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Pilgerwege im Glauben | ||||||||||||
Persönlichkeitsbildung und Glaubensvermittlung - Zum Potential geistlicher Gemeinschaften
03:50, 12 February 2011
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Geistliche Gemeinschaften beruhen nicht auf einem Zweck. Das verleiht ihnen eine besondere Fruchtbarkeit. Eine geistliche Gemeinschaft stellt nach dem Neuen Testament eine Vorwegerfahrung, ein Zeichen des Reiches Gottes dar. In ihr scheint etwas auf von der endgültigen Erlösung der Schöpfung am Ende der Tage und damit auch von der endgültigen Befriedung des menschlichen Miteinanders. Gerade in den ersten Jahrhunderten nach Christi Auferstehung besass die Gemeinschaft der Christen für Aussendstehende eine grosse Anziehungskraft. In der Gewissheit, dass mit dem Kommen Jesu das reich Gottes angebrochen ist, lebten die Christen anders als ihre Umgeben. Das müssen die heidnischen Zeitgenossen gespürt haben, als sie nicht nur über die "schönen Gottesdienste" der frühen Christen staunten, sondern auch angesichts ihres Umgangs miteinander ausriefen: "Seht, wie lieb sie sich haben!" Sie bildeten eine Kontrastgemeinschaft gegenüber der übrigen Gesellschaft. Zu den Unterschieden gehörte z.B. die Fürsorge für die Armen, Kranken und Einsamen.
Gerade dieses Andere, dieses Revolutionäre machte die Gemeinschaft der frühen Christen für Aussenstehende so anziehend. Es ist gut, diesen weiten Horizont christlicher Gemeinschaft in Erinnerung zu behalten. Vom Gedanken des Reiches Gottes her wehte im Verlauf der Kirchengeschichte immer wieder ein frischer Wind in müde gewordene geistliche Gemeinschaften.
Geistliche Gemeinschaften als Orte der Persönlichkeitsbildung
OFFENHEIT UND VERTRAUENE
Wer erkannt hat, dass er als Mensch immer wieder schuldig wird - die Väter und sagten: wem aufgegangen ist, dass er ein Sünder ist-, kann das kräfteverzehrende Unternehmen einstellen, den eigenen Heiligenschein zu putzen und damit für andere hinter einer frommen Fassade unkenntlich zu blieben und sie mit frommen oder unfrommen Phrasen abzuspeisen. Stattdessen darf er lernen, fröhlich und gelöst auf andere zuzugehen und diese an sich heranzulassen. In seiner Auseinandersetzung mit der Gemeinde von Korinth schreibt Paulus, dass sein Herz ihnen gegenüber weit geworden ist. Im Gegenzug bittet er sie: "Stellt euch doch zu mir auch so, und macht auch ihr euer Herz weit!" (2. Kor 6,13)
Leider ist eine Ansammlung von Christen nicht schon automatisch eine geistliche Gemeinschaft, in der Vertrauen und Offenheit das Klima bestimmen. Eine solche Bruder-(Schwestern-)schaft lässt sich nicht organisieren. Sie muss wachsen. Das Wachstum lässt sich nicht beschleunigen, vielmehr muss man warten können, Geduld aufbringen, im Glauben vertrauen und dafür beten. Geistliche Gemeinschaft bleibt ein Gottesgeschenk. Immer aber entsteht sie aus dem Erschrecken über die Brüchigkeit der menschlichen Existenz, letztlich aus der Erkenntnis und dem Bekenntnis der eigenen Unbrüderlichkeit und Lieblosigkeit.
Voraussetzung für Vertrauen und Offenheit in einer geistlichen Gemeinschaft ist die Erkenntnis, dass Christsein nicht mit moralischer Vollkommenheit zu verwechseln ist. Martin Luther hat zu Recht gesagt: "Hüte dich, je solche Reinheit anzustreben, dass du vor dir nicht mehr als Sünder erscheinen willst, ja gar keiner mehr sein willst. Denn Christus wohnt nur unter Sündern. Dazu kam er ja vom Himmel, wo er unter Gerechten wohnte, damit er auch unter Sündern Wohnung nehme. Solcher seiner Liebe sinne immer wieder nach. Und du wirst seinen süssen Trost erfahren." Ein Problem vieler Christen und geistlicher Gemeinschaften besteht darin, dass sie angesichts des christlichen Ideals, das sie sich als Massstab gesetzt haben, die Augen vor der tatsächlichen Wirklichkeit verschliessen, weil die Wahrheit zu schmerzhaft wäre. Der bekannte englische Schriftsteller Thomas S. Elliot meinte: "Der Mensch verträgt nur wenig Wirklichkeit." Leider scheint das gerade für Christen zu gelten, obwohl wir doch so viel von Vergebung reden und im Prinzip auch wissen, dass wir durch Jesus Vergebung und damit Frieden mit unserer Vergangenheit finden können.
2. EHRFURCHT UND GEHEIMNIS
Vertrauen und Offenheit als Merkmale einer geistlichen Gemeinschaft sind allerdings nicht mit plumper Vertraulichkeit und Kumpanei zu verwechseln. Vertrauen und Offenheit voreinander dürfen nicht die Ehrfurcht vor der unzerstörbaren Würde des anderen und die Achtung vor dem Geheimnis seiner Persönlichkeit beeinträchtigen. Voraussetzung dafür, dass eine Gruppe den einzelnen respektiert und achtet, ist eine Atmosphäre der Freiheit. Sie entsteht, wo erkannt wird: Gott will nicht Uniformierung, sondern hat Freude an der Vielfalt und Unterschiedlichkeit - wie unschwer bereits an der unendlichen Verschiedenheit der menschlichen Gesichter zu erkennen ist. Dazu kommt, dass christliche Gemeinschaft nicht mit unmittelbarer, seelischer Gemeinschaft verwechselt werden darf, sondern ihren bleibenden Grund in der gemeinsamen Liebe zu Jesus und seiner Botschaft hat. Zwischen dem anderen und mir steht Jesus. Es gibt keine seelischen Unmittelbarkeiten. In einer geistlichen Gemeinschaft zu leben, bedeutet auch, die eigene unverwechselbare Identität behalten und entwickeln zu können.
3. KREATIVITÄT UND BEGABUNG
Ein Zeichen für die Gesundheit einer Gemeinschaft ist, dass sie dazu beiträgt, dass die Mitglieder ihre Identität entfalten und weiterentwickeln können. Jedes Mitglied einer geistlichen Gemeinschaft ist zwar verschieden, aber gerade darin zum Nutzen aller begabt. Ohne Planung, ohne ein Interesse am Charisma bleiben diese Begabungen jedoch unentdeckt, unentwickelt und ungenutzt. Darum ist zu überlegen: Wie können geistliche Gemeinschaften zu einem Erfahrungsraum für die Charismen werden? Wer hilft, dass Begabungen entdeckt bzw. zugesprochen werden? Wer ermutigt junge Menschen in einer Gruppe dazu, ihre Begabungen einzubringen? Wie wird im Leben einer Gemeinschaft das Zusammenspiel der unterschiedlichen Begabungen sichtbar?
Die geistliche Gemeinschaft könnte auf diese Weise zum Vorbild für die übrige Gesellschaft werden. Gerade die Unterschiedlichkeit der Begabungen stellt paradoxerweise ein gemeinschaftsstiftendes Potentiala dar. Weil kein Christ alle Gaben besitzt, ist er auf die anderen Glieder der Gemeinschaft angewiesen. Die Angst vieler Zeitgenossen vor dem Anderen und Fremden ist in einer immer pluralistischer und unüberschaubarer werdenden Gesellschaft verständlich. Die vom Geist begabte christliche Gemeinschaft kann angesichts dieser Situation deutlich machen: Enorme Verschiedenartigkeit und liebevolle Einheit müssen sich nicht ausschliessen, sondern bedingen sich gegenseitig. Die geistliche Gemeinschaft ist ein Raum, in dem die Andersartigkeit des Anderen nicht als Bedrohung, sondern als Ergänzung und Bereicherung erfahren werden kann. Mehr noch: sie macht sichtbar, dass die bleibende Andersartigkeit der Anderen die Voraussetzung dafür ist, dass mein eigenes Leben gelingt und dass umgekehrt meine besondere Eigenheit dazu hilft, dass das Leben der Anderen bereichert wird. Gleichzeit bietet die geistliche Gemeinschaft angesichts einer Massengesellschaft mit ihren Uniformierungstendenzen die Chance, zum Raum kreativer Freiheit zu werden, in dem sich die unterschiedlichsten Begabungen entfalten können.
4. SEELSORGE UND BEZIEHUNGSFÄHIGKEIT
Die geistliche Gemeinschaft bietet Menschen - jungen und alten - die Chance aus ihrer Einsamkeit herauszutreten und auf dem Weg zur Beziehungsfähigkeit voranzukommen. Wir leben in einer Gesellschaft, die von zunehmender Versachlichung und Brüchigkeit der zwischenmenschlichen Beziehungen geprägt ist. Schon vor Jahren lautete die Überschrift eines Artikels zum Thema Ehe in der Zeitschrift Der Spiegel: "Dauerhaft ist nur die Trennung". Die Errungenschaften der Technik haben den Irrglauben an die Machbarkeit aller Dinge bewirkt. Dieser Machbarkeitswahn hat auch die zwischenmenschlichen Beziehungen erfasst. Überdies führte der um sich greifende Materialismus dazu, dass wir die anderen Menschen - häufig unbewusst - nach ihrem Nutzen für uns beurteilen. Als Folge bringen wir kaum den langen Atem auf, der nötig ist, eine Beziehung auch dann noch aufrechtzuerhalten, wenn Schwierigkeiten das Miteinander belasten.
5. ALLTAG UND FEST
Es ist gut, das sich eine geistliche Gemeinschaft nicht im erbaulichen Miteinander-Frommsein erschöpft, sondern dass die gemeinsame Arbeit, das Teilen des Alltags dazu gehört. Einerseits muss sich das Frommsein gerade im Alltag bewähren. Die fromme Fassade lässt sich dabei nicht lange aufrechterhalten. Andererseits gehört zum Menschsein Arbeit.
Zur geistlichen Gemeinschaft gehört aber nicht nur, miteinander geistliche Erkenntnisse zu gewinnen und miteinander zu arbeiten. Zu ihr gehören auch Fest und Freude. Sie ist nicht bloss eine Zweckgemeinschaft. Es muss auch Raum sein zum absichtslosen Miteinander, zu Spiel und Spass, zu Fest und Freude.
Auf dem Weg nach Weihnachten
10:16, 25 December 2010
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Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, eine Herrlichkeit, wie sie der einzige Sohn vom Vater hat, voll Gnade und Wahrheit. Joh. 1,14
"Wer etwas findet, das er höher achtet als das Leben selbst, fängt von da an erst richtig zu leben an." (Gilbert K. Chesterton) Jesus hat uns mit seiner Verkündigung des Reiches Gottes gesagt, was wir höher als das Leben achten könnten - und das funktioniert tatsächlich! Die Bibel schliesst damit, dass sie uns sagt, wir seien ein Volk, das rufen kann: "Komm, Herr Jesus!" (Offenbarung 22,20); das also mehr als business as usual imKopf haben und stattdessen in einem grossen Zusammenhang, in Gottes Gesamtbild leben kann. Wir müssen alle um die Gnade bitten, etwas höher zu stellen als unser kleines Leben, denn uns ist angeboten worden, Anteil zu erhalten am Leben selbst, an dem einen Leben, am Ewigen Leben, an Gottes Leben, das in Jesus in dieser Welt sichtbar geworden ist. Dahin kommen wir nicht durch Wohlanständigkeit. Wir finden den Anschluss, indem wir uns verbinden lassen. Das ist wie eine "kostenlose kabelfreie" Verbindung!
Letzten Endes können wir das Reich Gottes mit Jesus Christus selbst gleichsetzen. Wenn wir am heutigen Weihnachtsfest beten: "Komm, Herr Jesus!", dann heisst das, dass wir seine Herrschaft jedem anderen Bezugsrahmen vorziehen. Wenn Jesus der Herr ist, dann ist der Kaiser nicht der Herr! Wenn Jesus der Herr ist, dann sind die Wirtschaft und die Aktienbörse nicht der Herr! Wenn Jesus der Herr ist, dann sind mein Haus und mein Besitz, meine Familie und mein Beruf nicht der Herr! Wenn Jesus der Herr ist, dann bin nicht ich selbst der Herr! Diese vielschichtige Konsequenz war im ersten Jahrhundert den Bewohnern des Römischen Reichs recht bewusst, denn der Spruch "Der Kaiser ist der Herr!" war der Loyalitätstest des Imperiums und sein politisches Bekenntnis. Als die Christen Jesus als "Herrn" begrüssen, anstatt dem römischen Kaiser als "Erlöser" zu feiern, wussten sie, dass sie damit "die Partei gewechselt" hatten - und die anderen wussten das auch.
Im Grunde suchen wir alle nach einem, dem wir uns ganz überlassen können; nach etwas, das wir höher als das Leben selbst achten können. Und da kommt diese wunderbare Überraschung: Gott ist der Einzige, dem wir uns ganz überlassen können, ohne dabei uns selbst zu verlieren. Das Paradoxe daran ist, dass wir uns bei ihm erst richtig selbst finden, und zwar jetzt in einem ganz neuen Bedeutungszusammenhang. Das erleben wir im kleineren Massstab auch in jeder grossen Liebe, und immer gehört dazu ein Sprung aus Glaube und Vertrauen, der der Zeit vorauseilt. Im Vorhinein können wir nie ganz sicher sein, ob die Liebe trägt. Unser praktischer Menschenverstand findet das zwar bedenklich, aber das ist die Verheissung, die an diesem Weihnachtstag zur Welt kam, "voller Gnade und Wahrheit". Jesus ist das Geschenk schlechthin, umsonst gegeben, ein für alle Mal gegeben, für jeden Menschen und für die gesamte Schöpfung. der auferstandene kosmische Christus ist wirklich die "kostenlose kabelfreie" Verbindung zu Gott, und wir brauchen uns bloss anzuschliessen.
Von nun an hat die Menschheit das Recht zu erfahren: Es ist gut, ein Mensch zu sein. Es ist gut, auf dieser Erde zu leben. Es ist gut, einen Leib zu haben. Denn in Jesus wählte Gott selbst unser Menschsein und sagte zu ihm "Ja" . In der Menschwerdung geschieht bereits die Erlösung." Das Problem ist gelöst. Geht jetzt und geniesst alle weiteren Tage. ES ist nicht nur "immer Advent", sondern jeder Tag kann jetzt auch Weihnachten sein, denn der, auf den wir eben noch zu warten glaubten, ist bereits ein für alle Mal gekommen.
