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7 ...Fortsetzung 6

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phi3 Buy, buy, buy! Buy what you can, and what you won't sell again will be called your personal property! _________ Was Gesten sagen: "Wo das Gesetz ist, da findet's auch leicht ins Maß." Das heißt... _________ Die Spottfee (ein ziemlich heiliges Wesen)... _________ Landlauf / Hauslauf _________ "Nichts gibt es umsonst" - das liest sich besser (wahrer) als: es gibt nichts ohne Bedingungen. Beispielsweise: aus welchen Gründen Mensch und Tier erst subsistieren, das hat seine unbedingten mittelbaren Wirkungen in Charakter, Sitte und Geist. Das wirkt unmittelbar in der Physiologie, und wie sich das daraus hervorgehende Leben empfindet, so, sinngemäß gesagt, die Grundfarbe, das Elementarmuster des Lebensbildes. Solche Dinge vertragen viel feine Betrachtung und sind gern in sich wahr, so wie Nahrung wahr ist dem Leib, dem sie zuträgt... _________ Wie Tiere einander bei Namen halten: "Der kleine Stutz" sagt die Amsel (gestisch), als ich sie für Weisheit über den Zaunkönig ansehe. Der Stutz, das ist der kleine, steile Federstoß über des Zaunkönigs Hinterecke... _________ Kleiner Weg durch die Bibliothek. Die kleine Stadt D. hat sich vor einigen Jahren eine Bibliothek erbauen lassen, eine recht freundliche. Die soll nicht gebieten, profilieren oder wichtigen Intellekt füttern, sondern nur ein wenig gebildet unterhalten. Es gibt die üblichen lokalen Zeitungen und ein paar ordentliche fernere. Dazu ein ziemlich verläßlicher Kaffeeautomat. Hinter der Theke arbeiten nur Mädchen in ihrem Ställchen. Da ich keine berufbare Postadresse habe, kann ich mir keine Bibliothekskarte ausstellen lassen, aber das ist ganz gut so. Von meinem Platz bis dorthin sind es vielleicht sieben Kilometer, die mit dem Rad zu fahren mir angenehm ist und eine wache Temperatur in den Kopf trägt, mit der die Zeitungen zügig zu lesen sind, und wenn mich das in den Platz eingesessen hat, fällt mir sodann 111 müßigerweise eher ein, was mich nun an den Büchern selber interessieren könnte. Zehn bis fünfzehnmal pro Monat mache ich mir wohl diesen Weg. Da ich mir nichts Bestimmtes vornehmen muß, ist es weitgehend meinem allgemeinsten Zeitgefühl überlassen, wie sehr ich mich womit beschäftige. Die Ausstattung der Bibliothek ist mäßig im Volumen, aber ziemlich gekonnt. Im allgemeinen Klima des zweistöckigen, atriumweis gefügten Raums machen sich natürlich je nach Wochentag und Jahreszeit diverse Nebensachen mitbemerkbar. Wenn's im Sommer heiß ist, wird eine Terrassentür geöffnet, und man kann sogar dahindurch auf einen kleinen Balkon, worauf zwei Tischchen, vier Stühle, eine kurze Aussicht über Souterrain-Gartenböschung, einen kleinen Parkplatz und eine unwichtige Spielecke für Kinder bei büschereichen Hausgärten. Wie woanders auch oft, so verändert sich das Verhaltensklima deutlich, sobald geheizt werden muß - die Mienen und Gesten an der Theke werden dann merkbar ein wenig tyrannisch (gelegentliches Nachdenken ergab, das könne rein physikalisch keinen rechten Sinn haben: jeder Menschenkörper ist mindestens doppelt so warm wie die Raumluft und braucht für soviel Volumen, wie er einnimmt, keine Heizenergie, gibt dem Raum sogar etwas mit; es geht aber offenbar nicht um solche Dinge). An Freitagen und an manchen anderen kommen die kultivierten Barbaren, bringen im Ganzen immer mindestens vier Kinder mit, und der Platz verwandelt sich in eine Mischung aus Fingerbasar, öffentlicher Toilette und Krabbelstube. Die Kinder (bis zu sieben Jahren meist) spielen Nachlaufen und Verstecken zwischen den Regalen und bewegen sich dabei NIEMALS ohne lautes, eiliges Getrampel (über einen scharf polierten Granitsteinboden und ein recht feines, helles Parkett). Manchmal, meistens vor Mittag, unterhalten sich bestimmte Bibliothekarinnen über interne Sachen, wie oft sonst auch bei solchen Gesprächen mit einem ziemlich nierenwinsligen Timbre (besonders zu Heizzeiten) und der dynamischen Ausdauer fortwährenden Wasserlassens. Derlei bin ich gewöhnt und nehme denen das nicht übel, obgleich es in seiner wirklichen Ausdauer schon einige Nerven trifft und eine Empfindung intestinaler Übelkeit erzeugt. Ein vielgelobtes Rezept, überaus feines Schmorfleisch zu kochen, rät, dies kurz anzugaren, bis daß sich die Poren geschlossen haben, und dann ca. 4 - 6 Stunden das Ganze bei geschlossener Casserole gerade unterhalb der Siedetemperatur simmern zu lassen. Danach zerfließt das Fleisch auf der Zunge, zarter als wie Butter. So ähnlich geht's wohl diesen Weibsen, indem die erwärmte Luft vor allem die flüssige Phase ihrer Leiber ein bißchen unnachgiebig aufheizt und damit einen Druck auf die Nieren erzeugt (neben einem auf die Lunge, der nicht so unmittelbar Nerv macht, aber dafür auf die Dauer erschöpft). Ich selber bin es gewöhnt, 112 Sommer wie Winter an denkbar freier Luft zu leben und zu atmen und kann sagen, daß es so leicht nichts Besseres und Angenehmeres gibt, selbst bei starkem Frost (gegen den ich mich mit Bahnen aluminierten Stoffes abschirme, der meine Körperwärme unmittelbar reflektiert; bei wirklich starkem Frost tauche ich ab und halte Dämmerschlaf - solche Zeiten dauern nie lange und bessern insgesamt nur die Lebenslaune, weil nichts das Soma und den Geist so klärt wie ein für einen oder zwei Tage bis auf die Knochen durchbeißender Frost). Die überall von jenseits des Horizontes herwehende Nachtluft, durch nichts gedämmt als dünne Plane, SCHMECKT von der Zunge bis ins Blut, dergleichen kennt kein Hausschläfer: eine zarte, im Solarplexus vibrant resonierende wirkliche Süße. Hier in diesem geschlossenen Raum kann ich derlei nicht haben, lasse meine Umgebung aber soweit auskühlen, daß der Körper Wärme abgeben kann, und das hält zumindest wach. Manchmal dreht irgendwer die Heizung auf ohne mein Bemerken (maßlos nach gedankenloser Gewohnheit), und finde ich mich dann daneben ein, so merke ich das unmittelbar, weil die Wärmestrahlung (nicht die Raumhitze) an meinen Schädelknochen selber als Widerstrahlung merkbar wird und eine gewisse Übelkeit erzeugt wie von einem kälkenen, flächigen Scheuern. Natürlich drehe ich dann die Heizung sofort auf Null, und diese Blödheit schwindet in der Folge auch sehr bald. Was ich da mit meinen kühl konditionierten Skalpnerven, in der Schläfe vor allem, so bemerke, reflektiert ja auf rein physiologisch nachteilige Effekte, und diese machen sich eben bei den falsch beheizten Bibliotheksmädchen auch nur bemerkbar, selbst wenn sie da oberflächlich nicht besonders empfindsam sein sollten (die boilende Reizung der Nieren hat den Nebeneffekt, die Nervenempfindungen insgesamt zu stauchen, das heißt, die direkte Wahrnehmung für diesen Effekt ist ohnehin gelähmt, und daher wird das erst bewußt, wenn er ohnehin schon zu stark ist - das geht so ähnlich wie beim Rauchen, das einen allgemeinen dumpfen Druck oder Schmerz in der Lungenfläche erzeugt, welcher aber wieder durch das Nikotin der nächsten Zigarette gedämpft wird usw.usw.usw.). Diese Jammerzeiten bei der Theke erledigen sich früher oder später, wohl, wenn das Wasser sich bemerkbarer macht als die Niere selber, aber das dauert und wiederholt sich, meist an Vormittagen, wenn die Mädchen eben sicher in der Mummelwirkung des Raumes angekommen sind und nun für etliche Stunden nichts Anderes mehr kennen werden, mit einprägsamer Regelmäßigkeit. Ich weiche öfters davor aus ins ferner gelegene Obergeschoß, wo man Fenster nahe zu zwei Seiten einer Tischgruppe öffnen kann und so zumindest einigen Atem bekommt. Die Anlage des großen Raumes ist sonst recht klug. In dieser Etage tagen öfters Hausaufgabengruppen, die ihrerseits ziemlich ergiebige Schwatzblasen zugange zu haben pflegen, auch hier oft mit diesem 113 winselnden (find' sonst kein Wort, das paßte) Beiton. Gelegentlich steigen dort auch juvenile Lebensart-Simulanten durch, die fürchterlich chemischen Parfümdunst um sich verbreiten. Derlei geht an sich auch vorbei, nervt aber deutlich und unmittelbar stärker als die Laute an den Mädchentischen, und