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6 ...Fortsetzung 5

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Soothsaying ist eine ganze Wesenshaltung, nicht nur ein Dienst an 88 Menschen, daher hat das nur Sinn, wenn ein Soothsayer zu welchen Gewahrungen seine Sache zu sagen weiß, unabhängig davon, ob ihn jemand hören wird deswegen - er festigt seine Gewahrungen damit allgemein, und es genügt, wenn er selber gut hört, was ihm zu sagen wird, angesichts Dieses oder Jenen, allen Möglichen in der gewahrbaren Welt. Juden, die viel umherkamen als Wanderer und Händler, leben in solchem Eigenhorizont (werden aber oft ihre Witzigkeit nicht los). Buddha kann man als einen kapitalen, kosmischen Soothsayer ansehen. Die Banalform des Soothsayings sind Redensarten, Sprichworte und Stoßgebete, die jeder kennen und beachten kann. "Ach ja, laß gut sein" ist das beste, vorläufig letzte Wort eines Soothsayers. Soothsayer müssen zuhören können bei Nöten und Plagen gewöhnlicher Leute, achtsam sein und ein gutes Gedächtnis haben. Ein solches kann man nicht haben in Vordergründigkeiten, man braucht ein allgemeinbegriffliches, eidetisches Gedächtnis, in dem Wesens- und Unwesensformen allgemeingültig aufgehoben sind und sich je nach besonderer Situation präzisieren lassen - so funktioniert gutes Gedächtnis und auch guter Geist, wo doch in einem so allgemein vorgestimmten Seelenraum, der geübt ist an den Erscheinungen in ihrem Kommen und Gehen, auch schon einmal Gewahrhaftigkeiten aufsteigen (dabei hilft das Selbstsprechen bei nur mäßig aktuellen Wahrnehmungen), die nicht aus direkter Sinnfälligkeit plausibel sind, aber in der Folge zeigen, wie sie imminenter Aktualität vorherwissen oder assistieren. Das ließe sich erklären mit einer allgemeinen Ahnung aus Wahrnehmungsgründen latenter Art, einem lebendigen Gefühl für die Bewegungen des Klimas, die oft im Körper eher wahrgenommen werden als im Bewußtsein, das ja erst bei einer gewissen Reizdichte Vor-stellungen produziert. Vernunft, wie bei Kant, läßt sich gut verdichten und festigen durch die Übung des Soothsaying oder besser, des Besprechens. Logisch spricht das für sich, indem einer, der ruhig eine Sage zu jedem Ding, jeder Sache sagt, die er gewahrt, eventuelle Irrtümer oder verfehlte Meinungen, Haltungen usw. (ein selbstzentrierter Bewegungssinn, wie ihn Einzelwanderer leicht erwerben können, gehört mit hinzu) in seiner besten Ruhe ergänzen oder berichtigen kann, ohne durch die Vordergründigkeiten des Sprechens und Dialogierens mit Anderen, extremerweise Hohn, Beschämung usw. verstört zu werden. Gute Wissenschaft z.B. ist meistens ein solches (methodisches) Selbstgespräch, das hernach aus vorläufigen Eigenerkenntnissen die praktischen Dinge prüft, und erst dann darüber zu Anderen spricht, wenn das klopffest ist (daher wohl das Sprichwort: klopf auf Holz!), was es so meinen kann, daß es auch für Andere selbstredenden Sinn hat. In dieser Façon bekommt die Vernunft den Charakter der sogenannten intellektuellen 89 Redlichkeit. Volkstümlich, beim eher schnellfertigen Machertum, nennt sich das Verantwortlichkeit, verfehlterweise: Schuld, Dummheit und Sünde. Ein Soothsayer tut gut daran, sich einen Blick (: eidos) für das Sprechende in allen möglichen Formenspielen der Welt zu machen (damit Leibnizens Lehre von den Monaden in ihren gestuften Vorstellungsfähigkeiten, passiv in den Mineralien, gleichgültig dynamisch in denbeweglichen Elementen (Wasser, Luft, auch Planeten, Sterne usw.), latent charakterlich in Pflanzen, sinnlich in Tieren usw.), Ähnlichkeiten und Analogien z.B. in Formen verschiedener Aggregaturen passager gelten zu lassen und als Anregung in Denkvorgängen mitzubenutzen, Pflanzen-, Wolkenformen z.B. totalisierend eidetisch und nicht nur dingbewußt funktional anzusehen, also auf sprechende Plastik oder Diaphanie, und nicht materialistisch verkürzt. Vor allem aber der mimetische Geist der Tiere ist gute Unterhaltung. Indem der Soothsayer (oder Schauer) auch sein bestimmtes, lebendes Verhältnis selbst haben muß zu jedem Element, jeder Qualität und Regung in einer ganzen Welt, nicht nur in banalisierten Vordergründen, befindet er sich damit elementar wie jedes wache, weltweise Tier, und Geister solch verständiger Art haben immer etwas Wesentliches, auch Geistiges, ineinander zu erkennen. Daher kann der Rauner, wo er sieht, daß ein Tier ihn bestimmt bemerkt, auch zu ihm sprechen und wird finden, daß ihm geantwortet wird - in den gestischen und perzeptiven Möglichkeiten des jeweiligen Tiergeistes. Dies wird weniger die Form haben eines dialogischen Gesprächs als die eines sich immer weiterspielenden gestischen Tanzes. Wer mit solchem lebenden Wissen einmal bei den Tieren angekommen ist und HAT sein Gespräch, der ist bald berühmt und wird finden, daß Tiere von selbst zu ihm kommen, ihn grüßen, ihn auch durch Wegbleiben warnen usw., und auf Wegen durchs Land wird er sich nicht wundern müssen, wenn ihm manche - extra kluge - Tiere zu begegnen wissen wie verabredet. Da ist viel los, und die Tierwelt (eine Republik) führt einen feinen Kalender. _________ Interessant für sich (Animismus, Totemismus) ist es auch da, wo aus MENSCHEN monadische Selbste (sozusagen) hervorschauen, die eher pflanzlichen oder tierischen Charakteren entsprechen. Entstanden ist derlei wohl in archaisch einfachen Kulturen, wo den Menschen keine Weltsage hilft, aus den Vordergründen (: Höhlengleichnis) ihrer Lebenswelt zu kommen (dem halfen zunächst höhere Formen des Schamanismus auf, dann die großen, weltbegründenden Religionen). Dort liegt ein Bann auf horizontlosen Seelen, und in diesen bildet sich vor allem das Mythische ab: das Gewaltige, und das, welches sowohl Sein wie Nichtsein beweist, 90 indem es erst lebt, dann stirbt und vergeht. Der Animismus der Höhlenmaler z.B. arbeitet damit, daß solcher Seelengeist auch in den Tieren selber arbeitet. Wenn Tiere merken, daß jemand oder etwas sie abbildet, dann kommt eine ahnende Neugier in denen hervor (der Kalender, eben) und treibt sie, ihr Ebenbild zu kommentieren. Das tun die, und Menschen, die darum wissen, können darauf warten. Reineweg genial und geistig (: Urbilder) wird das da, wo sowohl Mensch wie Tier in bestimmten Sternbildern den Charakter eines Tiers erkennen. So machen Katzen z.B. die tollsten Sachen, wenn ein Planet (der Mars, der Jupiter vor allem) durch das Sternbild des Löwen zieht, besonders, wenn er, wie öfter der Mars, in diesem Sternbild eine seiner Wegschleifen fährt und sich dabei der Erde nähert, hell wird. Manche Menschen-Lebenstypen formen eher Pflanzencharakter nach. So scheint in Westfalen die Eiche ein Alles dominierender Charaktertyp zu sein, wie auch in manchen Gegenden Englands und Neuenglands (: Hickory-Eiche), weiter nördlich in Amerika und in manchen Gegenden Asiens (Tibet, China) die Tanne, dort aber vermischt (wie sonst eigentlich auch) mit Tiergeistern (Bär, Hirsch, Luchs), die damit oft