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10 ...Fortsetzung 9

Posted in nicht spezifiziert
173 Pneuma der Seele, des Selbstes (statt der Welt) ist der Geist, in Form von Ideen z.B., wie sie nicht: das Tun meinen, sondern real auf die Weltfaçon Pneuma - Logos wirken, sich dort also verewigen wie die Welle, die eine Bewegung erzeugt. Die reelle Auswirkung, mit der ein Wesen sein körperliches Dasein überdauert, kann nur eine "unsichtbare", d.h. personlos mittelbare sein, die der Spuren im weiteren Realen. Das metaphysisch :richtige Leben richtet sein Befinden, seine Gesten danach ein. Aspekt auf: Wille zur Macht. Frage, was in diesem Sinn reinste Form des Daseins ist. Das zeigt sich wohl am Leib mehr als an dem, was ihn umgibt. Deontologie, besonders in der Diät. Damit auch spotlight auf Platon: "Lebe die Idee, die Du bist", als welche Du unbegrenzte Fortdauer des GEISTES in Deinem Dasein erwirkst. Die moralistische Weltschau des Weltgerichts veranschaulicht nur eine Auffassung, wie sie einfachen, barbarischen Menschen spricht. Der ewige Geist ist jenseits Gut & Böse. Damit ein Akzent des christlichen Sinns für Märtyrertum. Verblödet eine Welt, die nur Zwischenmenschlichkeit kennt und die Physik kommuner Lebenserhaltung. Die Idee zu leben, die man ist, das ist im Prinzip ein ganz großer Entwurf. Das eben, was aus jedem Geschöpf ein Simile Gottes macht (Sepia). Es geht nicht um's Gut- oder Bösesein, Rechttun oder Sünde im moralischen Sinn. Es geht um die Reinheit des Seins, des Selbstseins, die Phasenreinheit der Seele sozusagen, die nicht einfach Ich-Psyche ist, sondern inmitten der objektiven, leiblichen Seinsform in reiner Einmaligkeit das ist, als was für immer gewesen sein wird, in Selbst-verhalt und Auswirkung. Die Metapher des Baumes ist für solche Seele sehr weit verbreitet. Die Religion sagt nichts Anderes, aber in Gleichnissen aus der Welt jener Menschen, denen sie den Geist richtet, Vergesellschafteten, auf deren Seelen immer der andere Mensch wirkt, und das Tier. Dämon. _________ ...Eine andere Geschichtsschreibung also aus dem wirklichen Fortgang der Jahre (Planeten, Wetter, Meteorika aller Art) anstelle der Kriegsstaats- geschichte oder der Ephemergeschichte statistischer & soziologischer Art, die vor allem das Befinden der Parasiten in den Häufungen ihrer Errungenschaften beschreibt, den Scheiterhaufen der Eitelkeiten . . . _________ Das klingt manchmal an, und vielleicht ist aus dem, was es sagt und wie, zu sehen, in welchem Licht das zu finden gewesen: das ätherhaft klare, grenzenlose Licht der Berghöhen über der Riviera, wo Zeit eine ganz andere Dimension hat, eine kosmische, und auch der Raum, indem viele Bergformen 174 dort bei genauerem Hinsehen Figuren formen, die anderswo, etwa aus der Mythologie in Ägypten, bekannt sind. Ein Gebirgszug, 1800 m hoch, gleicht da z.B. der Pranke, von vorne her gesehen, der Sphinx; ein anderer Berg, nur ca. 2-300 m hoch in einem Talboden, sieht aus wie eine Motte usw.usw. usw. Die Pflanzen, die da auf ziemlich reinem Kalkgestein wachsen, enthalten viel Menthol und ähnliche Ätherstoffe, was den Rapport mit dem Sternenhimmel verdichtet etc.etc.etc. Da gibt es keine Vordergründe, und die irdische (geotektonische) Welt breitet sich sublim sinnreich vor dem Blick aus, in Weite und Tiefe. _________ Philosophisches Wörterbuch, Stichwort "Schicksal". Ah, das gibt hier Gelegenheit, zu bemerken, daß doch die deutschen Idealisten nicht für einen Deut metaphysisch sind. Wenn es Eines gibt, womit man erweisen kann, was mit dem Geist im Deutschen solcherart falsch ist, dann dieser elementare Aspekt. Diesen Typen ist die große, wirkliche Welt scheißegal, die illuminieren nur ihre idiosynkratisch verallgemeinerten Gewahrheiten für absolut. Als Geist genommen, ist das ein solch brechend gemeiner, um nicht zu sagen: vulgärer Dialekt - es verträgt kein besseres Bemerken. Und die, welche ausgerechnet davon nun auch nichts wissen wollen, kommen kein bißchen besser aus: Horizonte voller rechthabender Völkerscharen, und warte nicht auf Besseres, Wahreres - nicht dort! Wem zu raten sein will, der halte sich an das Wort "Geschick" statt dessen. Das ist personloser und damit wahrer über die Wirklichkeit, den Grund all dessen, was Geschöpfen Geschick bereitet. "Geschöpf", übrigens, dieses Wort sei zu nehmen mit Blick darauf (sieh mal, da ist Thales wieder!), daß in einem Lebewesen die sonstwie gleichgültigen Elemente der physischen Welt in bestimmter Weise zusammen- gebracht und unterhalten sind. Das Wort "Schopf" klingt dabei mit an (ob etymologisch wahrerweise, möchte ich hier nicht debattieren), d.h. das, was den Skalp und damit die Haut zusammenhält, und da ist alles drin, was das Leben ausmacht. Um Thales noch einmal zu bemühen: die Elemente, die sonst in der Welt nichts dergleichen eigentlich sein wollen oder müssen, werden durch einen Humor, den man das Leben nennt, vergleichbar so in somatotroper Bewegtheit gehalten, wie man Kalk und Sand mittels Wassers in etwas Drittes verwandelt, das sich nicht einfach wieder in seine Grund- elemente auflöst. Nur gleichnisweise. Es ist ja so, nicht wahr: wenn sich die Menschenmeinung wie beim üblichen Verstand von "Schöpfung", "Geschöpf" erst einmal bis in gewisse Meinbarkeiten verlaufen hat, und 175 affirmiert sich das nur noch mit der allgemeinen Richtigkeit der Begriffe, von denen das ausging, so muß man diese eben ein wenig illustrativ ausleuchten – vielleicht hilft das was. Von Geschöpfen mag wissen und sagen, wer will, aber von einem Schöpfer, alsooo - besser einen anderen Weg. So nicht. (Etymologie: "Geschöpf", das kommt wohl vom Wort "schaffen". Ein Geschöpf also ist wohl dann ein Wesen, das SICH schafft, indem es sich aus der Welt seine Elemente zusammensucht, sie assimiliert. Das Geschöpf ist das, was sich aus diesem Prozeß hervorgebracht hat in einer notwendigen Weise - es ist da gewissermaßen nicht frei in einem absoluten Sinn, so wie ein Lebewesen im Weiteren seiner Artikulationen doch absolut frei ist damit, wie es diese gestaltet. Der Prozeß aber der Assimilation von Elementen zur Ausstattung der ursprünglichen Lebensgestalt läßt sich gewissermaßen nicht infragestellen - das Lebewesen kann sich in dieser Hinsicht nicht überwinden, sich nur positiv darauf beziehen aus jedem Atom seiner integralen, lebenden Physik, oder im Gebrauch seiner Lebensenergie davon absehen und seine anderweitigen Daseinsbefindungen (Artikulationen) wahrnehmen. Das Geschöpf, das sich schafft, MACHT sich darin also nicht, sondern erhält sich nur und ist Geschöpf, indem seine übrigen Selbstungen, sozusagen, darin absolut umschrieben, umfügt sind. Es baut sich auf, und trägt davon ab, und über sich hinaus, also auch nicht wie von da her über sich, vermag es nicht. Die Welt umher aber nennt es besser: das All, eher als: die Schöpfung. Sprachgebrauch solcher Art ist bequeme, also schlechte Mythologie. Das paßt dem Menschen so, der seine fertigen Begriffe schon hat. Da fühlt er sich in SEINER Welt. Und wohin es damit kommt...) _________ "Wat is dat denn hier!" So kann man doch nicht mit platonischen Gedankenspielen umgehen! _________ "So habet Idee!" "Thanks heaven, grace your day." (Grüßende auf einem höheren Weg.) 176 Geschriebenes besser als bloße Worte. Gesten (Skulptur) besser als Schrift. Proportionen besser als Gestik. Wieso! _________ Kleine Worte aus einer großen Zeit... _________ "Im wandernden Taglicht wandeln unaufhaltsam sich die festesten Formen. Mach dem Licht Gesichte!" und derlei... _________ the sendup channel... _________ Schöpfung (Stichwort im Begriffelexikon): das, eben, was Geschöpfen zuhanden ist im direkteren Sinne zur Lebenserhaltung und der damit weiterhin kohärenten Artikulation, in zweiter Hinsicht, was da noch in weiterem Betracht sein mag. Da Geschöpfe notwendig begrenzt und endlich sind, können sie mit Fug nicht behaupten, dieses Feld der weiteren Daseinsbedingungen zu eignen (: Feudalgeist; die Welt ist ein Lehen, kein Besitz). Bezeichnend, daß der Begriff solcher Schöpfung vor allem die Juden unterhält und daher in weiterer Folge das Christentum und den Islam, Weltweisen, wo man sich von seinem Gott besonders gemeint findet. Darüber war ja hier schon woanders einiges Wort, der Auffassungs-unterschiede wegen hinsichtlich des Verhältnisses von unsterblich allgemeinem und vergänglich individuellem Intellekt, welcher Dissens bezeichnenderweise auf eine Ansage des Aristoteles zurückgeht. _________ Guru talk. Gibbering logic. Trueful smarts. Es muß konstatiert sein, daß es im Angelsächsischen kein Wort gibt, das direkt dem deutschen Begriff "Wahrheit" entspricht. Alle einschlägigen Worte dort haben einen Beiton von praktischer Logik oder personhafter 177 Wahrhaftigkeit. Solche Völker wissen von keiner und haben keine Metaphysik, wenn irgend dieses Wort etwas bezeichnet. So übel ja im Deutschen der Hang zum Substantivieren meist anschlägt, aber zumindest hierin hat man etwas richtig. _________ Höfische Gesten (sogenannte Umgangsformen): direkt als aus dem Gestenspiel guter Tiere erkennbar. Der Handkuß z.B. (wobei die Hand nicht wirklich berührt wird) abgleitet aus der Sitte vieler Tiere, die Welt anzunehmen in Einzelheiten, indem die Nase daran getippt oder sehr nahe gebracht wird. Der Handkuß ist die Geste, mit der man sich in die Aura des damit begrüßten Wesens fügt (sozusagen). Der kommune Wortgebrauch "erheblich" gibt den Sinn einer daher abgeleiteten Geste wieder: das Tier tut die Nase an etwas und hebt dann den so vorgestreckten Kopf, mit einer so ungefähren Bedeutung wie: das ist was! Da ist eine Helligkeit, mit der weiter-zuempfinden es sich vornimmt. Das chinesische Jahr des Pferds steht an: Pferde vertrauen mir gerne, kommen nahe heran, wenn ich das auch erwarten kann, und halten mir die Nase nahe an den Leib, atmen da Wärme und andere Strahlung, ganz ruhig. Manchmal, wenn ich die Hand hinhalte, lecken die mir lange mit ihren seidig festen Zungen in die Handfläche. Merkbar nehmen die da nicht etwas heraus, sondern GEBEN mir eine bestimmte, extra gemeinte Empfindung. Da ist eine deutliche, spürbare Analogie zu Geld (Papiergeld), wie es manche Völker, wo man seit jeher mit dem Pferd lebt, in dichten, lappigen Rollen spazierentragen (Türken, Zigeuner, soweit ich selbst derlei gesehen habe), auch zu der alten chinesischen Sitte, statt mit Geld mit Seidenstoffrollen zu bezahlen... _________ "Der Deismus behauptet eine Indifferenz Gottes nach dem Schöpfungsakt." "Was meint das schon!" der Deismus macht es sich zu einfach, indem die Weitläufigkeit des Logos nicht gesehen wird. Aus dieser alleine wieder kann nicht einfach ein meinender Gott postuliert werden, und die immer nur sich selbst präsente Vernunft verliert für solche Dinge völlig den Begriff. Si si. Gute Vernunft ist nach dem Maß der Welt, wo die selbst sozusagen schon vernünftig ist, also: Vernunft fordert und formt. Verdammt noch mal! _________ ...sich selbst geschenkte Protestanten... 178 Das Problem des Descartes mit der Unverbundenheit der res cogitans und der res extensa kommt wohl damit, daß er in gewisser Weise keinen inneren Atem hat, und dies daher, daß er, sensibel wie er an sich ist, zu sehr totes Fleisch ißt. Rindfleisch vermutlich und solches vom Hirschen. Über Empfindungen damit wird der Geist sehr still und klar, aber kann sich in gewisser Weise nicht bewegen. Der Kernsatz des cogito ergo sum ist auch der präziseste Ausdruck der Wahrnehmung aus solcher Stille. Nicht zufällig auch ist die direkte Nähe zu Pascal, den der Geist der Kuh in anderer Weise plagt. Die Kuh hat eine Periode von drei Wochen, und wer sich ein wenig mit Geist bei ihr umschaut, dem zeigt sie nicht nur ihre präzisen Gewahrheiten und Meinungen mit ihrer Welt, sondern: er wird immer wieder (im Stall) diese oder jene einzelne Kuh finden, die still, wie ein wenig glühend, den Kopf vom Trog weggewendet hält und sich nicht sprechen lassen will. Das ist: sie hat Einkehr, aus einer bestimmten Phase ihrer Periode. Das kann man mitbedenken in Anbetracht von Pascals fiebriger Frömmigkeit, seiner Furcht vor der Konkupiszenz (im Dialekt von Leuten bei der fränkischen Kuh weicht das Wort auf zu: Konkubiszenz - eine Färse, die ich gut kannte, und die mit Anderen zu einem feschen, lustigen Stier war in den Pferch getan, lag wochenlang fast ängstlich da, die Gebeine sorgsam an den Leib gezogen, und kontemplierte die Sache, die von ihr erwartet wurde, wirklich sehr) und seiner finalen Krankheit, wo er sich bezeichnenderweise nur konnte mit warmer Milch nähren lassen. Die Fliege, der spaßige Teufel, macht da auch noch Schatten auf seiner Seele. Condillac, der so einfach zumindest mit einem der zentralen Probleme des Descartes fertigwird, hat seinen Geist dazu vielleicht vom Reh. Dort ist man genialer (und vor allem frei), tut sich kein bißchen weh damit, aus jedem Moment heraus die Welt vollkommen in gutem Augenmaß zu haben. Kühe leben in Herden, mit Blick und Empfindung auf deren weite Mitte hin. Rehe formen kleine Gesellschaften sehr selbstbewußter Individuen, die sich fortwährend darüber unterhalten, was die Welt gerade jedem Einzelnen ist. Die Muße gilt als wichtige Voraussetzung philosophischen Erkennens beim Menschen, das wohl auch deswegen, weil der Mensch gelernt hat, müßig dies und jenes Tun von Tieren mitzusehen und sich davon geistige Bewegung anregen zu lassen. Das ist eines seiner besten und vielleicht das einzig wirklich wahrhafte geistige Talent, das er hat. Die evangelischen Tiere, Adler, Löwe und Stier, haben derlei auch in sich, verschieden akzentuiert. Dort ist es, wo man weise wird, d.h. eine Weise hat, deren Wahrnehmungen und Gesten für sich (die Weise) sprechen, wie lebendes Gesetz in lebenden Tieren, die man gut sieht. Was die Erläuterung zunächst zu Descartes angeht, so muß ich ein wenig darauf bestehen, daß dem so ist. Mit dieser Lehre lassen sich noch ganz andere 179 Verhalte beleuchten. Für hier aber soll nur noch einmal akzentuiert sein, wie er ein akutes Problem hat, Körper und Seele zusammen in einen funktionalen Verhalt zu bringen. Daraus spricht die Mimikry eines ganz anderen allgemeinen Geistes, als es im Sinn der Menschen die Philosophie an sich ist. Frankreich hat zu der Zeit schon die kanadischen und andere Indianer kennengelernt und deren, sagen wir, Metaphysik des Großen Geistes. Dazu diese gewisse Verschlagenheit der Indianer, wie die nicht nur Tiere zu überlisten wissen durch Verstellung, sondern auch den Geist der europäischen Menschen. Diese haben damit heute noch ein Problem (in Amerika), wo es Indianer in solcher Souveränität gar nicht mehr gibt und die Weißen sich sicherlich nicht mehr für Europäer halten. Der Indianer, verkleidet als alte Frau, gibt dem unabweisbaren weißen Mann ein Rätsel, und er gibt es den Galliern, die für seine Wahrnehmung, im Unterschied zu den Angelsachsen, wenigstens eine Seele und interessanten Geist haben. (Mit Angelsachsen kann er nur Geschäft oder Krieg machen, und dann vorführen, wie man sich selbst zerstört.) In Frankreich haben sich auch sonst die Geistformen ferner alter Kulturen recht unmittelbar abgelichtet (China), sobald es verläßlichen Kontakt mit diesen hatte. Da wirkt immerzu die druidische Klugheit fort, die schon die Römer eingefordert hatte und ihnen zu wirklicher Weltmacht mit guter Raison verhalf. Und bei der hohen literarischen Form, die solcher Geist da schon lange hat, übersetzt sich das Rätsel in ein philosophisches Problem, gebunden an den Köder eines interessanten Erkenntnisfortschrittes. Allgemein wäre es eine interessante Aufgabe, die Entwicklung der sogenannten abendländischen Philosophie ein wenig zu konturieren mit einer parallel dazu herausgearbeiteten Geschichtsschreibung zunehmender Interaktion mit anderen Kulturen, auch der Erschließung der Binnenressourcen des Kontinents. Da ist viel interessante Wahrheit. Hinzu die Geistergeschichte der Kommentare aus den Vestigien des ägyptischen Geistes, der sich vor allem durch die Gesten der Römischen Religion und die Ereignungen in Italien seit der Renaissance, also unmittelbar nach dem Enden der Kreuzzüge, bemerkbar macht. Vor allem die Reformation geschah in Reaktion auf Machenschaften, die man vielleicht ein wenig mit diesem Seitenblick sehen könnte. Da spricht eine ähnliche List, diesmal in Respekt auf die animistisch verbockten Deutschen im Walde, wie da fernerhin es die List der Indianer ist, den Galliern ein gutes Rätsel zu stellen. Dies alles hier will natürlich keine Philosophie sein, sondern nur wieder literarische Konjektur. 180 "Ihr habt doch vill eh so Vieh, oder nit?!" Weiter: es ist nicht nur totgeschlagenes Fleisch, was dem Descartes sein Rätsel macht, sondern auch das Holz der Dielen, worauf er seine Füße stellt, woran er sich hält und worin er sich bettet. Auch darin ist ein Lebens-prozeß unterbrochen worden, mit aber allgemein anderem Effekt: daher kommt die genaue Faser, sozusagen, seines Denkens bis zu dem Satz: cogito etc. Der sich heutzutage als einzig mögliche Denkart gebende Utilitarismus, wie er gern alles schon Gewesene und Bekannte nur noch nach seiner Halbart erklärt, kann einem schwerlich deuten, weshalb es den einfachen Menschen in der Feudalzeit bei empfindlichen Strafen verboten war, anderes als Fallholz, das also die Bäume selber abgeworfen oder an den Sturm verloren hatten, für Brennholz zu gebrauchen. Dabei ist das so einfach: aus artemisischer Vorsicht, die nicht ohne Not irgend ein Tier oder eine Pflanze verletzt oder stört. Wo große Bauten, großer Staat mit extra dafür geschlagenem Holz errichtet (und betrieben) werden, da ist schon Raison im Spiel nach der Art großer Gewalt, wie sie ganze Wälder brechen kann. Die kleinen Leute auf das Übrige des Lebensprozesses der Waldbäume zu verweisen, empfiehlt ihnen eine Vorsicht, mit der sie ihre gute Seele behalten können und sollen, in einem artemisischen Sinn. Die Gewaltethiker der Neuzeit sehen darin nur die Machtgeste - das ist Unfug. Solche Regeln umhegen Daseinsfelder, in denen lebende Sorgsamkeit ihre guten Gewahrheiten finden kann. Und wem das nicht hilft - _________ Nur moderne Zustände, oweh! _________ ...ce drôle d'electricité... _________ the sitting theatre... _________ nur logisch. Nur Scheiße. 181 Der Ritus umschreibt, gemessen, den Geist. Der Kult stopft Zumaß mit Empfindung. Methode ergetzt sich an der Präzision der Instrumente. Die Art bedarf nicht viel, zu sein. Was wirklich wahr ist, hat noch nie der Worte viel bedurft (: Lao Tse). Worte macht man, damit Vorurteil Raum gibt (Sokrates). Wer sich nicht kritisch zu Aristoteles befindet, befindet sich falsch ("wie wahr ist das denn jetzt!"); aber wer sich so befindet, befindet sich wie er selber. Das ist der Dreh (wie man hier früher sagte). _________ Sein und Nichtsein: nur das Schauspiel muß leben. Daseinsnüchternheit. Der Satz, mit dem Heideggers Geltung begann: "Der Bub will was sein." Der gottlose kleine Schalk! _________ (Zurück: Es war noch nicht das letzte Wort aus jener Bibliothek; damit:) Eben, im Nachlesen des dort ausführlich Vermerkten schaudert mir doch, nicht über die Formel, sondern über die Ungeheuerlichkeit dessen, womit sie sich finden mußte. So gesagt: ich würde das Kriegstagebuch nicht einmal mehr mit der Kohlenzange von weitem her anfassen. Eine ungeheure Widerlichkeit kommt mir nur davon wieder. Als ich einmal Zeit und Geld dafür übrig hatte, bin ich mit dem Fahrrad nach Paris gefahren, von Aachen her, ein Stück weit durch das Maastal, dann über die Ardennen nach Dinant, von dort über die Höhen westlich des Maasgebirges hin zum Tal der Aisne, längs deren man über Compiegne leicht nach Paris kommt. Überall dort an der Straße finden sich Gedenkmäler für Schlachtfelder, teils auch aus dem Zweiten Weltkrieg. Ein kleiner Ort namens Asfeld war mir in der Karte auf- gefallen, seines deutsch klingenden Namens wegen, den ich als Aasfeld deutete, raisonnierte des Längeren darüber, daß wohl in fränkischen Zeiten müßten nicht wenige Geier in diesem Land gewesen sein und gar, daß der Geier geradezu eines der Wahrtiere der fränkischen Welt gewesen sein müßte, wie die Kuh und der Bär. Asfeld ist ein fast ungefaßt hingestreutes Agglomerat barackenähnlicher Häuser in einer weiten Acker-Hochebene. Ich kam (gegen Ende des Winters war das) des abends gegen halb Zehn in Sichtweite des Platzes, und seltsam: sobald ich das bemerkt hatte, er- 182 loschen zunächst weiträumig leuchtende Lichtbogenlampen bei unerkenn- baren Anlagen am fernen Rand des Ortes. Dann wurden Zug um Zug alle Straßen verdunkelt. Auch Häuser ließen ihr Licht verlöschen, und nur zweie, an denen ich dann auf der völlig dunklen Ortsstraße vorüberkam, ließen noch matt Licht aus buntverglasten Haustüren schimmern. Das war mir (die Verdunklung) ganz recht, weil ich gerne in guter Dunkelheit unterwegs bin, aber die Trefflichkeit dieser Abschaltung erstaunte mich natürlich. Bei der mittleren Aisne (Karl Martell hat da irgendwo ein Gehöft gehabt, wo er sein Alter verbrachte und dann starb) finden sich ziemlich viele Soldatenfriedhöfe, französische, deutsche, amerikanische, englische, holländische und sogar italienische. Bei manchen zeigt man in Fotodokumentationen, eine welch schlammige Malaise diese Plätze ursprünglich gewesen sind, da man die Gefallenen unbedeckt in flachen Erdgruben bestattete. Bei einem deutschen Platz verweilte ich, las einige Namen auf den Grabmälern - das müssen welche weit aus dem Osten, aus Preußen selber, gewesen sein, mit sehr vielen polnischen Namen dabei. Die Friedhöfe dort folgen nahe aufeinander; dann steigt die Straße ein wenig an, wo keine mehr sind, aber eine Tafel zeigt ein Diagramm der Gegend und der Fronten damals, als um einen flachen Sumpf hin links fern genug vor dem Hügel-Randgebirge des Tales eine intensive Schlacht stattgefunden hat, ohne dezisive Veränderungen. Da, wo die Straße auf die Höhe eines flachen Hügelausläufers kommt, ist rechts eine große Weide vor einem Waldrand. Eine Rinderherde weilte dort. Wenn ich auf meinen Wegen an Rinderweiden vorbeikomme, halte ich eigentlich immer an, nehme Stand, damit die Lieben mich zur Kenntnis nehmen können, und gewöhnlich dauert es nicht lange, bis daß einige zu mir kommen, und wir unterhalten uns für eine Weile in Gesten und Gesichtern. Die Kühe merken immer schnell, daß sie an mir einen vor sich haben, der ihre Sitten kennt und ihre Empfindsamkeiten beachtet. So mögen Kühe es beispielsweise nicht, wenn man sie zu streicheln versucht. Der Comment geht so, daß sie einen Menschen (der da zu antworten versteht) mit der Nase begrüßen. Die tippen sie gegen die hingehaltene Hand oder, wie bei mir oft, an die dafür vorgestreckte Stirn. Und so weiter - da ist ein ganzer Kalender von kleinen, so und so sprechenden Gesten- und Blickefolgen, der nach Gefühl aufeinander folgt. Wenn ich für die Kühe derart gegenwärtig geworden bin, gammeln (um das Wort dafür zu nehmen) sie mir meist ein paar Figuren in ihrem Herdenbild vor, verstellen sich ein wenig, so und so, oder bestellen einander Dinge, die sie in solcher Gegenwart mit ein wenig Prinzip gesagt haben wollen, bocken Andere zurecht oder beginnen, einander mittels Hals- und Schulterleckens auszuzeichnen. Die Kühe beweisen mir also oft, was die Geltung in ihrer speziellen Gesellschaft ist, nicht selten 183 auch durchaus mit geistigem Akzent. Kühe sind ein weises Volk. In Nieder- sachsen, wo ein feiner Kuhstamm weitverbreitet ist, brachte ich einst Odermennig-Samen mit, von einer Pflanze, die den Kühen praktisch was ist. Dort, wie anderswo damit auch, hielt ich denen, wenn wir soweit dawaren, die Hand mit diesen Samen hin, und eigentlich jedesmal drückte die Kuh, mit der ich sprach, mit Bedeutung die Nase auf meine Hand: tu das runter, laß das los, streu das aus. Wenn Kühe meine Ausstrahlung (für viele Tiere scheine ich eine Art Halo zu haben, wohindurch sie zu ahnen, zu wissen verstehen, was sonst so an Ihrerlei und deren Welt ich schon bei mir kenne), wenn die meine Austrahlung für einige Zeit deutlich gespürt haben, knicken sie oft eines oder beide Ohren reflexhaft nach hinten, ganz so, wie in England und anderswo einfache Soldaten mit Händen parallel zur Kopf- seite salutieren. Das Ohr bleibt für eine Weile so, knickt dann wieder nach vorne, winkert vielleicht mehrmals wieder usw. und das Sonderbare ist, daß viele Kühe das ohne jeden bewußten Verhalt tun mit dem, was sie sonst so schauen, mit mir mimisieren usw. - das wirkt ganz automatisch. Bei dieser Weide nun, noch in Sichtweite jenes Sumpfes im Talboden diagonal (süd-östlich) gegenüber, saß ich beim Zaun nieder und erwartete, daß dieses normale Spiel der Unterhaltungen auch hier beginne. Ich saß, schaute, wurde auch gesehen, aber nichts dergleichen sonst geschah. Die Herde, mehrerlei Muster meist heller, glattfellig einfarbiger Leute, hielt sich zumeist bei dem vielleicht 200 m entfernten Waldrand, und davor veranstalteten sie merkwürdige, lautlos ruhige Transaktionen. Manche bauten sich ein wenig auf, zeigten sich durchaus, aber kamen kein bißchen nahe. Andere gingen umher, ganz gelassen, von einer Weidegenossin zur anderen, nahmen da so und so Anstand usw. und alles blieb schön bei sich dort in hell blassem, ein wenig buntem und schon warmem Mittagslicht. Gelegentlich schien unbedeutsam diese oder jene Kuh sich beiläufig zum fernen Sumpf zu orientieren. Manche, die mich ein wenig bestimmter ansahen, zeigten sich ein wenig näher her, bis vielleicht in 40, 50 Metern Nähe, wichen dann ruhig wie Nebel wieder zurück, zwei, drei Mal, jeweils seitlich auf der Weide versetzt. Das alles in etwas, das ich bei Kühen für geisterhafte Stille halten muß, denn sonst haben sie Bestimmtheiten in Gesten, Atem usw., die sehr lebendig wirken. Schließlich, als nicht viel mehr geschehen wollte, stand ich auf, grüßte winkend, und fuhr in meinungslosen, aber sonst freundlichen Blicken davon. Ich verstand: der Sumpf dort, der Tausenden von Soldaten das Leben gekostet hat, gehört seit Büffels Zeiten den Rindern. Sumpfböden sind so etwas wie heilige Plätze den Rindern. Wo sie, an Weiden etwa, matschige Ecken haben, stehen sie oft stundenlang reglos mit den Hufen im Mott, denken an gar nichts mehr, halten sich aber in sonderbar still 184 inspiriert wirkenden Versonnenheiten da auf den Füßen. Was Menschenblicke stören kann, Dung, Pisse, Durcheinander aller möglichen Unnennbarkeiten, ist da völlig egal. Eine Kuh mit den Füßen im Schlamm befindet sich da in einer Art Nirwana. Die ist irgendwie weg, obgleich sie einen verklärt anschauen und noch dies und das meinen kann. In manchen alten Sumpfböden hat man Skelette von Uren etc. gefunden - vielleicht gehen manche Rinder mit Absicht dorthin zum Sterben. Jener Sumpf da drüben könnte aber auch für Rinder und andere Tiere ein Mineralschlamm-Freßplatz gewesen sein, so nahe wie er vor einer interessanten Waldhügelseite liegt. Das stille Gestenspiel der Kühe verstand ich so, daß sie mir wiedergaben, wie Soldaten damals auf Kompanieplätzen etc. sich verhalten haben, und das wallende Ungefähr zum Schluß erläuterte, wie die einander feinden Angreifer jeweils sich im Boden genähert haben, aber eigentlich niemals über sichere Schußentfernung nahe herankamen. An einer anderen Strecke der Straße weist man nach rechts hin zur eher felsigen Hügelseite, zum sogenannten Chemin des Dames, der so heißt, weil man dort, vielleicht zu Zeiten Louis XIV oder XV, einiger lauschiger Höhlen wegen einen Promenadenweg für vornehme Damen aus der weiteren Gegend angelegt hat. Im Krieg wurden diese Höhlen ausgebaut, erweitert, als Kasematten benutzt, und eine wilde, lange Artillerieschlacht hat ihretwegen stattgefunden. Dieser Kriegsplatz gehört damit eher zu Hirschen und Rehen, deren letztere bestimmt, bevor der Weg gebaut wurde, die Höhlen oft besucht haben, um dort zu wittern, zu harren, zu lauschen. Es ist leider so, daß, wenn denen solch ein kleiner Himmel auf Erden verdorben wird, auch nur durch die in solchen Dingen relativ feinfühligen Artemisier (die Adligen), sich auf lange Sicht verdeutlichen muß, eine wie empfindliche Heimsuchung das ist, und die Mittel und Wege, das herbeizubringen, finden sich immer, alleine schon aus den Abgründigkeiten der Menschheit, welche die primale Störung schon herbeibrachten. Die Noblen müssen oft ihren Wahrtieren nahetreten, weil die wissen und sehen, was aus übriger Menschenheit unvermeidlich sein will. Die Hirschen haben solcher Dinge wegen noch einige große Zacken auf die Menschheit, welche weit davon entfernt ist, diese alle schon gemerkt und verdeutlicht bekommen zu haben. Die Bibliothek. Die Tagebücher Jüngers aus dem Zweiten Weltkrieg las ich gleich hernach, und damit erst kam ich auf die hier mehrmals gebrachte Bemerkung, ein wie naiver Mensch Jünger ist, ganz gerade, völlig unreflektiert, aber nun, mit der Quasi-Bohême seines Pariser Umgangs, voller Façette. Ich konnte finden, daß ich selber, der seine Ecken in Frankreich kennen sollte, da Anzeichen finden darf, die mich etwas angehen dürfen, 185 rein signifikativ - aber dafür kann Jünger selber nicht, das hat ihm Frankreich so zugespielt, so wie ich, viel später, die Dinge zugespielt bekommen habe, die dem entsprechen wollen. Das nun hier auszutragen, ist wirklich kein Platz. Jünger IST in Frankreich durchaus so positiv angenommen worden, wie er das selber erleben konnte, aber da er ein so gerader, nur in sich selbst wirklich echter Mensch ist, erfolgte das, was Reflexion hätte sein können, aber ihm selbst eben so nicht einfallen wollte, im Wechselspiel seiner Bekanntschaften und Begegnungen. Also: das, was sich zwischen ihm, dem Geraden, und vielen Bekanntschaften in Frankreich und in Belgien abspielt, besorgt in Gewahrheiten der Aspekte, wie sie dem späten Leser erscheinen mögen, gleich unauffälligen Spiegeln in lebenden Bildern das, was solche Reflexion hätte sein mögen. Frankreich nimmt Jüngern wirklich so an, wie er anders nicht sein kann, und besorgt das, fein, präzise, denn: es ist Krieg. Das macht Deutlichkeit, und das ohne allen sonstigen Falsch. Wo er sonst mit anderen deutschen Soldaten, Offizieren meist, über Staat, Macht und politische Sitten nicht: reflektiert, sondern raisonniert, hat er ziemliches Format. Es ist aber zu sehen, daß auch