die Nase kann ich mir dagegen nicht ebenso zustopfen wie die Ohren gegen allzu oberflächliche Echos und die Leidenstöne von den Schularbeits-tischen. Die Parfüms sind meist von einer dermaßen aufdringlichen, anorganisch chemischen Widerlichkeit in ihrer Grundnote, daß ich wirklich nicht verstehe, wie die Typen selbst in diesem Dunst Atem finden mögen; vielleicht verhält es sich damit ähnlich einem anderen Effekt des Rauchens, nämlich, daß der Teergestank in Raucherräumen selbst für Raucher selber viel abartiger riecht als der Qualm einer aktuell inhalierten Zigarette, und dieser selbst wieder erstens diese Empfindung übertäubt und einen Binnenraum erträglicherer Aromate um den Raucher hüllt. Der Ekel vor solcher Kaltqualmigkeit ist eines der brauchbarsten Motive, sich die Fleppe abzugewöhnen. Im Ganzen aber ist die Bibliothek, abgesehen von den D-Zug-Eisengeländern um den kleinen Abgrund des Atriums, ein verhältnismäßig wirklich freundlicher Platz. Der Vorzugsort da oben in der sonnenlichten Nachmittagsecke zwischen den beiden Kippfenstern ist auf zwei Seiten umstellt mit den Regalen für Philosophie, wohl 50 Bände (Ostseite) und Geschichte (mehrere Regale weit, Nordseite). Aus einem kleinen offenen Abgrund in der Südwest-Raumecke rangelt sich eine Pflanze empor aus dem Parterre, und durch das Fenster dort unterhalb schaut man steil auf die Wohnstraße vor dem Haus. In zwei Lagen vor dem Fenster, mittlere Höhe und eben darüber, ziehen sich Blendroste entlang. Es ist einem nicht untersagt, den Kaffee hier mit hinaufzunehmen. Gleich zur Linken stehen drei Regalborde (oder vier) hoch die Bildbände zur Zeitgeschichte seit 1900. An sich blecke ich nicht einfach nur zum Gucken dort hindurch, aber wenn z.B. in der Zeitung Themen anschlagen, die sich damit ein wenig auskleiden lassen, schaue ich mir gerne diesen oder jenen Jahrgang durch, nicht selten mit kleinem, aber interessantem Erkenntnisgewinn (desgleichen lohnt es manchmal, zu den ja sonst herzlich ungenauen Aktualnachrichten aus aller Welt in den Atlas zu schauen, nicht fern drunten im Parterre). Natürlich habe ich mir den Bildband zu meinem Geburtsjahr (1950) ein wenig genauer angesehen. Genau auf den Tag gibt's da nur das Kuriosum eines jungen Elefanten, den man zu Werbezwecken in der Wuppertaler Schwebebahn mitnehmen wollte; er geriet aber in Panik, durchbrach die Seitenwand und stürzte in den Fluß (ohne sich ernstlich zu verletzen). In summa derselben Woche brannte fern in Tokyo ein schöner, klar gebauter Tempel ab, zwei Stockwerke hoch, aus vergoldetem Holz, mit einer Phoenix- 114 figur oben auf dem Dach. Der Tempel soll einige Jahre später wieder aufgebaut worden sein. Erstaunlich ist seine ziemliche Ähnlichkeit mit dem Bibliotheksbau hier selber. Was die wirkliche Lektüre sonst angeht, so muß ich sagen, daß ich zu derlei (wie auch zu anderen, praktischen Sachen) in einer Weise das absolute Händchen habe wie vergleichsweise manche Musiker das absolute Gehör. Ich kann von mir sagen, daß ich in 98% der Fälle noch nie ein Buch in (solch gutsortierten) Bibliotheken aufs Geratewohl aufgeschlagen habe, ohne an dem, was mein Blick dort fand, unmittelbaren oder im Laufe weiterer solcher Hernahmen mittelbaren intellektuellen Gebrauch zu finden. Das ist schon lange so, und ich wundere mich darüber so wenig wie über den spontanen, meist sehr freundlichen Zuspruch von Tieren, die mir meist immer etwas Bemerkenswertes zu sagen (also: zu zeigen) verstehen, sobald Beiderlei einander gewahr ist. Ich frag' mich nicht in solchen Dingen, ich benutze es. So lohnt vor allem das Philosophenbord solche spontanen Einsichtnahmen quer durchs Bord, vor allem, weil sich da über die Zeit oft ein Kreuz-und-Quer weitläufig miteinander reziprozierbarer Ideate ansammelt, zu dem ein oder zwei Bemerke einen Schlüssel geben, nach dem sich daraus eine kleine Erörterung oder ein längerer Aphorismus wie von selbst fast erdenkt und schreibt. Um sich zu Letzterem Appetit zu machen, lohnt immer ein Blick in einen der nicht wenigen Bände Nietzsche. Ich möcht sagen, daß es bei dem, neben den nicht unbeträchtlichen philosophischen Augenmerken vor allem diese eine Kunst für mich zu finden gab: wie aus drei, vier Beobachtungen, von denen meist nur eine aktuell zu sein braucht, wunderbare, in sich selbst sprachlich dicht gefügte Satzgruppen entstehen, die Aphorismen eben. Nach meiner sonst nicht sehr bemühten Belesenheit bringt nur noch Paul Valery solche zugleich in Beobachtung wie Aussage dichte, kräftige, und sprachlich perfekt geformte Aphorismen zustande. Aphorismen solcher Perfektion gleichen fein geschnittenen Gemmen, die nicht nur ihren Beobachtungsgrund mit durchscheinen lassen über das direkt Vermerkte hinaus, sondern in ihrer wie Qipu vernetzten Sprachstruktur einen Air, eine konzise intellektuelle Vibration erzeugen, die von selber, relativ abstrakt, im Geist weiterwirkt, dort fernere Assoziationen weckt und manchmal unterhält. Vor allem diese Kunst der ursprünglich meist sehr beiläufigen, sich durch eigentlich mühelose Denkarbeit anreichernden und aus dieser Verdichtung zu bis da unerdachten Subtilitäten findenden Beobachtung gibt es bei Nietzsche zu lernen, neben einem mehr beiläufigen Sinn für korroborierenden Streusal von einfachen Beobachtungen, die in ihrer eigenen Menge (zwei dichte Bände) schon eine ziemliche Welt abbilden. Auch das Druckbild der Nietzsche-Schriften in sich ist, egal in welcher Ausgabe, ein solches, daß aus der Blattfläche zwischen den 115 gedruckten Buchstaben eine ziemlich intensive Helle hervorscheint. Nietzsche selber hatte es ja derart mit den Augen, daß ihn schon gewöhnliches, bedecktes Taglicht schmerzhaft blendete. Ein ähnlicher Effekt des Schriftbildes ist zu finden in Musils "Mann ohne Eigenschaften", wo ja auch nicht wenig (von den Protagonisten) über Nietzsche dilettiert wird, und worin eine ganze Strecke des Romans (wenn's denn der passende Name dafür nur sein kann) über solche Wahrnehmungen der müßigen, liebenden Geschwister thematisiert. Dort spielt wohl die kalkig-sandige Helle des Bodens im weiten Donaugrund bei Wien, und eine Hellsichtigkeit allgemein so intensiv angeregter Sinne für die Mitgegenwart des Sternenhimmels im hellen Sonnentag. Dort ist dieses Buch wirklich bezaubernd, während sonst viel geredet und raisonniert wird, zu viel für meine Geduld, wo ich das Buch aber ohnehin mindestens zweimal gründlich durchgegessen habe. Es ist allemal nicht vergebens. Ich find' halt für solche Luzidität hier nicht leicht antwortenden Prospekt, konnte nur einst in den Meeralpen, von einem Gipfelgebirge im Sonnentag, nach einer knisternd dichten Sternnacht oben, diesen geradezu mystischen Effekt des spürbaren Sternenlichts im Tage selber erleben. Das ist etwas ziemlich Absolutes und läßt sich nicht einfach durch absichtliches Erkennen- und Findenwollen herbeibringen. Den ganzen Tag lächelte dieses Bewußtsein aus den Augen; ich war wirklich bezaubert. Auch dort in den Bergen ist solcher heller Kalkgrund, in den tieferen Zonen mit dichten Streifen blassen Tons durchschwirbelt. Die Bibliothek: bei den Philosophen ohnehin das Lexikon der philosophischen Begriffe und der Philosophen selber. Einstein wird zu diesen gezählt, ebenso Schrödinger, Heisenberg und Planck. Die philosophischen Begriffe unterhalten vor allem da, wo beispielsweise chinesiche Items erörtert werden, auch weiter von der Hauptstraße abliegende Themen bei den Griechen. Diese Sachen wirken oft wie den Seelenraum leis erweckende Klingelspiele, denen fein nachzulauschen lohnt. Zwei oder drei Bände auszugsweise Platon stehen im Regal, in die ich anfangs (das Händchen) nur so passager aufschlug, las einen Absatz oder zwei und schloß leise den Band wieder, behielt meist ein Echo derart davon wie: "Ah Du!! Wir unterhalten uns gerade über..." und im Atem, wie Hauch, blieb mir das Ungefähre davon halbbewußt, meldete sich nicht selten später bei Anderem, um dort wie Lächeln den Blick helle zu machen für das darin wie Konsonante. Grad hier nun in der vergangenen, durchwachten Nacht, die mir gleich Gelegenheit gab, zu