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9 ...Fortsetzung 8

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Die frühen Herrschaftsformen, das Pflanzensystem und ein feudales Regime, das den Herrschenden über länger hin wechselnde, dabei praktisch sinnvolle Aufenthalte weit über das Land (die Nation) ermöglichte, dazu das Jagd- und Kriegswesen, welches zusammen mit den religiös erwünschten, weiten Wanderungen auch nach Italien z.B. für Bewegung und Kenntnis der Welt in ihren manchmal großen Charakterunterschieden sorgten, sind klug gerade darüber, daß eben das noch so gute Leben in festen, unverrückbaren Vordergründen bannt und damit den Geist verdirbt, den es aber doch unweigerlich braucht, um mit einer ganzen Welt samt ihren Unwägbarkeiten zurechtzukommen. Wie sich Frankreich und Deutschland zueinander befinden, in Lebensformen wie im Geiste, das zeigen manchmal die Antilopentiere (Kühe, Rehe), wenn sie ruhen und zu sich kommen. Wie der träumende Drache, so lagern sie sich dann auf ihrem Boden, drehen (mit einem sonderbaren, blinzelnden Lächeln um die Augen) den Hals mit dem Kopf zum Leib hin, lagern ihn darauf und haben ein Traum-Ruhekissen zwischen der Erde und den Sternen, welchselbe nun ihnen den Traum machen, zusammen mit dem Wind. Da ist alle Weisheit und Wahrheit beieinander, die sie nur je brauchen werden. Im Gleichnis heißt das: Deutschland, das ist die Erde und das praktische Tier, wie es auf seinen Beinen steht 154 und nach seiner echten, nur praktisch realen Welt schaut. Frankreich aber macht den Geist wie die Sterne, der Wind (und die Meteorologie), wo der Kopf diese Wahrnehmungen sich in den Leib hineindenkt, sich auch aus der Muße des Leibes humorisiert. Das sind zwei ganz verschiedene Welt- und Geisteszustände, aber doch aus einem integralen Erleben. Dementsprechend der verschiedene Grundtonus und der elementare Akzentunterschied des Geistes in Lebensformen, Sitten, Weltspiel und Philosophie. _________ Hegel hat genau dieses deutsche Problem, die Vordergründigkeit und Wahnflucht. Sein Logos-Begriff ist zu kurz, zu akut, ganz wie bei den Nominalisten. Nicht umsonst gehören Logos und Pneuma unmittelbar zusammen, indem das, was als Welt-Logos bezeichnet werden kann, eben nicht nur in der Gestalt der Dinge und ihrer im Prinzip unmittelbaren Relation besteht. Was Hegel da produziert, das ist verallgemeinerter Wahnstutz, aber keine Episteme (der dritte der heraklitischen Grundbegriffe, die unmittelbar zusammengehören). Hegel kaspert wie ein hysterisch gewordener Pseudo-Herakliteer und vergißt, daß die Welt einen langen Atem hat, den, womit sich der Welt-Logos auch über weite Strecken hin, durch Zeit, Raum, Dichte (Energie) gestaltend beweist. Die Welt hat Dauer über die beweisbare Solidität der Phänomene in ihr hinaus. Vielleicht wäre Hegel dieser Unfug erspart worden, hätte man zu seiner Zeit von der begrenzten Geschwindigkeit des Lichtes und anderen solchen Selbstverständlichkeiten gewußt. So aber kann er nur auflaufen in der Negativform des mit solchen Physikas möglichen Erkennens, hat alles klar, sieht alles licht, und doch ist es nur Blendung, eine Welt von akuten Vordergründigkeiten in aller Weite von Raum und Zeit, und kein Spiel, keine Elastik, kein Pneuma darin, eine Verfehlsform mystischer Klarheit, wie sie doch in Eckehart so vollkommen spricht, selbst wenn er selber in seiner Sprache manchmal das Erkennen eher bricht als positiv formt. _________ Es scheint nötig zu sein, darauf hinzuweisen, daß Geist und Wahrheit nicht dasselbe sein müssen. Dazu immerhin, das zu beleuchten, taugt dialektische Triadik. Geist alleine ist nur und vor allem eine mögliche Form, die einer Qualität mehr, der Wahrheit, bedarf, um wirklich zu sein in einem Sinne, wie es der Begriff der Idee meint. Der Intellekt ist der Raum, in dem Beides zusammenkommt. Dies alles sind Topoi diesseits, binnen der Erkenntnisoberfläche. Die Welt ist in sich wahr - da bedarf es solcher Extragewahrungen nicht, obgleich sie (das wahre Condillac) daraus 155 emanieren und guten Gebrauch beweisen als Analoga zur Gestaltung der Gewahrheit und Wahrnehmung der wirklichen Welt. Usw. _________ Das Fernsehen zeigt (auf Dreikönige) einen Clip, da man den Dalai Lama intensiv in die Kamera sprechen sieht. Ich sehe, daß ich damit nichts direkt anfangen kann - das ist zu getrieben, und ich will meinen, er ist da so intens und ein wenig dämonisch in Verdeutlichung des Charakters der Technik, die seine Aufführung ja kolportiert. Die Tibetaner verstehen sich auf titanische Wahrheit wie sonst bald nicht ein Volk auf Erden, außer vielleicht den Ägyptern und den mexikanischen Indianern (ja gut, die Deutschen, die Europäer überhaupt auch, aber - ). Wo der Lama so erscheint oder auch in gewissen Zeitungsannoncen für die Tibethilfe, da ist immer diese widrige Dämonie mit dabei. Aber in anderen Dingen hat er mir, ganz beiläufig in Gesten, schon sehr geholfen, interessante Dinge zu finden, die hier in den Bemerkungen mitspielen. So war er einmal zu Besuch in Europa, in Deutschland vielleicht (die heiligen Männer fliegen ein wenig zu gerne mit Flugzeugen) und wurde gezeigt, wie er ein wenig sonderbar vorgeneigt und ein wenig nach links verwunden wie in einer Bittgeste verhalten so dastand. In jenem Jahr fanden auch andere, ganz sonderbare Sachen statt. Der Jupiter stand sehr tief im Himmel; ein offenbar sehr weltweiser Rattenvater nistete gleich bei mir an meinem Lagerplatz unter einer Brücke bei meinem Heimatdorf, und im Wetterhimmel selber geschahen ganz ungeheuerliche Sachen, woher die Inspiration zu dem, was hier über Eckehart, den Geist des Hasen und die klare, gefahrwitternde Panik des Vorfrühlings bemerkt ist. Diese Geste des Lama aber traf mit zwei, drei anderen, wirklichen Wahrnehmungen dort zusammen. Der Bahndamm, wo ich da lebe, ist recht interessant in den astronomischen Himmel gebaut, so auch darin, daß man den Mond zuzeiten genau am Bogenrand der Brückenwölbung entlangziehen sieht. Schon früher, im Gebirge, hatte ich mir ein Auge gemacht für das Vergehen und Erlöschen des Mondes und mancher Sterne an Bergrändern. Hier, zuhaus, schaute ich öfter zu, wie das Sonnenlicht köstlich, gleich Syrup, in den Horizonträndern (flach wolkig meist) erlosch, oder wie es zuallererst in Morgenhorizonten gleißend hervorquoll. Auch war immer Gelegenheit, dem zeitweiligen Verlöschen der Sterne an Ast- und Zweig-rändern naher Bäume zuzuschauen. Das ist wirklich unterhaltend, weil das nicht