Jene bei den Stäben, die ihn da so vorteilhaft und ehrgültig plazieren, ähnlich um ihn denken, wie Frankreich ihm in ehrlichem Spiel das hinzufügt, was sprechen soll, wo er es nicht tut. Der Shiva-Aspekt macht sich hier auch deutlich, als dieser Halo reflektiv sprechender Verhalte um seine grazile, aber essentiell stille Figur. Ein wenig rottig wird das zum Schluß, als er in seiner Naivität geradezu bloßgestellt wird, indem er sich, fast wahnwitzig, dazu herläßt, einen Befreiungsaufruf mit Blick auf einen möglichen Putsch zu verfassen. Ein anderes, dieses Spiel wie ein Diamantpunkt akzentuierendes Nebendetail taucht mit obstinater Insistenz lange und wiederholt auf: eine nicht weiter erklärte Affaire um einen Tresor und was er darin nicht entdeckt finden möchte. Das will heißen - und auch da muß er das nicht selber meinen - das Gefüge all dieser vielen Ereignisse usw., wie sie zu diesem Buche werden, will eine hermetische Signifikanz beweisen. Dieser Belang signifiziert, was das Tagebuch, als manchmal koketter Spiegel eines Bilderbogens von geistigen und charakterlichen Ereignissen, sein soll: hermetisch gefügt und von diesem Aspekt her alleine aufzuschließen. Shiva-Mystik. Alchemie. Im Ganzen, wieder, ist das viel subtiler, intelligenter und façettenreicher, als man es hier überhaupt anreißen könnte. Ich mag auch hinweisen auf die topologische Gleichheit des Halo-Bogens um tanzende Shiva-Statuetten mit dem hier länger zuvor präsentierten Eisenreif. Was anhand dessen spezifiziert wurde, gilt auch hier, nur, daß diese Ebene innerhalb des Halo (: Zwielicht :: Dämon) von der Figurette des Shiva durchbrochen wird. Die Zwielicht-Ebene des Fidurenhalos aber hilft erklären die sonderbare, 186 seidenhafte Dünne der Bewußtseinsfolie, woran sich alle die Ereignisse etc. abbilden. Was im Halo der Zwielichtschatten der Bildebene ist, pariert sich hier als diese wesenlos wirkende Helle des Bewußtseins, das alles, auch die Akte der eigenen Person, praktisch völlig meinungslos abbildet. Wo er raisonniert, ist er zuverlässig unerhört gebildet und bewußt - und kein bißchen mehr. In Frankreich, bei einem mondän-façetieusen Bürgertum, wo er sich gut befinden würde, sagte man damals gelegentlich zu solchen, deren Scherze etwas zu gewagt auskamen: you're too much, Du bist aber ein bißchen stark. Und das ist er, so, wie er ist. Too much. Was ist das SONST! Und keine Antwort, erst recht nicht aus späteren Tagebüchern oder gar der bloßen Literatur, die er da noch produziert. Soweit - Bfff - Nach diesen Sachen hatte ich erst einmal genug von unfachlicher Literatur. Für einige Monate las ich nur Zeitungen, trank Kaffee, gab mir auch nicht so viel Zeit für diese Sachen, weil es im Städtchen einen guten Stoffladen gibt. Was ich dort kaufen konnte, wollte auch was werden, und dazu brauchte es übrige Zeit für die Nadelarbeiten. Aber prinzipiell blieb ich der Möglichkeit eröffnet, wieder, womöglich durch Zufall, anderen Stoff (literarischen) in dieser Klasse zu finden, anzunehmen, umzusetzen. Solange da nichts spielte oder rief. Im Ganzen beschränkte ich mich auf gelegentliche Besuche beim Philosophenregal, mußerte da nur ein wenig rum, entdeckte dabei die Predigten Meister Eckarts usw., spielte mit den leisesten Möglichkeiten der Philosophiebücher, so, wie das weiter oben hier beschrieben ist ("Ah Du!", Platon usw.) und kam damit zu gewissen Gefügtheiten, die eine Basis abgaben zu dem, was dann als das hier beim Beginn des Textes praktisch improviso Zusammengeschriebene erscheint, alleine angeregt durch eine recht summarische, aber adrette "Kleine Philosophiegeschichte". In derselben Zeit, aber bei Gelegenheiten außerhalb der Bibliothek, konnte ich merken, wie einige bis dahin ziemlich gleichgültige Sachen in Bewegung gerieten. Bisher eher meinungslos unentschieden gelassene Dinge wollten auf einmal in die Form bestimmter Wahrheiten, oder so, und im Ganzen hatte ich den Eindruck, Einiges, das ich bisher so gar nicht entwickelbar gefunden hatte, finde mit Anderem zusammen, und nicht Weniges davon tendiere, quasi auszureifen. Dazu muß man sagen, daß ich mir in zwölf Jahren einen ziemlichen Berg von Notizen zusammengeschrieben, in denen ich immer wieder Wendungen, Fassungen, auch Humore etc. eingeübt hatte. Das klärte nun bei manchen Sachen rapide durch und brachte Vieles von dem, 187 was hier geschrieben steht, in den Atem. Bei der bewährten Unmethode, Philosophie immer nur so passager anregend mitzunehmen und wirklich nie irgendetwas systematisch durchzubüffeln, nahm das kleine Theater oben in der Bücherecke an sich nicht viel Zeit. Wenn ich mich dort festnisten wollte, müßte ich aber so studieren. Die Geschichte, nebenan, gibt's ja auch noch. Aber ich bin der Mensch, der für die meiste Zeit nun mehr geschrieben als gelesen hat. Einfach Schrift fressen kann ich nicht; das kann mich gar nicht interessieren. Also saß ich nun meistens wieder drunten im Parterre, am breiten Vorderfenster, und las dort die Zeitungen. Dort sind 2x2 Sitzplätze, die ich ja nicht alleine benutze. Mein Vorzugsplatz ist manchmal okkupiert. Daher sitze ich an Plätzen, wo die Regale mehr in den Blick fallen. Wie üblich: ganz nebenher traf mein Aufschauen eines Tages dort auf vier schmale, sonderbar gebundene Bücher. Könnte sein - ? ich riet, wußte mir aber nichts, stand auf, schaute nach, ah! Grimmelshausen! An sich fällt mir dazu nichts ein. Sagenhaft ist er, doch in einer Weise, die so alleine mich immer noch nicht dezidiert hätte, extra was drum zu geben. Es ist aber so, daß vor vielleicht zehn Jahren ich mit dem Rad zur Weser hinüber in dann deren Tal hinangefahren bin. Mußte irgendwie sein. Das Wesertal gab was, zeigt einige reizende Besonderheiten wie die, daß dort sehr dichte und fruchtbare Lößlagen sind, die aber talauf immer schmaler werden und schließlich nur noch da und dort plackenweise, wie händevoll hingeschmissen, vorkommen. Ich fuhr ein wenig ins Hessische, nach Kassel, dann nach Thüringen, bis Eisenach und Meiningen. Dabei kam ich irgendwo eine Landstraße entlang, rechts davon ein Bahndamm, bei einer Wegsenke eine Abzweigung nach rechts durch diesen hindurch: nach Grimmelshausen. Ja gut, dachte ich damals, da wird der vielleicht herstammen. Fuhr die Straße weiter, gerade hinan bis wieder auf Ebene mit den Gleisen nebenan, noch ein Stück weiter geradeaus, wo neben der Straße eine Leitplanke verlief. Wo die dann nach Einigem enden wollte, hatte einer auf mich gewartet - das tun manche: Kaninchen und vor allem Mäuse, diese praktisch überall, passen mein Kommen oft ab und laufen ganz nahe vor mir über den Weg. Ich denke mir, die machen sich da eine Karma-Rechnung: über die wachen scharfe Jäger, denen ausgesetzt zu sein immer Lebensgefahr bedeutet. Wenn die nun, aus sonstiger Notwendigkeit oder nicht, jemandem wie mir, der sie zumindest nicht geradeweg für Beute ansieht, über den Weg laufen, so haben die für soweit praktisch eine Ausgesetztheit gut und gewinnen damit ein Quantum existenzialer Freiheit - an sich, in einer Rechnung. Ich muß sagen, daß mir diese oft sich wiederholenden Einhandlungen solcher Art karmatischer Unpikiertheit ziemlich auf den Geist gehen, weil gerade Karnickel und Mäuse, nebst Ratten, mir sonst eine ziemliche Pest sind, mich nicht nur 188 parasitär, sondern systematisch heimsuchen, mir in abartigen Stratagematas irgendwelche Superioritätsmeinungen von sich demonstrieren wollen. Das ist kein bißchen witzig, sondern wirklich blöde Pein. Was aber hier nur still auf mich gewartet hatte, das war ein Maulwurf. Als ich nächst ihm