sehen, wie eine Eule und vielleicht ein kleiner Nachtfalke sich direkt vor dem Fenster zu tun machen, ging mir auf, wie man das so besonders Originale der doch gar nicht elementar philosophierenden Römer qualifizieren könnte, was die Griechen so faszinieren konnte. Dies ist vor allem 116 die packende Sinnfälligkeit, mit der die Römer das von Griechen so tief Erdachte in ganz praktische, im Katholischen z.B. leicht wiederkennbare Gesten, als Lebensübung, Riten usw. umsetzten. Wer derlei nur praktisch kennt, hat einen unvergleichlichen Zugang zu den Themen (nicht nur Weisen) griechischen Denkens. Als sinnfälliges Gleichnis fiel mir dazu ein, wie in den Syracusaner Briefen des Platon (die für recht wahr, aber nicht ganz echt gehalten werden) die Idee als Begriff am Beispiel des Kreises erläutert wird. Als ich das zum erstenmal las, gingen mir die Augen eher so auf, daß diese Erörterung, die alles zum Kreis als geometrische Figur Gesagte gleich in mehrerlei Weise auflöste, ohnehin nur papierenes Gekritzel sein wollte, das implizit fragte: ja hör mal, mußt Du Dir einen Kreis erst denken, wenn Du im Auge Platons selber, an der Iris, doch sinnfällig einen solchen vor Dir sehen kannst! Schon früher fand ich zu meinen, das Absoluteste, was es zu Platon zu bemerken gebe, sei die ziemlich sichere Tatsache, daß er selber verdammt noch mal gelebt hat in einer ganz präzisen räumlichen und zeitlichen Ferne, über die hinweg er geradezu selbst zu Jedem spricht, der dies, von seinen Schriften aufblickend, nur merken will. Und nun, mit diesem zweiten Aufblicken, sah ich regelrecht Platons lebendes Auge wie direkt vor mir in dem schon alten Gesicht, wie es der spätere Bildstock abbildet. Ja, wahr: und nicht mich sieht er damit an (dies eher beiläufig, mit dem (rechten, äußeren) Irisrand), sondern in eine ihm selbst gewahre, ungefaßte Ferne, mit einem leisen Weh in der auch nicht ungetrübten Pupille, daß ihm selbst dieser Blick in nicht ferner Zeit vergehen werde. Nun, sagt die Moira, das ist nur so. Von daher aber, diesem Erkennen des lebenden Auges des Platon selber, kommen die weitläufigen Bemerkungen am Beginn dieses Textes her. Sich räuspernd, nicht fern daneben, Heraklit. Es blieb zu sagen, es bleibt zu sehen. Usw. (wie es bei Grimmelshausen, diesem Weltmeister, öfter heißt). Die etwas kokette Bemerkung vom Narziß, sich spiegelnd im ungemessen fernen Auge Gottes, ist eigentlich nur ein catch - wer liest dann nicht einfach nur aus müßiger Neugier weiter! Der Spiegel auf Platons eigenem Auge aber ist ziemlich gewiß, und damit sieht er ja nicht JEMANDEN an. Also gut, aber, man kann diesen Spiegel ja ein wenig vergeistigen. In Zaragoza (wo nicht fern von der Stadt ein Gedenkstein für eine dort zu Tode gestürzte Besatzung aus dem Flugzeugpark der Legion Kondor steht) zeigt man das Wahrzeichen einer der Invicta-Legionen (der XX. vielleicht), die dort Garnison gehabt hat, eine Eisenstange, an deren Spitze ein Eisenkranz mit etlichen Strahlenstacheln umher. Das Symbol des Sol Invictus. Die Strahlen erlauben, mit Blick auf eine gerade vergangene (nun), sehr eindrucksvoll über den Zodiak gestreute Planetenkonstellation, die Assoziation mit dem Zackenhalo um die Stirn des Kronos. Der Ring 117 selber aber, so mit Fingern umfaßt und in den Raum gehalten, umschreibt ja nur eine beliebig genau denkbare Ebene in ihm, eine leere Kreisfläche, die einige eher präzise fühlbare, aber explizit aufwendige Erwägungen über mögliche Abbildungen von der einen weiten Seite diesseits der Ringfläche in jene auf der anderen erlaubt, praktisch belanglose, aber wie die Allwelt des Kronos sooo still gewaltige, eh, Ahnungen, denen nur ein wirklicher Begriff genügt, nämlich der still reflektierende der Finger, die diesen sonst leeren Ring ein wenig sinnend façettieren lassen, vielleicht in einer sternklaren, fein dunklen Nacht am tyrrhenischen Mittelmeerufer. Der Ring, unter anderem, schließt seiner Materialität wegen das Sternenlicht aus der leeren Fläche aus, dessen Schatten er nur in der Ebene übrigläßt. Das genügt vollkommen zu Materialisation eines lichtlosen Substrats, das einen Spiegel zu nennen mir einfiel, obwohl es doch nicht in irgendwie deutlicher Weise dessen Eigenschaften hat. Da ist nur etwas, das im schauenden Geist ein wenig szintilliert, und ich möchte diesen beiläufigen Zauber auch gar nicht weiter elementarisieren. Ein weiteres Auge aber ging mir damit auf, diesmal das des korsischen Falken, oder eben: Napoleons. Derselbe hat ja ein sehr präzises und wissendes Interesse für die Geschichte, verbliebene Anlagen, Artefakte, Strategien etc.etc. der römischen Heere gehabt. Die Sinnfälligkeit, die einem mit diesem leeren Spiegel-Ring irgendwie als schwarzer Spiegel selbst einleuchten kann, findet in Gegenständen des nach seiner Herrschaft (dem Regime) so genannten Empire-Stils unauffällig deutliches Beiwerk. Dort liebt man schön proportionierte, meist schwarz lackierte und damit schwach spiegelnde Schrankmöbel, sehr reizvoll mit bronzen hellen Beschlägen dekoriert. Das ist ja an sich nicht wichtig, spielt aber wie absichtslos beifällig der mit dem Ring so suggerierten Sinnfälligkeit zu. Allgemein (weil auch dieser Aspekt eigentlich keine Vertiefung erträgt) läßt sich mit diesem Akzentwechsel vom erscheinend-schwindenden Kreis im Syracus-Brief und Platons Irisrand zu der kernigen, nachtmagischen Begrifflichkeit des Eisenringes, subtil akzentuiert durch die Sinnlichkeit von Empire-Schränken, der Blick lenken auf den deutlichen Charakterunterschied zwischen dem Mittelmeer östlich Siziliens und dem westlich, zwischen der tyrrhenischen Küste und einer Länge etwa von der Camargue südwärts (die Zone vor der Ostküste Spaniens sinkt dazu, vielleicht des kontinentalen Abendschattens wegen, wie tiefbraun schattig aus dem Blick, und der Meeresschlauch südwärts zwischen Spanien und Marokko schimmert schon weißgrünlich opak, von der Lichtfülle des offenen Atlantik westlich Gibraltars - nur so, für erläuternde Vision). Die Grenze zwischen diesen beiden Meerhälften läßt sich am Nordrand haarscharf bestimmen, mit dem einen, steilen Felsengrat, der bei Menton, der südlich-östlichsten Stadt Frankreichs, 118 die Grenze zwischen diesem und Italien markiert, dort nur 20 Meter Uferbreite übrigläßt. Westlich davon ist helles, klares Kalkgebirge, das in andere, noch härtere und klarere Gesteine übergeht. Nach Osten, durch ganz Ligurien, ist ebenfalls Kalkgebirge, aber hier karstig geschrotet und überall dunkel fleckig wie mit Tintenfischfarbe besprengt. Ziemlich genau südlich dazu auf ihrem Meridian Korsika und Sardinien, Marksteine, von denen her westlich das ganze Mittelmeer in klare, scharf zeichnende Ränder gefaßt ist und, mitsamt dem Himmel dazu, eher hellblau erscheinen will, mit einer irisierenden Note ganz im Farbspiel der Trikolore Frankreichs. Die Zone zwischen den Inseln und der italienischen Westküste mag den Sardinen, Octopoden und Thunfischen gehören, auch recht hell, aber seiner Lebendigkeit wegen, auch im Uferbild Italiens, so etwas wie eine gemütliche Suppe, sicher wärmer als die westwärtige Weite. Ab Pisa südwärts vielleicht verwandelt die Welt zu Lande sich, vulkandurchsprengselt, in einen Garten, die Vulkane darin und deren Umland große Blüten. Halbwegs von Neapel bis Sizilien beginnt ein eher zum Ostmittelmeer gehörender, erzen schmierender Schatten, der sich in Griechenland fortsetzt, Gebirge voller Eisenerz etc. Die Finsterkeit dieser Zone könnte erläutern helfen die zu finsteren Tyranneien neigende griechische Eisenzivilisation. Der Blumengarten setzt sich derweil durch Sizilien fort, über die liparischen Inseln bis nach Malta. Dem gegenüber antwortet auf dem Westrand der Syrte das lichte, liebliche Paradiesgartenland um Kairouan (auf diesen Platz wies mich ein Wortspiel, aus einem Aphorismus Valerys abgezogen, das selber überhaupt nichts dergleichen berief). Von hier an (der Südostecke Italiens) ostwärts wird das Meer nun dicht warm (dazu: Parmenides), sehr hell hier auch, aber mit einem eher weißen Schimmer, bis hin zur kleinasiatischen Küste. Nördlich