einfach geschieht, sondern da ein gewisser Moment ist, eine halbe bis zu zwei Sekunden lang, oder mehr, wo der Schattenrand erst die Öffnung der Pupille im schauenden Auge durchmißt, und dieses "Duweißtschon" wie ein wissender Seitenblick, als es da einleuchtet im Vergehen des Sterns, 156 schaut eben auch aus den Worten Platons, wenn man nur eben mal in die Texte schaut, um zu finden, was da wohl grad der Geist ist. Beim Mond aber an diesem Brückenbogenrand, wenn das Auge für die Bewegung der Sterne richtig wach ist, ist zu erkennen, wie er aktuell sich bewegt, d.h. Erde und Himmel sich gegeneinander weg drehen. Das zu sehen, muß man ein wenig den Atem verhalten (zu der Zeit übte ich auch eine Meditation, die mir, vielleicht von der Ratte her, eingefallen war, atmete so wenig wie möglich nur so in routinierter Ventilation, sondern hielt den Atem im Leib, ließ nur aus und atmete wieder zu, wie ich spürte, daß der Leib nach Sauerstoff verlange - das kann so stundenlang weitergehen und macht den Leib-Atem-geist ungeheuer fest & klar, mit entsprechender Wirkung auf die Erkenntnis- fähigkeiten des Geistes, des Hirnes mit den Sinnen). Wo man aber so stillhält im Atem-Lichtgeist des Leibes, da wird, wie sonst manchmal auch beim Liegen und Schauen ins ungemessene All der Galaxis, eine Art Lift bemerkbar. Der so atemfeste Leib scheint sich ein wenig in den Himmel zu heben, und mit der Geste des Lama im Nebenbild fiel mir auch prompt ein, wieso. Ich nahm Papier und Stift her, kannte die Formel, nach der Zeitlauf und Raumferne bei Orbitalbahnen berechnet werden (eine der galileischen Formeln wohl), wußte ja auch, in welcher Distanz zur Erde geostationäre Satelliten umfahren, und rechnete mir daher zusammen, daß hier in Europa die Zentrifugalkraft aus der Erddrehung wohl 1/40 ungefähr des Massegewichts jedes physischen Körpers, auch der festen Erde usw. allevieren müßte. Daraus wohl entsteht bei geeigneter, klarer Konzentration auf damit funktional direkt verbundene Effekte, wie der Lauf der Sterne, des Mondes usw. im Himmel einer ist, dieses Liftgefühl. Dieses selber nannte ich die Seele, die Fliehkraftseele des Körpers. Da ist ein sicherer Effekt, der sehr vergleichbar ist dem der Beseelung aus dem großen Atem des Meeres, wie er vor allem bei Platon den Geist so klar und dicht macht. Die Phänomene, woran sich das verdeutlicht, sind unmittelbarer und akuter als der Atem aus dem Himmel über dem Mittelmeer, aber die Empfindung, die von daher sprechen macht, ist in demselben absoluten Raum. Die Figur des Lama aber verdeutlicht auch noch einen Aspekt aus dem Hausbuch der Tibetaner, dem sogenannten Totenbuch (ich nenne es, solcher Wahrnehmungen wegen, eher: das Buch jenseits Tod und Leben, weil es von Dingen spricht, die für Tote und Lebende gleichermaßen gelten): dort gibt es einen Horizont von Wesen, genannt die Wissenhaltenden. Diese haben meist die Gestalt von Tieren, die wieder manchmal Menschengestalten zerreißen oder einen Leichnam als Keule umherschwingen (die Pferdegöttin - das Gleichnis paßt gut auf den Rittergeist). Woanders im Totenbuch heißt es: man muß auch anhalten können, um nicht dauernd von einer Wesensform in die andere gejagt zu 157 werden. Und so beleuchtet sich, was das heißt: die Wissen-HALTENDEN, weil eben, wie Interferenzwirkung an einer Schneidkante, im Innehalten eines wissenden (seiner Welt weisen) Wesens das spürbar wird, was einem dieses andere, selbsteigene Wesens-Wissen zu sagen hat. Dies zeigt sich dann in meiner kleinen Garten-Felderwelt, wenn bestimmte Tiere sich nahe (sehr nahe, für allgemeine Verhältnisse) zu mir gesellen, halten sich da still für einen längeren Moment und lassen aus sich oder aus ihrer Welt auf mich emanieren, was sie wohl meinen können. Da tun sich besonders hervor die Rehe (die oft nach kurzen Bissen in ihre Lage sich wieder aufrichten, schauen zu mir her und lassen es merkbar durch ihr Auge zu mir herströmen), der Hase, der Habicht und die Amsel. Der Habicht setzt sich auch gerne auf Zaunpfosten bei der Kuh, und die beiden, Kuh und Habicht, halten dann sooo - für ziemlich lange Licht miteinander; da scheint gutes Verständnis miteinander zu sein. Hasen hab ich schon angetroffen, wie sie unmittelbar mit Raben bei Feldecken zusammensaßen und unterhielten sich so insgleichen. Der Hase spielt aber auch gern geometrisch-dynamische Theoreme, hat klare Sachen auf die Sonne, die Sterne zu zeigen und führt mir manchmal genauer vor, was er meint, witzelt schonmal über pow! Gewehrschüsse, oder baldowerte mir einmal in gut sichtbarer, mittelferner Feldlage mit anderen vor, als wenn er da ein Grabenloch anlegte und grübe sich mit einer Schußwaffe ein. Da zeigt er ganz speziellen, dramatischen Sinn, kann einem richtig Ungemütlichkeit projizieren, und diese Szenerie damals spielte durchaus mit bei meiner Leseweise der Ereignisse um Ernst Jünger in der Todeswüste des Ersten Weltkriegs. Die Amseln, wie die kleinen Strauchvögel überhaupt, haben viel mehr Spaß an wirklicher, lebendiger Bewegung - da spricht das Verhalten insgesamt mehr als das Innehalten. Amseln sind sehr feinfühlig, erraten mich aus dem Herzen viel vollkommener, als es äußere Beobachtung zustande-brächte. Als einmal die Kaninchen hatten bei meinem längeren Fortsein den Garten verwüstet, schimpfte ich, gar nicht laut, darüber vor mich hin, und aus dem Busch vielleicht 50m weit weg, wo die Amsel mich wirklich nicht hätte direkt hören können, stimmte eine mit tief empfundener Empörung leise gluckend zu. Amseln in vorgartenreichen Gegenden wachen gerne auf das Menschenhaus, hüten das, so wie man sein eigenes Nest hütet, und oft, wenn ich an solchen Plätzen vorbeikomme und eine Amsel sitzt gerade im Vorgarten, da zeigt sie mir in kleinen Verhaltungen, welchen Charakter die Menschen und der Haushalt haben. Da sind sie das lebende Adreßschild des Seelenwesens an diesem Platz. Und genau dies meint der Term: wissenhaltende Gottheiten (: Wesen) tierischer Gestalt. Daher, weil das oft so spricht, habe ich mir mehr kursorisch einen weiteren Kalender solcher Wesengeister angelegt, die hier eher Wissenhalter-Charakter machen als im 158 vergleichsweise wilden und titanischen Tibet. Da sind natürlich die ohnehin menschennahen Tiere mit dabei: das Pferd, der Hund, die Kuh, die Mücke, die Fliege, Rabe Hase, Amsel, Rotkehl, Meise usw.usw. usw., das hat nicht leicht ein Ende. Im Totenbuch gibt es auch ein großes Bild, das Toten- gericht, wo Yama, der Totengott, auf einem