Auferstehung
11:30, 4 April 2010
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Am ersten Tag der Woche, als es in der Frühe noch dunkel war, lief Maria aus Magdala dorthin zur Grabhöhle. Da entdeckte sie, dass der Verschlussstein vom Grabeingang entfernt worden war. Sie lief zu Simon Petrus und dem anderen Schüler von Jesus, dem, den er besonders lieb hatte, und sagte zu ihnen: "Jemand hat den Meister aus dem Grab weggenommen und wir wisse nicht, wo sie ihn hingelegt haben!" Petrus kam sofort aus dem Haus, genauso wie uach der andere Schüler von Jesus. Sie liefen zusammen los, aber der andere lief voraus, denn er war schneller als Petrus, nd kam als Erster zum Gab. Er bückte sich und schaute durch die Eingangsöffnung, ohne hineinzugehen. Da sah er die Leinentücher liegen. Da kam auch schon Simon Petrus hinter ihm her und ging in das Grab hinein. Auch er sah die Leinentücher, die da lagen. Das Gesichtstuch, das um seinen Kopf gewickelt worden war, lag getrennt von den anderen Tüchern, zusammengerollt an einer Stelle. Danach ging auch der andere Nachfolger, der asl Erster beim Grab angekommen war, hinein. Das, was er dort sah, brachte ihn zum Glauben. Doch verstanden sie zu diesem Zeitpunkt die Aussagen in Gottes Buch noch nicht, die davon sprachen, dass Jesus wieder von den Toten auferstehen sollte. Dann kehrten die beiden Jesusschüler wieder an den Ort zurück, wo sie sich aufhielten. Aber Maria blieb bei dem Felsgrab stehen. Sie stand draussen und weinte. Dabei bückte sie sich und schaute in die Grabkammer hinein. In dem Augenblick sah sie zwei Gottesboten in strahlend weisser Kleidung. Sie sassen in der Grabkammer, der eine am Kopfende der Steinbank, der andere am Fussende, dort, wo der Körper von Jesus gelegen hatte. Sie sagten zu ihr: "Frau, warum weinst du?" Maria antwortete ihnen: "Sie haben doch meinen Herrn weggenommen und ich weiss nicht, wo sie ihn hingelegt haben!" Nach diesen Worten drehte sie sich um und sah Jesus dort stehen. Aber sie merkte nicht, dass es Jesus war. Aber Jesus sagte zu ihr: "Frau, warum weinst du denn? Wen suchst du?" Maria meinte, dass er der Gartenarbeiter war, und sagte: "Mein Herr, wenn du ihn umgebetet hast, dann sag mir, wo du ihn hingetragen hast. Dann kann ich ihn holen." Dch Jesus sagte nur: "Maria!" Da drehte sie sich zu ihm um und sagte: "Rabbuni!" Das ist Hebräisch und bedeutet "Lehrer". Da sagte Jesus zu ihr: "Berühre mich nicht! Denn ich bin noch nicht hinaufgegangen zu meinem Vater, in seine Wirklichkeit. Du aber, geh hin zu meinen Geschwistern und übermittle ihnen diese Botschaft: "Ich gehe hjetzt hinauf zu meinem Vater, der auch euer Vater ist, zu meinem Gott, der auch euer Gott ist!" Da ging Maria, die aus Magdala, los und berichtete den Schülern von Jesus, dass sie ihn, den Herrn, gesehen hatte, und dass er ihr diese Botschaft anvertraut hatte. Die Botschaft von Karfreitag
05:02, 2 April 2010
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Da nahm Pilatus Jesus in seine Gewalt und befahl, ihn auszupeitschen. Danach machten die Soldaten einen Kranz aus Dornzweigen und setzten den auf den Kopf von Jesus. Ausserdem hängten sie ihm ein dunkelrotes Obergewand über. Dann traten sie an ihn heran und sprachen: "Heil dir, du König der Judäer!" Dabei schlugen sie ihm ins Gesicht. Schliesslich kam Pilatus wieder aus dem Palast und sagte: "Schaut her! Ich bringe ihn zu euch heraus, damit ihr begreift, dass ich bei ihm keine Schuld finden kann!" Da kam Jesus heraus, mit dem Dornenkranz und dem dunkelroten Mantel. Pilatus sagte zu ihnen: "Schaut! Das ist der Mensch!" Als die obersten Priester und ihre Diener Jesu zu Gesicht bekamen, schrien sie laut: "Ans Kreuz mit ihm! Ans Kreuz mit ihm!" Da sagte Pilatus: "Dann nehmt ihr ihn doch und nagelt ihn ans Kreuz! Denn ich selbst finde bei ihm keine Schuld!" Die führenden Judäer sagten zu ihm: "Wir haben ein Gesetz, und nach diesem Gesetz muss er sterben, denn er hat sich selbst als Sohn Gottes ausgegeben." Als Pilatus diese Aussage hörte, wurde er von grosser Furcht erfasst und ging wieder in das Prätorium hinein. Dann fragte er Jesus: "Von wo kommst du?" Aber Jesus gab ihm keine Antwort. Da sagte Pilatus: "Du sprichst nicht mit mir? Weisst du denn nicht, dass ich die Vollmacht habe, dich freizulassen, und genauso, dich ans Kreuz nageln lassen?" Jesus antwortete: "Du hättest überhaupt keine Macht über mich, wenn du sie nicht von oben übertragen bekommen hättest. Deshalb hat der, der mich dir ausgeliefert hat, grösseres Schuld auf sich geladen." Von diesem Augenblick an suchte Pilatus nach einer Möglichkeit, ihn freizulassen. Aber die Judäer schrien: "Wen du diesen freilässt, dann zeigst du damit, dass du den Titel "Freund des Kaisers" nicht verdienst! Denn jeder, der sich selbst zum König erklärt, stellt sich damit gegen den Kaiser!" Als Pilatus diese Worte hörte, liess er Jesus noch einmal herausführen. ER setzte sich auf seinen Richterstuhl an der Stelle, die "Steinpflaster" heisst, auf Hebräisch Gabbata. Das war am Rüsttag des Passafestes, etwa um zwölf Uhr mittags. Dann sagte er zu den Judäern: "Schaut her, das ist euer König!" Aber die schrien: "Weg mit ihm! Weg mit ihm! Kreuzige ihn!" Da sagte Pilatus: "Ich soll euren König ans Kreuz nageln lassen?" Die obersten Priester antworteten: "Wir haben keinen anderen König als den römischen Kaiser!" Ans Kreuz geschlagen Spiritualitaet und Volkskirche
01:22, 14 February 2010
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Überlegungen zu geistlichen Kernen in evangelischen VolkskirchenDas Verhältnis zwischen Mainstream-Kirchen und ganzheitlicher christlicher Spiritualität ist spätestens seit Konstantin zum Problem geworden. Genau in der Zeit, in der das Christentum im römischen Reich legalisiert und assimiliert wurde, begannen Menschen aus der "Welt" in die Wüste auszuweichen, um dort allein oder gemeinsam ein radikales Christentum zu leben. Daraus entwickelten sich die Klöster. Klöster und Orden waren in der Zeit bis zur Reformation das dominierende Rollenmodell für alle, die geistlich mehr wollten als die passive Teilnahme an Gottesdiensten und anderen Ritualen. Wer ausserhalb der kirchlich akzeptierten Modelle dieses Ziel verfolgt, lief Gefahr, ausgegrenzt und möglicherweise um seine Existenz gebracht zu werden. Als Orte radikal gelebter Christlichkeit haben Klöster immer wieder die Kirche und die europäische Kultur insgesamt inspiriert und bereichert. Die Frage nach dem Verhältnis zwischen Klöstern und flächendeckender kirchlicher Versorgung blieb aber letztlich ungeklärt. An dieser Stelle setzte später die Kritik Martin Luthers an: Er lehnte den Ordensstand als elitäres Christentum ab und bestand darauf, dass jeder Christ ein Heiliger sei. Seine alltägliche Arbeit könne genauso zum Lob Gottes beitragen wie die geistlichen Übungen der Nonnen und Mönche. Darüber hinaus sei es ein grosser Schaden, wenn entschieden gelebtes Christentum und Ehelosigkeit so fest zusammengebunden werden, wie es im Mönchtum geschah. So berechtigt diese Kritik Luthers war - sie löste doch nicht das dahinterstehende Problem: Welches Rollenmodell steht für Menschen zur Verfügung, die ein radikales, ganzheitliches Christentum leben wollen? Die Kirchen der Reformation haben als Antwort auf diese Frage so etwas wie eine geniale Notlösung gefunden: das evangelische Pfarrhaus. Schon der ehemalige Mönch Martin Luther prägte dieses Bild, denn er lebte interessanterweise auch nach seiner Heirat weiterhin im Wittenberger Augustinerkloster. Wo früher Mönche gebetet und gebraut haben, braute nun Katharina Luther Wittenbergisch Bier, und Martin Luther diskutierte bei Tisch mit Melanchthon und anderen Freunden über Theologie, Politik und anderes. Lutherische "Tischreden", die anschliessend aufgezeichnet wurden, sind Teil jeder grösseren Luther-Ausgabe. In der Nachfolge dieses Modells verbinden sich im evangelischen Pfarrhaus idealerweise intellektueller Austausch, hauswirtschaftliche Produktion, seelsorgerlicher Zuspruch, kulturelle Kompetenz, Gastfreundschaft und reicher Kindersegen. Bis auf Letzteren, sind dies auch immer zentrale Kennzeichen der Klöster gewesen. Damit bekam jede Ortsgemeinde in ihrer Mitte ein geistliches Zentrum, das stärker und ganzheitlicher sein konnte als ein zölibatär lebender Priester, aber schwächer war als der Konvent eines Klosters. Und tatsächlich haben Pfarrhäuser geistlich und gesellschaftlich über lange Zeit eine herausragende Rolle gespielt. Unzählige Menschen haben in Pfarrhäusern Schutz gefunden. Gegenüber diesem flächendeckenden Standardmodell des "Evangelischen Pfarrhauses" sind andere evangelische Gemeinschaften (wie die Herrnhuter, pietistische Gruppen oder christliche Jugendverbände) in der Kirche vergleichsweise Randerscheinungen geblieben. Aber natürlich hat dieses Modell auch gravierende Schattenseiten. Die Überforderung des Pfarrers und seiner Angehörigen durch ein Leben als christliche Modellfamilie brachte Rebellen ebenso wie gebrochene Charaktere hervor. Die obrigkeitliche Aufsicht und die herkömmliche Sitte sperrten alle in ein Korsett von Regeln. Die materielle Abhängigkeit von der Gemeinde beeinträchtigte den Dienst. Die Isolation auf dem Lande erschwerte den lebendigen Austausch. Die Versuchung oder Unterstellung, ein obrigkeitlicher "Pfarrherr" zu sein, trennte den Geistlichen von der Gemeinde. Vor allem blieb die Frage offen, was denn im Erfolgsfall mit denen geschehen sollte, die sich von diesem geistlichen Zentrum anstecken liessen. Sollten sie etwa auch alle Pfarrer werden? Im Unterschied zu den Orden war das Pfarrhaus zwar gemeindenah, und das ist ein wichtiger Pluspunkt. Es ist aber als Rollenmodell nur begrenzt reproduzierbar. Viele Diskussionen um kirchliche Berufsbilder oder die Stellung der ehrenamtlichen Mitarbeiter lassen sich auch als eine Auseinandersetzung mit der Frage lesen, welche Rollenmodelle die Kirchen einem engagierten Christen über den Pfarrer-Beruf hinaus bereithalten. Wie gut oder schlecht das Modell des Pfarrhauses in der Vergangenheit als geistliches Zentrum funktioniert hat, mögen andere entscheiden. In der Gegenwart erleben wir eine massive Schwächung evangelischer Pfarrhäuser, nicht zuletzt durch zurückgehende Finanzen. Bisher hat oft noch die Person des Pfarrers und sein Engagement das Amt getragen. Durch die zunehmende Arbeitsverdichtung wird das inzwischen immer schwieriger. Aber auch im Kern der Institution existiert ein massives Defizit: ein kraftvolles geistliches Leben im Zentrum der Gemeinde, das Pastoren, Pastorinnen und anderen Mitarbeitern die nötige Inspiration für ihre Arbeit mit den Menschen geben könnte, findet in der Regel nicht statt. Genau die Quelle, aus der jede kirchliche Aktion gespeist werden müsste, fliesst spärlich oder ist am Versiegen. Das oft beklagte Phänomen, dass das gegenwärtig neu erwachende religiöse Interesse die etablierten Volkskirchen ignorieren, findet hier seine Erklärung. Und ohne eine Erneuerung im Zentrum der Organisation wird sich daran auch so schnell nichts ändern. Was können wir aus diesem Rückblick lernen? Zunächst einmal zeigt sich aus dieser Perspektive, dass wir schon sehr lange mit der Spannung von Mainstream-Kirche und radikalem, entschiedenem, engagierten Christentum leben. Vielleicht wird diese Spannung eines Tages überwunden sein, dessen bin ich zuversichtlich, aber nach menschlichem Ermessen werden wir noch einige Zeit mit ihr leben müssen. Unsere Überlegungen sollten sich deshalb darauf richten, wie sich diese Spannung für alle Beteiligten produktiver organisieren lässt: Denn durch die Trennung nehmen beide Seiten Schaden: Der Volkskirche fehlt die geistliche Stärke, um für die Menschen erkennbar Gott zu repräsentieren; und geistlichen Gemeinschaften jeder Art fehlt oft der breite Zugang zur Gesellschaft, der für volkskirchliche Ortsgemeinden - wenn sie ihn haben wollen - verhältnismässig leicht herzustellen ist. Zum andern können wir entdecken, dass die Kirche ihre geistliche Stärke von den in ihrer Mitte existierenden Keimzellen eines authentisch gelebten Christentums erhalten hat - egal, ob Orden, Pfarrhäusern oder andere Gemeinschaften. Dass eine ganze Geminde mit all ihren volkskirchlichen Mitgliedern ein intensives geistliches Leben entwickelt, ist ja vermutlich erst im Himmel zu erwarten - wenn überhaupt. Für die Erneuerung der Mainstream-Kirchen sind darum leicht zugängliche geistliche Gemeinschaften in ihrer Mitte von zentraler Bedeutung. Um lebendig zu bleiben, brauchen Gemeinden Raum für unterschiedliche geistliche Geschindigkeiten und Intensitäten. Eine nach unten gerichtete Angleichung auf den kleinsten gemiensamen Nenner wäre tödlich. Deshalb sind volkskirchliche Ortsgemeinden auf geistliche Zentren in ihrer Mitte angewiesen, deren Ausstrahlung bis an die Ränder und darüber hinaus reicht. Solche geistlichen Keimzellen können aber nur gedeihen, wo sie sich nach ihrer eigenen Logik entwickeln dürfen und nicht in die Zwänge kirchlicher Gesetze und Organisationsinteressen gesperrt werden. Es muss ein faires Miteinander geben, in dem niemand über den Tisch gezogen wird. Somit stellt sich die Frage: Wie können heute solche Zellen gelebten Christentums aussehen, die nicht die Orientierung auf die Volkskirchen und ihrer Mitglieder aufgaben, sich aber auch nicht deren Gesetzen unterwerfen? Wie können Zentren entstehen, die das Erbe von Klöstern und Pfarrhäusern aufnehmen, aber ihre Problematik vermeiden? Ich möchte sechs Kennzeichen solcher Kerne beschreiben. 