dazu das Thrakische Meer fast schwarz und anscheinend ziemlich kalt. Am Peloponnes wieder die Erzschmiere, woran die Achäer ihr Blut schärften. Der weite, warme Tümpel aber südlich der Türkei, mit Zypern, dem Levantegarten, Ägypten umher, wird (in alter Zeit) regelmäßig von den phosphat- und nitratreichen Nilwässern durchpulst, von deren Mulm wohl vor allem Octopoden, deren Verfolger, und Mollusken leben können, da das Meer für Plankton viel zu warm ist. Bekannteste Beute aus diesem Wasser ist wohl die Purpurschnecke, die's ohne die Nilwässer dort wahrscheinlich gar nicht gäbe. Gewöhnlichste Beute ist der Tintenfisch, mit dem die Phönizier in aller Welt ein wenig Falschlicht machen gehen (Byblos, bekannte Bücherstadt, ist eine phönizische). Die Adria sieht man am besten an als die westlichste Lagune Asiens, wie deren als Ostsee, Schwarzes Meer, Kaspisches Meer, Aralsee und noch einige kleinere so vom großen Westmeer, dem Atlantik, und vom westlichen Mittelmeer her 119 langsam auf den Kontinent kleckern, bis da etwa, wo die Wirkung der Westwinde, vor dem Gegendruck häufiger Hochdruckdome, vom Indischen Meer und von Novaja Semlja her, sicherlich endet. Auch Napoleon kam im Prinzip nicht weiter nach Osten als das, nicht die Goten und nicht die rezenten Deutschen. Naja. Die Bibliothek. Ein I Ging steht zwischen den Philosophiebüchern, dem man ganz gut seine Orakel glauben kann (das Händchen, auch hier). Umseitig des Regals, Abteilung Religionen, eine schöne Sammlung von sekundären Sprüchen Lao Tses, still und praktisch interessant; eine seltsam poppige Ausgabe des Tibetanischen Totenbuchs, das Tao Te King. Die Bibel, der Koran, Talmud etc. alles fein da, aber um diese Schriften bekümmere ich mich praktisch gar nicht. Im Geschichtsregel, ebenfalls umseitig, hat sich eine reich illustrierte, mehrbändige Geschichte Deutschlands empfohlen (Siedler?), dazu starkes Material über die Kreuzzüge aus dem 19. Jahrhundert (Henne van Rhyn, vermutlich), eine Geschichte der ersten römischen Caesaren, eine der deutschen Kaiser bis zu den Staufern. Zusammen mit sonstigen, teils physikalischen (ein fotografierter Meteortreffer im Mond kürzlich) und anderen Daten ließen sich darausher richtige kleine Extraschmöker hervorschreiben. Das will hier nicht weiter wichtig sein. Eine französische Königsgestalt aus den Kreuzzügen, Louis (oder Jean?) Philippe (der mit dem einen Auge), erschien mir sehr interessant, und darüber würde ich gerne Genaueres lesen. Das Frankreich, in dem ich jahrelang denkbar freizügig umherstöbern konnte, schaut sehr nach dem aus. Für's Nähere hatte man ins Regal gegenüber, wo der Blick beim Heraufsteigen über die Wendeltreppe (rechtsdrehend) leicht darauf fällt, eine Biographie Charles de Gaulles ausgestellt, dieser selber als Fotografie auf der Titelseite. Ausgesprochen gern habe ich ihn in diesem Foto jedesmal begrüßt ("Monsieur"), gelegentlich die Nuancen in seinem Gesicht studiert. War die Welt noch in übersichtlicher Ordnung, als man mit seiner largen Präsenz jederzeit rechnen konnte! (Si si). Diagonal gegenüber der Fenster-Tischecke im Atrium-Oberraum das Astronomie-Regal, aus dem ich mir öfters Anregung und Daten hole. Die übrigen Regale sonst, Wissenschaft, Literaturgeschichte etc.etc. interessieren mich, rein so, nicht sehr. Lange Zeit habe ich mir nicht antun können, die etlichen Regale voller Romane im Parterre, ostwärts, bei großen Fenstern mit Lesetischen, zu einem offenen Platz hin, überhaupt auch nur auf Autoren oder Titel hin anzusehen. Romane geben mir gewöhnlich nichts. Oft viel zu kolloquial, phantastisch egal, im allgemeinen nur mit drei, vier wirklichen Ideen ausgestattet und (immerhin) moralistisch oder so geartetem Charakterkolorit und Reflexion, fordert mir das viel zu viel leer 120 murmelnde Lesezeit ab, wo doch in lexikalische Kompendien ein Blick genügt, um immer interessant Neues zu finden, und das dutzendweise, Seite um Seite. Lexika gibt's jenseits der Romane mehr als genug, zweimal Brockhaus, die ganze, so gediegene Britannica, Biologie, Physik, Astronomie etc., und etliche Duden, von denen mir der etymologische am meisten gefällt, der manchmal überraschenden Seitenblicke wegen entlang den Fernwegen alter Kulturen, die beim Erklären der Worte mit anfallen. Das ist ziemliche Musik. Auch das Handbuch des deutschen Aberglaubens fehlt durchaus nicht. Natürlich ignoriere ich die Bellettristik nicht rightaway, begann aber mit einer Schau nach deutschen Gedichtautoren, als etwas über Friederike Mairöcker, dergleichen, in der Zeitung erschien, aber da ist nichts, gar nichts. Keine Gedichte, keine Dichter. Doch, immerhin: Hölderlin. Drei oder vier Bände, aber daran interessierte mich vor allem die lesenswerte Biographie zu Beginn. Mit den Gedichten selber habe ich noch nie irgendwas anfangen können, finde das Zeug zu gewollt, wenn auch interessant gebildet, im Ganzen zu großartig. Immerhin kann ich mir das Vergnügen gebildeter Bürgerlicher zu anderer Zeit gut vorstellen, die sich derlei im sommerlich stillen Garten gegenseitig laut vorlesen. Dafür ist das ziemlich geeignet, macht sicherlich gute, klingende Artikulation. Mich unterhalten im Garten vor allem Blumen und Vögel - ich brauche derlei wirklich nicht. Aber die Biographie liest sich gut, besonders anschaulich der Beginn, wo der Blumenreichtum der schwäbischen Wegraine und Wiesen recht dicht durchleuchtet und geradeweg duftet. Da ist mir Literatur aus älterer Zeit immer am leckersten: wo Dichten aus dem Land selber durchscheinen, derengleichen seither, und zum großen Teil in der Zeit seit meiner Kindheit, reineweg vernichtet worden ist. Das bekommt das Bild eines Weltlaufs seither in mir wach, aus dem ich selber dies und das aufnehmen und manchmal ausspielen kann. Unliebe Ignoranz verträgt es, gelegentlich gut mit so geklärtem Blick angeschaut zu werden. Ah, sie haben. Nee nee, was sie sind! Auch nicht unwichtig vielleicht die wirklich harten Lebensbedingungen Hölderlins etc. während Schulzeit und Studium. Was Menschen alles ertragen dürfen, um zu werden, was sie nicht sind. Und sonst - o.k., Hölderlin haben sie. Bei anderer Gelegenheit, ganz im Vorübergehen zufällig, fiel mir ein rötlicher Einband auf ganz unten am Ende des Regals: Lernet-Holenia, Mars im Widder. Von L.H. meinte ich vor langer Zeit den Gaulschreck im Rosennetz zu beschauen gehabt zu haben, fand den amüsanten, klugen Stil, diese adrett wienerische Ironie wirklich interessant, konnte aber mit der sonderbaren Geschichte gar nichts anfangen. Muß dann finden, daß ich wohl den L.H. verwechsle mit Herzmanovski-Orlando. Naja. Immerhin ist auch da eine so starke, klare Helligkeit, die aus licht dunstigen Himmeln oft durch Hecken und Bosketten zu leuchten scheint. 121 Da war dieses hier aber ganz anders, eine geheimnisvolle Räuberpistole aus der Zeit gleich vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges. Der Nachtext berichtete, L.H. habe den Roman von der Zensur nicht zur Veröffentlichung freibekommen, weil er, größtenteils Tagebuchnotizen während einer Reserve-übung berufend, ganz offen vom heimlichen, systematischen Aufmarsch in der Slowakei berichtete im Vorabend des Angriffs auf Polen, und damit die Propagandasage von der polnischen Provokation decouvrierte. Wie üblich, so schnitt ich mit dem Daumennagel erst einmal mitten ins Buch hinein und fand mich sofort in sicher interessanter Gegend, weil Fahrten durchs kühl nächtliche Wien beschrieben wurden, mit Mars und Saturn hell leuchtend im Himmel. Da ich nun seit Jahren schon die Planeten selber auf ihrem Weg durch den Himmel mit wissenden Augen verfolge, packte mich die unmittelbare Präsenz der Planeten absolut. Ich habe, einfach durch Hinschauen, den Clip der verschieden schnellen Planeten zu beobachten gelernt, und aus dem damit entstehenden, verschieden phasierten Zeit- und Raumgefühl (der Planeten im großen Bogen des Zodiak) wußte ich wie unmittelbar, alleine aus diesem sicheren Sinn, wie jene Augustnächte dort in ein und demselben Zeitbogen mit dieser selbst ausgeklärten Zeit nun hier in einem Stück sind. Dadurch wird