Menschenleichnam steht. Dieser wird Nara genannt (eine weite Assoziation mit "Narr", als wie eitel nichtig, ist möglich). In der Welt der Tiergeister gibt es dann auch ausgeprägte Formen, die nur Nara-Charakter haben, als da wären der Wurm, die Maus, die Ratte, das Kanin, die Taube, irgendwie blindwütig hervorlebende Wesens-Halbgeister, die immer Anderen zur Beute fallen werden und keinen autarken Geist haben, nur ephemere, oft despotisch sich erweisende Intelligenz behaupten und auch an anderen Wesen nur das Unfreie und Begrenzte wahrhaben wollen - Wesen ohne wirkliche Seele, die aber auf ihre Weise sehr tyrannisch zu sein verstehen in einer Art böser Moralistik. _________ Ewige Wiederkehr: Nietzsche ist doch vor allem Literat (manchmal meine ich, der sei ein Avatar, der eines iranischen, etwas verdorbenen mystischen Studenten (oder so etwa), etliche Jahrhunderte her, der etwas beweisen wollte - das würde sich zum Beispiel verdeutlichen im Paradigma des Willens zur Macht, auch in dem Nara-Schicksal Nietzsches, dem Zerbrechen, als er gerade das Wesentlichste schon gesagt hat (die Materialsammlung zur Umwertung aller Werte, dieses wirklich gute Zeug) und nur noch an sich denkt, aus erstem Erfolg, als die Welt etwas um ihn zu geben scheint; das ist aber wirklich nur literarische Konjektur meinerseits), daher die "Ewige Wiederkehr" erst einmal sollte bei der Literatur selber ansetzen, der Mechanik von Buch und Schrift. Alles wiederholt sich da, Blatt, Spiegel, 30-40 Zeichen, damit dann Worte als Zeichenfolgen, aber nun hier wird es lebendig, weil diese Wort-Zeichen Bedeutungen implizieren und im Gang der gedanklichen Argumente unablässig in ihren Bedeutungen nuancieren. So aber, wie Worte in mehrerlei Bedeutungsnuance anklingen (sonst wäre das Wortemachen ja nur Stereotypie), lernt schon jedes wache Kind, aus dem Gebrauch der Worte die Idee des damit Bezeichneten herauszuhören (DA ist die Vernunft in ihrer apriorisierenden, antizipierenden Fakultät!), nimmt das selber an (das Wahrnehmen) und versucht es, wenn möglich ganz bewußt, selber zu verwenden, vergleichbar der Integration von verschiedenerlei Sinneseindrücken, um z.B. dem Bewegungssinn (der ja auch eine integrale Leistung ist, nicht nur eine einzelne Funktion oder eine mechanische Addition solcher Funktionen) Gestalt zu geben. Dabei kommt es wohl zunächst öfter zu Irrtümern, weil die Bedeutung des ideell Erfaßten begrifflich noch nicht 159 genau genug umgrenzt ist, aber jederzeit Präzision annehmen kann: der reine, kluge Intellekt der Latenzzeit, wo auch das Leben selber sich mehr entäußert als es sich umgrenzt oder auf Soliditäten verwiesen findet. Diese allgemeine Offenheit für weitere Bedeutungspräzision schon soweit angenommener Begriffe und Ideen reflektiert bei Nietzsche in dem Satz, der Erkenntnisprozeß sei niemals abgeschlossen - das muß man eher so sehen wie den Himmel, der bei allen begrenzten und bestimmten Begegnungen und Akten der Elemente und Wesen mitgegen- und gewärtig bleibt. Auch das Erkennen mittels Ideen, Konzepten und Begriffen beschränkt sich (tendenziell) niemals auf das nur bestimmt damit schon Besagbare und arbeitet z.B. in der geistigen Dimension, wo Gleichnisse und Analoga praktisch (in einem tätigen, wachen Geist) immer erprobt und in einem müßigen, nicht notwendig bewußten Spiel kombiniert werden, an den Möglichkeiten, allein per Gewahrheit und etwas Sinnesfunktion Sagbares und Meinenswertes aus sich und der Welt zu exaktieren. Das Bewußtsein dafür gleicht elementar dem Sinn für moralische Wahrnehmung, aber Moral selber ist kategorisch, hermetisch und rigide, und eben daher kommt Nietzsches Wetterstrahl gegen die Moral, die Moralischen und die Moralisten. Dies hier nun fiel mir ein, weil an einer Stelle des Textes, wo es gerade ein paar Seiten weiter ist als das Kapitel "Nietzsche", eine Texttautologie eigener Art erscheint, indem da dreimal an derselben Stelle der Zeile ein W steht, zunächst ein kleines, darunter zwei große. Ein genauerer Blick deswegen sieht, daß bei den beiden unteren auch das ganze Wort sich wiederholt: Werden. Und ohne einen weiteren Blick auf das, was das Schriftfeld umher sagt, weiß ich doch, daß dieses Wort sich nur wiederholt, weil es da in zweierlei Nuance, zweierlei semantischem Kontext aufscheint. Und damit der Ansatz zu dem hier grad Bemerkten. Wo Materialismus ganzen Sinn macht: Jedes eigene Ding oder Wesen, das Anderem gewahr werden kann, besteht doch aus Materie. Und diese Materie ist doch immer, elementar, eine andere als die, aus der ein anderes Wesen oder Ding besteht. Und dieser Unterschied nach Materie hie und Materie da besteht doch absolut, aus dem Urgrund her, wo Materie erst entstanden ist und unterscheidbar wurde, das eine Quantum vom anderen. Da ist eine Faser bis in die letzte Wurzel der Weltesche hinab, an der ein guter Nerv ist nachzudenken über das Wesensgleiche und das konkret Verschiedene, und vielleicht ein Ansatz, die pythagoräische Weltlehre von Form und Materie ein wenig zu verdichten. Alleine schon, wie man das Mitexistente ansehen kann mit diesem Aspekt! Was vermag denn da das Eine über das Andere, wenn nicht im Geiste! Und was kann dieser sein! 160 ...Kampfschwimmer des Unbewußten... _________ ermittelte Daseinszwecke (Heidegger)... _________ Die Ökonomie des Unwillens... _________ ...die Atome der sinnlichen Wohlfahrt... _________ Turbo-Protzentum. _________ Seine Schoßhexe... _________ Technologisches Lumpenproletariat... _________ Eudämonie: Die Menschenwelt ist doch nun schon so alt und hat ihre wirklichen Großartigkeiten. Da lohnt es, sie in ihren Werken und Errungenschaften daraufhin anzusehen, was da spricht, und wovon im Weiteren (Weisheit) das sprechen mag, was da spricht. Notwendigerweise kann ein solcher Blick sich nicht darauf beschränken, nur die Existenzbedingungen, und Meinungen damit, der lebenden, wesenden Menschen selbst anzusehen, aber die Ereignungsformen des Daseins selber, die Bedingung zu solcher Weltschau sind, dürfen per se auch als gut gelten. Das zu erkennen und zu würdigen unterhält auch die Klugheit, die nicht umsonst als Tugend gilt (indem sie den Klugen in gutes Maß mit den erkennbaren anderen Tugenden bringt, ihn dort erhält). Über solche Belange, meine ich, äußern sich vor allem Nietzsche und Heidegger, auf zweierlei sehr verschiedene Weise. Strukturalisten wie Merleau-Ponty spielen die Klugheit eher praktisch aus, lassen die eudämonistische Perspektive dabei unerklärt. Das versteht