erscheinen. Zu vermuten ist, weil die großen Ur-Religionen solchen Geist mitaufnehmen, daß z.B. das Gebot der Freigebigkeit (nicht nur des Almosen spendenden Mitleids) im Islam sich aus der Mimetik der Palme usw. herleitet, die ihre Früchte von selbst gibt und nicht erst muß darum gefragt werden, etc.etc. Der animistische Geist zeigt gewisse elementare Ambivalenzen, weil seine Wesens-Objekte sowohl seiend wie nichtseiend (aber dann gut erkannt : Jagdgeist, Opferwesen) wahrgehabt werden. Darin liegt ja der elementare Zauber des beschwörenden Abbilds, indem dieses die Form produziert, wo das damit signifizierte Lebewesen elementar NICHT ist - da kommt es und sagt: aber ich BIN, und listiger Menschengeist weiß es bei dieser Selbstbehauptung zu nehmen, eventuell zu fangen und zu töten. Das ist weit über einfachen Köderzauber hinaus, der dem Tier nur Futter anbietet und eine eventuell ausbeutbare Genossenschaft, wie beim Hund, der oft selber dann gefressen wurde, wenn nichts Anderes mehr dawar, oder bei den übrigen Tieren, die sich der Mensch domestiziert und damit nahezuhalten gewußt hat. An dieser Grenze zwischen der ästhetischen Bezauberung freier Geister und banaler Domesti- kation des für dumme Beute Gehabten beginnt wohl die auch philosophisch und in Kulturformen deutliche Scheidung zwischen dem Idealgeist und dem tendenziell (Aristoteles) oder offen Materialistischen. Besondere (totemistische, kultische) Formen nimmt der Animismus an, wo in alter Jagdzeit bestimmte Tiergesellschaften gehegt und nur gelegentlich ausgebeutet werden, der Hirsch zum Beispiel, der Bär, Ur, Elch usw.usw., dieser Tribut verzehrt wurde, die Körperreste aber, vor allem die Schädel, 91 kultisch bewahrt wurden als ein reales, exemplifiziertes Abbild, das ja im Körpergeist der lebenden Tiergesellschaft, zunächst im Mutterleib vorgeformt (damit gewisse Kulte der Tiermutter) und dann im lebenden Exemplar selber aus seinem Weltspiel ausgeformt worden ist. Da spricht Mehrerlei, einmal ein Sinn für den allgemeinen Welttheater-Horizont, der diesem Tier und seinen Artgenossen den Lebensleib gönnt, wovon der Mensch (nicht alleine - informeller findet sich derlei auch bei anderen Jagdwesen, beim Bären zumal, der mit toter Beute "spricht" und sie sprechen läßt, solange noch etwas davon hervorschaut) sich selber nährt, und das nicht nur in körperlicher Hinsicht, denn, außerdem, hält er damit (Ahngeist) dem Tiergeist die ohnehin unvermeidliche Vergänglichkeit vor (um ihn zu besänftigen - Tiere antworten durchaus positiv darauf, wenn man sich um die Körperreste von Artgenossen etwas sorgsam begibt, sie z.B. aus dem Weg trägt und an plazenterem Orte, wie man ja sagt, bestattet, d.h. ein wenig mit Dekor nur so ablegt), behält auch einen Rapport, eine Art Gedächtnis, in seinem Leib, dem tierleibgenährten, wenn sein Schädel, die Knochen usw. quasi taktil bemerkbar bleiben, und zudem denkt sich von diesem Pfand her, wo ja Erkennen und Wissen des Tiers lebendig zugegen gewesen, gut weiter in die draußen fortlebende Gesellschaft seiner Art- und Familiengenossen, "hört" quasi, wenn von dort zu dem Vergangenen gedacht wird, wenn irgendetwas eines der lebenden Tiere schwach oder sonderbar macht, und findet daher gelegentlichen Anlaß, Weiteres daher zu jagen. Antilopentiere, die sicher von Jägern, Tier wie Mensch, bewartet werden, haben in ihren Gesellschaften eine Art Gerichtsordnung, womit ausgehandelt wird, wer von den Lebensgenossen nun sicher eher als die Anderen zur Beute der Jagdfeinde werden soll, und Rehe z.B. scheinen da eine ausgesprochene Selbstopferidee zu haben, suchen manchmal den Tod und machen auch, in ihrem Welt-Geist, extra Raison damit. Bei Tieren, die selber auf solche denkenden, richtenden Antilopentiere usw. jagen (Bären), bildet sich das weiter ab als eine Verschißordnung, indem Lebensgesellschaften einzelne Genossen zu Gelegenheiten regelrecht rausschmeißen, damit die sich um Weiteres kümmern, ganz beiläufig solch exponierte Beute finden & jagen, damit sich ihrer Horde oder Bande empfehlen. Nicht umsonst ist der Bär das Wahrtier Rußlands: dort ist dieser Mechanismus öfters zu beobachten, wenn aus dem Staatsrat gewisse Individuen geschaßt werden - das bringt die durchaus nicht um; es zeigt sich nämlich meist, daß sie dann Wichtigeres und wirklich Interessanteres zu tun haben, als tote Zustände zu regieren. Eine Spezialwendung nimmt das Thema (Animismus), wenn Menschen in entwickelteren, aber immer noch einfach strukturierten Lebenszuständen statt Pflanze oder Tier das Ding zum Charakterinbegriff machen (damit ein 92 etwas besondereres Verständnis des Terminus "Ding an sich" bei Kant). Die Hochform dessen ist der feudale und religiöse Kult mit sehr symbolischen Gegenständen, Heilige Lanze, Kelch usw. Immer noch hohe Kultigkeit zeigt sich in der Verehrung der Gegenstände geistigen Gebrauchs, des Buches an sich, etwa (Bibel, Meßbuch usw.) und feierlicher Kleider, besonderer Gebrauchsdinge wie Sitzen (Thron), Tischen (Altar), Schrein & Schrank usw.usw. Diese Dinge sind geschätzter, als Gelegenheiten zu besonderer und prinzipiell freier Benutzung, als jene, welche einer unmittelbaren Not entsprechen - dort entsteht ein eher abseitiger, uneigentlich strukturierter Nebenkult mit Dingen wie Geräten des Tötens, Behältnisse für Ungutes (Gift, Körperreste, z.B. die Canopen in Ägyypten), Gegenstände des Bestattungswesens usw. Derlei ist immer noch nicht profan, aber eben nicht Teil des hohen, hellen Horizontes. Auch den Charakter solcher Dinge bilden manche Menschen als quasi-animistische Geistform aus sich hervor ab, und etwas weiter, bei den Werk- und Richtzeugen für das ohnehin Notwendige, findet sich sodann ein Wesen, wo geschlossene Kommunen als kollektives, vereintes Quasi-Selbst aus diesem her die Wendungen und Fakultäten damit weisen, wie etwa die Freimaurer oder manche Orden. Da ist das Ding-Geistwesen, im Prinzip immer noch Animismus, schon sehr weltgeistig, indem zu Dingen höheren Gebrauchs so sehr ein Welt- (Materie-) Horizont dazugehört wie zum Ahn-Tier sein lebensweltlicher Eigenhorizont. Dann aber wendet sich der Geist ins Götzenhafte: wo der Nächste, sein Lebensspiel als Beruf oder Geschäft usw. verinnerlichter Gegen-Stand wird, und die Geräte seines Geschäftes mit in den Begriff gehören. Das sind einmal die Formen der Existenz, welche allgemein und unmittelbar zum Bestand und Umsatz relativ fest gefügter Kollektive gehören. Sodann die Menschen, Dinge und Zustände, wo die so sittliche Gesellschaft oder Gemeinschaft sich leiblich formt und festigt. Wie es sich befindet, ist diese Ebene des Seins, Meinens und Tuns durchaus tyrannisch, sinngemäß wie ein dreijähriges Kind, das nicht für sich selber kann, aber genau spürt und weiß, wessen es bedarf, und äußert seinen Willen damit. Der Typ Buddhas, aus einer so schon entwickelten, aber einfachen Menschenwelt entstanden, hebt davon ab: der niemals hat solche Not gekannt, aber weiß um