkeit ist eine ausgesprochene Schwäche des durchschnittlichen Brasilianers... aber dazu später mehr.

Hägar kämpft weiter und das freut uns alle!

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