1. Ein gemeinsamer geistlicher Lebensstil Die wichtigste Aufgabe eines solchen Kerns ist es, einen gemeinsamen Zugang zur Wirklichkeit Gottes zu finden und ihn für sich und andere offenzuhalten. Diese Aufgabe besteht auch unabhängig von der volkskirchlichen Problematik. Sie stellt sich aber im volkskirchlichen Kontext auf eigene Weise. Das besondere Kennzeichen der Volkskirche besteht gegenwärtig darin, dass hier ein kontinuierlicher Kontakt zur breiten Normalbevölkerung besteht. Dadurch ist auch der Wirklichkeitsbezug umfassender. Ausserdem ist die Binnenkultur in der Regel offener für Einflüsse aus der Gesellschaft als in manchen freikirchlichen Milieus. Das ist Vor- und Nachteil zugleich. Einerseits besteht die Gefhar eines massiven Identitätsverlustes. Andererseits haben geistliche Gemeinschaften im volkskirchlichen Umfeld mehr Spielraum, um unabhängig von autoritativen, angeblich "biblischen", Traditionen ihren eigenen Weg zum lebendigen Gott zu finden. Taizé und Ökologie, Gospel und kreative Arbeit mit Kindern, Tafeln für Bedürftige und Stundengebet, Glaubenskurse und Anbetungsmusik - dies alles und noch mehr steht im Prinzip zur Verfügung und wartet darauf, ob Gemeinschaften es in ihre geisltiche DNA aufnehmen. Die eigentliche Aufgabe besteht in der Auswahl, Kombination und Anpassung vorhandener Möglichkeiten. So können sich sehr originelle Profile ergeben, die eben nicht örtliche Kopien von Bewegung X oder Prediger Y sind, aber auch nicht die lokalen Filialen landeskirchlicher Arbeitsstellen. Stattdessen entsteht ein eigenständiger Remix, bei dem die Anschlussfähigkeit für die Menschen des jeweiligen Ortes zum wichtigen Kriterium wird. Denn die Zugangsschwelle zu intensiv gelebtem Christentum ist niedriger, wenn dabei an Vorerfahrungen angeknüpft werden kann. Im volkskirchlichen Raum zählen dazu vor allem Erfahrungen aus dem Kindergottesdienst, der Kinder- und Jugendarbeit sowie der Konfirmandenzeit. Es fällt auf, dass ein Grossteil dieser Vorerfahrungen kinder- und jugendorientiert ist. Tragfähige Rollenmodelle für die christliche Praxis im Erwachsenalter sind nicht zufällig Mangelware, und es gehört zu den wichtigsten Aufgaben geistlicher Kerne im landeskirchlichen Rahmen, diese neu zu entwickeln. Anleihen aus dem freikirchlichen Bereich bringen nämlich ihre eigene Problematik mit und nehmen gerade die Stärken der volkskirchlichen Situation - die potenziellen Offenheit gegenüber der Gesellschaft - oft nur ungenügend wahr. Wer in einer freikirchlichen Umgebung christlich sozialisiert worden ist, erlebt die Landeskirche häufig nur als defizitär! Aus all diesen Gründen wird es einen gewissen Abstand zum kirchlichen Betrieb, aber auch zu anderen Einflüssen brauchen, um einen gemeinsamen geistlichen Lebensstil wachsen zu lassen. Es geht hier wirklich um Pionierarbeit. Dies ist aber genau die Chance der grossen Volkskirchen: Es besteht der Spielraum, mit der ganzen Gemeinde oder kleineren Gemeinschaften noch einmal von vorne anzufangen, und dabei trotzdem nicht die Normalbevölkerung aus dem Blick zu verlieren. Ich will nicht verschweigen, dass solche Versuche durchaus Konflikte mit sich bringen können. Jedoch ist hier die Toleranz im letzten Jahrzehnt erheblich gewachsen. Die Einsicht, dass man nicht ewig von der Substanz leben kann und neue Wege gebahnt werden müssen, breitet sich inzwischen anscheinend auch auf der Leitungsebene der Kirche aus. Zum geisltichen Profil solcher Gemeinschaften gehörten zwingend gemeinsame Formen geistlicher Praxis wie Andachten und Gebetszeiten. Dennoch möchte ich bewusst nicht von einem "gemeinsamen geistlichen Rhythmus" sprechen. Zu schnell assoziiert man damit feste Gebetszeiten, wie sie zum klösterlichen Alltag gehören. Für eine Gemeinschaft, die Berufstätige verschiedenster Branchen ebenso umfasst wie Männer und Frauen, die für ihre Familie arbeiten, ist dass kein sinnvolles Modell. Sie wird unterschiedliche Rhythmen ermöglichen und ihren Mitgliedern helfen, den jeweils persönlich sinnvollen geistlichen Lebensstil zu finden. Trotzdem bedeutet das keine Beliebigkeit. Die Unterschiedlichkeit der äusseren Lebensumstände fordert gerade dazu heraus, ein geistliches Profil zu entwickeln. das sich in vielfältiger Form umsetzen lässt. Sie mutet der Gemeinschaft zu, ihre Identität nicht in einer einheitlichen Lebensgestaltung zu suchen, sondern in einer gemeinsamen Grundausrichtung. Dass das eine anspruchsvolle Aufgabe ist, liegt auf der Hand. Bewältigt werden kann sie nur mit einer sehr hohen Kommunikationsdichte. Deshalb ist als nächstes Kennzeichen zu nennen: 2. Ein dichtes Kommunikationsnetz Der Aufbau einer neuen Gemeinschaft vollzieht sich vor allem durch gemeinsame Gedankenarbeit. Um miteinander neue Wege zu beschreiten, müssen Menschen eine erhebliche Menge an symbolischen Inhalten miteinander abgleichen und neu formulieren. Diese Gedankenarbeit kann nicht wesentlich verringert, wohl aber durch eine günstige Umgebung erleichtert und beschleunigt werden. Ein entscheidender Faktor dafür ist die Geschwindigkeit, mit der Gedanken unter den Mitgliedern der Gemeinschaft zirkulieren können. Ein dichtes Kommunikationsnetz beschleunigt diesen Prozess ungemein. Ob dieses Netz durch persönliche Kontakte, regelmässige Treffen, das Telefon, das Internet oder eher durch eine Kombination unterschiedlicher Kanäle geknüpft wird, ist letztlich nicht entscheidend. Trotzdem bietet das Internet die Chance für eine erhebliche Steigerung der Kommunikationsdichte. Auch für Gemeinschaften, deren Mitglieder sich normalerweise in sehr unterschiedlichen Lebenswelten und Lebensrhythmen bewegen. Soziale Netze im Web - wie z.B. Facebook, Twitter oder Friendfeed - sorgen schon längst dafür, dass Familien, Firmen und Freundeskreise auch über grosse Entfernung in regelmässigem Kontakt stehen und Gedankenaustausch pflegen können. Auch in Teilen der Christenheit gibt es inzwischen auf diese Weise einen weltweiten Austausch von Gedanken und Ideen in Echtzeit. Diese Möglichkeit wird in örtlichen Gemeinschaften noch viel zu wenig genutzt. Sie würde den gemeinsamen Denkprozess erheblich intensivieren. Jedes Netzwerk braucht Knotenpunkte. Sie bilden sich dort, wo regelmässige, verlässliche Kontaktaufnahme zum Netzwerk möglich ist. Natürlich gehören Gruppentreffen, Gottesdienste und Andachten dazu. Wenn es aber gelingt, christliche Familien, Häuser und Wohngemeinschaften als Knotenpunkte des Netzwerkes zu nutzen, ist dies in der Regel eine grosse Stärkung. Nicht alle werden in solchen Gemeinschaften leben können, aber viele können sich - wie in neutestamentlicher Zeit - an ihnen orientieren. Wo kontinuierlich Ansprechpartner vorhanden sind, verdichtet sich das Kommunikationsnetz erheblich. 3. Gemeinsame Theologie Das Bekenntnis zum Priestertum aller Gläubigen beziehungswiese Getauften ist in evangelischen Volkskirchen eine Selbstverständlichkeit. Über die faktische Müdigkeit in theologischen Fragen ist damit aber noch nicht viel gesagt. Tatsächlich ist die theologische Kompetenz in der Regel vor allem in der Person des Pfarrers als ausgebildetem Spezialisten konzentriert. Die Leugnung dieser Tatsache ist nicht hilfreich. Denn erst wenn der Pfarrer seine Rolle als für die Gemeinde zuständiger Intellektueller annimmt, kann er zu einem Klima beitragen, das von der Freude am Denken und der Neugier auf unbekannten Realitäten geprägt ist. Denn natürlich gehört es zu den wichtigsten Aufgaben geistlicher Kernen, sich furchtlos den rapiden Veränderungen unserer Lebenswelt zu stellen und sie auch denkerisch zu verarbeiten. Theologie besteht ja nicht in der mantrahaften Wiederholung vertrauter Lehrsätze, sondern in der Suche nach der Handschrift des lebendigen Gottes mitten in der bunten Vielfalt der Wirklichkeit. Theologie ist Expedition ins Unbekannte. Und als theologische Gemeinschaften haben christliche Gruppen die Chance, Wege im Dschungel der Wirklichkeit zu entdecken, die sich Einzelnen nicht erschliessen würden. Gemeinschaften, die gemeinsam Theologie betreiben, verfügen über breite Zugänge zur Wirklichkeit und müssen nicht so schnell vor komplexen Zusammenhängen von Wirtschaft, Ökologie und Kultur kapitulieren. 4. Eine belastbare Beziehungskultur Nicht zu leugnen ist, dass solche Expeditionen ins Unbekannte erhebliche Belastungen für den Zusammenhalt von Gruppen mit sich bringen. Umso wichtiger ist es, dass in geistlichen Kernen eine Beziehungskultur gepfelgt wird, die den üblichen Gemeinschaftskillern - Tabuisierungen, Zickigkeiten, Meckern, Rivalitäten, Machtspielchen - wenig Raum lässt. Es gehört zu den zentralen volkskirchlichen Problemzonen, dass das Niveau des zwischenmenschlichen Umgangs immer gefährdet ist. Die Entwicklung eines von geringer Neurotizität geprägten Umgangsstils ist deshalb die zentrale und nie abgeschlossene Herausforderung für geistliche Zentren - gerade innerhalb der Volkskirche. Viel gewonnen ist schon, wenn diese Aufgabe ausdrücklich erkannt und angenommen wird. 5. Gemeinsame Produktion Beim Studium der Geschichte christlicher Lebensgemeinschaften stösst man immer wieder auf die wichtige Rolle der materiellen Produktion. Sie umfasste beileibe nicht nur das Bierbrauen. In karolingischer Zeit dienten Klöster sogar als Musterbetriebe, die erheblich zur Entwicklung des Landes beitrugen. Ich kann hier nur darauf hinweisen, dass die beinahe völlige Abwesenheit von echter Produktion in christlichen Gemeinschaften ein Problem darstellt. Der auch kommerzielle Aufstieg kreativer Tüftler und technologischer Beziehungsarbeiter scheint zurzeit an den Gemeinden vorbeizulaufen. Dabei müssten die heutigen Erwartung an Leitungs- und Kommunikationsfähigkeiten gerade von christlichen Grundlagen aus besonders gut zu erfüllen sein. Die Schaffung echter Arbeitsplätze könnte dazu führen, dass Gemeinden auf neue Weise ernst genommen würden. Betriebe wären darüber hinaus ideale Knotenpunkte für ein christliches Kommunikationsnetzwerk. Sie könnten auch Gemeinden materiell unabhängier machen. 6. Gemeinsamer Dienst in der Kirche Durch die Anbindung an Ortsgemeinden erschliessen sich geistlichen Kernen beinahe von selbst Kontakte, die freie Initiativen erst mühsam herstellen müssen. Entscheidend wird es sein, ob diese Möglichkeiten auch genutzt werden. Dabei geht es um missionale Präsenz in der Normalbevölkerung einer Region. Eine klare, geistliche Ausrichtung ist dabei langfristig eher hilfreich, solange sie authentisch, beweglich und menschenfreundlich bleibt. Mit einer solchen Gemeinschaft im Rücken kommt auch der Dienst von Pfarrern, Pfarrerinnen und anderen Mitarbeitenden aus der Defensive heraus. Die Präsenz einer profilierten christlichen Gemeinschaft, innerhalb der Gemeinde kommuniziert besser als jede Predigt, dass das Evangelium echte Lebensveränderung zum Ziel hat. Gemeinsames Leben
03:18, 7 February 2010
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Was ist unser Auftrag? Reich Gottes sichtbar zu machen... Wir sind geschaffen, damit Reich Gottes gebaut wird und Gott in seiner Schöpfung sichtbar wird. Reich Gottes bauen bedeutet, die Realität der Herrschaft Jesu in dieser Welt sichtbar und fassbar zu machen durch unser Leben. Darin liegt die Bestimmung und Erfüllung des Menschen. Was Jesus am Kreuz vollbrachte, wollen wir in Jesu Namen in diese Schöpfung hinein bezeugen und so Licht in diese Finsternis hineinbringen. Wir wollen die frohe Botschaft aus Römer 8 verkünden: "So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind." Das ist die frohe Botschaft der Erlösung, der Befreiung von der Besetzungsmacht des Bösen. Wo Menschen immer mehr in das Wesen von Jesus verwandelt werden, da wächst das Reich Gottes. Es kommt. Es etabliert sich und wird sichtbar in dieser Welt. Gleichzeitig wird das Reich der Finsternis vertrieben. Als Lebens- und Arbeitsgemeinschaft wollen wir, dass das Reich Gottes in uns und durch uns gebaut wird. Die Offenbarung der Versöhnung Gottes mit dem Menschen in Jesus soll in uns spürbar und sichtbar werden. Das ist Ziel und Inhalt unseres Lebens. Im Lesen des folgenden Lehrtextes werdet Ihr feststellen, dass man in der Auseinandersetzung mit dem Reich Gottes immer wieder auf dieselben Dinge zurückkommen wird. So unendlich vielfältig, kreativ und farbig das Reich Gottes ist, so einfach ist das, was wesentlich ist. Es ist so einfach, dass Jesus sagte: "Vater, ich danke dir, dass du das den Einfachen und Unmündigen offenbart hast." (Math.11) - und nicht denen, die den Eindruck haben, für sie sei die Einfachheit eine Zumutung. Was Gott absolut wesentlich ist, hat er den Einfachen offenbart, denn sein Reich kann sich nur in einem Herzen entfalten, das sich seiner Armut und Bedürftigkeit bewusst wird und bekennt: "Herr, sei mir armem Sünder gnädig!"