sie und kann z.B. künden von Zuständen des Leibes und der Seele aus dem Alter zuvor, wo man gut gestillt seinen Schlummer hat und sich die Welt träumt (: Maya), in sehr wissenden Traumsinnen, wie sie da und dort wirklich ist - der Maya helfen dabei die Blumen, die Insekten, von wo her solches Wissen (um reale Dinge und Gegenden um das Kindlager her) herbeiweht. Buddha ist der Götze, der nichts zu wollen braucht. Andere Götzen sprechen eher von dem, womit man sich hat. Und niederträchtig wird es da, wo nur noch 93 Menschen einander vergötzen. Das ist alles alte Sage so, findet sich immer neue Formen, und braucht hier nicht weiter erörtert zu werden. Politik! _________ "Wie recht hab' ich denn jetzt!!" Ist das die Demokratie?? ("Ich ja auch, ich ja auch!") _________ Gelehrte wollen sie alle sein / nicht unbedingt im Anspruch guter Schule. Ach... ("ich weiß dat nämlich!") _________ Was bei den Griechen das Trioditis-Mal vor der Haustür - diese Funktion hat im Deutschen der Kleinsassen vielleicht der Vorgarten. Dort stellt man motivisch verstehbare Dinge auf, Gartenzwerge, kleine Karren, Räder usw., und sagt damit doch etwas - zumindest spricht ein solcher Zustand von der Rührigkeit des Hausbewohners, auch von seiner Gewahrheit für die Gärten, Häuser und Menschen um seinen eigenen Platz her. Auch scheint sich da, wie oft sonst in den Meinungen und Unterhaltungen solcher Menschen, deren Weltbild etwa so unübersichtlich ist wie das der einfachen Leute zu des Sokratis Zeiten im Labyrinth der Athener Vorstädte, ein spezieller Sinn für kalauerhafte Wortsymbolik zu beweisen, indem Namen und Worte eben nicht dort einem allgemeinen Bildungshorizont entsprechen, nur wie Rätsel mitgenommen werden und in ihrer Unerklärtheit aber assoziative Anklänge wecken in der Sprache, welche diese Leute wirklich verstehen. Banales Beispiel: den Namen "Geranie" für die Blume deutbar zu haben wie: Geh ran hie, welcher Wortverstand ja fast dasselbe sagen könnte wie die Symbolik des Trioditis-Males. (Die Linguistik Saussures würde hier, im Assoziativ-Psychologischen, eher Sinn machen denn als eine allgemeine Erklärung des Charakters der Sprache überhaupt. Saussure dürfte sich, bei dem sehr regen Sinn in Frankreich für Wortwitze, vielleicht öfters gewundert haben über die assoziative Nähe seines Namens zu "Chaussure" (Schuhwerk), und solch ein latenter Sinn für assoziative Sonderbarkeit der Sprache insofern als System von Lauten und damit sonst witzlos verbundenen Bedeutungen ist Grundelement seiner Sprachlehre. Das bürgerliche 19. Jahrhundert beweist sich ja auch sonst als das psychologischer Totalisationsversuche. Nietzsche prahlt geradezu damit, ein welch toller Psychologe er ist, und seine Freundin, 94 Lou Salome, assistierte später dem Sigmund Freud in seinen Menschen-beobachtungen. Vor allem Adler hat dann eine Lehre geboten, in der kalauerhafte Verdeutungen aus der etwas beschädigten Nahwahrnehmung unbedingt nur sozial lebender Menschen eine gewisse Rolle spielen.) Der Sinn der einfachen Deutschen für kalauerhaft symbolischen Gebrauch sonst unverstandener Worte ist ja recht allgemein und wird auch mit einer gewissen Systematik benutzt, oder gestärkt in dem Sinne, daß Tabloid- zeitungen jede Neuigkeit, selbst wenn sie ausführlichere Information vertrüge, auf die kürzestmögliche Form reduzieren, mit dem Refrain: da sieht man mal wieder. Und dieser Refrain ist gewissermaßen der catch, der Inbegriff jeden so kurzfertigen Mitguckens ohne jede Reflexion oder Tiefe, weil da meist ohnehin nichts ist, was wirklichem Erkennen hülfe. Aber der Sinn für kalauerhafte Nebenklänge ist immer dabei, hat auch manchmal eine symbolhafte Dimension, wenn Situationen oder Elemente in ihnen müssen oder können erst bedacht werden, erhalten dabei Namen aus dem Begriffe-repertoire der Mitdenkenden, oder aus dem, womit sie in kommunen Denkweisen attachiert sind, mit einem Effekt manchmal hernach der Verblüffung ("dumbfounded" heißt das in Amerika, wo solcher Halbgeist auch sehr bekannt und gehegt ist) über scheinbar welterklärende Aufblicke, die daraus erfolgen. Bären und Hunde blicken manchmal so auf aus Wahrnehmungen, in die sie sich hineingeschnüffelt haben - aber da macht solches Assoziieren auch unmittelbaren physiologischen Sinn - was man von Menschen, die scheinwitzigen Assoziationen aufsitzen, nicht unbedingt sagen kann (außer, daß sie aus der Anspannung halbverstehender Unweisheit wieder zu Atem kommen). Daher eben gehört der Hund ("beim Hund!" ist öfter ein Ausruf bei Platon) zum Hekate-Wesen dazu. Deutsche, die sich mit dem Spiel der Halbwitz-Sonderbedeutungen auskennen, sagen dann manchmal von sich: die haben Ahnung. Das ist, also, mit Absicht weder Wissenschaft, noch Moral, noch sonst irgend ein Sinn mit geistig entwickelten Genauigkeiten wirklicher Weltauffassung, sondern nur solch ein klarer Nebel des Bescheid-wissens (wo es eben nicht einmal auf bewußte Wahrnehmung des Witzes ankommt) im allgemein Unübersichtlichen seiner Daseinshorizonte. Der einfache Deutsche verwendet so wenig als möglich an Geist auf die reale Welt, das, dem er alleine sowieso nichts kann, stellt sich seine Meinungen damit zurecht, und was ihm Sinne und vielleicht Intellekt darüber hinaus sein können, das gehört seinen Delektationen. Es kann einem schon manchmal das Auge wehtun, zu sehen, wie dieser flache Sumpf mit Öffent- lichkeitswerten bedient wird. Populistische Politiker erholen sich manchmal in diesem Garten. Daß Intellekt, Sinne und weitere Wirklichkeit etwas sein könnten, das lebhaft, präzise, detailliert und mit durchaus delektativen 95 Effekten für's Gemüt zusammengehört, als Geist ein und dasselbe sein können, belieben die Halbwitzigen besser nicht zu bemerken - man könnte seine kleine Vorlieben des Selberwasandresseins darüber verlieren. Was ist das "Hehe" des Halbwitzigen aber gegen das satte Gelächter dessen, dem eine wirkliche Welt wirklich antwortet, dem sie ganzen Sinn macht! Wenn der Halbwitz merken muß, daß da Einer Genaueres und Wahreres an der- selben Welt findet als wie er, dann möchte er davon erzählt haben (vielleicht künstlerisch) oder dies, was ihm nicht selber leuchtet, nach den Begriffen seiner Billigkeiten für sowas-wie-Wahnsinn ansehen dürfen. Man muß ihm nämlich - da ist er kleiner sittlicher Tyrann - etwas dafür geben, daß er brav ist, und bei diesem Unprinzip, das von der Volkspolitik gern gehegt und bedient wird, ist er völlig gewissenlos. Diese Gewissenlosigkeit ist sozusagen die leere Luft, in der seine sonstigen Meinungen erst ihren Rand zeigen. In solchen Typen, könnte man sagen, ist die sittliche Tyrannis, vermehrt um die witzige Klugheit des (von der Sitte wie: gefressenen) Sokrates zu kleingeistiger Existenzialsophistik amalgamiert. Das kennt eigentlich nur einen Imperativ: Man darf ihm nichts können. Das, wie man sieht, ist der Ausdruck einer existenzialen Not, und kann sonst nicht viel mehr sein. _________ "Wahr ist, was