die nur schattenklar deutliche Gegenwart der Stadt (Wien), ihrer dunklen Straßen, viel gegenwärtiger, als es gewöhnlicher, irdisch vordergründiger Geschichtsfolgen-Begriff vermitteln könnte. Hier an der Erde hat sich rasant alles Mögliche verändert, aber dort im klar leeren Himmel, nicht ein Deut (was diese Planeten angeht - an sich schon doch, aber das ist hier jetzt nicht wichtig). Überhaupt nichts steht von daher, mit diesem reflektiven Zuweg aus dem stillen Planetenlichter-himmel, dem Zugang in die übrige Szenerie der Geschichte (einer Erzählung eher), im Weg, und so las ich, in mehreren, tageweis durch die Besuche in der Bibliothek sequentierten Portionen, diese Militär- und Spionage-Putschisten-geschichte. Die Story, die alles zusammenhält, ist ein bißchen blaß süß, wie Pferdegras, aber die astronomischen Gewahrnahmen und die sehr dichten Details und Totalen aus den Notizen während der Mobilmachung und des Aufmarsches im geisterhaft schönen Sommerbild vor der Tatra, dazu des Vormarsches bis an den Bug (Lug) (vermutlich) haben nicht leicht ihresgleichen. Selbst wenn mich die Räuberpistole der Erzählung irgendwie blaß enttäuschte, weil da wenig erdacht und recht viel herbeigebogen war, so haben sich mir die Landszenen an der polnischen Grenze und auch einige der Charaktertypen, zumal der Soldaten, fein eingeprägt. Ganz, ganz picobello, wie grazil geschliffenes Glas. Ich bin nicht sattgeworden an der Geschichte, aber alleine die so ganz beiläufigen astronomischen Präzisionen haben mir einen Atem gemacht, der vielleicht hier im Vorigen geholfen hat, die 122 Beobachtungen zu Leibniz in neu eröffneten Planetenhimmeln gerade so überhaupt, so, aufzufassen. Dieser Atem ist dabei weder ein ventilativer, noch der hier öfters vielbesungene Atemleib, wie er daraus entsteht, sondern eher eine ganz ebene Anspannung der Rippenbogen bis zum Brustbein hin, wodurch sich insgesamt das Skelett anders trägt - die Beine stellen sich von daher mit besserer Sehnenspannung, etwas nach hinten zur Ferse hin akzentuiert, aus dem Oberskelett hinab an die Erde, ganz eben seitlich zueinander ausgestellt: die Spannungsfigur des so menschengleichen Orion-Sternbildes. Solche Spannung, noch viel stärker auf dem Rippenbogen, ist mir bekannt aus der ersten Adoleszenz, als ich mich zunächst einmal mit System nach dem Sternenhimmel ausschaute. Damals bekam ich ein einfaches Fernrohr geschenkt, womit ich den abends in guter Höhe südlich findbaren Saturn beobachten konnte, seine Ringe leicht erkennen, hatte aber sonst nicht die Spur von einer Ahnung, weils kein Datenmaterial dazu gab, wie ich heute leicht welches zu finden weiß, und brauche auch kein Teleskop, um, mit aller Forschungsmusik seither ohnehin, ziemlich gründliche Sachen aus dem Himmel der Planeten wie des weitesten Alls zu lesen. (Auch hier zeigt sich, was bei den Büchern das Glück des wissenden Händchens ist: ich kenne wohl einen absoluten Kalender, wie er im All selber einfach materiale Wirklichkeit ist, indem es mir wirklich oft gelingt, ganz beiläufig, in einem meist gerade absichtslos sich hebenden Seitenblick, soeben ins Bild fegende Meteoriten aufzufassen.) An dem einen oder anderen Abend, wenn ich so auf der Gartenterrasse, eigentlich ziemlich ratlos, schaute mir den immerhin klar identifizierbaren Saturn an, kam mein Vater, ohne Weiteres selbst ein saturnisch-marsianisches Menschenexemplar, in die durch Hauslicht unechte Dunkelheit heraus und sowas wie ergötzte sich am Tun seines Ältesten, baggerte mich dabei in seiner schief jovialen Art an, wie es ihm eben niemals besser glücken wollte, gab ein paar überzeugte Bauch- und Halstöne von sich, die er statt brauchbarer Wahrheiten über die wirkliche Welt so allgemein für mich übrighatte, und hätte nicht ein Motiv gefunden, auch nur einen Blick selber nach dem (ja immerhin sowieso gut sichtbaren) Planeten durch das Rohr zu tun. Ich stand für etwas Reelles an, immerhin. Mehr brauchte es nicht, ihn zu beruhigen, und er kehrte ins nahe, helle Wohnzimmer zurück zu einem Bier und seinen verreckten Zigaretten, derengleichen er schon in den spätesten Vorkriegshimmeln Lernet Holenias gefressen hatte. Mehr als einmal ist der Saturn seither um den ganzen Himmel gezogen. Ich habe die Venus zu sehen und zu mögen gelernt, die allen Pflanzen Kraft zugibt und denen, welche direkt von diesen leben. Der Jupiter rief mich eines wunderklaren Frühestmorgens aus meinem Schuttquartier in der winzigen ehemaligen scuola eines Bergdorfs dort 123 im Süden - da sammelte ich mein Zeug auf und machte mich davon, bis zum späten Mittag, langen Weg hinan bis auf 1900 m Höhe, hatte dabei vor dem steilen Berg, so lange nicht die Sonne aufgegangen war, diesen mir da noch namenlosen, sehr hellen Stern gegenüber vor Augen und weiß seither ziemlich um seine Wege, seine Bleiben, seine besondere Wahrheit. Ich weiß seither von der köstlichen Interaktion beider, des Jupiter und der Venus: wenn beide zusammen sich den Himmel teilen, erscheinen wunderschöne, leuchtende Farbspiele von stark Rot und Blau in den Wolkenbänken um den Horizont, und die hohen Wolken bauen ausgebufft dichte, feierlich mattgrau glänzende Wolkenskulpturen so in den Himmel, daß es scheint, als schwebten sie einem gerade eine Armlang entfernt vor den Augen. Ich habe die Wege und Orte des Mars kennengelernt, nicht wenig davon auf der Eisenbahn in Frankreich. Wenn er stillstand, seine Kurve zu nehmen, dann stand auch ich ganze Zeiten lang, ohne sonderliche Idee, wieso, bis daß mir endlich einfiel, daß er ja gerade dann selber sich scheinbar nicht regte (während aber Erde und Mars recht rasant aufeinander zufuhren). Zu anderen Zeiten war sehr schön auszumachen, mit welch flottem Clip, bestimmt eine Daumenbreite vor dem langen Arm, er seinen Marschweg durch den Himmel nimmt, Tag um Tag, eher wie ein steigender Indianer als wie ein marschierender Soldat, so flott, so entschieden. Den Saturn mußte ich erst wieder finden, habe ihn die meiste Zeit bis da garnicht gesehen, hab einiges über ihn zu verstehen gelernt, seine Wege in der Allerwelts-Menschenwelt, auch irdischer Materie, in Form unvermeidlichen Verderbs. Das ist einer der Wege der Welt. Der Mond ist mir lieb geworden als großer Gong, der manchmal neben Planeten, womöglich mit diesen neben Schicksalssternen des Zodiak, auftaucht, und bestimmt gibt es dann soo große Zeitung, die erklärt haben wird, was in irdischen Begriffen soll das nun wieder gewesen sein. Die Sonne. Ach, die geniale Sonne. Wem sagen, was doch keiner wird ihr ansehen wollen. Alle Kühe beten zur Sonne, schwören beim Jupiter und leiden still beim Saturn. Nur den Merkur wollte mir bisher nie gelingen, klar zu sehen. Ich meine, in meiner ersten Kindheit ihn bemerkt zu haben in solch vanillebuntem Himmel, aber hier, zu meiner klarsten Zeit - no chance. . . . . . . Die Bibliothek: einmal Lernet-Holenia hatte mir diese reine Schau auf den Kriegsbeginn 1939 eröffnet (berichtet, es sei während des ganzen Feldzuges staubknochentrocken heiß gewesen), war es irgendwie nur logisch, daß ich mich nun endlich nach den Tagebüchern Ernst Jüngers umsah. 