Gemeinsames Leben wird oft missverständlich und einseitig als Möglichkeit gesehen, wo lebensunfähige, schwache Menschen einen vor den harten Anforderungen des Lebens geschützten Lebensraum finden; eine Möglichkeit, die eigenen Nöte und Grenzen, vor allem aber die eigene Einsamkeit loszuwerden und Geborgenheit und Umsorgtwerden zu erfahren. Doch Beziehung im biblischen Sinn, die Grundlage aller Gemeinschaft, meint etwas ganz anderes. Beziehung im biblischen Sinn heisst, von sich selber wegschauen, ganz auf den anderen ausgerichtet sein, mich be-ziehen auf den anderen. In welchem Umfang, in welcher Tiefe und Verbindlichkeit ich mein Leben mit meinem Bruder teile, mich auf ihn beziehe, ist Ausdruck meiner ganz persönlichen Beziehung zu Gott Vater. "Wer seinen Bruder, den er vor Augen hat, nicht liebt, der vermag Gott, den er nicht gesehen hat, erst recht nicht zu lieben" (1. Joh. 4,20). Meine Liebe zu Gott muss in der Liebe zum Bruder sichtbar werden. Gemeinsam leben - das ist nicht nur Angelegenheit der Menschen, die miteinander in einem Haus, einem Zentrum oder Kloster wohnen und somit natürlicherweise ihren Alltag teilen. Wir als Lebensgemeinschaft sind nicht an einem Ort zentralisiert. Bewusst leben wir in der Stadt verteilt in verschiedenen Haushaltungen, um unter den Menschen als Licht zu leuchten. Wir nehmen bewusst Zeitaufwand, Weg und Einschränkungen in Kauf, damit wir uns mehrmals wöchentlich treffen können zu Gebet, gemeinsamem Essen und Austauschen, Lehre, Gottesdienst, gemeinsamem Arbeiten und Verbringen der Freizeit. Um diese Verbindlichkeiten und Abmachungen einzuhalten und zu füllen, braucht es eine innere Entschiedenheit. Diese verbindlichen Strukturen ermöglichen es uns, immer wieder zueinander zu finden, unser individuelles Leben miteinander zu teilen, einander zu ermutigen, zu stärken und zurechtzubringen.
Um die grundsätzlichen Zusammenhänge meiner ganz persönlichen Gottesbeziehung und dem gemeinsamen Leben in der Tiefe zu verstehen, ist es wichtig, Gottes Schöpfungsgedanken zu begreifen. Gott schuf den Menschen als sein Gegenüber, um mit ihm Gemeinschaft zu haben; denn Gott ist ein Gott der Beziehung. Gemeinschaft ist demnach weder Organisation noch Institution, sondern Ausdruck gelebter Beziehung. Das Ziel der gesamten Schöpfung war und ist Gemeinschaft: Gemeinschaft der Menschen mit Gott, der Menschen untereinander und der Menschen mit der ganzen restlichen Schöpfung. Gott hat den Menschen als ein Beziehungswesen geschaffen, das sein Selbstverständnis, seine Identität, seine Sicherheit, Geborgenheit, seinen Frieden - alles, was sein Leben ausmacht, nur dann erfährt, wenn es in Beziehung zu ihm, seinem Schöpfer, lebt. Gott, der sich den Menschen als sein Gegenüber geschaffen hat, hat ihn nach seinem Bilde als Liebeswesen geschaffen. Gott wollte den Menschen ganz an seinem Wesen teilhaftig werden lassen. Und Gottes Wesen ist Liebe. Liebe offenbart sich in der Beziehung. Was sich im Sündenfall ereignet hat, ist ein Beziehungsbruch auf allen Ebenen. Der Mensch hat sich nicht mehr auf Gott und sein Wort an ihn bezogen und musste als Konsequenz erfahren, dass er definitiv aus jeder lebenswichtigen und lebenserhaltenden Beziehung herausgefallen war: aus der Beziehung zu Gott, aus der Beziehung zu sich selber und aus der Beziehung zu seinem Gegenüber. Damit verlor er auch sein Selbstverständnis, seine Identität und Sicherheit. Er hat vergessen, wer er ist; denn losgelöst von jeder Beziehung hat der Mensch keine Informationen über sich. Er weiss nicht, wer er ist, wenn er nicht in Beziehung lebt. In dieser Realität steht die Welt bis heute, und auch wir als davon Erlöste erleben an uns die Auswirkungen dieser grossen Tragödie: Wir leben in mehr oder weniger zerstörten, unheilen, undurchsichtigen, ungeklärten Beziehungen zu uns selber, zu unserem Nächsten und auch zu Gott. Angst, Egoismus und Selbstfixierung sind die treibenden Kräfte geworden. Die Liebe ist ausgelöscht, die Beziehung abgebrochen - so ist keine Gemeinschaft mehr möglich.
Trotzdem blieb Gott bei seinem Anliegen: er wollte Gemeinschaft. Darum hat er uns in Jesus eine Chance gegeben, zurückzufinden zu ihm, dem Gott der Beziehung, und neu hineingeboren zu werden in diese Gemeinschaft. Jesus sagt von sich: "Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nimmermehr in der Finsternis wandeln, sondern das Licht des Lebens haben" (Joh. 8,12). Wer Jesus nachfolgt, sich auf ihn bezieht, sich an ihm ausrichtet, der wird Leben und Gemeinschaft erfahren. "Wenn wir aber im Lichte wandeln, wie er selber im Licht ist, dann haben wir Gemeinschaft miteinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, reinigt uns von aller Sünde" (1. Joh. 1,7). Gemeinschaft entsteht nur in dem Mass, wie wir miteinander und voreinander im Licht Jesu leben, das heisst voreinander offenbar werden mit unserem ganzen Wesen. Bruderliebe (oder Gemeinschaft) ist nur im Licht möglich, und beides zusammen bewahrt uns auf dem geraden Weg zum Vater: "Wer seinen Bruder liebt, der bleibt im Lichte, und in dem ist nichts, was ihn zum Fall bringen könnte." (1. Joh. 2,10). Wenn einer transparent im Lichte lebt, so wird ihm echte Gemeinschaft mit jedem Menschen möglich sein, egal aus welchem Hintergrund, aus welcher sozialen Schicht, Kultur oder Prägung er kommt. Jeder Christ ist dazu berufen, im Licht zu leben und so sein Leben zu teilen. Im Licht wird unsere eigene Sündhaftigkeit, unsere Schuld und Schwäche offenbar, und wir werden diesen Ort nur aushalten, wenn wir uns von Jesu Blut reinigen lassen, vergeben und uns vergeben lassen. "Wenn du dem Bruder nicht vergibst, wird der Vater dir auch nicht vergeben." Wenn ich meinem Bruder, der an mir schuldig geworden ist, sei das aus Unvermögen oder Missverständnis, nicht vergebe, habe ich keinen Anteil am Bau des Reich Gottes. Wo ich nicht vergebe und den Bruder in der Anklage festhalte, mache ich mich eins mit dem Ankläger. Sein Wesen wird an mir sichtbar. Anklage zieht den Feind an wie Mist die Fliegen. Wenn Vergebung unsere Beziehungen prägt, wird unser Vater und sein Reich an uns erkannt werden. Darum fordert Jesus uns auf zu bitten: "Vergib mir meine Schuld, wie auch ich denen vergebe, die an mir schuldig geworden sind." Da geht es nicht einfach um Vergebung als Gegenleistung für gewährte Vergebung. Gott möchte, dass sein Wesen an uns sichtbar wird; er, der barmherzig und gnädig ist und schnell zum Vergeben. Jede Anklage schwächt uns. Wenn wir einander in der Gemeinschaft täglich vergeben und uns reinigen von aller Anklage gegeneinander, so werden unsere Beziehungen zu einem Schutz für den Einzelnen, zu einem Bollwerk für den Feind, in das er nicht so schnell eindringen kann. Lebe ich in Frieden und in der Versöhnung mit meinen Geschwistern, so darf ich auch gewiss sein, dass ich damit unter dem Schutz Gottes stehe, frei von Anklage. Ich bin dem Feind nicht einfach ausgeliefert.
Jesu zentralstes Anliegen war, uns durch seinen Tod hinter das Geschehene des Sündenfalls zurückzuführen, in eine heile, vollkommene, ganze Beziehung zum Vater. Er versöhnte uns mit dem Vater, damit Versöhnung auch mit uns selber und mit unserem Gegenüber möglich wurde. Versöhnung bedeutet, sich einander zuzuwenden, sich wieder aufeinander zu beziehen. Beziehung und Gemeinschaft sind die Frucht von Versöhnung. Ohne Angst und Misstrauen kann ich mich wieder auf das Leben meines Nächsten einlassen und ihn teilhaben lassen an meinem Leben. Mich dem anderen zuwenden bedeutet auch, ihn ganz anzunehmen wie er ist, mit allem Unheilen, mit aller Schwäche. Beziehungen von tiefem Vertrauen, frei von Anklage, Misstrauen und Angst, werden möglich. Zerstörte Beziehungen verwandeln sich nur in heile, indem sie gelebt und geklärt werden und wo die Bereitschaft da ist, sich vom Heiligen Geist in die Wahrheit zu führen, in die Wahrheit über sich selber, über Gott und seinen Nächsten. "Durchforsche mich, Herr, und erkenne mein Herz" (aus Psalm 139). Der Geist Gottes muss uns durchforschen, ins Licht führen und verändern, wenn wir gut ausgebildete Botschafter der Versöhnung werden wollen. Versöhnung ist anspruchsvoll und setzt ein bewusstes Leben voraus. Wir brauchen den Geist Gottes, der uns immer wieder in die Wahrheit über uns selber führt und uns offenbart, wo noch Anklage, Bitterkeit und Unversöhnlichkeit in unserem Leben herrschen. Weil wir auf dem Weg der Heiligung sind und noch nicht am Ziel, müssen wir diese Versöhnung jeden Tag einüben. Das geteilte Leben, die nahen Beziehungen untereinander, geben jedem Gelegenheit genug, mehr und mehr in die Versöhnung hineinzuwachsen: in die Versöhnung mit meinem Bruder, mit mir selber, mit meinem Platz und meiner Situation. Mit wachsender Versöhnung verschwindet jede Anklage gegen Gott, meinen Bruder und mich selbst immer mehr aus meinem Leben. Das Reich Gottes wächst in mir. Im gemeinsamen Leben, an meinen Beziehungen zu meinen Geschwistern wird für mich ein Stück fassbar, sichtbar, wo ich stehe in meiner Beziehung zu Gott und mir selber. In den Beziehungen untereinander wird Jesu Erlösung in meinem Leben Fleisch. Sie wird greifbar. Gemeinsames Leben kann nur entstehen und bestehen bleiben, wenn jeder Beteiligte täglich seine Beziehungen bereinigt, in der Wahrheit und in der Vergebung lebt. Im gemeinsamen Leben kann keiner lange unentdeckt in der Unversöhnlichkeit verharren. So fördert das gemeinsame Leben das Wachstum des Reiches Gottes in uns. Das Wesen Jesu muss mehr und mehr in uns sichtbar werden, sonst würden wir einander nicht aushalten. Unsere Beziehungen untereinander sind ein Spiegel des Reiches Gottes. Darum arbeiten wir an unseren Beziehungen, am eigenen Leben. Darum ist Seelsorge so wichtig. Darum ist uns biblische Lehre so wichtig. Es geht nicht darum, eine Elite unter den Christen oder eine besondere Spiritualität zu kreieren. Wir wollen das normale Wort Gottes umsetzen in unseren Leben. Das kostet viel, weil es bei uns selber anfängt; denn im Reich Gottes kann man nicht unabhängig von sich selber eine Arbeit erledigen. Was immer man tut, "mit Worten oder mit Werken, das tut als dem Herrn und nicht den Menschen". Es gibt keine Funktionäre im Reich Gottes, weil es Gott in allem darum geht, dass er in uns erkannt und durch unser Sein, durch unser Wesen in dieser Welt bezeugt wird.
Jesus führte uns durch seinen Opfertod dahin, wo wir das eine Gebot, das die Erfüllung des Gesetze und der Propheten, aller seiner Pläne bedeutet, wieder leben können. Durch die Wiederherstellung der Beziehung zu Gott befähigte er uns neu zu dem, wozu wir geschaffen wurden; zur Liebe: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Vernunft. Das ist das grösste und erste Gebot. Das zweite ist ihm gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" (Mt.22,37-39). "Das zweite ist ihm gleich": Aus der Liebe zu Gott wird immer die Liebe, die Zuwendung zum Bruder resultieren. Je heiler meine Beziehung zu mir selber ist, desto freier bin ich, auf meinen Nächsten zuzugehen. Johannes bekräftigt das in seinem ersten Brief: "Und wir haben dieses Gebot von ihm: Wer Gott liebt, soll auch seinen Bruder lieben" (1.Joh. 4,21). Liebe wird sichtbar in der Art und Weise, wie ich zu meinem Bruder stehe, wie ich mich ihm zuwende, mich auf ihn be-ziehe. Es ist prinzipiell unmöglich, eine lebendige, reiche Gottesbeziehung zu haben, die in der Beziehung zu sich selber und seinen Nächsten nicht sichtbar wird. Leben teilen, gemeinsames Leben ist nicht ein christliches Extra für besonders Berufene oder Begabte, sondern das Erkennungszeichen eines Jüngers Jesu schlechthin. Jesus sagt in seinem Vermächtnis: "Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebet; wie ich euch geliebt habe, sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr untereinander Liebe habt" (Joh. 13,34-35). Weder an unserem makellosen Lebenswandel noch an übernatürlichen Manifestationen werden wir als Jünger Jesu erkannt, sondern an der Art und Weise, wie wir zueinander stehen. In unseren Beziehungen wird das Reich Gottes sichtbar, erlebbar, fassbar. Das Ziel gemeinsamen Lebens muss immer sein, Jesus in dieser Welt bekannt und zum Thema zu machen. Sobald wir uns zu solchen Beziehungen im Licht entscheiden, sei dies in unserer Familie, im Hauskreis, am Arbeitsplatz, werden wir unweigerlich mit der Wahrheit über uns selber und über unsere Geschwister konfrontiert. Die Enge, die Unzuverlässigkeit, der Egoismus, die Pedanterie, Selbstbezogenheit und Oberflächlichkeit - alles, was im Leben meines Bruders noch der Heiligung bedarf, wird mir auf den Leib rücken (wohlverstanden: meinem Bruder wird es gleich ergehen, wenn er sich mit mir ganz einlässt!). Sein Leben wird für mich erst dann zu einer spürbaren Last, wenn ich mich mit ihm und allem, was zu ihm gehört, einlasse; wenn ich ihm nicht mehr aus dem Weg gehe, sondern mich für sein Leben engagiere, sein Leben ein Teil meines Lebens wird; wenn ich aus Liebe zu Gott und meinem Bruder zu seinem "Hüter" werde und mich nicht wie Kain abwende und sage: "Es soll doch jeder für sich selber schauen!" Paulus kannte die Kosten der Bruderliebe, der Beziehung zueinander, sehr genau; darum sagte er: "Einer trage des anderen Last und erfülle so das Gesetz Christi" (Gal. 6,2). Das Gesetz Christi ist zusammengefasst im Doppelgebot der Liebe (Mt.22,37-39), und wenn wir es erfüllen wollen, dann werden wir die Last des Bruders zu tragen haben. Aber es geht hier nicht nur um die Last des anderen. Ich muss auch meine Last tragen lassen, mich meinem Bruder ohne Distanz und Filter ganz zumuten, mich ihm nicht entziehen. Auch ich werde im Licht Jesu offenbar für meinen Bruder, sofern ich mich darauf einlasse. Gemeinsam leben bringt mit sich, dass ich mich jeden Tag neu dafür entscheiden muss, nicht auf Distanz und Reserve zu gehen, meinem Gott und meinem Bruder nichts vorzuenthalten, damit in mir und durch mich Reich Gottes gebaut und bezeugt wird.