nicht weggeht" (zum Vorigen)... _________ "Seien Sie nicht genial! Das sind wir AUCH nicht!" (dasselbe) _________ ...ein gewisser Intellekt beginnt da, wo etwas boshaft ironisch die impliziten Lebensmeinungen und Haltungen meinungslosen Halbverstandes kommen-tiert, sowas wie enteignend witzig im vorher hier erläuterten Sinn, ausgesagt werden, als eine Art Untertitel zu Naivitäten. Sowas macht wach, ist zwar kein Geist selber, regt aber an, sich präziser selbst mit seiner Welt und den eigenen Meinungen von ihr zu beschäftigen. Wo dem nichts wirklich antwortet oder Sinn gibt, bekommt das wohl zunächst eine Form destabilisierender Neurose, ein Effekt, den psychologisierende Sozialisatoren gern benutzen. Manche Lasterhaftigkeiten finden hier ihr Futter. Die Siebzigerjahre in Deutschland bestanden fast nur aus dem psychologistisch aufgefrischten Geheck solcher Strategien - soweit nicht einfach nur meinungslos arbeitende Weltgeschichte bedient werden mußte. Davon (diesem pseudohedonistisch geblendeten Gewühl) gab's im Weiteren Ausfallformen: den Terrorismus und moralistische Massen-Gutmenscherei im politischen Horizont, und die Entwicklung eines 96 Phänomens, das als Mobbing notorisch geworden ist, in der banalen Arbeitswelt Nur-so-Sozialisierter... _________ Interessant, die Wendung: Laß das sein! Man könnte mit der Schreibweise experimentieren, Interpunktion hinzufügen usw... _________ "Et IS ja Alles datselbe, ne!" _________ ...your silent enemy... _________ "Die politischen Tiere Europas"... _________ "Was Du selber siehst, muß Dich keiner lehren" (Weisheit des Tigers, des Literaten). _________ "Enfin - on aura tout vu." "Oui, mais: comment!" _________ "Laws, man, are painted eyes!" _________ Aristoteles / Kant, "nus poïetikos" (oder: Intellekt): die Chinesen haben (im I Ging) das Sinnbild der Sonne über dem Bergrand oder des Auges über dem Zaun. Um das also so zu nehmen: die Sinne sind der Zaun (durch den z.B. Winden wachsen) und der Intellekt, das selbsttätige Erkennen damit ist der Blick, der dahindurch sieht, was zu sehen ist, und schaut, was er meinen mag... _________ "Seien Sie doch nicht so delikat!!" Argument bei Undelikaten. _________ 97 Für Sündige (sozusagen) ist Geschichte bevorzugterweise das :Vergangene, das, wo man vielleicht schlecht gewesen ist und möcht' nicht dran erinnert werden. "Geschichte" heißt aber wörtlich: das, was geschieht, also das Feld der Erscheinungen, wie sie unbegrenzbar ein Herkommen und ein Hingehen haben, prozeßhaft gewärtig im ewig darin weitergeschehenden Moment. Heraklit spricht von nichts Anderem, und mehr braucht er auch nicht zu sagen, so, wie des Platons Konzept der Idee, einmal hinlänglich erklärt, auf immer für sich spricht. Von Heraklit ist auch bekannt, daß er auf die Orgiastiker flucht und nicht viel Gutes zu sagen findet über die bornierte Zufriedenheit (und damit Rechthaberei), mit Verlaub, der Fresser, welche die Welt nicht sehen wollen, wie sie ist, sondern nur das an ihr, was sie meinen wollen. Diese Leute nennt er "Vieh", und feucht, also so etwas wie Mistvolk, indem ja, was da geschieht, als Geschichte allenfalls gemütliches Gewühl ist. So aber ist die wirkliche Welt nicht, die doch zum größten Teil NICHT aus solch selbstvergessener Vordergründigkeit besteht, und woher das auf Jedes, nicht nur die Menschheit, kommt, was man das Geschick nennt, ein Wort aus selber Wurzel wie "Geschichte" und "geschehen". _________ Aristoteles wieder: die Metaphysik als eine Lehre, welche sich um die weiteren Gründe besorgt, aus denen die Erscheinungen sind, das, was er "Sein" nennt und neuere Philosophie wohl das Dasein oder das Seiende, befaßt sich perspektivisch mit dem, was bei Heraklit das Spiel des Logos ist und damit im Weiteren die Episteme, wissendes Standhalten, das über die unmittelbare, sonst nur vordergründige Anschauung dessen, was gewahr sein kann, hinausweiß. Wie die Dinge gehen, das doch macht das Wissen. _________ ...damit kann man Wissenschaft begründen. Aristoteles will eben nicht zeigen, sondern lehren. Er besorgt nicht das allgemeine Bild einer Welt, sondern den Menschen, der mit ihr etwas kann. Platon spricht nicht so als von einem Gott wie es Aristoteles tut, und woran der dabei denkt, das ist wohl die Figur des thronenden Zeus. Platon lebt aus dem nächtlichen Atem des Meeres, Aristoteles dekretiert vor dem Berge. Er ist aus dem Horizont der Hirten. Dort sieht man die Welt weiträumig objekt, und mit dem Geschick der Tiere sieht man, was aus den Dingen wird. Platons Wesenselement ist die Ruhe, die Gelassenheit; des Aristoteles ist eine Art Zorn, damit ein Sinn. _________ 98 "Ihre PERSÖNLICHE Geschwindigkeit!!" _________ Archiphänomenales: Das Urgesetz von Form und Materie, wie es die Pythagoräer, dann Aristoteles und jene in der Folge berufen, hat seinen ersten Anhalt in der Beobachtung, daß auf dem festen Lande, wo ja die Menschen natürlicherweise leben, und wo an anderen Lebewesen sie zu Genauigkeit der Wahrnehmung finden, eine Grundspannung besteht zwischen der blanken Erde und dem Himmel (damit beginnt auch Lao Tse). Die Erde ist elementar firm für die Wahrnehmung, der Himmel aber zeigt schon ein erstes, grundlegendes Formelement, indem er dauernd in Bewegung zu sein scheint, dreht sich unablässig, ist nach wechselnden Proportionen mit Sternen bestückt, zeigt eine überzeitliche Bewegtheit, indem die Sonne, der Mond und die Planeten unablässig, mit Gegenlauf-phasen in den Planetenschlingen, entgegen der Tages-Drehbewegung des Firmamentes dort hindurchwandern. Zudem - damit die Form, oder vielmehr die Formgebung oder Formwerdung Argument werde, erscheint als Hauptelement darin die Sonne, ohne die (auch in geologischer Hinsicht) keine Formen aus der Erde entstehen können, als Pflanzen, Tiere daher, auch als allgemeinste Interaktion, nach Tag- und Nachttieren usw. und den damit sich ergebenden primalen Erkenntnis- und Geistformen. Zudem bewegen sich Sonne, Mond und Planeten nicht nur in einem deutlichen Kreisbogen über den Himmel, sondern mit dem Weg durch den Zodiak (jedes mit seiner eigenen Zeit: der Mond monatlich, die Sonne jährlich, die äußeren Planeten in 2-, 11- und 29-Jahreszyklen (soweit damals bekannt) - wodurch die Zeitläufigkeit als weiteres Ur-Formelement abstrakter Art kennbar wird) steigen sie auch auf und ab im Himmel; konsonant damit erblühen, reifen und vergehen Pflanzen, richten Tiere ihre Gesten ein usw. Dann, was die bemerkbaren Harmonien angeht (das ist im Norden merkbarer als im Süden), so gibt es Zeiten des scheinbaren Unmaßes, starke Regenzeiten im Süden zum Beispiel oder das hervorbrechende Chaos aller Pflanzenkräfte im Frühjahr des Nordens, aus dem aber durch Stillung und Ausgleich hernach deutlich harmonischere Naturbewegungen sich herausarbeiten. So ist hier im Norden leicht zu sehen, wie ab Juni circa ein Takt in die physiologischen Bewegungen der grünen Natur kommt, wenn die arbeitenden Kräfte nach Ausprägung