124 Lernet-Holenia, der im Zweiten Krieg nur anfangs als Reserveoffizier teilnahm, hatte aber als junger Soldat schon im Ersten gestanden. Jünger- Bücher waren ziemlich welche da, das Kriegstagebuch des Ersten Weltkriegs und die Tagebücher des Zweiten problemlos mit dabei. Mit dem Lesen, d.h. doch Aneignen der Jünger-Tagebücher hatte ich mich bisher ziemlich vorgesehen. Es wäre mir irgendwie unbillig erschienen, mich zu seinen Lebzeiten darüber herzumachen, so sonderbar das klingen mag. Es gibt noch ein paar andere Autoren, deren Bücher ich mir zu deren Lebzeiten, und damit gar meiner, nicht würde reinziehen, wie etwa dem Handke seine Sachen. Viel zu wichtig! Oder ganz egal. Vom Handke habe ich mir gerade soviel angesehen, zu finden, daß er müßte ein ziemlich patenter Büchermacher sein in einem vor allem mir speziell erkennbaren Sinn, insofern er sich gut auf Texttautologien versteht, eine Kunst, die ich selber recht perfekt (das glückliche Händchen) verstehe und von der ich daher an Anderen gut zu schätzen weiß, was sie selbst in dieser durchaus naturläufig unbewußten Fertigkeit zustandebringen. Tautologien sind vergleichbar den Schnallen und Clips an alten Büchern, bestehen darin, daß an bestimmten Stellen des Textbildes, vor allem an den Unterzeilen, wo es auf die Blattecke kommt, die sodann ja muß zum Weiterlesen gewendet werden, das Blatt übergeblättert, dort, ganz passager, ohne jede angestrengte Absicht, werden sich Textformen, als Worte, Bedeutungen, vielleicht Teilsätze finden, die in wie wissender Bemustheit diesen Verhalt unauffällig kommentieren. Die Tautologien müssen beiläufig und im Textintegral durchaus selbstverständlich sein, sonst sind sie eben keine gute, d.h. absolut treffliche Kunst. Ich halte diesen Sinn sprechendster Nebensachen für meine eigenste Entdeckung, habe jedenfalls noch nie von jemandem, der von Rhetorik, Grammatik, Semantik oder Schriftstellerei abstrakt zu handeln versteht, irgend ein Wort über diese hermetische kleine Extra-Kunstfertigkeit bemerkt gefunden. Ich bemühe mich aber auch kein bißchen um solche Schriftenwisserei im Allgemeinen, habe dafür weder Zeit noch direktes Interesse. Für mich ist die Literatur, wie ich sie übe, eine rein praktische Sache, weil ich pausenlos und viel notiere, und dort schon, in Notizbüchern, oft genug solche kleinen Nägel und Kniffe unterbringe und dann auch gelegentlich bemerke. Ein wirklich guter Autor, möchte ich meinen, kann derlei, ohne es zu wissen oder bewußt zu wollen, im Gang einer selbstredenden Geschichte so, daß die Tautologien sowohl in seiner Urschrift wie in einem different formatierten Druckwerk oft genug erscheinen. Bei sehr versierten, mit ohnehin gut durchklärter Sprache arbeitenden Autoren habe ich derlei oft genug finden können, und eben auch (möchte ich meinen, denn ich mache mir da kein Gedächtnis) beim Handke. Mehr will ich von dem eigentlich gar nicht wissen, 125 da ich im Ganzen meine, die wahrste Literatur wird sich zwischen wirklich gebildeten und sagenswerten Individuen finden, die tatsächlich nur einander erstmal gründlich Nennenswertes zu lesen geben. Das ist, meine ich, eine Angelegenheit des geistigen, intellektuellen Atems, weil Schrift dem Rezipienten es völlig freiläßt, wann und zu welchen selbstgesuchten Bedingungen, auch: mit welcher selbstempfundenen inneren Stimme, er sich das vergegenwärtigt, was ihm will in solcher Besonderheit gesagt sein. Manche Autoren übrigens sind mit Tautologien outrightly naß platt, so, wenn z.B. Garcia Marquez einen Roman beginnen läßt beiläufig genug, und irgendwo auf Seite 2, wo man schon zwei Satzspiegel vor sich hat, heißt einen seiner Provinzhonoratioren seine Mittelscheitelfrisur weisen. Da kann ich nur den Affen zum Balbieren schicken, spare mir seufzend die urwaldfeuchte Geschichte und bedanke mich für soviel überflüssiges Papier. Marquez ist eben echt, wirklich literarisch echt ehrlich. Mir sagt er damit, es sei wirklich kein Stoff für mich; ich laß es gern gelten und nehm's ihm wirklich nicht übel. Die Seitenfresserei der ohnehin nicht Raffinierbaren ist schließlich sein Geschäft. Ich gönn's ihm. Ich, weil ich ohnehin mein heiteres Spiel mit allen Schwarm- und Staatstieren habe und die Literatur erstmal nur als Ausklärungsform meiner eigensten Wahrnehmungen (Gedanken z.B. mache ich mir nie eigentlich selber, sondern schaue nur müßig zu, wie sie aus Verschiedenerlei von selbst, da und dort her, in mir was werden wollen), hab'mit den Kleinen, den Lieben, ein noch ganz eigenes Spiel, genau mit solchen Tautologien. Die Tibetaner haben in ihrem Kosmos der Buddhas und Bodhissatvas auch einen, gekleidet in ein tief blaues Gewand, der hält ein geschlossen (~ hermetisch) Buch in der linken Armbeuge und ist genannt der Buddha der Tiere. Es wird erläutert: das Buch signifiziert die Gabe der Sprache, welche dem Menschen eignet, den Tieren aber so nicht, und der Buddha trägt nun das so in Menschengeist logisch verbal extra Erschlossene den Tiehieren zu. Soweit der exoterische Untertitel. Meine lieben Geister aber, die ja, wie hier schon in anderer Weise bemerkt, es durchaus mögen, eidetisch finit abgebildet zu werden, auch in denkbar logisch-abstrakten Formen (wo doch Geometrie, Logik usw. in jedem Tier, siehe das zu Descartes, Kant usw. Vermerkte, lebende, integrale Wirklichkeit sind etc.). Ich hatte mir den Buddha, eben weil mir die Tiere immer zu Spiel kommen von selber, ohnehin extra vermerkt und gedachte, wie das so meine Gewohnheit ist, das soweit Verstandene in mir sich selber ein wenig zurechtdenken zu lassen. Oh, aber die Kleinen, zu denen der ja staatsmäßig eher fast gehört als zu mir, kamen wirklich sehr bald, verdeutlichten: das mit Dem da, das ist schon was, aber das geht so... Sodann in der Folge mindestens mehrerer Monate, aber eigentlich ohne wirkliche Begrenzung 126 über mehrere Jahre, während ich wie üblich alle Witzchen und Sinnigkeiten, Skizzen, Meinungen usw. usw. gerade so notierte, wie's anfiel, kam ich immer wieder an bemerkenswerte kleine Szenen, die Tiere mir zuspielten oder zeigten (da tun sich manche sehr hervor: Bienen, Spinnen, Greifen, Katzen, Hasen, auch Hunde usw.), gaben mir so und so viel zu spannen, zu denken und zu reflektieren, und meist etwas später, wenn ich Zeit fand und hatte die Hände frei, schrieb ich mir das soweit Bemerkenswerte in mir zupaß findenden Worten auf, und siehe da: aus der Kollusion der Tiergesten, der situativen Elemente und meiner händigen Worte für die Notiz kam es ohne Weiteres fast jedesmal so hin, daß eine Texttautologie nicht nur zeilenweise und wörtlich auf einen Textabsatz, Seitenende usw. auskam, sondern auch oft noch gewisse Strukturen im Textbau oder seinem Erscheinungsbild mit gestischen Zuspielen etc. der Kleinen in eine selbe Form kamen. Das ging wirklich gelöst in nicht wenigen Notaten so weiter, bewies mancherlei Spielart, und wenn auch in letzter Zeit nicht mehr solche Reime das gemochteste Spiel sind und die Tiere (Eule und Fledermaus etc.) mir Schmuckbildchen anderer Art servieren, so ist doch sicher das Letzte und Äußerste dazu bestimmt noch nicht gesagt. Now that's Jazz. Genau so ja schreiben die Kosaken ihrem Zaren einen Brief. Und die Tierchen sind subtil: aus Büchern gibt man doch nicht erst heraus, sondern zuallererst einmal hinein. Die prima materia, wie's bei Aristoteles will gelten, ist erst einmal das Ding, oder besser (schon steht Platon gleich dabei): das Ereignis. Dann der begreifende, verstehende, signifi-syombolisierende Intellekt. Und vor diesem doch erst entsteht eine semantische Duplikation, und dies alles will doch integral zum Ereignis selbst gehören, es verallgemeinern, damit stärker vergültigen, als es in sich selber, als reines, freies Spiel-Ereignis schon ist. Und, he! Wenn es einen Buddha der Tiere gibt, der ja die Tiere nicht selbst gemacht hat, aber so gut ist, Jenen so gern und bestimmt etwas zu sein, was die ihm, auf irgendwie reziproke Weise, auch sind & sein werden, so sind doch die Tiere das Erste, der Buddha ist das Zweite, und das Buch halten beide zwischen sich. Usw. usw. usw. Natürlich trumpfen die Tiere bei mir keineswegs so auf: die spie-len mich so freundlich, so unwiderstehlich bemerkenswert an, daß nichts mir genehmer sein wird, als ihre Geste usw. zu verewigen (Schrift, das ist ja verewigte, oder verewigende Geste). Das geht mit fast genau solcher, fast bewußtloser Selbstverständlichkeit wie der Textgang zu den sonst üblichen Rändern, Clips und Tricks. Tierleben haben saubere Ränder (zwei der Amselindianer, die bei mir ein kleines Festmahl besucht haben - Haferflocken, die fast alle höheren Tiere mögen - kamen dann tags oder zwei später und fochten mir von der Dachrinne bis auf die Bodenrampe hinab, und wieder hoch, hinab, wieder hoch, ihr gutes 127 Gesetz vor, denn das tun Tiere auch gerne, gerade die Landgenossen, die ich gar nicht erst extra füttern muß: mir ihr Gesetz vorfechten. Mein wissend mitschauendes Erkennen ist denen gut Salböl genug zu ihrem sonst doch nur selbstverständlichen Lebensappetit...). (Natürlich dürfen