Die Motivation zur Gemeinschaft in der Welt und im Reich Gottes sind grundsätzlich verschieden. In der Welt entstehen immer Zweckgemeinschaften: Menschen mit gemeinsamen Interessen finden sich und profitieren voneinander, bis wechselnde Interessen sie wieder scheiden. Sympathie oder irgendeine Form von Leistungsausweis wie Begabung, Wissen, Schönheit oder Macht spielen eine grosse Rolle. Jeder sucht sich seine Beziehungen nach den Kriterien der Nützlichkeit aus: Ich brauche den anderen, um zu Leben zu kommen. Die christliche Gemeinschaft, das Reich Gottes, ist wie eine Familie, in die man hineingeboren wird und in der man sich die Geschwister nicht auslesen kann. Das einzige, was uns als Jünger Jesu verbindet, ist die Zugehörigkeit zu dieser Familie, und die Legitimation der Zugehörigkeit ist nicht irgendeine erbrachte Leistung. Begabungen, Interessen und Berufsausbildung sind sekundär. Wir kommen nicht zusammen, um voneinander Leben zu erhalten, sondern um miteinander und aneinander Jesus zu erfahren, der Leben gibt. Zweckgemeinschaften können sich jederzeit auflösen; aus einer Familie kann man nicht einfach aussteigen, so unangenehm das zuweilen sein mag. Diese Familienbeziehungen werden in Ewigkeit bleiben. Die Motivation, dem anderen zu begegnen, ist nicht das, was er darstellt, sondern Jesus in ihm, der mir begegnet. Weil Jesus allein mein Leben, meinen Wert und meine Persönlichkeit bestätigt, brauche ich den anderen nicht einzubinden in meine Bedürfnisse und kann ihn freigeben. So wird Reich Gottes fassbar, wenn Menschen einander aus Liebe zu Jesus (und nicht aus gegenseitiger Sympathie) tragen und sich auch dann nicht distanzieren, wenn Schwäche sichtbar wird.
In einer Gemeinschaft, die sich am Wort Jesu orientiert, braucht keiner um seinen Platz, seine Rechte, sein Leben und seinen Wert zu kämpfen. Sich einander unterordnen bedeutet, vom eigenen Sich-zur-Geltung-Bringen abzusehen und sich auf den Bruder auszurichten. Im geteilten, gemeinsamen Leben kann ich dieses Wegsehen von mir selber täglich einüben. Im alltäglichen Leben kann ich einüben, mich von ganzem Herzen über alles zu freuen, was Gott in meinen Bruder gelegt und in ihm entwickelt hat. Ich lerne, mit Freude von meinem Bruder zu lernen, ohne in meinen Gedanken aufzurechnen, in welchen Gebieten ich ihm voraus bin. So ehre und achte ich Jesus im Bruder. Deswegen brauche ich nicht blind für seine Schwäche oder Sünde zu sein. Das gemeinsame Leben steht und fällt mit der Gewissheit, dass Jesus in unserer Mitte und im Leben des anderen wohnt. Es ermöglicht das Heranwachsen einer Grundachtung meinen Geschwistern gegenüber, unabhängig davon, woher der andere kommt oder was er kann. Ich achte und liebe ihn um Jesu willen, Jesus in ihm. Wenn ich meinem Bruder keine Achtung entgegenbringen kann, verachte ich Jesus. Im Reich Gottes ist es nicht möglich, mit Jesus in guter Beziehung zu stehen und den Bruder gering zu schätzen (vgl. Joh.-Brief). Wenn ich mich innerlich von meinem Bruder absetze und distanziere, wird Jesus immer auf seiner Seite sein. Mein Umgang mit meinem Brüder reflektiert meine wahre Haltung meinem Herrn gegenüber. Diese wird im geteilten Leben mehr als irgendwo anders sichtbar. Oft denken wir vom andern, "der ist nun aber übertrieben, oder zu einseitig, völlig uninteressant, zu hochgestochen, zu unreif" und vieles mehr. Wir verlieren Jesus im anderen aus den Augen. Gott muss uns auf die Wahrhaftigkeit unserer Beziehungen hinweisen, weil wir als gefallene Menschen jeden Wirklichkeitsbezug zu uns und unserem Nächsten verloren haben. Gott will, dass wir einander Respekt entgegenbringen, ganz gleich, ob der andere ein Leiter oder ein Neuling ist. Jesus lebt in ihm. Keiner von uns ist um seiner selbst willen liebenswert. Das Liebenswerte in uns ist immer Jesus, der in uns lebt. "Bringt zurecht die Geschwister, die fehlen, aber im Geist der Sanftmut, der Achtung und des Respektes." In der Beziehung zueinander sollen wir die Sünde aufdecken und ablehnen und uns nicht scheuen, sie anzusprechen, aber mit Achtung, ohne den anderen blosszustellen. Ich habe kein Recht, ihm deswegen Ablehnung entgegenzubringen. Der Bruder soll in der Zurechtweisung meine ungebrochene Liebe und Zuneigung zu ihm erfahren. Wir müssen unterscheiden zwischen der Sünde und dem Sünder. Jeder muss sich bewusst sein, dass er selber zu jeder Sünde fähig ist, die andere begangen haben. Dieses Bewusstsein wird mich barmherzig halten. Nur aus einer versöhnten, heilen Beziehung zu Gott heraus wird es möglich, den anderen, den Bruder um seinetwillen zu suchen, ohne den Hintergedanken, ihn irgendwie für sich nutzbar zu machen.
"Siehe wie fein und lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen! Wie das köstliche Öl auf dem Haupte, das niederfliesst auf den Bart, den Bart Aarons, niederfliesst auf den Saum seiner Gewänder! Wie Hermontau, der herabfällt auf die Berge Zions! Denn dahin hat der Herr den Segen entboten, Leben bis in Ewigkeit" (Ps 133). Gott schaut mit Wohlgefallen auf seine Kinder, die in gegenseitiger Zuwendung, miteinander versöhnt (einträchtig) ihr Leben teilen. Dahin sendet er Segen, Leben von unvergänglicher Qualität. Ist es nicht das, was wir uns eigentlich wünschen und mit aller unserer Einfallskraft irgendwie zu erheischen versuchen?! "Beieinander wohnen" muss nicht unbedingt im selben Haus, nicht einmal im selben Dorf sein. Dies drückt vielmehr die Qualität und Tiefe der Beziehung aus: Diese Menschen sind einander ganz vertraut, gehen beieinander ein und aus. Das Leben des einen betrifft den anderen ganz; es kann ihm nicht mehr gleichgültig sein. Das Wohlergehen meines Bruders, seine Beziehung zu Gott, sein alltägliches Leben, seine Wege betreffen mich und führen mich zum Mitdenken, Mitbeten, Mittragen und Handeln. Auf dieses Teilen des Lebens, Anteilnehmen und Anteilgeben wird Gott mit seinem Wohlgefallen, seinem Segen reagieren. Er selber wird Leben und Lebensraum für alle Beteiligten schaffen. Lebensraum entsteht einmal durch die Erfahrung der Zuwendung und Liebe der Brüder. Das Erleben, dass Menschen sich ganz zu mir stellen, mich suchen, mich annehmen, schafft Geborgenheit. Gottes Liebe wird durch meinen Bruder handfest erfahrbar, und Vertrauen wächst zu Gott und den Geschwistern. Das entspannt und befreit den Einzelnen, sodass er die verbissenen Kämpfe um sein eigenes Leben, um Anerkennung und Bestätigung ablegen und die Angst, zu kurz zu kommen, aufgeben kann. Wie der Psalmist wird er erleben: "Ich rief zu Jahwe in meiner Bedrängnis; er hat mich erhört und mir Raum geschaffen" (Ps.118,5). Lebensraum, Weite und Herzenshorizont wird dadurch entstehen, dass ich am Bruder erfahre, wie ich von Gott ganz angenommen bin, geliebt, geschätzt, erkannt. Natürlich kann Gott uns darüber auch ganz direkt Offenbarung in unser Herz geben. Dennoch will er, dass seine Liebe Fleisch wird: für mich im Bruder, durch mich für den Bruder. Lebensraum entsteht auch dadurch, dass ich mich dem Bruder ganz zumuten kann, mit allem, was in mir ist, im Vertrauen, dass seine Liebe zu mir bleiben wird, auch wenn er Schuld, Fehler und Schwäche an mir entdecken wird. Um uns in diesem Mass einander anzuvertrauen, brauchen wir einen klaren Rahmen der Verbindlichkeit, die wir mit anderen eingehen. Abmachungen wie Schweigepflicht, die Entschlossenheit, immer wieder neu aufeinander zuzugehen und voreinander in Wahrheit und Offenheit zu leben, müssen ausgesprochen, einander zugesprochen sein. Nur in einem Haus, dessen Fenster und Türen dichthalten, kann auch Wärme entstehen... Auch dann noch braucht es Mut und Entschlossenheit, andere Menschen hinter die ganz privaten Kulissen des alltäglichen Lebens blicken zu lassen, eben in diesem Licht zu leben, von dem in 1. Joh 1,7 die Rede ist. Jeder versucht sich zu drücken, zu tarnen oder von sich abzulenken - die Versteckspiele sind einfallsreich; denn von Natur aus sind wir Menschen zu feige, wirklich zu dem zu stehen, was in uns ist und abläuft, aus Angst vor Ablehnung. Wenn ich mich jedoch entschieden habe, mein Leben zu teilen, so wird mein Leben für eine definierte Gruppe von Geschwistern ein Stück Öffentlichkeit. Im Rahmen des verbindlichen, gemeinsamen Lebens dürfen jedoch meine Unsicherheit, Ängste und Schwächen ans Licht treten, weil ich im Bruder die bedingungslose Jesusliebe erfahren habe, die sich auch dann nicht von mir distanziert. Blösse kann sichtbar werden, ohne dass dies Erniedrigung oder Distanzierung zur Folge hat, weil sie von meinen Geschwistern zugedeckt wird. Meine Würde bleibt.
Diese Entscheidung zum verbindlichen Leben, zum Leben teilen, ist gleichzeitig eine Verzichtserklärung auf einen gewissen Privatraum und Individualismus, die eigentlich der Illusion dienen, sich dadurch selber Lebensraum zu schaffen. Für jeden Menschen-Typ wird dieser Verzicht etwas kosten, weil es keine geborenen "Gemeinschafts-Typen" gibt. Jeder Mensch ist ein geborener Individualist, egal aus welchen Gründen. Natürlicherweise versucht jeder Mensch sich selber Lebensraum zu schaffen, je nach Möglichkeit und persönlichen Idealen durch materielle Güter, durch viel Zeit, die ihm allein zur Verfügung steht, durch geleistete Güter wie Bildung, Wissen und Karriere, durch christliche Aktivitäten, durch Hobbies, durch einen besonderen Dienst oder durch Beziehungen, die man sein eigen nennt. Doch alles, was Besitz ist, gehört zu dieser Welt, und wir werden es eines Tages zurücklassen müssen. Besitz kann einem von einem Tag auf den anderen genommen werden. Besitz gehört nicht zum ewigen Leben, von dem Psalm 133 spricht. Leben in Ewigkeit ist kein Besitz, sondern die Erfahrung der Zuwendung Gottes durch meinen Bruder, die mein Herz verändert und mich in das Vertrauen und die Gewissheit hineinführt, dass Gott für mich ist. Selbst wenn der Bruder nicht mehr da ist, werde ich auf dem Fundament dieser Erfahrung versöhnt im Leben stehen können. Ziel des gemeinsamen Lebens, der gelebten Bruderliebe ist immer, Jesus zu offenbaren und Gott zur alleinigen Quelle meines Lebens zu machen. Leben teilen, verbindliche Gemeinschaft wird den Einzelnen in eine immer tiefer werdende Beziehung zu Gott hineinführen und nicht in eine Abhängigkeit von Menschen, wie manche einwenden; denn im gemeinsamen Leben wird die Unzulänglichkeit meines Bruders und mir selber je länger je mehr offenbar. Umso mehr wird jeder auf die Gnade Gottes angewiesen sein, den anderen trotz seiner "unverbesserlichen Fehler" anzunehmen. Die Echtheit jeder christlichen Gemeinschaft zeigt sich darin, inwiefern ihre Mitglieder in eine mündige, eigenständige und tiefe Beziehung zu Gott Vater hineinfinden, aus dieser Beziehung leben und Jesus in diese Welt hinein bezeugen können.
Die Erfahrung der Versöhnung mit Gott, mit mir selber und mit meinem Nächsten, das Heilwerden von Beziehungen und das Entstehen des inneren Lebensraumes sind ein Werk des Heiligen Geistes. Auch wenn wir dies alles in der Beziehung zu unseren Geschwistern erfahren, uns in ihnen die Liebe Gottes zu uns begegnet, so ist es doch der Heilige Geist selber, der diese Versöhnung und Weite in uns schafft. Das Ziel des Heiligen Geistes ist es immer, Reich Gottes zu bauen, zu verbreiten. Indem er das zunächst in meinem eigenen Herzen tut, macht er mich für den Dienst bereit. Gemeinsames Leben ist kein Ziel an und für sich und erschöpft sich nicht im persönlichen Heilwerden. Wie wir zur gegenseitigen Liebe berufen worden sind, so sind wir auch dazu berufen, das Verlorene zu suchen und zu retten. Die Welt soll an uns Jesus erkennen. Befähigung zu jeder Art Dienst geschieht in hohem Mass, wenn die eigene Wertfrage geklärt ist. In der vertrauensvollen, verbindlichen Beziehung zu meinen Geschwistern werde ich eines Tages mit meinem Herzen verstanden haben, dass mein Wert allein in der Liebe Gottes zu mir begründet ist. Nichts von alledem, was ich mir angeeignet habe, keiner meiner Privatreichtümer, weder meine Begabung noch das, was andere über mich denken oder sagen, macht mich aus. Gott Vater ist der einzige, der das Recht hat, mir meine Identität zuzusprechen. Das Leben im Licht hat mich gelehrt, mich frei zu bewegen, ohne Angst. Wenn ich vor den Geschwistern offenbar geworden bin, habe ich nichts mehr zu verlieren. So habe ich den Weg frei zur Beziehung und Freundschaft zu allen möglichen Menschen, über meine eigenen Lebenserfahrungen und persönlichen Sympathien hinaus.