des Blattwerks ihr weiterhin gültiges Maß gefunden haben und nun selbsttragende, harmonische Schwingungen darin aufbauen, mit den Wechselfällen des Klimahimmels als Stimmung, als Gegenmaß. Symphonische Musik seit Haydn und Händel circa entwickelt das oft, komplimentiert damit die Gemütslage von Fürsten, die selber auf Jagden 99 für lange durch die Wälder ziehen und dies natürlich kennen. Das Unmaß oder Chaos gehört elementar mit zu einer Welt, in der Formen immer erst neu wieder entstehen oder sich bekräftigen müssen, und die Mystik, etwa bei Eckart, weiß um Wahrnehmungen, welche an der Grenze zwischen Chaos und göttlich klarer Ordnung sich finden - seine Predigten z.B. rufen gerne eine Art Chaos im Seelenraum seiner Zuhörer an, indem er geglaubte Sätze zitiert, dann unmittelbar kontrarisiert, was eine Art Entsetzen hervorruft - sodann perlt er ihnen tauklare Wahrheiten, unmittelbar überzeugende Erkenntnisformen in den Geist - das macht er oft, und balzt geradezu mit der Liebe Gottes vor den wachgerufenen Seelen, daß es eine Schau ist. Eine spezielle Form des Frühjahreschaos ist findbar in frühesten Morgenstunden in Wäldern, wenn zunächst einzelne Vogelstimmen wachwerden (oft wie ein enthusiastischer Schrei: "das stimmt, ist wahr, es IST die Welt, die ich grad geträumt habe" usw.), wonach sehr schnell ein kurzes Spiel weniger Wechselstimmen folgt, dann aber auf einmal der ganze Wald erwacht zu ungeheurem, allgemeinem Vogelgeschrei, ein wirklicher, unendlicher Lärm, den zu belauschen einfach die Sinne, besonders bei frühaufgestandenen oder übernächtigen Lauschern, überfordert. Da ist nur noch ein allgemeines, fast schrilles Rauschen, in dem aber nun, weil in dem Lärm der Gehörsinn nach erkennbaren Strukturen sucht, ganz automatisch, Klänge wahrgenommen werden, derengleichen man seit der Gothik als Kloster- und Kirchengesänge weiblicher Stimmen kennt. Die Litanei- und Singübungen, wie sie seither bis in diese gerade verflossene Zeit zum Schulwesen mit dazugehörten, kommen wohl genau daher. Natürlicherweise sind solche Zustände nicht überall so zu finden. Dazu braucht es Auen-Mischwälder mit Grasboden, von dessen Körnern und Kleingetier so viele Vögel überhaupt erst leben können usw. Wo die Wälder einfacher sind, nur aus Buchen, Eichen oder Koniferen bestehen wie in weiten Gegenden Deutschlands, da leben wenigere und andere Vogelarten, die teilweise auf Raub angewiesen sind (Häher, Elstern, Spechte, dazu körnerpickende Finkenarten usw.), und die nicht laut werden, im Allgemeinen, nur gelegentlich nach Gefährten rufen in den Weiten ihrer Reviere... _________ Was Platons kluge Nebenblicke angeht: eine seiner Erörterungen ist darüber, wie die Arhythmetik eine vergeistigende Wirkung schon hat, wie darin das Erkennen aus dem Phänomenalen ins Abstrakte findet. Dies wurde von Aristoteles teilweise so übernommen und entwickelt (wo er sich sonst aber eher mit der Logik beschäftigte), dann von den 100 Weiteren eher nur mitgenommen und mehr allgemein argumentativ verwendet, indem die Offensichtlichkeit mathematischer Wahrfindung zu erklären helfen sollte, daß der (menschliche) Geist elementar dazu eingerichtet ist, nicht unmittelbar sinnfällige Wahrheit zu erkennen und damit die Welt in ihrem Gesetz durchschauen zu können. Dies ist ein anderer Wahrheitssinn als der logische, der im Ganzen auf die Erläuterung, die Wahrheitsempfindung in den Fluchten des in Phänomenen sich aushandelnden Logos gerichtet ist. Logik ist sozusagen trans-eidetisch, aber Mathematik ist prinzipiell abstrakt. Die meisten Denker, auch Kant, gebrauchen mathematische Beispiele nur als ergänzendes Motiv in der Behauptung, daß dem Menschen Wahrheit prinzipiell erkennbar, und wesentlich Element seiner Weltauffassung ist, aber der Gebrauch dieses Motivs oder Argumentes ist logisch, dazu kollateral fakultativ und nicht notwendig, wie mathematische Wahrheit in sich ist. Erst bei Leibniz kommt das Erkennen darüber hinaus, indem er aus prinzipiell geometrischen Betrachtungen auch eine Weltidee entwickelt, die nun wieder elementar der platonischen entspricht, und nicht zufällig ist Leibniz - ausentwickelten GEOMETRISCHEN Betrachtungen, auch ein Genie in arhythmetischen Dingen, wo er die Infinitesimalrechnung auf seine spezielle Weise begründet. Wie schon bemerkt, befindet er sich damit an einem ersten komfortablen Ort in einem neuen, zum Kosmos hin in Freiheit eröffneten Platz, und erst hier, wo deutlich die Grenze überschritten ist aus erdenweltlicher Selbstbezogenheit des Erkennens, wird die Weite des platonischen Horizontes, die reine, klare Offenheit zum All hin, wieder erster Grund erleuchteten Erkennens. Die Tibetaner, die ohne Weiteres, wie Indien auch, von Platon wußten und seinen Geist in ihre eigenen Lehren miteinfügten, würden Platon als einen Bodhissatva bezeichnen, eine erleuchtete Menschengestalt, deren Geist absolut für sich spricht und damit induktiv das reine, gute Erkennen in Anderen weckt und belebt. Aristoteles ist ein Guru, ein Lehrer und gewissermaßen Richter, indem er Kategorien für konkretes und bestimmtes Erkennen und Tun gibt. Leibniz aber ist ein kleiner Buddha, ein Geist, dem ein ganzer eigener Kosmos antwortet, und dessen präzise Wahrnehmung damit nicht nur den Geist hat, wie Platon (oder auch die vorsokratischen Elementarphilosophen), sondern in der Durchklärung, Durchgeistigung solchen Absolut-Erkennens den Geist sich selbst Funktion sein läßt, etwas, das die Denker seit der Antike oft in tautologisch klingenden Attributionen als das Wesen Gottes ausgesagt haben: die Idee der Ideen, das Gute des Guten, die Wahrheit der Wahrheiten usw. Es sind auch geometrisch-arhythmetische Überlegungen gewesen, welche das ptolemäische Weltbild in diesen neueren Erkenntnishorizont auflösten. 101 Kopernikus sah die Planetenbahnen noch als Kreise an. Erst Kepler, in einer beispielhaften apriorischen Wendung mittels Gesetzen, die aus der Geometrie der Kegelschnitte bekannt waren, auf das bis dahin nur unvollkommen Erkannte, brachte eine eindeutige, prinzipiell und absolut richtige Idee in dieses vorläufige Konzept des Kopernikus, und damit eben fügte sich das Erkennen als mit einem Schlußstein in eine Form, die nun zur Basis der leibnizschen Weltschau werden konnte. Der aber befindet sich damit, wie schon bemerkt, wieder elementar so wie Platon: genial, EIDETISCH (nicht nur logisch) apriorisch, aus einer allgemeinsten, geistig vollkommen klaren Idee souverän über alle Einzelwahrnehmungen verfügend. _________ Logik ist zwingend, aber Mathematik ist selbstverständlich. _________ Zu Leibniz muß man aber doch sagen, daß die Leseweise für die gestuften Vorstellungsformen der Monaden dem entsprechen, was er selbst an den Dingen sieht, wie sie ihm erscheinen. Er sieht z.B. den Sinnencharakter des Tiers, die Verhaltenheit der Pflanze, die Passivität der Materie und sagt: das ist die Form der Vorstellungskraft der damit umschriebenen Monade