angekommen war und hatte ihn noch gar nicht bemerkt, klackte er unter der Leitplanke wie grüßend hoch, fuhr unmittelbar darauf herum und war in einem der nicht wenigen Löcher dort verschwunden, bevor ich noch vorbeigefahren war. Ah, der gefiel mir, wie mir Maulwürfe überhaupt gefallen, als die einzigen Nager und Wühler, die sich angenehm zu machen verstehen. Oft genug, wenn ich nichtsmeinend in irgend einer stillen Ecke der Natur nur Zeit für mich und Alles hatte, sind welche von denen einfach so, wie: "ich glaub' ich muß Ihnen was sagen", aus einem nahen Loch direkt zu mir her klabastert, machten aber, sobald ich sie bemerkte und wandte mich ihnen angenehm überrascht zu, auf der Stelle "nee, nee, so nicht!" kehrt und beeilten sich ein wenig komisch, wieder in ihrem Loch oder in einem Laubnest zu verschwinden. Andere Nager sind hinterhältig, wühlen sich unter und hinter meinem Lagerbett ein, bauen da unablässig und oft ärgerlich lärmend, mit widerlich klingenden Gierwut-lauten, weiter und steigen mir oft genug mitten in der Nacht, wenn ich schlafe, auf mein Kopflager und kratzen mir (die Mäuse) mit sonderbar meinenden Pfotenbewegungen am Skalp, oder schlimmer (Ratten) hängen mir unversehens ihr weich gesträubtes Bauchfell auf den Schädel und schnurren damit in einem Haßtriumph, daß ich schaudernd und angeekelt davon erwache. Aber Maulwürfe kommen immer des tags, einfach so, unverstellt, und wollen nur nicht mißverstanden sein. Außerdem sind die interessant sinnlich; wenn es gelingt, sie in eine Hand zu bekommen, wühlen sie sich darin voran mit unerwarteter Pfotenkraft, schubsen mit dem dicken, runden Kopf da an, wo sie hinauszukönnen meinen und dabei winden sich, also - Der in Thüringen empfahl mir daher diesen Ort, wo's nach Grimmelshausen geht, und so war mir diese Entdeckung der Bücher hochwillkommen. Den Simplicissimus habe ich seither nun durchgelesen, fand ihn erheiternd alleine deswegen schon, weil da (wieder) vom Strolchen auf alten, damals doch meistens noch erdenen Wegnetzen berichtet wird, die nun längst mit Wut seit meiner Kindheit her meistens, sind mittels Asphaltierens etc. der Raserei überantwortet worden. Bei Grimmelshausen, in dessen Landschaften, ist alles da, voller Kraft, was ich in meiner Kindheit noch habe von der alten Welt wirklich dasein gesehen. Daher gab es viel, und manchmal sonderbar, zu lachen. Ist wahr. Aber das allein, und die Simpel-Geschichte, sind noch nicht Alles. Anders als üblich, so nahm ich mir von dem Buch (Simplicissimus) an die 120 Seiten (doppelt) kopiert mit, um sie zuhause, an meinem Zeltplatz mitten in den Äckern zu lesen, wo der Text, der darin 189 abgebildeten, wirklichen Weltschau wegen, wohl eher hingehört als in irgend ein modern zugerichtetes Haus. Dort sehe ich allezeit des Nachts die Planeten um den Himmel gehen, und in dem damit syntonen, ziemlich absoluten Zeitsinn (der ja bei Lernet-Holenia besonders auf seinen Vers kam) erschließt sich, was Grimmelshausen da schreibt, erkennbar besser. Was einen erstaunen kann, ganz allgemein, das ist die intens dichte und klare Bildung, welche so zu seiner Zeit muß ziemlich allgemein gewesen sein, und die einhergeht mit den so präzisen Respektsformen, die in den Briefen, wie sie im Laufe der Handlung manchmal ausgetauscht werden, sich Ausdruck machen. Im Werdegang der Figur des Simplicissimus wird auch allerhand echter Kenntnis der Wissenschaft, im Besonderen der Chemie und der Astronomie / Astrologie erwähnt. Dabei wird er in den Gesten der Chemie so präzise, daß zu merken ist, wie das wohl nicht nur angelesen ist. Das Vorwort erwähnt, Grimmelshausen habe sich von den damals geltenden, humanistischen Literaten ziemlich mißachtet gefunden - was von hier her sowohl verständlich (der gängigen Bildungsmeinungen wegen) als auch unsinnig erscheint, weil aus der ganzen Romangeschichte, der Dichte, Elastizität und Klarheit der Sprache und was sie WIE abbildet, eine immense, intensive Gebildetheit spricht, wie sie wirklich selten zu finden sein wird. Allgemein würd ich sagen, daß die Geschichte des Simplicissimus den Geist des Arktur abbildet, des tanzenden jungen Bären. Der Arktur selber, ein Stern, befindet sich im Sternenhimmel in einer Gegend hoch über dem Jungfraustern Spica, die selber gelb und eher schattig ist, dieweil Arktur blau und dicht leuchtet. Arktur ist der Hauptstern des Sternbildes Bootes, das meist mit den Nachbarsternbildern Krone (auch als Becher gedeutet in älterer Astronomie) und Herkules als eine zusammengehörige Gruppe aufgefaßt wird. Diese Stern- bilder stehen recht hoch im Himmel und sind daher über die meiste Nacht und lange über's Jahr deutlich zu sehen. Auch das Umfeld dieser Sternbilder-gruppe ist nicht uninteressant, indem sie einmal über der absteigenden Seite des Zodiak schweben, wo also die Sonne in die Wintertiefe hinabzieht (immer, vor dem Sternenhintergrund, nach links, entgegen der Tages- drehung des Himmels, die so erscheint, weil auch der Drehimpuls der Erde sich linksherum dreht). Diese Seite des Zodiak, wo die Sonne entlangzieht, wenn Bäume und Felder (hier auf der Nordhälfte des Planeten) fruchten, der Ertrag des Jahres merkbar wird und heimgebracht sein will, könnte man nennen den Gang des Weltgerichts. Es scheint so, als käme da jedesmal, wenn die Sonne oder die Planeten ihren Weg aus der Höhe des Himmels herabnehmen, deren Meinung (um das so zu nennen) mit den Dingen der Erdenwelt als aktuativer Aplomb in bezeichnenden Ereignissen zur Geltung, vergleichbar Gerichtsurteilen. Müßigerweise könnte man ohnehin 190 zeigen, wie sehr Staats- und Gerichtsgesten elementare Ähnlichkeit zeigen mit dem, als was die Bewegungen der Sonne, der Planeten im Himmelsraum erscheinen, schon alleine in der elementaren Gestik des Auf und Ab, gewisser Verzögerungen etc. - von daher auch bestätigt sich eine Auffassung der in der Philosophie so sinnstiftenden "Urbilder" als Wahrnehmung der prinzipiellen Ähnlichkeit, gar Gleichheit, der Formen und Gnomien (Gesten) im Himmel und bestimmten, hauptsächlichen Entsprechungen an der Erde, nicht nur in der Menschenwelt, denn diese kann sich auch nur beweisen mit den Kräften und Kraftformen der Elemente, der Wesen, womit sie es notwendig zu tun hat. Und so weiter. Auf dem Zodiak zeigen sich also besonders das Sternbild des Löwen, der Jungfrau, der Waage im direkten Umfeld der eben genannten Bildergruppe, hinzu der Schlangenträger mitsamt dem Schlangenkopf, welches Sternbild, manchmal als das 13. des Zodiak apostrophiert, sehr über der Wintertiefe der Planetenbahn in die Höhe steigt, bis in die Gegend des Herkules-Bildes. Der Simplizius also wird (später, nach der eigentlichen Geschichte) gezeichnet als ein hünenhafter, wohlproportionierter Kerl von ruhigem Gemüt (Charakter in Konsonanz sowohl mit dem Herkules als dem Bärentänzer Bootes (Sternbild des Arktur- Sternes), der auch als Jäger bezeichnet wird, ganz wie Simplizius in seiner besten Zeit als glückhafter junger Held in Südwestfalen). Die Zodiak-Neben- bilder charakterisieren daher manche allgemeinen Erscheinungen im barocken Weltbild umher - der Schlangenträger die zunfttüchtigen Städte und das Karawanenwesen, worauf Simplizius dort so trefflich ablegt, raubt diese letzteren (nach der Art von Bären-Hinterhalten) aus und wird geradezu reich davon. Die Virgo gehört zu bestimmten Aspekten adliger Weltschau und Art damit, und der Löwe zu einer allgemeineren Land-Herrschaftlichkeit, wie sie das schon ziemlich entwickelte Territorial-Fürstentum und auch die damit konsonanten Formen weiträumiger Kriegführung