Schrifttautologien kalauern oder dazu einladen.) ...Tierleben haben saubere Ränder, und so hat es auch ihre Sprache, der Geist ihrer sprechenden Gesten. Jünger, also - einfach gesagt: ich durft's wohl erwarten können, daß er's nicht würde wiederhaben wollen, nicht so. Es wäre auch falsch, zu meinen, ich hätte nun gezielt seinen Tod ausgewartet - so auch nicht. Es war irgendwie die Idee, sich zusammenzunehmen, nicht vorwitzig zu sein, irgend so. Und nichts frug mich drum, das zudem. Ich hätte auch noch zehn oder zwanzig Jahre lang diese Schriften für gut sein lassen, ohne jede Neugier, wirklich. Gerade der ist doch der Typ, zu dem sich Vorwitz und Neugier wie verbieten - das muß der mir doch nicht erst schreiben, und dann, wenn's im Prinzip schon zu spät ist. Usw.usw. Es ist ihm gelungen, ein gut angezähltes Stück über hundert Jahre alt zu werden, und die Grunzer, die zu seinem Centennium miterklangen, verrieten genug von der ziemlichen Gewißheit ihrer Äußerer, mit Sicherheit niemals auch nur annähernd so alt zu werden - und mit Figur! Bis auf die Jahrtausendmarke hat er es um so wenig nicht gebracht, und das ließe sich bedauern. Ein Jahrhundertmensch zu sein ist ja auch was, ein ordentliches Maß. Bei seinem Tod, meine ich mich nun bestimmt zu erinnern, mußte er nicht alleine auf den Weg gehen. In Gallien gilt er gern und eher etwas als hier, bestimmt seiner präzisen und wahrhaften Tagebücher wegen, die, wie sich zeigte, alleine mich auch interessieren konnten, denn die eher polyglotten oder nur literarischen Opusculn bürsten Anzüge vor, derlei würde ich ohnehin nicht anziehen, erinnere mich auch nicht vorteilhaft der Zeiten und Zustände parallel damit. Aber die Kriegstagebücher - die sind absolut. Die hat er, so zu sagen, zu keiner Zeit, als er sie schrieb, alleine selbst in der Hand gehabt, so, wie die Notizen, wo mir die Kleinen und die Lieben etwas hinzudiktieren, auch nicht in meiner Hand alleine liegen. Die Kriegsszenerie, wie sich spät zeigte, ereignete sich insgesamt als ein großer Text, in dem er selber nicht mehr als ein Buchstabe sein konnte, dafür aber einer an intensiv bewußtseinsfördernd herausgehobener Stelle. Der übrige Text des Schlachtfeldes bildete sich sozusagen durch ihn privilegiert ab. Ernst Jünger ist ein im besten Sinne naiver Mensch - er reflektiert nie über das elementar direkt Abbildbare, den Welt-Wesenstext, wie er sich ihm unmittelbar - mit Fluchten, Prospekten hinzu - darstellt. Da ist kein bißchen von dieser vieldimensionalen, elastischen Durcharbeitung intellektueller Gewahrheitsmöglichkeiten, wie mir 128 das so selbstverständlich ist, daß es in kleinsten und egalsten Bemerkungen mitspricht, ohne daß es auch nur irgendwie explizit ahnbar wäre (auch das übt sich mit der Elastik und gleichzeitigen Entschiedenheit Nietzscheaner Aphorismen ein - das käut im Geist weiter wie der scharfe Zahn der Kuh, unbemerkt, aber wirksam). Es eh scheint also bei manchen gut alten Völkern, wie es die Gallier sicher sind, da eine sich ziemlich offen beweisende Ordnung zu geben, den Chic des Ankommens, Weilens und Wiedergehens betreffend. Als ich mich längere Zeit in Nice rumtreiben konnte einmal, wie oft, annoncierte die Zei-tung die Vorführung eines kleinen Films, den französische Lagergefangene in Deutschland während des Krieges gedreht hatten, mittels Kameras und Filmmateriales, die sie dort hatten eingeschmuggelt. Der Film selber, wie sich zeigte, bildete zwei, drei dieser Tricks ab, aber wahrscheinlich nachgestellt. Die Filmvorführung sollte gratis sein, und war somit fast das einzige Divertissement, das ich (der für Jahre damals ohne jeden Pfennig Geld lebte) das ich mir gewissermaßen gönnen konnte. Ich ging also an dem hellen Nachmittag zu der angekündigten Vorstellung. Nicht viele Menschen, etliche Frauen, saßen in dem Saal, und ich suchte mir einen Platz, der zu beiden Nebenseiten frei hatte. Gut. Monsieur hat einen Platz gefunden. Aber fast unmittelbar, wie von einer leisen Hand aus dem weiblichen Teil des Auditoriums herbeigeführt, tauchte eine feingliedrige, blonde, wirklich hübsche fille zu meiner Linken auf und nahm da Platz, durchaus bestimmt als ordentliche Ergänzung zu mir. Das sollte und wollte nichts sonst sein, stellte nur ein gewisses Dekor her, das nun mal so sein sollte - c'est la coutume, monsieur. Das begriff ich ohne weitere Erklärung, nahm die Ergänzung genau so freundlich an, wie sie mir zugesellt worden, und alsbald konnte die nicht sehr lange Filmvorführung beginnen. Als sie beendet war, verabschiedete ich mich von meiner stillen Nachbarin und ging, wie's sich nicht an-ders gehörte, wieder zurück zum Bahnhof, wo ich den Rest des Tages, wie immer sonst auch, in den abgestellten Zügen verbrachte. Dieses leise Prinzip, daß Pärchen nun mal zumindest für's Dekor komplett sein müssen, hat sich mir dann bei mehreren Gelegenheiten exemplarisch bewiesen, und zwar nun, wo ein Dieser mußte endlich seinen letzten Weg gehen, und ohne Eile, aber bestimmt erkennbar in diesem Gesetz leiser Ordentlichkeit, gesellte sich ihm ein in sittlicher Schätzung so ohngefähr gleichrangiges Wesen hinzu. Das Kapitelzeichen dazu gab - in umgekehrter Ordnung - ein wirklich schon für ein ganzes Leben miteinander verbundenes Fürstenpaar. Ein wenig unerwartet starb die alte Fürstin in Liechtenstein, und ich meine ziemlich genau zu wissen, daß der Fürst selber ihr keine zwei Monate später ins Grab folgte. Einfach so. Kein Kommentar. Das schickt sich wohl so. Hier nun vor vielleicht zweieinhalb Jahren, um 129 soviel später, scheuten mir Rehe bei Ingelheim (mit Rehen war ich da schon lange in einem tiefen, weltbewegenden Gespräch) denselben Verhalt auf ihre Weise vor. Ich fand im Straßengraben neben dieser engen und holperigen Landstraße die Überreste eines Rehes, das die Füchse schon tüchtig ausgeweidet hatten, und das eine richtige Aasfahne auf sich hatte. Ich mußte erst meinen Tag besorgen, kam aber später wieder, organisierte ein Stück flachen Kartons und lud den Kadaver darauf, trug ihn sodann etliche hundert Meter weiter nach rechts in die flachhügelig sandigen Gärten. Auf dem Weg hatte ich gut Gelegenheit, das Aasparfum mit einzuatmen. Das ist ohne weiteres ein bißchen stark, bringt aber nicht üble kleine Erkenntniseffekte mit dem, was davon mit in den Atemleib gelangt. Die fast fleischlosen Gebeine bettete ich in einer Tannengruppe auf Sand, so daß der Schädel hügelan in Richtung auf den Sonnenuntergang schaute. Nicht fern von diesem Platz, kurz vor Heidesheim, nahm ich selber später Nachtlager, weil der feine Sand dortselbst ein ziemlich nobles Bett gibt, träumte dann während der Nacht drei nacheinander mich knallig wachschreckende kleine Alpträume. Einer erzählte davon, daß im Tod das Soma, wenn alle Lebensfunktionen erlöschen, schlagartig erblindet, vergleichbar so, als schösse einem von innen her eine feine, hellgraue Kotze wie in einem Kotzkrampf gleichmäßig bis in die letzte Pore. Der andere erzählte von den Gärten umher, einem darin wie ein porphyrener Brunnen so gefaßten Wasserlauf, den ich dann später dort auch fand, und der dritte Traum hatte offenbar so mit den Rehen selbst nichts zu tun, galt eher den Leuten, die da ewig schon leben. Ich hatte dann wirklich und für lange woanders zu tun, kam nach vielleicht einem Dreivierteljahr wieder und fand was: an der Aasfahne schon fernerher kenntlich einen nicht ganz so ausgeweideten Rehbock, Stöcke auf dem schönen Kopf, dessen schwarz leere Augen vom Grabenrand her in die nahe vorbeisausenden Autos blickten. Ich ließ ihn für nun liegen, fuhr ein ganzes Stück weiter ins Hessische, kehrte nach etlichen Tagen wieder und wollte nun nach dem Rechten schauen. Zu der vorangegangenen Ricke hatte ich ein Plänchen: sollten die Gebeine nun klar genug sein, so wollte ich zumindest den Schädel mit über die Laurenziberg-Gegend da gleich westlich zu einem imponierenden Kuppenberg fahren, der schön weit umher, flach und schwarz bewaldet wie der Skalp eines römischen Jupiter, da zwischen den anderen stak. Vor diesem Waldrand, der auf eine weite, flache Wiese kam, wollte