selber. Das muß so nicht wahr sein. Was die Monade ist, das zu definieren und klarzustellen ist er perfekt. Aber wie diese wirklich ist - das kann er nicht wissen, nur meinen. Die Welt ist so groß, und der Mensch sieht nur so viel - das muß er ja meinen können, kann aber von allem, was er sieht, nur bestenfalls inspiriert denken oder meinen, aber nicht so um das Wesen der Dinge wissen, daß ihm Endgültiges wie diese Aussagen über den Charakter der Monaden im Besonderen, wie in diesem Beispiel, gelingen möge. Dieser feine Unterschied muß da gemacht werden, angesichts der Unbedenklichkeit Weiterer, die solch ein Wort über das Wesen einfach für ganz und endgültig wahr nehmen und achten dann nicht weiter auf ihr Tun. Das ist das Problem mit allen Lehren, die Totalen produzieren und nicht ALLES extra erklären können. _________ "Mais - c'est rigolain, ça!" (Monet)... _________ Appetitus cunnus _________ 102 "Sie sind doch auch Männchen. Das verstehen Sie doch!" Ein nicht großer Hund zeigt: er trägt seine Dötzchen wie Mädchen ihre Zöpfe. Er gehört auch einem. Dasselbe ist so gut, dies nicht einmal zu ignorieren, und weiß damit, bei welchem Namen ihn zur Ordnung zu rufen. Manche Weiber brüllen ihre Köter an, daß ihnen der Unterleib wehtun muß: der soll da bleiben, wo er hingehört (zu einem groben Begriff von Idee)! Eine läßt alles tierisch Männliche kastrieren, das ihr in die Nähe kommt, nur ihren Köter nicht. Vielleicht versteht jemand diese Selbstverständlichkeit... Was Kynik heißen soll, erklärt sich vielleicht damit, wie Hunde über ihre Sphingen- und Muskelreflexe verfügen: die können derlei bewußt mit spastischem Impuls ruckhaft anspannen. Wo Hunde bestimmte Dinge miteinander tun, da hängen die, kommen für eine Weile nicht voneinander los. Das haben Menschenweiber nicht nötig. Als Greiferinnen haben sie ganz andere Möglichkeit, ihre Männchen im Fang zu halten, besonders, indem sie sich nicht so sehr mit diesen selbst verklammern, sondern anderes Gegreif mit in den Hangel nehmen. Das ist eine der Grundfiguren der Sitte. _________ Der Barbar: Es soll alles nicht(s) sein - wenn man's nicht selber ist! _________ Der Optimismus der Ahnungslosen... _________ Aristoteles / Averroes / Siger von Brabant: die individuelle Seele ist sterblich, nur der Eine Intellekt der Menschheit (und der, muß man sagen, aller Lebenswelt) ist ewig: das entspricht chinesischer Idee (von Canetti so kolportiert im "Überlebenden"), daß der Mensch, wie er dort im Ahnenkult gesehen wird, eine Lebensseele hat, die ihm durch die Zeugung mitgegeben wird, und eine Weltseele (das, was bei Aristoteles "durch die Tür (die Sinne) kommt"), welche (dort: relativ) unsterblich ist. Man würde sagen, dies sei der Geist oder weltfähige Intellekt im Unterschied zum Wesen, das einem miteingeboren ist. Mir selber erschien das in dem Begriffspaar "Körpergeist" / "Visitatorgeist" als plausibel, lange bevor ich diese Dinge (außer bei Canetti) zu lesen bekam. Der Körpergeist ist auf die existenziale, einfache Befindung des Selbstes bezogen und kann prinzipiell über diese Bornen nicht hinaus. Der Visitatorgeist aber kommt damit, daß jedes Individuum, das nur ein wenig weltfähig ist, d.h. sich selber oft genug in wechselnden Horizonten wiederfindet und kennt, fast automatisch etwas lernt, das dem allgemeinsten Gesetz der Welt entspricht, etwas, das zwar in individueller Erkenntnis 103 realisiert und organisiert wird, aber eben sich nicht auf die Erkenntnisse des Individuums reduzieren läßt. Schon die Kommunikation mit anderen Wesen, Mensch oder Tier, über solche Belange setzt einen allgemeinen, die einfachen Formen individuellen Erkennens überschreitenden Intellekt voraus. Dies ist ein lebender Geist, im Prinzip, durchmischt mit den Charakteristiken der Weltelemente, die da notwendig mit im Begriff sind. So, wie das bei Averroes und Siger extra akzentuiert und verabsolutiert erscheint, hat das starke Ähnlichkeit mit dem Geist der Juden, deren Begriff des Lebenden Geistes oder des Lebenden Gottes sehr dem zu gleichen scheint, was hier als der ewige, allgemeine Intellekt erscheint. Dieser Gott-Geist ist zwar überindividuell, absolut insoweit, als er nicht begrenzt ist auf die Wahrnehmungen und Aussageformen Einzelner, etwa der Propheten, aber die Hermetik, mit der dieser Daimon sich einzig um das Geschick dieses einen Volkes bekümmert, mit Zorn, zeigt ja, daß er die Objektivation (sozusagen) dessen ist, was der unsterbliche Weltgeist dieses einen Volkes ist. Die Juden (Salomon z.B.) wissen nichts von einer Welt nach dem Tode, welche allgemeinste Metapher vor allem eine Transzendenz und Freiheit über die Bornen des subjektiven, allgemein durch die Nichtexistenz des Selbstes begrenzten Erkennens in weiteste Horizonte des Seins bedeutet. Der jüdische Gott spricht nicht vom Sein, sondern nur vom Sollen einer Exi- stenz, die sich per se nicht infrage stellen lassen kann ("Ich bin der ich bin" etc.). Darüber sind die Griechen, als weltkundige Kolonisatoren, die Römer als ein schon zu republikanischer Zeiten imperiales Volk, bald hinaus. Dort hat jeder Einzelne in ziemlicher Erkenntnisfreiheit Sicht auf die Einzelheiten und das Ganze, wie es das welterobernde Menschenwesen anfindet und in allgemeinen Begriff bekommt. Das hat Atem. Der jüdische Geist hat sein Blut und damit den Zorn, der nur Grenzen setzt, aber keine Weiten öffnet für den Blick. Die Erlösersage ist ja geradezu die Herausarbeitung dieses Freiwerdens aus der nur sittlichen Hermetik und der (da noch unqualifizierten) Überwindung dessen, was für gemeinstes Erkennen mit der Sterblichkeit, dem Tode verdeutlicht ist. Das ist, bei dem Messias-Glauben der Juden belassen, ein eschatologisch codierter Begriff der Transzendenz des leben- den Erkennens. Die, welche die Lehre von der Vergänglichkeit der Individual-seele und der intellektuellen Weltseele (des Intellektes) verurteilten, sahen wohl, daß man damit im Ganzen wieder auf die alttestamentliche Sicht zurückkäme, auch wenn das Erkennen des allgemeinen Intellektes mittlerweile klug geworden ist im Beherrschen einer weiten, wohlverstandenen Welt. Das ist eine Regression, so wie das Weltbild des Aristoteles in Prinzipien regressiv ist gegenüber dem des Platon. Dies ist alles wohlverstanden und mmacht sich vielen Ausdruck, etwa bei Thomas von Aquin, der in allem 104 aristotelisch fundierten Welt-WERKbild der Menschenhorizonte aber immer die freie Mitte des Erkennens und Tuns, also den Platz Platons, akzentuiert. Die Meinung von der Sterblichkeit der Individualseele, der Unsterblichkeit des Einen, Allgemeinen Intellektes ist auch prinzipiell gnosisch, und auch darin eine Regression gegenüber dem hellen, weltergreifenden Erkennen im Lichte eines ewigen, transzendenten Gottes. Zudem bricht dieses Konzept das Erkennen an der Grenze zwischen dem Individuum und dem Allgemeinen. Dadurch verliert das Erstere ein gutes Stück seiner Freiheit im Erkennen und Meinen vor einer