Durch das verbindliche Teilen meines Lebens werde ich Gott Vater immer besser kennenlernen und näher an sein Herz geführt werden. An seinem Herzen werde ich nicht nur Sicherheit für mein Leben erfahren, sondern von ihm auch seine Sicht für Mitmenschen erfahren, die mir zwar fremd, Gott aber vertraut und nahe sind. Nur die Nähe zum Vaterherz wird mich für Menschen nahbar machen und den Wunsch in mir wachsen lassen, jenen, die verloren sind, die in Einsamkeit, Kälte und Gefangenschaft des Todes leben, die Frohe Botschaft zu bringen, dass Gott sie liebt. Dafür muss man nicht in einem vollzeitlichen Dienst als Missionar oder Pfarrer stehen. In jedem Berufszweig, in jedem Büro, auf jeder Baustelle, in jedem Geschäft und Quartier wohnen viele in Finsternis, Einsamkeit und in der Angst vor dem Tod. Jede alltägliche Arbeit kann zum Anlass werden, Menschen die Frohe Botschaft zu bringen. Was mich fähig macht, Menschen Jesus zu bezeugen, ist nicht in erster Linie theologisches Wissen, sondern meine Herzensbeziehung zum Vater und die Erfahrung, dass er mir mit Jesus alles geschenkt hat. Wenn wir dem Feind Gottes begegnen, wird er nicht danach fragen, wie redegewandt oder kühn ich bin. Er wird zuerst seinen Finger auf mein eigenes Leben legen und mit Recht fragen: "Wie sieht deine Beziehung zu deinem Gott, zu dir und zu deinen Geschwistern aus!? Hast Du überhaupt eine Alternative zu mir zu bieten?!" Findet er Anklage, Bitterkeit, Hoffnungslosigkeit und Unversöhnlichkeit in meinem Leben, so kann er mich ohne weiteres zurückdrängen. Er braucht mich nicht ernst zu nehmen. Der Teufel fürchtet Menschen, die in der Vergebung leben, weil er sie nicht ins Misstrauen, in Bitterkeit und Hass hineinziehen kann. Vergebungsbereite Menschen verbreiten für den Teufel einen Geruch des Todes. An der Art und Weise, wie wir mit unseren Geschwistern umgehen, erkennt er, wessen Geistes Kinder wir sind, in wessen Namen wir auftreten. Dieser Name allein gibt uns Schutz und Autorität, damit wir uns im Reich der Finsternis bewegen können. "Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr untereinander Liebe habt." (Joh. 13,34). Arm, keusch und gehorsam - wie attraktiv sind die "Evangelischen Raete" heute?
11:55, 7 February 2010
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Der hier wiedergegebene Artikel wurde von Dr. Wolfgang Kubik verfasst:Woher kommt der Begriff? Es gibt Dinge, die für einen Katholiken geboten sind, z.B. die 10 Gebote und der Besuch der Messe. Sodann gibt es Dinge, die geraten sind - daher "Räte", d.h. Ratschläge - , z.B. auch mal eine Predigt hören oder das Gelübde der Ehelosigkeit. Schliesslich gibt es Dinge, die weder geboten noch verboten sind, noch sonderlich empfohlen, sondern schlicht erlaubt sind, z.B. die SPD zu wählen. Dinge, die geraten sind, heissen "evangelische Räte"; weil sie angeblich vom Evangelium zwar geraten, aber letztlich nicht geboten werden. Sie sind einerseits etwas "Besseres", Zusätzliches, andererseits sind sie weniger verbindlich als Gebote. Die katholische Azetik sieht die Möglichkeit vor, jene Dinge, die zwar nicht befohlen, sondern nur geraten sind, durch ein feierliches Gelübde für sich verbindlich zu machen. Im Grad der Verbindlichkeit stehen Gelübde dann geradezu über allgemeinen Geboten. Zwei Nachfolgedimensionen Christusnachfolge entwickelte isch nach der Auferweckung Christi in zwei Dimensionen. Sie ging sowohl in die Breite als auch in die Tiefe. Sie ging auf die Mehrheit zu und in die Minderheit hinein, zur Kompromissfähigkeit und zur Radikalität, als umfassende Weltkirche und als Gruppe derer, "die mit Ernst Christen wollen sein"; wie Martin Luther es später nannte. Nachfolge bedeutet sowohl weihtin sichtbare "Stadt auf dem Berge" bzw. "Licht der Welt" als auch Salz der Erde, das seine Breitenwirkung im Verborgenen hat. Das Licht der Welt kann nicht intensiv genug sind, eine Überdosierung von Salz aber macht die Suppe ungeniessbar. Jesus hat beide Bilder mit Bedacht vor Augen gemalt. Obgleich sein eigener Weg in die radikale Intensität führte, hat er den anderen nicht verachtet! Beide Dimensionen von Nachfolge haben ihre eigene Würde. Aber jeder Christ muss sich Rechenschaft geben, in welche Richtung er sich in die Nachfolge gerufen weiss. Wir gehe nicht hinter die zentrale evangelische Erkenntnis zurück, dass jeder Christ und nicht nur der besonders Disponierte zur Christusnachfolge gerufen ist. Aber die Formen der Nachfolge sind gabenmässig vielfältig. Der Weg in die Krise Heute ist die flächendeckende Form des Christenstums in eine Krise gekommen. Es bräckelt überall. Die Volkskirche leidet an Selbstbanalisierung, wie Bischof Huber sagte. Doch etwas ist merkwürdig: Dies könnte doch gerade bei denen, die mit Ernst Christen sein wollen, zu einer verstärkten Hinwendung zu intensiven, ja radikalen Lebenformen führen. So geschah es nach der konstantinischen Wende, nach der Pest am Ende des Mittelalters und in der Krise der Konfessionsspaltung! Dies könnten wir also auch heute in der Krise unserer Kirche nach allen Erfahrungen der Geschichte erwarten. Aber nicht nru die Volkskirche ist in einer Krise. Auch intensive Gemeinschaften, die nach den drei evangelischen Räten leben, durchgehen Krisenzeiten. Viele Gemeinschaften klagen über Nachwuchsmangel, Überalterung und Austrittsstimmung. Der klösterlichen Lebensform nach den "drei Evangelischen Räten" bläst der gesellschaftliche Wind voll ins Gesicht. Diese Stimmungs-Verschlechterung müssen wir zu begreifen suchen. Es wundert nicht, dass die säkularisierte Gesellschaft den Evangelischen Räten verständnislos gegenübersteht; sie sind kein Thema, über das man sich unterhält. Aber selbst Kirchengliedern ist der Sinn der Räte in bisher unbekanntem Mass fremd geworden. Wer sieht darin noch eigene Fragen angerührt? Die Ursachen der öffentlichen sowie der kirchlichen Verständnislosigkeit gegenüber den Evangelischen Räten sollten wir nicht ein einer Verschörung gegen sie vermuten. Über viele Jahrhunderte war der Lebensentwurf von Mönchen und Nonnen kulturell hochgradig anerkannt. Keineswegs wollte jeder so leben wie sie, aber alle wussten, was mit alldem gemeint war. Und nicht nur das. Meist waren kommunitäre Bewegungen an der Spitze gesellschaftlicher Umbrüche zu finden. Sie prägten die sie umgebende Kultur mit Innovation. Wer im Durcheinander der Völkerwanderungszeit eine stabile Lebensform suchte, stellte sich der Frage, ob benediktinisches Klosterleben ein Weg für ihn sei. Wer im Hochmittelalter sich nach einem wissenschaftlichen, zumindest geistigen Leben sehnte und wen das Hamstern von Reichtum innerlich leer liess, den liess die Faszination der Bettelorden nicht mehr los. Und wer zu Beginn der Neuzeit die ausufernden Seelenkräfte von einer orientierenden Mitte her ordnen wollte, für den wurde die Schulung zum Jesuiten eine echte Option. Heute sind evangelische und katholische Kommunitäten nicht mehr Vorreite für neue wege aus gesellschaftlichen und kirchlichen Krisen. Sie sind nicht nur nicht an der Spitze neuer Lebenskonzepte zu finden; oft gelingt es ihnen nicht einmal, ihre eigenen alten Lebensmodelle verständlich zu übersetzen. Das betrifft nun vor allem die Evangelischen Räte. So hart es klingen mach; die Ursachen für den "kommunitären Herbst" sind bei den Kommunitäten selbst zu suchen. Was hat sich da verändert? Schieflage in der Kultur Im Bewusstsein der Gesellschaft ist das Bild eines monastisch-kommunitär lebenden Menschen meist von "früher" geprägt, von bereits veralteten historischen Formen: Ein monastisch Lebender lebt mit unverständlichen alten Bräuchen, Begriffen und vorwiegend mit alten Menschen. Er ordnet sich in unveränderbare vorgegebene Strukturen ein. Er verzichtet auf Privatleben und lebt unauffällig in einem abgeschirmten Bereich. Er fügt sich einer vorgegebenen Autorität und fragt nicht nicht mehr, warum und wozu? ER verzichtet auf Luxus, der das Leben abwechslungsreich machen könnte. Er verzichtet auf die Freiheit, jederzeit irgendwelche Beziehungen einzugehen oder abzubrechen und niemandem darüber Rechenschaft zu schulden. Der moderne Mensch dagegen - einerlei, ob Christ oder nicht - hat ein absolut ruhiges Gewissen, er hält Trendbewusstsein und Flexibilität für erstrebenswert und vermeidet es, sich unbefristet auf etwas festzulegen. Er sucht nach einiger Zeit seinen Arbeitsplatz zu verbessern, seine Wohnung und seine Beziehungen zu renovieren und vermeidet es, irgendwo allzu lange hängen zu blieben. Er legt Wert darauf, seinen Marktwert ab und zu zu steigern. Deshalb sind Selbstdarstellung und Selbstinszenierung für ihn selbstverständlich, notwendige Übungen. Er hält sich für entscheidungsfreudig. Er hat ein entwickeltes Freizeitbewusstsein: Konsum, exotische Urlaubsziele, Wettlauf nach Neuem und neuen Beziehungen - das alles ist für ihn ein Muss. Vor allem sucht er die Geselligkeit in der eigenen Altersstufe. Auf diese kulturelle Schieflage ist es wohl zurückzuführen, dass auf katholischer und evangelischer Seite seit kurzem der kommunitäre Nachwuchs versiegt. Jetzt sind die Gemeinschaften gefragt, in ihren Verbindlichkeiten die Herausforderungen der Zeit anzugehen. Speziell bei den Evangelischen Räten ist es zu prüfen, ob sie noch leisten, was sie einst leisteten, - mögen sie noch so klassisch sein! Kommunitäten am Scheideweg Die Kommunitätsbewegung hat nur eine Alternative: Wenn sie nicht das alte Leitbild des monastischen Lebens aus der Zeit vor der modernen Risikogesellschaft wiederbeleben will, muss sie sich an die Spitze der Risikogesellschaft stellen und in den Krisen der Gesellschaft und der Kirche heute ihre Herausforderungen erkennen. Will sie das, muss in ihr das Nachfolge-Charisma selbstbewusster strahlen und darf sich nicht in Belangslosigkeiten und Pedanterien verzettlen, wie die amerikanische Benediktinerin Joan Chittister kritisch anmerkt: "Wieviel Geld durfte ein Ordensmitglied angesichts der versprochenen Armut in einer Summe bei sich tragen?... Gehörte die Befolgung der Klosterbräuche zum Wesen des religiösen Gehorsams oder nicht? Waren farbige Bettdecken im Schlafzimmer einer Ordensschwester tragbar? War Demut am kirrekten Sitz des Schleiers zu messen? ... Durfte sich ein Ordensmitglied ohne die ausdrückliche Erlaubnis seines Oberen Zahnpasta besorgen?" Es sei sicher wichtig, den Ursprüngen treu zu blieben. Aber wenn Kommunitäten neue Herausforderungen ignorieren oder wenn sie alle Energie nur darauf verwenden, alte Schemata zu rechtfertigen, werden sie ihren geiengen Prinzipien erst recht untreu. Was sind diese dringenden Herausforderungen, auf die wir Antworten suchen und geben müssen? Der französische Philosoph André Glucksmann betonte in einem SPIEGEL-Interview: Die Modernisierung, genauder die - brutale - Verwestlichung des Planeten hat drei Viertel der Menschheit aus dem Gleichgewicht geworfen. Alte, ewig scheinende Traditionen sind zerbrochen, Regeln, Normen, Institutionen und Anhaltspunkte verloren gegangen ... Dieser radikale Bruch mit dem vergangenen Gültigen, diese Vorstellunge, dass nunmehr alles erlaubt sei, hat den modernen Nihilismus hervorgebracht. ... Das ist mehr als das Gesetz des Stärkeren, es ist das Gesetz der Begierde: nach Macht Reichtum, Frauen." Oft wird darauf hingewiesen, dass die drei Räte sich auf diese drei fundamentalen Begierden beziehen. Das trifft auch zu, aber es wäre zu wenig, in diesen Begierden nur das willkommen Apropos der drei Evangelischen Räte zu sehen. Vielmehr sind die Kommunitäten gefragt, den Kampf mit diesen Begierden durch neue, zeitgemässe Formen der Verbindlichkeit aufzunehmen. Das zieht folgende Fragen nach sich: - Welche Schlussfolgerung ziehen Kommunitäten aus der Erkenntnis, dass die Verelendung des Welt-Südens durch die Globalisierung kein göttliches Naturgesetz ist, wie uns weisgemacht wird, sondern menschliche Schuld? - Haben Kommunitäten ein Bild davon, was Arbeitslose und Pensionäre mit dem Übermass an freier Zeit anfangen sollen; Zeit, die der Psalmist in Gottes Händen stehen sieht? - Der Graben zwischen Überforderung und Unterforderung wird in unserer Gesellschaft immer grösser, was kann die Lebenform einer Kommunität zur Überwindung dieses Grabens tun? - Welche Botschaft haben Kommunitäten, wenn die Sinn-Ressourcen der altgewordenen Kultur versiegen und wenn der materielle Überfluss die Angst schürt, selber überflüssig zu sein? - Wie sprechen Kommunitäten mit jungen Zeitgenossen über die ideologischen Ursachen der Kinderlosigkeit und Überalterung des nicht-muslimischen Teils unserer Gesellschaft? Verbindlichkeit als Antwort Im Folgenden versuche ich zu zeigen, wie neue Herausforderungen nach neuen Verbindlichkeiten rufen. Die Versprechen