sich da gewissermaßen von selber. Gerade Paris mit seinem Reichtum und seinem manchmal himmlischen Klima läßt dem Geist da viele Freiheit und Möglichkeit, großzügig über eine (gut gespürte) Welt zu empfinden, die Dinge, wie sie sind, gut sein zu lassen und aus einer ätherhaft feinen Aura mancher Zeiten nach dem zu schauen, was da eigentlich 161 der Menschheit den Geist macht, denn offenbar ist es da mit den irdischen Vordergründen der Menschenwelt alleine wirklich nicht getan. Dem hilft zu erkennen auch ein Witz auf, den anderswo zu finden nicht leicht gelingen will, indem z.B. an manchen Plätzen Bauten stehen, bei denen das Erkennen vor Verdutzheit implodiert, oder immer wieder Gags plaziert werden (auch in der Reklame), die von einer weither gekommenen Gedankenarbeit sprechen, ohne selbst den Intellekt unmittelbar zu sehr zu beanspruchen. Das gibt den Menschen Ahnung, wie sie allgemein im Stadtbild immer sinnfällig unterhalten wird, und damit eine Art geistiger Permeationsfläche, wohindurch eben der Blick sich öffnet für solch eudämonistische Ausschau. Da spricht Laune, die tief wach hält, und die Zeitlichkeit verliert ihre bezwingende Vordergründigkeit. Der Boden der Stadt gehört (gewissermaßen) den Eidechsen, der Himmel den weitschauenden Vögeln (das zeigt sich vor allem an bestimmten Bautenformen) - damit die Fixheit im Tagesleben und die überzeitlich-zeitlose All-Klarheit im Geist. Diese beiden Elemente vor allem unterhalten und energetisieren die Sinnlichkeit dort, der sonst das Tagbild der Stadt eher widrig ist. Paris hat Atem, richtigen Äther. Auf einer der Vorort-Bahnstrecken, die ich gewöhnlich mindestens einmal pro Tag entlangfuhr, sieht man jede Menge noch wie dörfliche, und mittelalte moderne Besiedlung, dazu Gewerbeplätze, wie sie gleich neben die Eisenbahn passen. Linkerhand irgendwo in dieser Gegend mit Namen Alfortville eine modern eckige Schule, zwei oder drei Stockwerke hohe Pavillonbauten. Während einer dieser Fahrten meinte ich, im Seitenblick dorthin, gesehen zu haben, daß ein Objekt, so hoch wie das Gebäude, in Form eines riesigen Füllfederhalters, da aus dem Schulhof bis an die Dachrinne lehnte. Ich kam bald genug wieder dort vorbei und schaute extra, aber nichts dergleichen war mehr zu sehen. Zu sonderbar. Ich hätte können schwören, das Ding dort genau gesehen zu haben. So ist das mit der zeichengebenden Eidechsenfixheit (in der Gegend der Bahnanlagen zur Wiederherrichtung der Züge, nicht viel weiter draußen, sind jede Menge davon, aber natürlich nicht mehr in der großen Stadt selber - die Eidechsen kommentierten das so, daß einst eine zu finden war, die war tot und stand dabei auf ihren Beinen, fest auf den Kabelkanaldeckel geheftet, mit Blickrichtung (des Kopfes) gegen die Stadt hin; die Kabelkanäle dort, zwischen einem Aschenpfad und dem Bahngeleise, sind der Aufenthalt der Eidechsen - daneben lungern die gerne herum, sonnen sich darauf und verschwinden fix darin, wenn Lebendes sonst in die Nähe kommt). (Eidechsen sind eine Gesellschaft für sich: 162 in einemTierladen in N** sind meist welche ins Schaufenster gestellt, und mit denen sind kluge Unterhaltungen durch die Augen (mit Gesten) jederzeit möglich. Die zeigen oft, bei Sonnenschein, auf alte Sandziegelgiebel gegen- über, mit dem Bedeuten, da seien (zu Biedermeierzeiten circa) Ihresgleichen gern dran herumgeklettert - das kann ich glauben. In Griechenland, das doch ein quintesentielles Echsen- und Reptilienland sein müßte, habe ich wirklich gut Ausschau gehalten, aber in all den Zeiten, wo ich dort weilen konnte, hat sich nicht eine einzige gezeigt. Das schien mir doch sehr Bedenkliches über Griechenland zu sagen. Das kann gar nicht wahr sein. Eidechsen zeigen sich wirklich gerne und sind auf ihre Weise sehr mitteilsame Leute. Wenn da, in gut heißer Gegend, gar nichts sein will, dann ist was kaputt. Ich weiß allerdings bis jetzt nicht, was, denn das Griechenland der Menschen scheint sonst ganz in Ordnung zu sein. Manche Eidechsen sind nicht einmal scheu. Im Burgpalast von Mailand, der ganz aus Ziegeln erbaut ist und sehr große, lauschig kühle Höfe hat, hielt sich einst eine an der Wand, lief auch nicht weg, als ich mich näherte; also sprach ich zu ihr, zeigte ihr einen Finger und machte deutlich, daß ich, piano piano, damit an ihre Nasenspitze tippen wollte. Das war ihr durchaus recht, und sie hielt still, schaute heiter, daß ich ihr tatsächlich ganz eben die Nase berühren konnte. Das ist ja der Grußort der meisten Tiere, die Nase, wo der Atem ist und man sich auf die Welt wendet.) Was Witz in Paris angeht: mein Vater, der als Ingenieur öfter in Frankreich zu tun hatte, besuchte dabei auch gelegentlich Paris, eher wie ein Tourist. Machte natürlich Fotos von diesem Aufenthalt, und einmal kam ich dazu, diese, zwischen vielen anderen, die er hortete, zu sichten. Dabei fiel eines total aus aller Gewöhnlichkeit. Da hatte er ein Individuum abgelichtet, einen schmalen Menschen, vielleicht 30-35 Jahre alt, der über die Straße dahergekommen war in einem schwarzen Anzug, ein etwas prätentiöses schwarzes Cape um die Schultern gehängt, mit leuchtend rotem Futter. In der Rechten hielt er eine schwarze Mappe und trug in der Linken eine mindestens 40 cm lange, breite Feder. Ah, verstand ich, ein Literat! Aber was das soll, eine so spezielle Ausführung des Typs! Filme (8 mm) hatte mein Vater auch fabriziert, als er mit einem befreundeten Architekten in Paris gewesen ist. Ein Projektor war zur Hand, und ich schaute mir das an, in einer kleinformatigen Projektion auf die nahe Wand. Es war nicht viel Besonderes los. Die breiteste Szenerie gab eine Fahrt mit dem Auto durch die Stadt. Mein Vater lenkte und fuhr, sein Compagnon filmte. Als die Tour eine weite Kurve über die Place de la Concorde nahm, hakte der Film und begann, durchzubrennen. Also schaltete ich hastig ab, aber dabei drehte sich der Schaltknopf ab, wodurch der Projektor praktisch unbrauchbar wurde. Ich ließ den Film so darin, wie er festgeklemmt war, und stellte den ganzen Apparat weg. Auch solche 163 sekundären und tertiären Ereignisformen um den Focus Paris muß man, meine ich, noch mit in den Witz der Stadt rechnen. Derlei beweist sich auch in anderer, noch viel gewaltigerer Hinsicht, weil doch diese immens moderne und technisch, zivilisatorisch usw. anspruchsvolle Stadt weitverzweigte und gut gepflegte Nerven hat mit einer ganzen, wirklichen Welt. Usw.usw. _________ "Kadervorbehalt..." _________ Ein bißchen Langeweile. Ich