ich den Rickenschädel plazieren, zu dem Todesort hinüberblickend, die Beinknochen etc. wie eine kleine Kasse davor gebündelt, und etliche von meinen Gartenpflanzen davor und umher ausgesät, damit diese Pflanzen vom Reh-Totenmal her in alle Richtungen mögen dahinwandern und erzählen, wer sie geschickt. Das war mir ernst genug - die Rehe dort sind sehr schmeichelhaft und dick familiär 130 zu mir, das sind, neben den Kühen meiner Heimatdörfer, meine wahrsten Verbündeten. Zudem lebt auf dem Laurenziberg, der quer zwischen dem Rheintal und der lebhaft skulptierten Berglandschaft nach Kaiserslautern hin liegt, eine ziemlich unternehmende, zahlreiche Rehbagage, die Schnur macht bis zu einem Vorberg über Bingen und die Berge über Kaiserslautern. Vom Laurenziberg aus sieht man leicht zwanzig Kilometer weit auf jeden Flecken Land, wohindurch der Rehsteig führt. Dieser lange Weg scheint so etwas wie die Bewährungsprobe für Herangewachsene zu sein. Dahin drauf steht viel in fester Hufschrift vor die Aussicht geschrieben. Diese Bande, zu der wohl die beiden Getöteten gehören, würde sicher irgendwann den Schädel, die Gebeinkasse und die Blumen finden, und dann würde mich interessieren, was sie deswegen in die Klaue schreiben. Den Rehbock nun, bei dem ich ganz klar sah, daß er sich nur die Krone hat wachsen lassen, damit seinem Gespons bedingungslos in den blöden Tod zu folgen, wäre natürlich willkommen, die geplante Schädelstätte mit ihr gemeinsam zu beziehen. Aber ach! Die Ricke war längst weg, von dem Gärtner beiseitegetragen, dem der Platz gehört. Und auch der Rehbock war weg. Solch ein Krickenkopf mit Schmuck ist ja auch ein bißchen Geld wert. Was mir egal gewesen wäre, weil ein schöner, wahrhafter Totenkönig wie der in seiner eigenen Gegend unvergleichlich viel mehr gälte. Naja. Schade, so und so. Noch bevor ich aufladen und weiterfahren konnte, hielt flott ein Auto neben mir, und ein junger Typ, ziemlich wie fetzender Disco-Landlauf, fragte mich irgendwelches diffuses Zeug, auf das ich fragmentarisch nicht antworten konnte, aber das genügte ihm zu einer ungefähren kleinen Bedankung. Er fuhr weiter, und ich konnt meinen, der Bockskopf werde bei einem seinesgleichen gelandet sein, wo er sicher nicht am falschesten bliebe. C'est la coutume. Und im Weiteren meine ich oft genug, aber hier nur in zwei erinnerlichen Beispielen - gut im Gallischen gesehen - diese feine Coutume-Regie wirken gesehen zu haben, nach der man nie Eines von der guten Art alleine heimgehen läßt, sondern gleich jemanden, geradeso gestellet, hinzuträgt - nie länger als drei, vier Tage später - der aus dem Gang zum Hades den eines Pärchens macht. Das eine ist von gerade diesertage: der Sänger Gilbert Becaud ist an Lungenkrebs gestorben. Schade genug. Aber keine drei Tage später meldete man den Tod ebenfalls von Angèle Durand, einer Chansonneuse, für die's halt auch genug gewesen. Sicherlich hat sie Becaud gekannt, beide machen einander einen Chic, und so gehen sie nun beide. Das geschieht ganz sicher viel öfter, als ich es hier berufen kann, aber durch blindes deutsches Zeitungspapier kommt derlei feines Dekorum nicht zu Gesicht. Ernst Jünger aber, dem gesellte sich Arletty bei, und die beiden kannten sich sicher; das hat er selber so notiert. 131 Ach. Holenia also, das schien nun ein Hinweis, daß das Tagebuch aus dem Ersten Weltkrieg genügend an der Zeit wäre. Wie gesagt: eilig war's mir damit überhaupt nicht, aber so brachte ich nun mehrere Nachmittage damit zu, dieses scharfe kleine Buch durchzulesen. Die rein elementaren Nöte, welche die Grabensoldaten zu ertragen haben, sind ja nun schon Pein genug: Kälte, Nässe bis zur alles einebnenden Überschwemmung, Hitze, Dumpfheit in den Erdhöhlen, dazu armes Fressen und als Gag eine Latrine unter Feindbeschuß. Das ganze etonnante Theater des Frontkrieges kann und will ich hier gar nicht kommentieren. Es sind nur ein paar besondere Einzel- heiten, die mir zu denken machten. Einmal das sich immer wieder beweisende besondere Glück, das E.J. in all dem Stahlgeschmeiß hatte. Besonders eindrucksvoll der Moment, wo eine Granate direkt neben seinem rechten Fuß in die Erde knallt, aber nicht explodiert. Ein anderer, wo ein Bekannter, der neben der Straße, auf der J. zu Fuß nach seinem Bau unterwegs ist, ihn ruft, ein paar Momente lang mit ihm redet, und just in dem Augenblick, wo er ungestört sonst hätte eine nahe Kreuzung erreicht, krepiert dort eine dicke Granate, die ihn sicherlich getötet hätte. Die Kämpfer sind harte und tapfere Soldaten, aber bei manchen wunderlichen Ereignissen haben sie echt keinen Verstand. Mitten in einem heftigsten Artillerie- und Feuergefecht taucht auf einmal ein Hase zwischen den Explosionen und dem Menschen-tummel auf, und blöderweise fällt einem Schützen wirklich nichts Anderes ein, als augenblicks auf das Tier - das ein verdammtes Glückszeichen ist - anzulegen und es zu erschießen. Die Allgegenwart der verschütteten Leichen, des Aasgeruchs daher und der Scharen an ihnen fressender Ratten wird eindrucksvoll beschrieben, aber kein Wort mag wohl die wirkliche Wirklichkeit wiedergeben außer für jene, die das unmittelbar selbst erlebt haben, und denen die Sinnfälligkeiten damit aus Eigenem wieder einfallen werden. So, wie Jünger sich selbst erlebt und darstellt, als die unerschütterlich ruhige, schmale, feste Figur, die einen sechsten Sinn hat für den Weg, den Granaten und Geschosse kommen werden, den Menschen zu nehmen haben damit, das alles in diesem stacheligen, ewig alles umher dreschenden Halo explodierender Schrapnells und Granaten - mir wollt' was einfallen: so ähnlich wird doch der tanzende Shiva dargestellt (in metallgegossenen Figurinen). Die Encyclopaedia Britannica (Jünger hatte meistens Engländer in den Frontgräben gegenüber, denen es materiell deutlich besser ging als den Deutschen) versprach da wohl am ehesten gehaltvolle Information. Aber Weniges genügt, an sich: kriegerischer junger Gott mit einem Zug ins Dämonische. Das bei solchen Lexicalias öfters glücklich danebentappende und damit meist viel interessantere Informationen herausspielende 132 Händchen für's Buch brauchte hier nicht weit danebenzufinden: ein Foto zeigt Shiva oder einen ihm nahen Dämon in einer anderen Erscheinungsform, als vier Oberkörpertorsi mit Köpfen auf vier Seiten um einen Lingam gruppiert. Nun, das trifft recht gut; die Jüngers, das sind vier einander offensichtlich charakterlich und wohl auch körperlich recht gleiche Brüder, um eine markante, aber sich sonst nicht weiter herausarbeitende Vatergestalt. Erstaunlich die so präzisen Träume Jüngers von langen, genau wiedergegebenen Gesprächen in der Familie, und das immer wiederkehrende Motiv der Schlange, in Träumen, in Erzählungen und realen Situationen. Auch hier die etwas störende Besinnungslosigkeit, mit der Schlangen erschlagen und getötet werden, selbst wo sie harmlos sind (meistens). Ich würde nie einer Schlange derlei antun, denen noch viel weniger als allen übrigen Tieren. Das hat kein moralisches Motiv oder dergleichen - Schlangen sind mir einfach angenehm, seitdem mir in den Bergen, obenauf wie in einem eng gewundenen Karst-Flußtal, wo ich ganz alleine baden und umherstalken konnte, die Schlangen in rauhen Mengen begegnet sind. Solch kluge, manchmal wirklich witzige Leute! Alles Mögliche haben sie mir gezeigt oder zu merken gegeben. Manche kamen wie verabredet an bestimmte Pfadstellen, sobald ich dort nur eben Platz genommen hatte. Meine ganze Kenntnis der Berggegend dort begann damit, daß ich per Anhalter zu einem Col de Turini im Gebirge wollte, in der (vielleicht nicht falschen) Meinung, das werde nach Turin führen. Auf der Landstraße fand ich eine totgefahrene kleine Schlange, nahm sie, zog ihr die Haut ab, wodurch ich ein paar Ginsterspieken längs hindurchsteckte, und wollte so mit dieser kleinen Drecktrophäe weiterkommen. Fast unmittelbar danach hielt ein Auto. Ein junges Paar saß darin und ein kleines Mädchen mit nacktem Unterleib. Die beiden nahmen

09:57 - 17 October 2007 - post comment


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