Welt allgemein erkannter Deutlichkeit und Klarheit. Das ist gnosisch, pessimistisch, und der Pessimismus solcher Art versteht sich eben nicht auf das Gute, sondern auf die Verfehltheiten des Selbstes davor. Weshalb sollte man eine solche Erkenntnisform, oder Matrix, bestärken oder nur gelten lassen! Die Griechen hatten ursprünglich nicht viel Sinn dafür, ein allgemeines Reich zu begründen. Die allgemeine Verfassung einander bekämpfender Stadtstaaten reflektiert auf den Sinn für persönliche Tüchtigkeit, wie es ihn braucht zur Kolonisation in barbarischen Gegenden. Platon verkörpert das Optimum an Gelassenheit dieses Typs, Aristoteles das Optimum praktischer Weltfertigkeit. Das genügt für eine gute, eine große Erkenntnisordnung. Die Römer aber erkannten früh, daß es ihnen nichts hilft, nach solcher Ordnung zu leben. Dort umher leben landsäßige Stämme, mit denen es eher Sinn hat, sich zu verbünden, Macht miteinander zu akkumulieren und ein republikanisches, allgemein begründetes, formales Rechtswesen als Paradigma zu instaurieren. Dieses begrenzt die Individuen nur allgemein und läßt sie sonst in ihrer landläufig möglichen, allgemeinsten Freiheit. Genau deswegen hat Rom zwar gute Ethiker und Gesetzeslogiker hervorgebracht, aber keine so grundlegenden Geistesgestalten wie Aristoteles, Platon usw. usw. Gerade das antike, römische Christentum akzentuiert doch die grundsätzliche, absolute Freiheit des Individuums selbst im Widerspruch zu den allgemein gesetzten Grenzen (des MEINENS über die Welt - dies bezieht sich nicht auf die unabdingbaren Begrenzungen des Sittlichen). Das Alles wird durch die gnosische Tendenz dessen, was Averroes und Siger da postulieren, getrübt und ist so durchaus nicht wünschenswert, usw. Der Dekalog wird gelegentlich erwähnt - im Grunde besteht er nur aus zwei Sätzen: Du sollst Gottes sorgsam achten, und: Du sollst Deinem Nächsten nicht zu nahe treten. Die Zehn Gebote sind nur Präzisionen dieser beiden Grundgebote (phänomenal: man hat zwei Hände, aber zehn Finger daran). 105 Zum Vorherigen noch: die begriffliche Trennung nach ewigem Allgemein-Intellekt und individuell vergänglicher Seele zeigt aber auch, wie es da in ersten Andeutungen auf die Wende zum modernen Geist kommt, angefangen mit Duns Scotus. Das Individuum muß sich doch bei solcher Welterklärung elementar verlassen fühlen und hat daher Grund, erstens vordergründiger SEINE Welt anzusehen und zudem diese Sicht gelten zu machen, daher die Akzentuierung des Willens. Dies ist die Grundlegung einer verallgemeinerbaren Weltsicht, wie sie bei Hobbes und Hume, also wieder Geistern von der Britischen Insel, viel später System wird, mit weiteren Folgen bis in den modernen Materialismus, und erst dort wird offen und allgemein sichtbar, wie eine solche Weltdeutung nicht mehr befreiende Schau, sondern Ideologie ist. Die Rationalisten, nicht zuletzt auch Kant, haben besorgt, das Erkennen zu subjektivieren, sein Erkennen aus einem sonst allgemeinen, im Großen geschehenden Welt-Erkenntnisprozeß auszukoppeln. Das Meinen, so klug es auch ist, ist da stärker als das wirkliche Verstehen - wie sich das prinzipiell verhält, wurde hier ja schon in dem kleinen Exkurs über Uni- versalisten und Nominalisten erörtert. Als ich vor nicht langer Zeit das erste Mal im Lexikon über die Thesen des Universalismus las, ohne irgend eine Idee von dem allgemeineren Zusammenhang, lachte ich ab einer bestimmten Stelle spontan auf (das passiert mir öfter, wenn ich bei manchen Sachen auf einmal merke, WAS da spricht und wovon). Da wußte ich sofort, daß ich nicht nur ideogrammatische, logische Wendungen verstanden hatte, sondern die Sache selber. Vor solchem Verstehen erscheinen Nominalisten, Rationalisten usw. vor allem als eine Art Nörgler, und spätere, rein materia- listische Geister (wozu man schon Schopenhauer zählen muß) als reineweg verdorben. Selbst die Deutschen Idealisten machen sich da vor allem als klug (Hegel) oder egomanisch (Fichte) dekadent. Das Sagen ist da allemal wichtiger als das wirklich Besagbare. Interessant bei all diesem ist, wie im realistischen, aber auch immer divin inspirierten Italien Geister da verstehen, bei aller Modernisation doch die allgemeingültigen Gewahrheiten zu behaupten, alleine vom Akzent des Erkennens her das Über- und Außer- individuelle, gar das jenseits des Gesamt-Intellektes nur der Menschheit, als grundlegend beizubehalten: die Natur (Bruno), die Macht (Macchiavelli und das Renaissance-Fürstentum), schließlich das All, wie es wirklich ist (Galileo wieder). Das sind Totalen, die sich nicht einfach individuellem oder aus solcher Verlorenheit verallgemeinertem Halberkennen fügen - das ist nicht vordergründig und steigert den Geist in dem, was bei Platon, eben, die Wachheit ist der Wächter, der Wach- und Achtsamen. Solches Erkennen bleibt eben prinzipiell naturrechtlich und ist durchaus nicht nominalistisch, indem es sich um das kümmert und besorgt, was auch ohne seine richtige Erkenntnis 106 unweigerlich das Geschick der Menschen und der Tiere formt. Nicht der Nominalismus hat die moderne Technik erfunden und geformt - dessen moderne Ausläufer befassen sich nur damit, wie man sie, auch in uneigentlichen Meinungen, benutzt. In den neuesten Zeiten, die man hier miterleben kann, zeigt sich ja lärmend, wie derlei sich in seinen selbst- bezogenen Vordergründigkeiten zum großen Teile ad absurdum führt. Men- schen haben keinen großen Sinn für ihren Platz im Weltganzen und geben sich daher mit titanischen Vordergründigkeiten zufrieden, oder was das ist: viel, viel Lärm um recht nichtige Existenzen. Nominalisten etc. sind nicht original, so wie Galileo, wie Leibniz original und heiter sind. Einziger Licht- blick im Geheck der Vordergründigkeiten, wie so oft, eine Art Witzteufel in Frankreich (der in der Antike schon verstanden hat, Julius Caesar nach Gallien zu locken, damit die energische Kraft der Römer eine große Aufgabe fände, sich raffiniere und durchkläre), wo man oft gratig und gelegentlich überspitzt sagt: also..., und: aber..., und so eben wieder den Wachsamen feine Ohren macht für das, was sein will, und das, was sein WIRD. Haha. _________ Das hier zu Beginn über den großen Atem des Meeres Bemerkte kommt mir natürlich nicht von ungefähr. Zwanzig Jahre lang habe ich Zeit gehabt und Gelegenheit, das Mittelmeer längs seiner Nord- und Ostküste kennenzulernen, von Iskenderun an der Ecke zwischen der Türkei & Syrien begonnen, bei Latakia in Syrien selber, dann in Spanien bis hinüber jenseits Gibraltar, wo schon der Atlantik beginnt (diesen selber in Portugal gut gesehen), dann an der Riviera, ganz Italien hinab bis an die Südseite Siziliens, die beiden Adriaküsten, ein Stück Griechenland und Thrakien bis an das Schwarze Meer. Ich sollte es kennen. Aber davon alleine kann ich noch nicht verstanden haben, was ich hier zu sagen weiß damit. In den späten 80ern, als ich viel und oft in Südfrankreich weilte, viel in die Berge