wüßte mir noch ein, zwei allgemeinere Themen, die hier gut Raum machen würden, finde aber, es ist die Zeit nicht dazu, das jetzt anzugehen. Ist grad nicht die rechte Tiefe im Plafond. Was kann ich sonst tun (nach dem Abendessen)! Die interessanten Gegenden des Planeten-himmels für dieses Jahr (sehr! interessant) habe ich schon herausgezeichnet, und die für's nächste wären eine Idee, sicher. In dem Wust von Papieren fällt mir ein Sortiment Kopien aus dem Wörterbuch philosophischer Begriffe entgegen (zufällig interessant die sonst eher kursorische Erläuterung aus dem Chinesischen, Shen und Gui, Geist und Dämon). Auf einer Umseite aber eine längere Notiz aus der letzteren Zeit der Bibliotheksbesuche in D. Da hatte ich mir Zahnarztadressen auch herauskopiert und die Stadtkarte aus dem Telefonbuch. Zeit für einen Besuch beim Zahnarzt ist es bei mir nämlich eigentlich immer, und ich komme verreckt nicht dazu, ganz abgesehen von den Unmöglichkeiten, sich mit Eintags-Behandlungsscheinen aus dem Sozialamt gut versorgt zu finden oder der immer geltenden Wahrscheinlichkeit, an irgendwelche nonchalanten Wurstfingerdreher zu geraten, die mein Gebiß schlimmer weggeben, als sie's zu bearbeiten gefunden haben werden. Eine allgemeine Schau über das in der Karte abgebildete Siedlungsland der Gegend, dazu die vielen, vielen Namen im Telefonbuch - ach, meine Seele will verzagen angesichts der Allgemeinheit gewöhnlichsten Menschengeschicks (lauter Existenzadressen), die sich darin abbildet, und das Siedlungsland im Rheintalboden, schon auf Sand in der Tiefe auseinanderlaufend wie Steine in einem Sandhaufen nicht zueinander-halten, zeigt mir: da will kein Anfang sein und kein Ende, mit solchem Dasein - nicht einmal die Marksteine des Sittlichen, Geburt und Tod, haben dezisiven Wert. Keine Grenze, keine Mitte, the sands of time singing, Sirenentöne wie in den fluchtigen Weiten des Weltalls. Bei mir auf der süßen Lößcrotte gleich über der Uferkante des Urstromtales ist alles von so selbstverständlicher, Leben atmender Notwendigkeit, Alles spricht einander zu und hält zueinander, gibt einander das Leben hinzu, und dort sieht Alles so vergebens aus, 164 nur von Tagesgesten wie notdürftig zusammengeklammert, also - aber der Sirenengesang aus dem Talboden (beim Nachschauen in Berichten über die famosen Rheinlaufänderungen seit dem 15. Jahrhundert, die das halbe Land dort von der bergischen auf die Neusser Seite brachten, fand sich die geologische Karte, wo die langen, einander überziehenden Sandfahnen aus den Eiszeiten schön abgebildet waren) - da kam unmittelbar etwas wieder, und das liest sich in der Notiz (unverändert, wo ich das Sagbare darin vielleicht noch genauer fassen würde) so: Die Erde ist der Somagrund des Lebens. Die Erde träumt das Leben. Das Leben träumt die Frau. Die Frau träumt den Eierstock. Der Eierstock träumt das Ei. Das Ei träumt das Wesen, das es sein wird, und schon die Erde, Traum des Alls, hat es gewußt: so trägt Dich die Welt hervor. Vergehest Du aber, so wieget sie Dich ebenso wieder davon. Wer zu vergehen weiß, des Wesen findet auch manchmal aus dem Weltgrund wieder in Lebensgestalt. Die Erde, das All, WILL werden, was das Wesen dann ist - daher ist ihr Traum ungebrochen bis in die seinen Träume... Was "Sein" heißen soll, also, setzt bei Descartes (und, hier nun bemerkt, bei Leibniz) an, aber so: Wesen und Dinge existieren erst einmal nicht notwendig, um sich als solche in Anderen sinnlich abzubilden (ein winzigster Käfer, der hier über's Blatt kroch). So, wie das Selbst Descartes', das sich bis zu letzter Selbstbewußtheit reduziert, selbst von seiner Körperphysik abstrahieren muß, so ist jedes Seiende in der Welt dies selbst ohne Betracht auf seine Objektivierbarkeit. Das, soweit es sinnliche, bewußte Erkenntnis angeht. Physisch natürlich ist es nicht so abscond, da es dort obskur wahrnehmbar bleibt und ohnehin sich negativ dialektisch auf das Ganze der übrigen Welt bezieht. Was das Einzelwesen ist, kann die Welt nicht sein, und was die Welt, das Einzelwesen nicht. Das versteht jedes Tier. Von diesem Verhalt her auch ein Schlaglicht auf das gestörte Verhältnis des Barbaren, des Artwesens mit einfachstem Weltgeist, zur Differenzwahrnehmung in Artgenossen, aber auch dem Tier - mit dem neigt er, sich zu vermischen und zu vergleichen. (Der nimmt das Tier also nicht nach dessen Art wahr, öffnet seine Psyche zur Eigenpsyche des Tiers, sondern argumentiert geistlos 165 inclusiv: wir beide zusammen sind... - damit ein Verweis auf die Gründe, weshalb die Menschheit dazu tendiert, unnötig viel zu viel zu werden, auf Kosten aller Natur, selbst ihrer eigenen.) Die Transzendenz (Pseudo- transzendenz) des Alle-wie-eins-Sehrvieleseins, ohne Rücksicht auf gutes Weltspiel, ist ein atavistischer Törn angesichts der Endlichkeit und Begrenztheit des eigenen Daseins, der Unfähigkeit, die Welt über die Grenzen des eigenen Vergehens hinaus zu erkennen und zu bewirken. Und dabei haben die Ägypter so viel getan, dem Geist da aufzuhelfen. Fraglich, ob der krude, ametaphysische Materialismus (Ratte, Maus) damit einfach nur eine Folge der Sinnenverarmung im Lebenskommunismus ist, oder ob das allgemeinere, konzeptionelle Gründe aus solcher Wahrnehmung hat. Das Problem ist jedenfalls so alt wie Barbarenart in der Welt. "Psyche" als das an der Welt, was sich im Menschen (Lebewesen) abbildet. Damit ein Ansatz (: Pneuma), mit dem Konzept der endlichen Abbildung einer endlichen Welt in der endlichen Dimension eines Psychewesens im Empfinden und Erkennen über die endliche Dimension von Sein & Abbild hinauszukommen. Dies liegt nahe und ist in der Natur der Psyche angelegt, alswo diese eine transzendente (bei Kant: transzendentale / für hier bemerkt) Dimension in sich hat, bei der Beschaffenheit der Welt (Dimensions- unterschied des Unmittelbaren zum Ferneren, nicht direkt sinnlich Wahr- nehmbaren) über den unmittelbar realisierbaren Raum, auch den Zeitraum, hinauszukennen weiß. Die sonderbare Zeichenkultur der Menschen, wo Zeichen, Bilder, Schriften auf der einen Seite solch transzendierende Wirkung leicht tun mittels geeigneter Effekte in anregbaren Selbsten, zugleich aber eine Kultur der De-Transzendentalisation gehegt wird, wo weitschauende, lebende Erkenntnis sich wie tot niederschlägt in finalen, jede Geistes- bewegung beendenden Abzeichnungen der Welt, oder der Verhalte in ihr. Der Intellekt der Hefe. Oder: Semiologie, was heißt da Sein und Nichtsein... (Das wird in