sind als Diskussionsvorschläge gedacht: Die Herausforderung der Beliebigkeit und die Antwort der entschiedenen Hingabe Postmodernes Leben leidet daran, dass ihm mehr Möglichkeiten geboten werden, als es verwirklichen kann. Das Wichtigste zu versäumen, ist das quälende Lebensgefühl geworden. Das kann scheinbar überwunden werden, wenn es wie eine endlose Kette von Praktika provisorisch bleibt. Doch die Zeitpanik quält zunehmend. Es gibt 26jährige, die bereits 12 Kommunitäten ausprobiert haben. Sie fürchten falsche Entscheidungen, aber ich vermute, vor allem fürchten sie, Entscheidungen an sich seien falsch! Doch nicht nur die Jungen suchen; oft sind es Menschen am Beginn der zweiten Lebenshälfte, die einen Neubeginn in einer Kommunität erwägen. Wer die endgültige Entscheidung wagt, macht die überraschende Erfarhung, dass der Zeitenlauf wieder ruhiger wird. Endgültige Entscheidungen bringen Zeitgewinn. Der Mensch ist heute mehr denn je in der Notwendigkeit zu wählen. Da die Mehrheitskirche immer noch in hohem Masse auf nicht hinterfragtem Brauchtum ruht, braucht sie Gemeinschaften, die zum Fragen und Wählen anregen. Nur so wird es dem Einzelnen möglich, sich für Gott zu entscheiden. Im Gespräch mit einem Suchenden wird es darauf ankommen, ihm aufzuzeigen, dass ihm eines fehlt: das Überwinden der Beliebigkeit. Gewisse Dinge können nicht im Möglichen stecken bleiben. Denn man kann schliesslich nicht ein bisschen schwanger sein, nicht auf Probe leben oder sterben, nicht vorübergehend Endgültigkeit-als-ob spielen. Die nachhaltigsten Erfahrungen mit sich macht der, der an einer Stelle seines Lebens mit Gott aufs Ganze geht. Alles wagen - wie der Fallschirmspringer, der tatsächlich springt. Deshalb ist die Antwort einer Kommunität auf die oft end- und ergebnislosen Suchbewegungen von Menschen in der Jesus-Nachfolge die Einladung zu endgültigen Entscheidungen. Durch die Entscheidung wird kommunitäres Leben aus dem Bereich der Möglichkeiten herausgelöst und als innere Notwendigkeit erkannt. Joan Chittister schreibt: "Religiöser Gehorsam, der Entscheidungen scheut, ist für die Welt völlig unerheblich; er sit kein Gehorsam. Er ist in einer Welt, die rebellische Heilige braucht, bestenfalls eine Übung in Kindischheit." Entscheidung, interpretiert als Versprechen, ersetzt das alte Gehorsamsversprechen. In der spirituellen Literatur wird "Gehorsam" inzwischen mehr oder weniger ausdrücklich uminterpretiert: zu Mündigkeit, zum verantwortlichem Mitentscheiden oder zur Stärkung der Eigenverantwortung. Das, was mit Gehorsam letztendlich gemeint ist, gebührt ja Gott allein. Aller menschliche Gehorsam steht unter diesem Vorbehalt. Die Verbindlichkeit einer modernen Kommunität ist eien tägliche Einübung in einsichtige Begründungen, in Kompromissbereitschaft, in Entscheidungsfreude, in Zuhören sowie in die Bereitschaft zwischen Ermessensfragen und Wahrheitsfragen unterscheiden zu lernen. Sie ist ein Bündnis von Verantwortlichen, die Gott mehr gehorchen wollen als den Menschen und die einander darin bestärken. Sie ist eine Einübung in den Ungehorsam gegenüber Menschen, Mächten und Gewalten. Ein Versprechen, das die Besonderheit einer solchen Kommunität zum Ausdruck bringt, könnte lauten: Ich verspreche, mich ganz auf diese Kommunität und ihre Ordnung einzulassen und in ihr Christus allein nachzufolgen. Die Herausforderung der masslosen Begierde nach Macht und Reichtum und die geistliche Verpflichtung zu einfacher Konzentration Die Schichten der Gesellschaft driften auseinander in masslos Reiche und masslos Arme. Während in Nobelboutiquen unserer Grossstädte Kinderpuppen mit echtem Mädchenhaar für 17'000 € Absatz finden, stöbern immer mehr Absteiger in Mülleimern nach Essbarem und nach Pfandflaschen. Unsere Kultur entfern sich zunehmend vom Beter des AT, der Gott bittet ihn von Armut und von Reichtum zu verschonen, denn "ich könnte sonst, wenn ich satt würde, verleugnen und sagen: Wer ist Jahwe? Oder wenn ich zu arm würde, könnte ich stehlen und mich an dem Namen meines Gottes vergreifen." (Sprüche 30,8f) Wie wäre es, wenn Kommunitäten in ihrem Inneren dem gerechtfertigten Verlangen der jungen Generation nach Fülle und nach Gerechtigkeit Raum gäben? Wenn sie junge Menschen nicht nur zur Linderung der Armut, sondern auch zur Bekämpfung masslosen Reichtums in ihre Mitte holten? Werden wir im Innenraum der Gemeinschaft zu einem solchen Eintreten angefeuert, oder verzetteln wir uns zunehmend in Pedanterien? Wenn der kommunitäre Innenraum vom Geist des Gebets in Sprüch 30,8 durchdrungen ist, wird dort auch die seelsorgerliche Arbeit und das Noviziat vom Ringen ums rechte Mass bestimmt: Masslos darf nämlich nur die Nachfolge als Liebe zu Gott sein, aber Reichtum und Armut müssen ihr Mass bekommen. Dann werden Gäste und Novizen die Erfahrungen machen, dass auch der Kampf gegen die eigene masslose Oberflächlichkeit und Verzettelung erfrischend ist und dass das Ordensleben mit massvoller Askese zu zu intensivem Leben für Gott befreit. Gästen und Novizen wird dann bewusst, welche Zeitvergeudung die Gier nach Macht, Reichtum und nach masslosem Informationskonsum bedeutet. Sie werden sich danach sehnen, das Überangebot von oberflächlichen Gelegenheiten zu reduzieren. Das war wohl auch einst mit dem Armutsversprechen gemeint. Der alte Begriff der Armut kann in einer entsolidarisierten Gesellschaft wie der unsrigen schnell zynisch wirken. Daher sollten sich Kommunitäten um eine neue Sprache und um neue Bilder bemühen. Das neue Versprechen anstelle des Armutsgelübde könnte lauten: Ich verspreche, in Gemeinschaft ein konzentriertes und einfaches Leben für Gott zu führen. Die Herausforderung des Individualismus und die Nachfolge als Selbstverpflichtung zur Gemeinschaft Die Werbung führt uns tagtäglich die Ergebnisse einer vor 50 Jahren noch undenkbaren Enttabuisierung vor Augen. Das öffentliche Leben ist sexualisiert. Die Emanzipation versprach ungetrübte Freiheit und Beglückung. Die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus: Ehen scheitern, Ensamkeit, Schuldgefühle und Vorwürfe grassieren. Lebensgeschichtlich wächst mitten im Jugendlickeitskult die Angst vor dem Altern - bei Frauen als Angst, die Attraktivität zu verlieren, bei Männern als Angst vor Potenzverlust. Der Zölibat war einst für junge Mnschen zweifellos eine wichtige Antwort auf damalige Herausforderungen und eine Möglichkeit zur Emanzipation. Das Kloster war für Frauen oft eine Befreiung von der Aussicht auf ein enges Leben in Küche und Kammer. Für zweit- oder drittgeborene Männer war es die Chance, auch ohne Hoferbe zu sein, ein Leben in einem anerkannten Stand führen zu können. Und für Hochbegabte beiderlei Geschlecht war die Ehelosigkeit im Kloster der Preis dafür, die Begabung auch ausleben zu können. Heute ist die emanzipatorische Selbstentfaltung zivilgesellschaftlich mehr oder weniger verbürgt. Keine Frau muss mehr heiraten. Eine hochbegabte Frau kann heute selber bestimmen, welche Vorlieben sie verfolgt und welchen Preis sie dafür zu zahlen bereit ist, sei es phasenweise, sei es endgültig. Die kulturellen Herausforderungen sehen anders aus. Welche Lebensform bietet zum Beispiel eine Alternative zur alles zersetzenden Vereinsamung und seelischen Verkümmerung in unserern Grossstädten? Was meinen jungen Menschen, wenn sie sagen: Ich suche Gott - aber nicht im Getto des Zöllibats! Es geht also darum, die Botschaft des klassischen "Keuschheitsgelübdes" in die heutige kulturelle Muttersprache zu übersetzen. Die amerikanische Nonne Chittister fragt: Was wird aus dne Vorstellungen von Jungfräulichkeit in einer Kultur, in der Menschen in eine religiöse Gemeinschaft eintreten, nachdem ihre Jungfräulichkeit schon längst nicht mehr gegeben ist?" Wenn ein Mensch - einerlei, in welchem Lebensalter - klären möchte, zu welcher Gestalt der Nachfolge er berufen ist, fragt er: In welcher Lebenform kann ich mehr lieben? Nachfolge darf nicht weniger, sondern muss mehr Freundschaft bedeuten, nicht vertrocknete Beziehungen, sondern vertiefte, nicht weniger Intimität, sondern mehr, nicht weniger Gemeinschaft, sondern mehr - Gemeinschaft. Er wird feststellen, dass die Frage, ob er dies durch den Zölibat oder durch Familiengründung beantwortet, zweitrangig ist. Er stellt sich vor Augen: Beim kommunitären Leben gibt es weder eine Pflicht zum Zölibat noch eine Pflicht zur Ehe. Inzwischen überasschen moderne spirituelle Autoren den Leser mit mutigen Ausführungen zur "Intimität" im Gemeinschaftsleben, auch dem geistlichen. Joan Chittister schreibt: "Zölibatär zu leben heisst nicht, ohne Liebe zu sein, sondern grenzenlos zu liebe; heisst, mein Leben im liebenden Einsatz für mehr Menschen hinzugeben als nur für die, die mich lieben." "Gemeinschaften, die im Namen der religiösen Formung Gefühle abtöten, engen den Geist der Gemeinschaft selbst ein." Dann wird es "wichtiger, pünktlich zu essen, als den Gast an der Tür willkommen zu heissen, dringender zu beten, als ans Telefon zu gehen, notwendiger, früh zu Bett zu gehen als mit Menschen in ihrem Schmerz zusammenzusitzen, ihre Freuden mitzufeiern und ihre Geschichten anzuhören." Es geht also darum, dass Eheleute gegenüber Zölibatären nicht automatisch zu nur halbierter Hingabe an etwas Grösseres fähig sind; es könnte vielmehr eine verdoppelte Hingabe sein. Die Verfügbarkeit ist ohne Zweifel im Zölibat grösser als in Ehe und Familie. Aber Hingabefähigkeit ist umfassender als Verfügbarkeit! Die Radikalisierung von Liebe, Freundschaft und Gemeinschaft lässt sich also ebenso gut in die Gestalt der Ehe übersetzen. Dei Antwort der Kommunitäten auf die Herausforderungen von verabsolutiertem Individualismus und seelischer Verkümmerung hiesse daher zunächst Gemeinschaft. Sie kann in einer gestaltvollen Eigenkultur Freundschaft, Intimität und viel Geborgenehit schenken. Ob die einzelnen Mitglieder dies als Eheleute oder als Zölibatäre oder einfach als Ledige leben möchten, ist zunächst ihre persönliche Entscheidung. Selbstverständlich müssen Eheleute das grössere "Dritte" der Kommunität gemeinsam teilen. Begründung für den Zölibat einer Ehelosengemeinschaft sind in erster Linie in der Tradition zu finden, wenngleich sie sich daraus auch biblisch begründen lassen. Zölibat ist ein Charisma, eine Berufung, allerdings nicht mehr als die Ehe, nur eben seltener. Der Zölibat ist ein Zeichen. Die Ehe aber inzwischen auch! Die grosse Herausforderung beruht für Kommunitäten heute darin, dass Berufungen sowohl im Zölibat als auch zur Ehe in eine Krise geraten sind. Die begegnung mit einer modernen Kommunität soll Gästen und Novizen zu beiden Berufungen Mut machen. Entscheidend ist, wie dicht wir an den Fragen der suchenden Jugend dran sind! Ich empfehle, statt von Zölibat, von der Verpflichtung zum gemeinsamen Leben zu sprechen. Das neue Versprechen anstelle des Zölibatgelübdes könnte lauten: Ich verspreche, aus Liebe zu Gott ein gemeinsames, kommunitäres Leben zu führen. Zwei neue Evangelische Räte Kommunitäten und Orden brauchen zweifellos Verbindlichkeiten. Meine Sorge ist, dass eien sture Orientierung an den sog. klassischen Evangelischen Räten zu einer Haltung führt, die die Philosophie ein "unglückliches Bewusstsein" nennt. Angesichts der offensichtlichen Krise der Orden, die sich in Nachwuchsmangel, Überalterung, Austrittsstimmung äusset, halte ich eine gewisse Skepsis gegenüber dieser Sturheit für angebracht. Echte Verbindlichkeit - dessen bin ich gewiss - ist stets eine Antwort auf Umbrüche, Krisen und Sehnsüchte einer Epoche. Jeder Gast oder Novize muss sich darauf verlassen können, dass die Fragen, die ihn in den Krisen der westlichen Welt an die Tür einer Kommunität getrieben haben, im Innenraum dieser Kommunität erst recht leidenschaftlich vorangetrieben werden. Wenn evangelische Kommunitäten sich durch das Festhalten an den drei Evangelischen Räten - ihre Zugehörigkeit zum Kreis "richtiger" katholischer Orden erwerben wollen, laufen sie Gefahr, den Dialog mit der geistlich suchenden unruhigen Jugend zu verscherzen. Es gibt zu denken, dass Stefan Kiechle darauf bezogen unbekümmert zwei weitere "Evangelische Räte" aufzählt: die Gemeinschaft und die Hingabe; offenbar sieht er gerade in ihnen eine dringliche Ergänzung angehsichtes der akuten Herausforderungen unserer Zeit. Ich behaupte, dass mehr Menschen, als unsere Kommunitäten es zur Zeit widerspiegeln, auf der Suche nach intensivem Leben, nach Gemeinschaft sind und nach etwas, das lohnt. Das bedeutet noch nicht, dass eine Massenbewegung zu Orden und Kommunitäten zu erwarten wäre. Aber ich bin gewiss, dass weitaus mehr junge Menschen, als die wenigen Postulanten und Novizen, zu einem neuen Aufbruch berufen sind. Was die Kommunitäten zur Krise von Individualismus und gesellschaftlicher Auflösung zu sagen haben, hat Bedeutung weit über die Mauern ihrer Klausur hinaus. Es wartet darauf, entdeckt zu werden. Gott, Gemeinschaft und Geld