hinan und über die Uferhöhen wanderte, kam ich einst an einem blendend schönen Sommer- nachmittag einen Weg entlang bei neueren Residenzen westlich Monaco. Ich hatte eine Sicht voraus von Meerpinien, die links der Straße zu den Appartmenthäusern hinwiesen, und vor diesen, hundertfünfzig Schritt mir voraus, sah ich zwei Frauen miteinander stehen und sprechen, eine panisch stille, wie stumme Szene in balsamisch dichter Luft. Im selben Moment wußte ich: das muß die panische Stille sein, von der die Alten zu berichten wußten. Ich ging nicht weiter dorthin, sondern ließ das Mysterium bei sich. Ähnlich dichte Sommerluftszenen habe ich zuvor nur in meiner Kindheit gesehen auf dem Dorf im Lößland, bevor eine faule Welt davon gemacht wurde. Ich ging einen Seitenweg nach rechts hinab, was mir den Blick öffnete 107 auf eine nicht große Bucht, und in dieser selber war etwas zugange, das die Gegenschau abgab zu der Szene unter den Pinien. Das Meer ist dort gewöhnlich hellblau, und hellgrün, wo es ans flache Ufer kommt. In dieser Bucht aber durchmischten sich, ganz eben sichtbar, diese Farben; es schien, als sei die Bucht ein großer Topf, in dem durch die Sonnenwärme des späten Mittags ein großer Konvektionswirbel sich in sich selber drehte, ein ganz leichtes, fast unmerkliches Brodeln. Jahre später fiel mir zu dieser unvergessenen Beobachtung ein, solche Effekte müßten zu tun haben mit der Form und der Dramatik von Amphitheatern. Zu diesen ist erstens zu bemerken, daß sie oft in ziemlicher Nähe zum Meer angelegt sind, nicht selten sogar mit direktem Blick darauf. Die Trichterform des Publikumsplatzes hätte ein gutverständliches Herkommen aus dem weiteren Alltagsleben der Menschen, die solche Theater benutzen. Die haben meist Gärten in der weiteren Umgebung ihrer Stadt, die immer wieder verkrauten und geputzt werden müssen. Dabei fällt viel Schnittholz an, das man zu großen Haufen auftürmt und erst einmal trocknen läßt. Zu geeigneter Zeit bringt man Feuer mit aus dem Herd des Hauses (damit die Kulissen des Theaters, fürderhin), legt das bei der vorderen Mitte des Reiserhaufens an und schaut sodann zu, wie die Flamme faßt, sich in die Zweige hineinfrißt und schließlich mit rasanter Lohe durch das ganze Material fährt. Dabei entsteht eine sehr hohe, flächige, intensiv golden leuchtende (: Oreichalkos) und heiß strahlende Flammenzunge. Wenn diese am kräftigsten ist und gerade wieder tendiert, sich zu mindern, wird in dem Reiserhaufen ein steiler Trichter ausgebrannt sein, in den man nun das übrige Holz von außen her nach und nach einwirft, damit sich das konsumiere. Ein solches Feuer ist sehr dramatisch, und seine Hitze macht den Körpergeist jener, die an ihm arbeiten, in einer Schockwirkung sehr ernst und wie bestürzt. Wenn aber das Feuer sich aufgebraucht hat im Holz, so bleibt im Ganzen nur eine dichte weiße Aschenschicht übrig, unter der nun die noch lange weiterglühende Holzkohle so etwas wie murmelt. Es kann zwei Tage lang dauern, bis daß die letzten Gluten darin erlöschen (in Monaco habe ich mich einmal dazu eingefunden, wie der Fürst am Ende des Februars auf dem Platz vor der Devote-Schlucht, worin vorne, beim Hafen, eine kleine Kirche steht (die der Devote, der Patronin der Monegassen), rituell ein Boot verbrennt; ich kam recht spät und es war eigentlich alles schon vorbei, mußte dann finden, daß die Feuerwehr, die das alles mitbewacht, die Zunderreste des Bootes einfach mit Wasser abgelöscht hatte, fand das ein wenig sehr profan). An diesem Ereignisbild des Garten-Fegefeuers ist ja nun ohne Weiteres die Dynamik des kathartischen Effektes zu erkennen, auf den das tragische Drama abzielt. Die Menschen, welche man in den Wettspielen der Dramatiker fragt, 108 welche Tragoedie die beste gewesen sein wird, haben da ja eine Empfindung, an der sie die Kunst des Schauspiels messen, und deren Urmaß ist das Erlebnis des alljährlich mindestens einmal stattfindenden Garten- Fegefeuers, wie es fast jeder von Denen aus seinen Haushaltsgesten kennt. Aber nicht nur dies macht den Effekt des Theaters aus, sondern auch ein Beimerken von diesem zu Anfang beschriebenen Siedetopf-Effekt in nahen Meerbuchten her. Man wird wohl die Schauspiele am nicht mehr frühen Nachmittag spielen, und enden lassen, wenn noch eine gute Spanne bis zum wirklichen Sonnenuntergang ist. Um diese Zeit aber ist der Siedetopf-Effekt in den Buchten am stärksten. Die Fische dort werden sich von diesen subtilen, aber voluminösen Strömungen umhertragen lassen, die sie zwei, drei Mal vielleicht so im Wasserkörper der Bucht auf und ab tragen. Die Menschen aber, die das Schauspiel sehen, wollen ebenso willenlos matt vom dargestellten Geschehen mitgenommen werden. Wenn dieses vollzogen ist und die Katharsis erwirkt, ist das subtile Chaos dort draußen in der Bucht am vollkommensten - alles ist durchmischt, und die Fische, die sich in die Tiefe ihrer seligen Willenlosigkeiten davongeträumt haben, müssen wieder zu sich finden. Ähnlich ist das Blut der Menschen um den Schauspielplatz in einem sonderbaren Zustand, wohl mit nicht wenig Stickstoff durchsetzt, vergleichbar dem Blutbild nachmittäglich träumender Säuglinge. Wenn nun die Sonne sinkt, wird es durchaus nicht kühl werden, aber die Dichte der Mittagshitze läßt nun merkbar nach. Der Nächste wird wieder spürbar. Es ist diese dichte Hitze, aus der die Philosophie des Parmenides ist, von daher weiß er, daß es nur Sein gibt und kein Werden. Das Drama, das in solcher Dichte der Luft nicht physisch erinnert werden kann, weil die Leiber nicht spüren, was sie sehen (so, wie man in kälteren Gegenden die Bewegungen Anderer sympathetisch fühlt anhand feinster Wärmewahr- nehmung des anderen Leibes im Grund der Augen), da sie selber weder Wärme aufnehmen noch abgeben können, erleben das Drama wie einen Traum, und wo sie dann sich schließlich erheben und gehen davon, zum eigenen Herde, wohin sie die jetzt stark sinkende Sonne weist, werden bis in den späten Abend hinein, wenn es dann vielleicht etwas kühl wird, diese gestaute Hitze aus sich abstrahlen, bis zu einem Moment, wo der Körper dessen innewird und so etwas wie schaudert - ohne daß es umher wirklich kühl würde - nur "brrrrr" sich faßt, vergleichbar dem, wie ein Hund sich schüttelt, um Fell, Sehnen und Nerven in eine neue Ordnung zu bekommen, und erst dann beginnt das Leben wieder, erst ab dann haben die Menschen wieder eigene Worte. Das Drama erzeugt diese Effekte nicht selber, aber es stimmt sich damit, fragt, fast augenzwinkernd (feuchte Aschenträne): ist wahr, ne! und ein tiefernstes, fast sardonisches Lächeln, nur im Ober- 109 gesicht, antwortet. So ernst macht gute Hitze, und Vergleichbares kann man auch ohne Weiteres fern allen Amphitheatern und dem Meere erleben in sommerverlassenen Stadtklüften über Asphalt. _________ Niemandsland (oh!) ungekonnter Träume! (110)

09:54 - 17 October 2007 - post comment


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