dem Übrigen hier am besten verdeutlicht in der kleinen Studie über den Unterschied von Nominalisten und Universalisten.) Anderer Weltalter schönstes Wetter mitgenießen können: welch ein Himmel! Was liegt an dem, was nur ich selbst erlebt haben werde, gar noch mitsamt allem lauten Kommentar der Zeitgenossen! ... Soweit die kleine Originalnotiz. Beim Abschreiben zu Beginn wurde mir doch ein wenig übel im Leib. Vielleicht, weil das Abendessen noch nicht 166 ganz assimiliert sein will, oder weil mir der Sand da aus dem Kartenbild so silikaten mit durchschaut, oder auch, weil das oben auf dem Ackerlöß geschrieben ist (vermutlich), der für die Empfindung, welche einem längerer Aufenthalt hier auf dem physikalisch ganz anderen Gegengebirge macht, wirklich etwas sehr stark ist. Ich selber dort drüben blühe und energetisiere mich mit diesem sehr dichten Boden bis in das letzte Atom meines Leibes - da ist kein Unterschied im Empfinden zwischen mir und der Erde, durchklärt von einem Atem, der unmittelbar aus dem weitesten (Nacht-) Himmel in mich eingeht. Aber zudem ist das Geoklima gerade hier auf dieser Sandschieferklippe ein wenig unbekömmlich, wirkt sich zu bestimmten Tageszeiten stark entstellend aufs Psychosoma aus. Das ist im Menschenbild ganz deutlich abgebildet, und auch die Stadt drunten, so, wie sie sich im Nachrichtenbild der hiesigen Zeitung, auch in deren Textkonzept selber, abformt, spricht von nichts Anderem. Mit anderen Worten: ich würde hier, aus dem Lebensgefühl vom reichen Löß her, niemals ungenötigt längeren Aufenthalt nehmen, allenfalls, wie oft woanders auch, nur für kurze Weile, auf Fahrten, dort ein, zwei Nächte, höchstens, flachmachen (in der Landschaft ohnehin, nicht in Bauten oder gar im offenen Streubild der Stadt). Solche Gegenden (vergleichbar) gibt es nämlich viele in Deutschland, und von daher (Fahrten) habe ich so meine Gewahrheiten und sinnreichen Gewohnheiten. Von diesen unmittelbar so notierten Gedanken dort zu lesen also macht mir diese Empfindungsdifferenz zwischen Dort und Hier unmittelbar wieder bewußt, aus dem Leib her, wo die Selbstverständlichkeit und Totalität solchen Empfindens zuhause ist, sozusagen. Der Beginn der Notiz ist, auch in der Wortwahl, von etwas romantischer Anmutung (im Sinne jener Kulturzeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts), und was da sonst geschrieben ist, liegt praktisch im Perspektivpunkt vieler Dinge, die hier im Weiteren des Heftes ein wenig ausgefahren wurden. Die Notiz markiert gewissermaßen das, was hier öfters als das Standnehmen bei Heraklit berufen ist, ein Sichfassen, um von daher sodann, bei geeigneter Anregung (die kleine Philosophie- geschichte) und genügender Muße und Laune, aus diesem Begriff her loszulegen. Im Übrigen soll die Abschrift nur zeigen, wie sich sonst die Weltwahrnehmung bei mir literarisch umsetzt, mit etwas anderem, selbstverständlicherem (damit aber auch unanbringbarerem) Timbre als in den hier improviso ausgespielten Wendungen, bei denen immer, so oder so, der Hinblick mitspielt darauf, daß ich dies nicht einfach für mich schreibe wie jene Notiz, sondern ein wenig Dichte kondensiere in einer ganz klar vorgegebenen zuständlichen (räumlichen, sozietären usw.) Gegend. Die Notiz hat alles das in einer Hand, was hier dann in so vielen beiläufigen Gewahrungen noch einmal herausgearbeitet ist. Dazu ist das das Siegel, 167 sozusagen. Die Semiologie erscheint mit darin, weil die kopierten Umseiten aus dem Philosophie-Kompendium unter Anderem darüber handeln. Solches Zeug zu lesen, zu sehen nur, macht mir Übelkeit, diesmal im Geist, und wiederum das Stückchen über Nominalismus / Universalismus darf erläutern, wieso. Gerade eben brachten Zeitungen ein Foto des als Semiologe geradezu berüchtigten Umberto Eco, anläßlich seines 70. Geburtstages. In seinem sicher beachtlichen Selbstbewußtsein schaut er aber so unangenehm scharf aus den Augen - das muß den doch selber schmerzen, unmittelbar und mit dem, was sich ihm so ersieht. Was der schreibt, kann ich so wenig lesen wie die großartigen Feuchtheiten des Garcia Marquez, aber aus anderen Gründen. Für meine Wahrnehmung ist das wichtiger Kindergarten, was der da verkauft. Der zeigt den Leuten ihre Nasen in SEINEM Buch umher, und, o.k., mir bekommen die Genialitäten der alten Griechen besser, wo ich wenig lesen muß, um zu verstehen, positiv, wovon das Ganze spricht, und im Aufblicken davon finde ich unmittelbar noch zudem zu wissen und zu erkennen, alleine aus dem inneren Blick, den so wenig wirkliche Wahrheit mir macht. Was soll ich mir mit solchem Zeug wehtun, das genau so NICHT ist. Ecco. Becco. _________ Wie das ist, wo alles Lebende zusammenhält: die (mit Kant z.B.) zweck- bewußten Halbgeister denken immer so flott an der lebenden Wirklichkeit vorbei - also! Die Kuh hat einen Zweck, die gibt Milch und wird zu Schnitzel; der Wurm hat einen Zweck, denn er lockt den Fisch auf die Angel und nährt die Amsel; der Mensch hat einen Zweck, denn er darf sich in die Liebe Gottes finden; das Atom hat einen Zweck, damit die Welt, aus so vielen Atomen, auch einen hat - das ist alles so vernünftig und schaut nicht einen Moment lang hin, womit es das wirklich zu tun hat. Hat doch keinen Zweck - Kant, der wäre bei Heraklit nicht einmal im Kasperltheater möglich. Aber in Preußen erklärt er eine ganze Welt, die ihre Zwecke kennt und dann den Geist für beliebige Indulgenzen übrigbehält. Schließlich: wo Alle gleich vordergründig sind im Faktischen und in der Moral, gehen dann nachhause in ihr An-Sich, da bleibt ihnen viel zu raten, was in allen anderen An-Sich so gleichermaßen jenseits der Zwecke wohl tatsächlich lossein mag - ach Du lieber Gott, das ist doch interessant! Eine so richtig hekatische Zinnspuckerwelt wie das! Alsoo - in der wirklichen Welt der Wachsamen und Gewahren ist das schon auch ein bißchen so, aber es ist nicht auf die sehr begrenzte Gegend menschlicher Zweckgesten reduziert und was in dem Geheck sonst noch an Grillen blühen mag. Wenn ich, in meiner kleinen Gartenwelt, den Tag mit Fliegentotschlagen verbracht habe und bringe den 168 Abend mit Lesen und Schreiben bei Kerzenlicht herum, dann findet ein Seitenblick zum Lichte dort Ameisen, die einen Fliegenkadaver sorgsam fortschleppen, einen Käfer, der blindlings um die Kerze läuft, vielleicht eine Motte, die mich frech-fröhlich anschaut, gibt mir ein Augenlicht wieder und startet schließlich los, in ein paar Kurven nach der Kerzenflamme zu schlagen, gondelt aber