charakterisiert. Soweit für den Typ des Simplicissimus selber. Grimmelshausen selbst, der Literat, beweist sich sonst mit der Geschichte als ein Ausbund an tautologischer Finesse, indem er nicht nur den Text in seinen Nebensachen so einfach montiert, sondern auch noch durch den Gang der erzählten Ereignisse diese ohnehin wie naturläufigen Effekte genial benutzt, den Blick des Lesers zu bremsen, während sich die Erscheinung des "Jägers" Simplizius damit illuminiert. Im Beginn der Geschichte ist die Tautologik geradezu krass, viel stärker und deutlicher als in dem erwähnten Beispiel bei Garcia Marquez - der noch kindliche Simplizius wird gezeigt in der Gesellschaft des literarischen Einsiedlers (als dessen leiblicher Sohn er viel später erkannt wird), lernt dort zunächst einmal, in und aus Worten einen allgemeineren Sinn (das Wort Gottes in seinen Formen) zu erkennen, dann zu 191 lesen und zu schreiben, wobei er diese gewisse, besondere Buchstäblichkeit erwirbt, die später den Kommandanten von Hanau an seiner klaren Schrift so verwundert. Als der Einsiedel stirbt, umarmt er seinen jungen Adepten sehr fest und ausdauernd: darin ist unschwer die innige Festigkeit des Kontaktes zwischen Drucktafel und Papier zu erkennen (dieses wurde bei der damaligen Technik davon intensiv skulptiert). Folgt einiges Durcheinander, was den Helden zunächst nach Gelnhausen, dann in die Festung Hanau bringt, mit einem Akzent wie: auf die Toten (die Unerweckbaren), wie sie in ganz Gelnhausen auf der Straße liegen, ist solche Mühe ohnedies vergebens, und bei den schon Klugen, aber etwas durch ihren Lebenscharakter Bornierten braucht es besonderen Witz, den Geist zu retten. Damit die Ereignisse, worüber er sehr hergenommen, zum Narren gemacht wird usw. Dort ist die Tautologik drastisch: die technischen Zustände des gedruckten Buches erscheinen symbolisiert als der Arsch (die beiden Blatthälften mit dem Kniff inmitten), zu eilige Scheiße signifiziert die so ähnlich pechflüssige und stinkige Druckfarbe; deren Dunst, solange sie nicht wirklich trocken ist, aber auch die Emanation des linear durchgelesenen Schriftsinnes als schrecklicher Furz; die bröckelige, aus Bleistücken doch gefügte Schrift der Buchstaben als Kotzbrei aus dem Hals des betrunkenen Kommandanten usw. In dem allen ist G. drastisch wie nur möglich, aber alleweg genial. Folgen weitere Ereignisse, der Raub durch die Kroaten, der Hexenflug, vor allem, womit gesagt sein will: die Sprache muß sich etwas anders verstehen, es braucht wohl so etwas wie Magie. Etc.etc. Ich kann das wirklich nicht in der ganzen Dichte erörtern, wie es sich nachweisen ließe. Es ist ein Genie, das dort spricht und die Dinge so selbstverständlich in genialer Ordnung hat, und ich bemerke eben nur gerne, wie klar und dicht das an manchen Orten der Geschichte besonders wird. Zu genau zu sein, würde einen, eben, so nahe an den Text selber nur bringen, daß er nicht bekömmlicher wäre als das schlimme Theater der Ereignisse in und um Hanau. Allgemein zeigt sich, daß die gewöhnlichen Tautologien, wie sie die Seitenformate strukturieren, hier ganz selbstverständlich stimmen, obgleich ja sicher dieses moderne Buchformat nicht im gleichen Raster ist mit sowohl dem Manuskript wie den ersten Druckausgaben. Ah, das ist so wahr, wie man's nur eben finden kann. Die Geschichte im Ganzen nun so zu erörtern, hat eigentlich keinen Zweck. Es läßt sich aber in dem längeren Kapitel der Zeit des Simplicissimus als junger Held ("dat Jäjerken", der tanzende, junge Arkturbär) in Westfalen herauszeigen, wie nun das tautologische Prinzip bis zur Illumination ausklärt, und das ganz in Konsonanz mit der Geschichtsfigur selber. Die Nähe des Arktur zum Sternbild Virgo erweist sich dabei in mehrerlei Weise, einmal, indem er in einem Stift, dem sogenannten Paradeis, 192 bei schönen und wohlmeinenden Stiftsdamen, einmal sich gründlich sättigen, dazu sich in einer Bibliothek Bildung erwerben und bei einem hessischen Kürschner, der gleich ihm da Salvaguardia hält, das Fechten und Kämpfen erlernen kann, ergänzt durch das Lernen der Wege und vieler Jagdtricks bei einem Jäger. Da, sagt er, kommt er so richtig in die Figur, wird in kurzer Zeit zu einem so jungbärenhaft ganzen Wesen (der Hesse, dabei, will nicht egal sein, indem die Landschaft in Hessen am ehesten der idealen, himmlischen Bärentanzidee passen will - die Menschen selber sind auch oft danach). Folgt Gelegenheit zu erster, selbstgewählter Ausstattung mit Waffen und Kleidern (grün, wie ein Jäger), und dann die längere, intensiv belebende Phase des Bärentanzes, das Ausforschen, Auswarten und Berauben sowohl der Feindgarnisonen selber als der Karawanen, die von daher ihren Weg nehmen wollen. Da wird alles dicht sinnlich, indem es um Stoffe, Geld, Juwelen, Schmuck überhaupt usw. geht. Qualitäten, die sich im Himmel finden im Feld zwischen Arktur, Spica (Virgostern) und dem Löwenbild, als viele, viele Galaxien (diese sind einem kundigen Blick, bei geeigneten Bedingungen, ohne Weiteres mit bloßem Auge erkennbar). Endlich, als das alles so seine Geste, seinen Prospekt gehabt hat, wird er technischer, berichtet von seinen besonderen Hilfsmitteln: einem Perspektiv (Fernrohr) und einem Gerät, mittels dessen er Laute bis über den Horizont auslauschen, daher seine Genossen anweisen kann, was als Nächstes richtigerweise zu tun bleibt. Diese Geräte erscheinen ein wenig magisch, signifizieren vor allem innere seelische Klarheiten, die aus der Selbstwerdung des illuminativen Bärentänzercharakters mitentstehen. Ich kann von mir sagen, daß ich solche verfeinerten Sinne habe, aus einem Welt-Seelengeist, wie er aus allgemeiner Erlebensgeschichte wohl oft entsteht. An sich, äußerlich, bin ich eher schwerhörig, besonders bei Menschenstimmen, die sich vor allem in den Gewohnheiten innerhalb Häusern herausgeprägt haben. Auch bin ich kurzsichtig genug, daß ich Sterne und die Schattenränder am Mond nicht mehr genau sehen kann. Aber das scheint kein Schade zu sein – im Gegenteil: die Ungenauigkeit direkter Wahrnehmung bringt es mit sich, daß ich einwärts direkter Sinneswahrnehmung, wo in der Auffassung des Bemerkten ohnehin die Sinnesdaten müssen mit mehr ungefähr gefaßten Perzeptionen, die in ihrer Dynamik mehr dem Charakter des Atemleibes gleichen, abgeglichen werden aus einer Art genialer Schätzung, Dinge präziser wahrnehme, als sie selbst guten Sinnen direkt erscheinen können. Katzen haben sich oft und gerne in spielerischen Gesten mit mir unterhalten, und von daher, möchte ich meinen, habe ich sympathetischerweise eine innere Gewahrheit, aus der ich nachts in klarer Luft fast ebensogut nicht: höre, sondern: perzipiere wie eine Katze, und beim Augenlicht beweist sich 193 die Präzision eher in einem ahnenden Wissen um die guten Momente für besondere Beobachtungen, wie bei Meteoritenfall exemplifiziert. Die Ungenauigkeit meiner äußeren Sinne schützt mich geradezu vor zu akuter Wahrnehmung, welche doch oft eher blendet und bannt. Dies alles macht natürlich erst Sinn mit einem klaren Soma (Diät) und einem in sich wachen, präzisen Bewegungssinn, der auch auf leichte Anregung schnell und genau antwortet, selbst im Ungefähren. Solcherart also ist die sinnliche Klarheit, der mit dem Fernrohr und dem Lauschgerät des "Jägers" objektive Form gegeben wird. Ist bis dahin die Tanzfigur des Bären dicht und lebendig geworden, so folgen nun technische Präzisionen, die wieder texttautologisch verstanden werden können: es werden Schuhe ins Bild gebracht, denen die Absätze unter den Vorderfuß getan sind; Pferde