dann davon und ist mir das, was ich will für Lebensgenossenschaft gemeint haben: nicht fatal verrückt. Eine andere, die dann herbeikommt, weiß das viel besser und stürzt sich, nach flatternden Beschwörungen, in der Flamme zu Tode. Aber selbst dieser Motte sage ich, wie der anderen, die hören kann: mach kein' Scheiß, flieg Dich nicht zu Tode. Selbst wenn ich doch vorher weiß, daß sie keine Vernunft hat, die sie retten könnte oder mir gar zeigen: ich weiß das schon, frag' mich nur drum, ist sie für mich als ein lebendes Weltelement vorhanden und jeden Atem wert, so lange sie nicht ihre Dummheit getan hat. Die Ameise läßt nicht verkommen, was ihr Volk gebrauchen kann, aber selbst da, wo der Zweckgeist am ehesten sein Muster zu sehen meint, sehe ich eher einen Sinn wirken (also: Sinnengeist) als einen Zweckgedanken. Ameisen denken nicht - das habe ich schon oft erprobt, und nie irgendwas dergleichen gefunden. Aber Ameisen wissen sehr sinnhaft manche Gesten zu erwidern, und das ist manchmal wirklich reizend. Auch die totgeschlagenen Fliegen sind zunächst einmal frech sinnige Gesellschaft gewesen, und erst, wenn's zu bunt wird, MUSS ich mit denen aufräumen. Da setzt es ein langes, gymnastisch forderndes Spiel, wo sie mich ärgern, verstecken sich teilweise, lassen Andere eher vor die Fliegenklatsche laufen usw. und die klügsten, die alle Anderen haben vorher draufgehen lassen, WOLLEN schließlich erledigt sein - das ist so sonderbar mitanzusehen. (Was "spanische Fliege" meinen will, sieht bei diesem Fliegenklapp-Theater dann auf einmal ganz anders aus: manche Typen von Spanierinnen ärgern ihre Männer geradeso, und wie das ausgeht, gleicht der willigen Resignation der letzten, klugen Fliegen, wo in dem Menschenspiel nach solchen Mustern, ohne kontrazeptive Klugheiten usw.usw. Tja. Die Fliege war schuld. Aber es geht da nicht um Zwecke. Finalität markiert in sich noch keine Zweckidee, einen Zweckverhalt - mitnichten.) Demgemäß ist also auch alles übrige Getier mir jeden guten Blick wert. Ich sage nicht: ach Du kleiner Käfer, was soll ich mit Dir reden, Dich holt gleich doch die Amsel, und ich schaue auch die Amsel nicht dafür an, daß sie mir Käfer aus der Welt pickt, sondern für das, was sie ohnehin, auch damit, ist. Jedes Tierchen macht seine Spur, und da ist es ganz und gar erkennendes Leben - was soll ich mir den köstlichen Blick darauf und damit verderben, daß ich unzeitig ihm seine Begrenzungen hinzusehe - die Lebenswelt ist nicht moralisch, und ich hätte nichts davon, es zu sein 169 im Unterschied dazu oder mit Meinung dagegen. Zweckedenken aber ist minimalmoralisch, da ist die Moral zugegen, aber wie tot. Ach. Also lebe ich mit allem, was leben kann und möchte, im reinen Licht bester Genossenschaft, und da der Tod, auch der größerer Tiere, mithinzugehört und die Ameise nicht immer alles erledigen kann, liegt auch manchmal Aas im Landboden, oder vielmehr erstmal: zu Tode Gekommenes. Aas gehört zur Lebenswelt des Landbodens dazu wie Pfeffer, der die Sinne der Lebenden schärft, ihnen die wirkliche Welt näher an die Sinne bringt, so, wie sie zum ganzen, wirklichen Daseinsleben dazugehören und gebraucht werden. Da zeigen manche Tiere sonderbare Moralität. Manche Tierarten opfern z.B. von ihrer Gesellschaft, bringen sogar Artgenossen mit hervor (die Fasanen), die als eine Art Dummies von vornherein zur Beute für die Jäger und Verfolger bestimmt sind. Ganz deutlich spielt sich da vor, wie alle miteinander wirklich ehrliche und geniale Artgenossen sind, aber wenn der jagende Tod naht, dann scheidet sich das Bild nach sehr Klugen, die richtig listig sind und der Jagd geradeweg Paroli bieten, und anderen, die gar nichts derlei bemerken und fallen unmittelbar zur Beute. Füchse hausten da einst umher, die mich sofort - zunächst einer - gleich im ersten Moment begrüßten, als ich dorthinzog. Dann waren's zwei, ein Rüde und eine Fähe wohl. Dann tauchte ein kleiner Fuchs auf, der hatte eine lahme Pfote und kroch offenbar in einer dichten Schonung unter, die sonst die Rehe und die Fasanen bewohnten. Der Kleine blieb da wohl, bis daß er wieder einigermaßen beieinander war, lebte vielleicht von Schnecken und Mäusen, und die Rehe hatten gar nichts gegen den. Als er wieder gesund war und schon größer, machte mir das Sorgen: ein Fuchs, das ist normal. Zwei Füchse, das mag angehen. Aber drei, ist das nicht eine Gefahr für die übrige kleine Welt da? Irgendsowas haben die Füchse wohl auch gemeint, oder, wie die Amsel, meine Gedanken erraten. Es dauerte jedenfalls keine zwei Wochen, danach, da fand ich den kleinen Fuchs tot an der Straße, war er in ein Auto gelaufen, usw. Der Habicht zeigt gern, wie man solch eine kleine Welt mit Geist regiert. Hält sich einen ganzen Schwarm von Tauben, die er regelrecht hütet, fliegt denen im Allgemeinen nur ein wenig Himmel mit, wenn die sich tummeln, richtet da die Gesten; irgendwann spielt ihm solch legere Regierung diese oder jene Taube zu, und dann ist sie fällig. Aber die Tauben bestehen sozusagen auf ihrer Autonomie, und so finden sich öfter welche, die sich zum Sterben in Strauch und Brennesseln gelegt haben, wo er sie nicht unbedingt zeitig genug findet. Aas sind die Tauben auch, nicht nur Blutbeute etc. Ähnliches mit Kaninchen, Mäusen usw. Kaninchen treiben's, bis daß wieder die Mixomatose etliche erledigt, und damit sehen sie kein bißchen besser aus als in den süffisanten Schlechtheiten, die sie sonst merken lassen. Der Habicht hält manchmal 170 ordentliches Gericht: dann legt er mir deutlich eine gute Beute vor (Kanin), läßt sie etliche Tage daliegen, und schließlich, wenn ich die Geste so verstanden habe, nimmt er sich seine Sache vor. Oder er hält ein Blutgericht, nimmt eine Taube so scharf auseinander, daß der Kadaver nur so kleckert vor Blut, und das so abgelegt an einem Platz, den ich selber zuvor ein wenig angerichtet habe, Gras dorthin gepflanzt usw. Der Habicht unterhält eine geradezu divine Liebe zu mir, oder zu dem, als was ich erscheine, und zeigt mir dies in manchmal unerhörten, genialen Gesten. Strafgerichte macht er auch, kurz und fertig. Mit Mäusen muß ich oft aufräumen und baue manchmal Fallen, Todesfallen oder Fangfallen, da mich die Totmacherei, so sehr die Aasviecher extra darum fragen, geniert. Wenn ich eine Maus fange, kann ich sie deportieren, vielleicht in eines der ferneren Dörfer, und da gilt ein ökonomisches Gesetz: wo schon Mäuse sind, ist die Tafel verteilt. Bringt jemand also eine fremde Maus hinzu, wird