werden linksherum mit den Hufeisen benagelt - das einmal mitten unterwegs, wo doch das Hufeannageln eine wirklich schwere Arbeit ist. Dazu werden die Bewegungssinne des Auf und Ab (besonders in der Gespensterszene, wo er den Schatz findet, der ihn für ein Leben lang hätte salviert) verdeutlicht und teilweise umgekehrt. Alle üblichen Wegesinne werden so aufgelöst durch den Gegenlauf, äußere Verwirrung usw., und der kundige Blick sieht doch dort, daß damit dem mittlerweilen Gewöhntsein der Bewegungssinne des Lesens selber, zeilenweise von links nach rechts und oben nach unten, Einhalt geboten wird, während im Textbild selber, das wie filigran durchsichtig wird, die Gestalt des Jägers selber innehält, Stand gewinnt und wie leuchtklar wird. Wie die danach folgende Geschichte vom Fund eines Schatzes im Keller eines gespenstischen Adelshauses zeigt, darf man sich das vollkommen genügen lassen - das langt für immer, indem solch reine Divinität der Erscheinung sich nur in irdischen Variationen des doch vollkommen gewordenen Themas verbrauchen und abbilden kann. Aber dies ist die Sache selber. Bezeichnenderweise da etwa die Szene, wo er wie einer von Stand mit jungen Adligen bei den Stadtmädchen auf Schau geht und wird beeifersüchtigt, für komisch genommen, weil er virgin ist und auch bleiben will. Dem antwortet ein Mädchen sehr positiv: das Virgo-Spica-Thema; die Spica ist in sich selbst eher unhell, begeistert die Sinne eigentlich nicht, aber in Distanz zum Arktur sowohl räumlich wie in sensualen Qualitäten (der Arktur ist lebhaft hellblau) ist eine interessante, sprechende Spannung. Auch muß man hier wohl den Charakter von Sternen hinzusehen, die das weitere Bild dort beleben, besonders den schönen, lebhaft flackernden Antares im Skorpion (damit die aufflammende, helle Eifersucht zwischen ihm und den anderen Stutzern usw.usw.). Tja. So, wie das Buch, die Geschichte, oder das sinnliche Ereignis der Simplizius-Saga bis dahin ist, wüßte ich einen idealen Platz dafür neben 194 einem anderen, dem Tibetanischen Totenbuch. Dieses ist das Register, aus dem der Simplizius ein leuchtendes Beispiel vorführt, in vollkommenster Entsprechung. Im Totenbuch wird ein Bild der Erscheinung hervorgestellt, da sollen vergegenwärtigt sein die Farben des Regenbogens, bis auf die grüne, weil diese Phase dort nicht vollkommen ist. Wie im Simplizius auch, so kann man bei bestimmten Stellen (die deshalb so heißen) des Textes anhalten, sich auf das Vergegenwärtigte mit aller Vorstellung richten, und soll dann eigentlich sich daraus lösen, etwa, indem man von dem offenliegenden Buch aufsteht und schaut nach Weiterem; es lesen aber die so Gewöhnten meist weiter, bis ans Ende des Buches, wo's recht unruhig ist und nur noch Wiedergeburt wartet, ein Verfang in gleichgültiger Wahrnehmung der Zeugungsarbeit irgendeines Paares, Tier oder Mensch; "ja, das ist so" sagt das in solcher Gewiß-Gewahrheit - wo der Leser aber in die Phasen-schau gerät, da das Grüne will fehlen, da sagt ihm die Vergegenwärtigung schon, daß er da, und wohl immer, zu weit geht, indem er sich von der Perzeption "grün" treiben läßt, so wie natürliches Grün treibt oder der tanzende Bär als der "Jäger" sich in der grünen Landschaft Westfalens rastlos, aber mit Energie und Sinn, umtut. Ideal buddhagleich aber ist die still inten-se, leuchtend durchsichtige Qualität "grün", und Grimmelshausen gibt den Tibetanern ihre Raison darin rein wieder (vergleichbar den Widerreden, mit denen er den Simplizius sich behaupten läßt gegen Andere), indem erst das Spiel des Jägertanzes umgeht und er dann sich in dieser Phase, wo der Text illuminiert anhält, in leuchtender, dicht grün umschienener Bodhissatva-Klarheit nur so vergegenwärtigt; deshalb alleine schon gehört er direkt zum Totenbuch. Ein anderes Moment, das ihn mit dem Totenbuch in geradezu identische Ordnung stellt, ist das Ideom (sozusagen) des Wunschkörpers, wie es die Tibetaner vorstellen: in einer Seelenwanderungsphase erkennt der Wandernde sich als ein Wesen von äußerster Sinnen-Seelenvollkommenheit, kann Dinge in aller Schärfe sinnlich wahrnehmen, selbst wenn er zu Leb- ( = Leibes) Zeiten blind, taub usw. gewesen ist. Wie sich das verhält, habe ich ja da eben an meinen eigenen Wahrnehmungen herzu erläutert, und wo man sich mit Platon daher befindet, ist damit auch nur klar. Klarheiten gibt es ja bei Grimmelshausen oft, in leuchtender Tiefe, wie etwa in der Sage vom Mummelsee, welche die Simplizius-Geschichte im Ganzen beschließt. Dies alles, was ich hier nun erörtert habe, ist mir aus der tatsächlichen, einfach systematischen Lektüre der Geschichte geworden, aber was mich zuvor daher für die Sagenhaftigkeit des Grimmelshausenschen Geistes einnahm, war wieder eine Kleinigkeit, die das glückliche Händchen erwirkt hatte. Zu Beginn hatt ich, wie üblich, nur Textproben da und dort aus den Büchern durch den Kopierer gezogen, und dabei war das Ende 195 einer der Geschichten um das wunderbarliche Vogelnest, mittels dessen Menschen sich unsichtbar machen können, benutzen das zu ihrem vermeintlichen Vorteil und finden nur Verderben. Das ist bezaubernd, traf aber ohnehin auf eine aktuelle Erdenkung in mir, gerade zuvor gefunden, die doch zu gut damit paßt. Ein solches kleines Vogelnest besteht aus lauter Gräschen, ringsumher alle ineinander gewoben. Darin ruht nicht nur der Vogel oder das Vogelpaar - das könnten die meistens auch in Grasnestern, Zweigen usw. schon, sondern: in solchem Nest wird ja das Ei (an sich) im Vogelleib erwirkt, gelegt, bebrütet - da ist jeder Vogel Phoenix. Soweit über Vogel- nester an sich. Aber nun: weshalb man da sollte im Klardurchsichtigen einfach verschwinden, bei doch erhaltener und weiter wirkfähiger Körper- lichkeit - das ist nicht erklärt, bleibt ein Wunder, der Zauber der Geschichte. Aber, wie gesagt, das kam mir wirklich recht. In Frankreich die ganze Zeit (besonders in den 80ern) bin ich ja nicht nur umhergefahren, auf die Berge gewandert, hab nicht nur meinen frugalen Tag besorgt mit dem, was Reisende in den Zügen an Essen liegen ließen, und hab mich nicht nur mit spaßigen Tieren unterhalten, sondern, ich wollte ja auch ein wenig Ordnung und Mitte in meine so allgemeinen Wahrnehmungen bekommen. Dazu half mir einmal das Studium der vielen verschiedenen Zeitungen, die neben Dreck und Eßbarem die gewisseste Ware auf verlassenen Zügen sind. Das alleine half, meinen in deutschen Existenzunmöglichkeiten ziemlich verklebten Kopf wieder klar und lebendig zu bekommen. In ziemlich kurzer Zeit erwarb ich mir eine recht fertige Kenntnis der französischen und italienischen Sprache - nur so perzeptiv, in der Schrift; sprechen kann ich in diesen Zungen praktisch so wenig wie zu Beginn - und fand Belebung in der Wahrnehmung so vieler verschiedener Ereignisformen, Menschencharaktere (nach Typen, Nationen, Zuständen) wie nur irgend möglich, so, wie sich das dort abbildete. Vor allem zeigte sich, daß Zeitungen geistig sein können, etwas, das an deutschen (oder germanischen überhaupt) Zeitungen mir nicht gelingen will, zu finden. Dort bleibt's - was den Intellekt angeht, Ereignisse sind da öfters schon was - beim Charakter, und Geist, das ist dem, wie's beißt, und es IST nicht genug. Feuilleton hat ja manchmal was zu bringen, aber das taugt im Ganzen und Einzelnen wohl doch nur zur Anregung, als Humorisation für Funktionsformen des Intellekts, die eher mit Intestinalwahrnehmungen gehen. Was los, aber nicht das, was sein will.

10:05 - 17 October 2007 - post comment


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