eine zuviel sein - nicht unbedingt diese, und die zusätzliche Exposition von Mausfell wird einen Verfolger im Auge (Greif) oder in der Nase (Katze) jucken, was niemals ohne Jagderfolg erledigt sein wird. Eine wird bestimmt übrig sein. Die Katzen haben mir dieses Gesetz ausdrücklich bestätigt, denn wo einer Katze etwas so zukommt, da hat sie ein wissendes Aufblicken gut, und die, welcher solch ein Maushandel zugutegekommen war, hob darüber das Gesicht, MICH dafür anzusehen. So geht sie, die Bilderbuchsprache der Tiere. Auch die Mäuse produzieren scharenweise Dummies, denn sie sind das Fritten-Kleingeld des Jagdbodens. Vielleicht hängt damit die unappetitliche Gewohnheit der Mäuse zusammen, Nachgekommene schon wieder in Tracht zu bringen, bevor sie noch haben ihre Augen öffnen können im Nest. Wo also Fallen sind (komischerweise braucht es die gar nicht: eine Zeitlang mußte ich nur einen Eimer voll Wassers in die Bude stellen, und so sicher, wie's Tag wird, war am Morgen da eine hinauf- und hineingesprungen und ertrunken), da laufen fast alle Mäuse im Bau dorthinein, aber immer taucht irgendwann eine Polytechnikermaus auf, macht sehr kluge, bedenkerische Gesten und sagt, sinngemäß: wie war das nochmal? Dann läuft noch eine andere hinein, und drob kommt die Technische wieder, zeigt: ah, ja klar! Und nie werde ich diese Maus mit einer Falle oder einer anderen bekommen, die sie studiert hat. Dann muß ich, leider, Gift anwenden, und obgleich die Mäuse längst die Giftweizenkörner aussortieren, wenn ich derlei dabeitue, erwischt es sie damit doch immer. (Auch sind die Technischen durchaus nicht immun dagegen, sich im Wassereimer selbst umzubringen.) Aus diesem Spiel also haben die Mäuse einmal IHRE Sache gemacht, ließen eine der Ihren in eine Fangfalle laufen, wo ich sie arretierte (um sie zu deportieren), aber da war etwas zu gut: am nächsten Morgen lag sie darin mit fünf oder sechs Jungen 171 am Leib. Zu komisch. Solch ein Mäuse-Wochenbett riecht sehr stark, stank mir geradezu in der Luft des kleinen Zeltraumes, also machte ich ein polytechnisches Muster davon, trug das (nun mit Stoff etc. ausgestopfte) Mäusenest hinüber dahin, wo ich meinen konnte, daß da ein Fuchsloch sei, und ließ es da. Brachte der Maus Pranzi jeden Tag, und die machte einen Punkt davon, sich jedesmal - Auge! - erkenntlich zu zeigen, wenn ich für sie gesorgt hatte. Leider kamen schon bald zweie von der Brut um. Daher trug ich den Käfig zurück in den Garten, verbrannte die kleinen Kadaver und stellte die Falle - des Geruchs wegen schon - nicht ins Zelt, sondern draußen auf den Wegansatz. Ich konnte die Maus ja nicht deportieren, weil sie woanders kein Nest haben würde etc., und sie zu ihrem Volk da wieder ins Zelt zu tun, kam nicht an - die Mäuse SIND eine Pest, da kommt derlei nicht infrage. Am übernächsten Tag, als ich nachschaute, war sonderbarerweise der Käfig verschleppt; ein Stoffetzen hing lang heraus, und eine der kleinen Mäuse fehlte. Wie das? Eine Katze? Ein Vogel? Auch tags später war an dem Käfig geplündert worden, und nur ein Mausbaby war übrig. Aber wieder nächstentags fand ich auf dem Gartenabsatz unter dem Zelt den aufgerissenen Kadaver einer feisten Ratte; die hatte das Mausnest geplündert, die Kleinen aufgefressen, war aber auf dem selben Flügel vom Habicht (ein Weibchen, muß ich vermuten, weil das ein sehr großes Tier ist) ergriffen und regelrecht hingerichtet worden. Zur Bestätigung fand der Vogel sich nächstentags, als ich etwas weiterab vom Zelt auf dem Gartenabsatz saß, aß oder tat sonstwas, wieder ein, setzte sich direkt neben dem Zelt auf einen Weißdornast und sah mich lange still an. Dieser Sitz beim Zelt ist offenbar einer seiner Lieblingsplätze, wo er bestimmt öfter nach seinen und meinen Dingen schaut, wenn ich fortbin. Auch sonst fliegt er mir gerne leise, geniale Großartigkeiten vor in dem Raum vor-unter diesem Außenplatz in einer Böschung, wo ich Holunder und Brombeeren weggerautet habe, eben damit dort die Vögel - was die auch gerne tun, mit Verve - einen Extraflug haben. Das langt auch für den Habicht, zeigt er mir, indem er immer wieder mal durch den Raum unter-vor meinem Platz hindurchfladert. Weil nämlich: wo ich die Lieben erfreue und meine das so, da erfreuen die auch gern mich - und meinen das so. Mit solchen Sachen hab ich kein Problem, zu verste- hen, was Eudämonie heißt. Und das Jagdgeschäft - das geht ohnehin im- mer weiter, im Großen wie im Kleinen. Ach ja, und das Aas, die Verunglückten, Terminierten oft aus erkennbarer eigener Absicht: die Tiere mögen das durchaus, wenn man sich ein wenig noch um gewesene Lebensgenossen zu tun macht, sie also von der Straße oder wo sonst sie zuletzt liegen- geblieben sind, ein wenig beiseiteträgt und zum Vergehen etwas plazenter bettet. Besonders gezeigt haben mir das die Amseln, die ja ohnehin gerne 172 die Sitten der Menschen beobachten und wie: hüten, daher wohl die Dinge um Menschentod vielleicht kennen. Als einmal eine vor ein Auto geflogen war und lag tot auf einer Wohnstraße, da trug ich sie beiseite und legte sie unter einen Wacholder (oder dergleichen) in einem Vorgarten. In der folgenden Zeit fanden sich dann Amseln, die mich unter ähnlichen Sträuchern hervor extra und deutlich grüßten, dabei eine Impression wie Klarheit, auch Heiterkeit projizierten. Ah, das darf wohl so stimmen, und was bei Amseln so ausdrücklich stimmt, das gilt wohl so auch bei anderen Tieren, und daher mache ich mir gern, wenn was zu spät gewesen ist, die kleine Mühe, frisch tote Tiere aus dem Weg des eiligsten Mißachtens zu tragen. Nach der Idee meiner sonstigen Lebenswelt sind das meine Leute, die mir auch in ihrem Tod soweit etwas noch sind. Das ist nur eine von den vielen kleinen, beiläufigen Ordentlichkeiten, die ich bei aller sonstigen Muße unterhalten kann, und der große Geist der Lebenswelt vergißt einem so etwas nicht. ...in den Papierchen noch weitere kleine Notizen, etwa diese: Allgemein: an einem beliebigen Ort findet der Betrachter eine Weltszene, die sich in mehrere Zonen teilt: das Selbst, das selbst Bewirkbare, den Horizont- prospekt, das emanativ Gewärtige jenseits dessen, dann diverse Zonen, die fortschreitend immer deutlicher, aber remoter den Endgültigkeits- charakter der Welt verdeutlichen: Fremde, Feindseligkeit, Not und Nötigung. Was damit der Satz meint: bleibe im Lande und nähre Dich redlich! _________

10:02 - 17 October 2007 - post comment


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