02:11, 30 January 2010
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Wer sehnt sich nicht nach liebevoller und tiefer Gemeinschaft? Gerade weil unser Gesellschaft so viel davon verloren hat, steigt die Sensucht nach intimer Gemeinschaft: anonyme Kuschelgruppen, stundenlange Chat-Freundschaften und das Liebelingshobby "gemeinsam Abhängen" - all das sind Hinweise dieser Gemeinschafts-Sehnsucht. Die Gemeinschaft von Christen sollte eigentlich die erfahrbare Erfüllung dieser Sehnsucht sein - der Ort, an dem Menschen fühlen, wie gut sie tut. Nicht-Christen sollten hier die versöhnende Realität Gottes erleben. Und wo diese echte Gemeinschaft fehlt, hilft auch "evangelistische Schwerstarbeit" nicht weiter, denn unsere Gemeinschaft untereinander ist nun mal so etwas wie unser Authentizitäts-Siegel. So weit so gut! Doch was hat das eine (Geld), mit dem anderen (Gemeinschaft) zu tun? Wo ist hier die Verbindung? Wie hängt Geben und Gemeinschaft zusammen? Eine erste Antwort findet sich in der frühen Kirche: Hier sagen uns Historiker, dass die intensive Gemeinschaft der Christen damals so anziehend auf ihre Umgebung wirkte, dass genau diese Gemeinschaft zu ihrem besten Evangelisationstmittel wurde. Gleichzeitig berichten uns die Kirchenväter, dass die Christen sich voller Hingabe um Not leidende Menschen kümmerten. Geben und Gemeinschaft gehörten zusammen. Der freigebige Umgang mit Besitz spiegelte also die intensive Gemeinschaft wider. Wenn wir - im krassen Gegensatz dazu - sehen, welche Fragen wir uns heute in Bezug aufs Geben stellen, merken wir, dass Gemeinschaft dabei - erschreckenderweise - gar nicht auftaucht. Wir fragen uns: Wie viel soll ich spenden? Wie viel Luxus darf ich mir gönnen? Solche Fragen zeigen ein zutiefst isoliert-individualistisches Gebe- und Geldverständnis: Der Einzelne denkt nur in dem Beziehungsfeld Gott - ich - mein Geld. Das ist der Kern seines materiellen Weltbildes. Dieses Beziehungsfeld muss aber unbedingt um eine Grösse erweitert werden, nämlich um meinen Nächsten. Es muss heissen: Gott - mein Nächster - ich - mein Geld. Leider sitzt dieses verkürzte Weltbild sehr tief in unserern kulturellen Genen. Unsere Theologie ist in falscher Weise individualistisch verkürzt und verhindert dadurch nicht nur Gemeinschaft, sondern auch individuelle Selbstverwirklichung. Gott, Mensch und Gemeinschaft Woher der Hunger nach Gemeinschaft? Die Sehnsucht nach Beziehungen ist sehr deutlich in unserer Welt. Ja, diese Sehnsucht quillt geradezu aus den Poren der postmodernen Seele. Und das umso stärker, je mehr die Vereinzelung und Isolation unserer entzauberten Welt isch in den Menschen hineinfrisst. Woher stammt diese Sehnsucht nach Gemienschaft? Warum ist der Mensch solch ein Gemeinschaftswesen? Wie tief sitzt unser Drang nach Gemeinschaft mit anderen? Die Antwort lautet: Sehr tief! Unser Drang nach Gemienschaft rührt daher, dass wir als Ebenbilder Gottes geschaffen wurden und Gott selbst in sich eine dreieinige Gemeinschaft ist: Der Vater, der Sohn Jesus und der Heilige Geist verkörpern in ihrer Gemeinschaft das, was es heisst, sich mit anderen in perfekt-harmonischen Beziehungen zu vereinigen und dabei doch man selbst zu bleiben. Als Ebenbilder Gottes haben wir Menschen diese Beziehungs-DNA Gottes tief in uns "hineingepflanzt" bekommen. Fatalerweise ist es so, dass die Zerstörungsdynamik der Sünde genau hier bei dieser Beziehungs-DNA ansetzt: Nachdem wir im Sündenfall unsere primäre Beziehung zu Gott durch Misstrauen zerschlagen haben, entstehen ums uns her hohe Gemeinschafts-Wälle aus Missgunst, Neid, Angst und anderen Beziehungskillern, die echte und offene Gemeinschaft mit anderen verhindern. Wir wollen selbständig und unabhängig sein - und geraten dadurch in Konkurrenz zum Nächsten. Wir finden uns plötzlich in Rivalitätszwängen wieder, die sowohl individuelle Selbstverwirklichung als auch tiefe, echte Gemeinschaft zerstören! Christen müssen ihre Gemeinschaftsberufung unbedingt erkennen und sie ausleben. Durch seinen Geist will Gott in uns diesen Gemeinschafts-Sinn, der durch den Sündenfall kaputtging, wieder aufbauen - um versöhnte Beziehungen wiederherzustellen, die sowohl individuelle Selbstverwirklichung als auch vollkommene Gemeinschaft ermöglichen! Echte Gemeinschaft ist für den ganzen Menschen Im NT malt uns Gott ein Bild von wirklicher Gemeinschaft vor Augen: An unzähligen Stellen wird die Gemeinschaft der Christen mit einer Familie verglichen. Das geschieht nicht zufällig, denn die Familie ist - trotz all ihrer negativen Erscheinungsformen - häufig die intakteste Gemeinschaftsform, die Menschen kennen. Deswegen wählt Gott dieses Bild. Ähnlich wie in der Familie ist das Miteinander von Christen nicht bloss auf eine bestimmte Lebenssphäre beschränkt: So wie eine Familie mehr ist als eine Fahr-, Arbeits- oder Hobbygemeinschaft, so ist auch christliche Gemeinschaft mehr als nur eine Religionsgemeinschaft. Sie sit Lebensgemeinschaft. Sie ist ganzheitlich. Genau deshalb, weil christliche Gemeinschaft ganzheitlich ist, beinhaltet sie neben der spirituellen auch die praktische Einheit. Geistliche Einheit und materielle Fürsorge gehören untrennbar zusammen. Die Berichte über die frühe Gemeinde in Jerusalem demonstrieren das lebhaft: Da lesen wir zum einen, dass die Christen sich täglich trafen, die gleiche Herzensgesinnung hatten und einmütig zusammen beteten - also eine geistliche Einheit waren. Zum anderen wird auch berichtet, dass viele Christen freiwillig ihren Besitz anderen zur Verfügung stellten, so dass es keinem von ihnen schlecht ging. Diese bieden Beschreibungen sind sprachlich und stilistisch so eng miteinander verknüpft, dass deutlich wird: Geistliche und materielle Einheit sind untrennbar miteinander verwoben. Es sind schlicht und ergreifend zwei Seiten derselben Medaille. Man kann nciht "im Geiste eins sein", ohne dabei die Bedürfnisse des anderen zu kennen und alles zu unternehmen, um sie zu stillen. Einen aufwühlenden Bericht, der das genaue Gegenteil zeigt - nämlich christliche Gemienschaft nur spirituell zu leben - sehen wir Korinth: Hier wurde die neue Art der Gemeinschaft bewusst nicht praktisch ausgelebt. Selbst das Liebes- und Abendmahl wurde so gefeiert, dass jeder nur das zu essen bekam, was er sich selbst leisten konnte. Und wenn einige sich nichts leisten konnten, gab es für sie beim sogenannten "Liebesmahl" schlicht kein Essen. Welch paradoxe Situation! Da wird die Einheit des Leibes Christi gefeiert, und gleichzeitig verstärkt genau diese Feier die sozialen Schranken. Das ist es denn auch, was Paulus anprangert. Er stellt klar: Wer nicht begriffen hat, welche Bedeutung christliche Gemeinschaft hat, der hat beim Abendmahl nichts verloren - der hat also in der Gemeinde nichts zu suchen - der hat keinen Anteil am Leib Christi! Wir können nicht Gemeinde sein, ohne offen und ehrlich miteinander über unsere materiellen Bedürfnisse und Möglichkeiten zu sprechen. Wir können nicht gemeinsam den dreieinigen Gott feiern, wenn wir nicht Einheit praktisch leben. Wie wichtig ist ganzheitliche Gemeinschaft? Das alles mag sich vielleicht gut anhören, wir nicken mit dem Kopf, stimmen "irgendwie" zu und fragen uns aber trotzdem, wie wichtig dieses Thma aus gesamt-theologischer Perspektive ist. Auch hier hält das Neue Testament einige Entdeckungen für uns bereit: Jesus illustriert in seiner Abschiedsrede zum Beispiel in radikaler Form, nach welchen Massstäben er am Ende die Menschen beurteilen wird. Er sagt: Nur die gehören wirklich zu mir, die ihre Herzen, Arme und Portemonnaies für ihre kranken, bedürftigen und armen Geschwister geöffnet haben. Oder anders ausgedrückt: Wie du mit deinen Mitmenschen in Not umgehst, zeigt, ob du mich überhaupt kennst! Jesus selbst macht also den Umgang mit Notleidenden zum zentralen Kriterium für eien authentische Beziehung mit Gott. Das erste, praktische Betätigungsfeld des Glaubens ist die Sorge um und für unsere Geschwister. Ihre Nöte zu erkennen und zu stillen, ist das veilleicht stärkste Kennzeichen dafür, wie sehr wir Jesus und seine radikale Liebe erkannt haben. Fürsorgliche Gemeinschaft, materielle Unterschiede und Offenheit Aber wie geht "materielle Einheit" und hingebendes Teilen? Sol ich ganz radikal "all meinen Besitz den Armen geben", wie Jesus einmal sagte? Oder reicht es, wenn ich nur demjenigen hlefe, der hungernd und zerlumpt vor mir steht, wie es Jakobus schreibt? Wann soll ich wem helfen? Diese Frage löst hitzige Diskussionen aus und kann zu komplizierten und verästelten Antworten führen. Dieselbe Frage wird aber ganz leicht und einfach, wenn wir sie im Licht von "Gemeinschaft" betrachten. Die Antwort ist dann nämlich schlicht: Ich soll und darf immer dann einem anderen etwas geben, wenn unsere Gemeinschaft dadurch intensiver wird. Wenn ein anderer Chrsit, den ich kenne, Not leidet und ich ihm helfen kann, wächst unsere Beziehung, indem ich ihm helfe. Aber sie wird schwächer, wenn ich seine Not aus unserer Beziehung ausklammere. Doch wie liegen die Dinge, wenn einer meiner Mitgeschwister zum Beispiel im Hauskreis zwar keine existentielle Not leidet, aber eindeutig weniger hat als ich? Wiederum ist die Antwort einfach: Wenn unsere Gemeinschaft dadurch wachsen kann, werde ich ihm gerne und bereitwillig von meinem Besitz abgeben. Die Frage des Gebens wird also nicht dadurch beantwortet, ob der andere überleben kann, sondern vielmehr dadurch, wie unsere Gemeinschaft - als Ausdruck vollkommener Individualität in versöhnter, liebevollen Beziehungen mit den anderen - intensiver und harmonischer werden kann. Doch wie erkennen wir Ungleichheiten , die Gemeinschaft behindern? Eine gute Bekannte sagte mir einmal, dass sie nie gern bei anderen Christen zu Besuch sei, die deutlich reicher sind. Vor allem aber schäme sie sich, diese zu sich nach Hause einzuladen. Nicht, weil sie sie nicht mag. Nein, einfach, weil da eine innere Trennung ist - Scham, Minderwertigkeitsgefühle und vielleicht sogar Neid. Eine ähnliche innere Trennung empfinden wahrscheinlich auch reichere Christen, wenn weniger betuchte Mitchristen in ihnne bloss "reiche Geldesel" sehen. Wir merken also: Ganzheitliche Gemeinschaft kann nur dort entstehen, wo Offenheit herrscht. Dort, wo Christen sich offen über ihre Lebenssituation und ihre Wünsche und Gefühle austauschen und diese miteinander ins Licht Gottes bringen. Das aber passiert nicht einfach so! In einer Kultur, in der Freundschaft beim Geld aufhört, ist es nicht leicht, offen über Geld, Finanzen und Bedürfnisse zu reden: Unser Denken ist so starkdavon gesprägt, eigene Schwächen zu verheimlichen, dass Christen sich ganz bewusst dafür entscheiden müssen, eine sehr offene Gemeinschaftskultur zu entwickeln. Das Kreuz und das Geben - das Jesus Paradigma Teilen, Geben, Dienen - ist das sinnvoll? Vieles um uns herum lehrt uns das krasse Gegenteil: Geiz ist geil! Wer sich durchsetzt, ist der Tollste! Wenn jeder für sich sorgt, ist für alle gesorgt! Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott! Wie können wir, angesichts einer solch allgemeinen Plausibilitätsstruktur, es überhaupt wagen, Gottes Vision von Gemeinschaft zu leben? In der Tat können wir uns nur dann danach ausstrecken, wenn wir in unserem Denken einen echten Paradigmenwechsel vollziehen: Wir ersetzen die Logik unserer individualistischen Gesellschaft mit der Weltanschauung Jesu. Der Apostel Paulus beschreibt dieses "Jesus-Paradigma" sehr treffend, als er Christen auffordert, sich in hren Werten an der Haltung Jesu zu orientieren: Und dann erzählt er davon, wie der mächstige und erhabene Gott in Jesus Mensch wurde - sich aufmacht, um gedemütigt und erniedrigt zu werden. Und nicht nur das: Er wurde als Mensch sogar zu den Verbrechern gezählt, entwürdigt und hingerichtet. Das alles geschah, weil Christus uns Menschen aus Zerstörung, Angst und Tod erlösen und reich machen wollte. Er wollte uns das ermöglichen, was wir am meisten brauchen: die versöhnte Beziehung zu unserem Schöpfer - und dmait eine vollkommene Einheit mit Gott und den anderen genauso wie eine vollkommene Individualität. Das Kreuz Jesu wird für Paulus zum Paradigma. Zum Paradigma einer christ-lichen Gesinnung. Das Kreuz ist der Inbegriff dafür, etwas freiwillig für andere zu geben. Doch was hat diese Grundeinstellung mit mir und meinem Besitz zu tun? Verblüffenderweise sehr viel! Paulus erwarte, dass dieses Jesus-Paradigma handfeste Konsequenzen hat. Er benutzt genau dieses Bild von Jesu Erniedrigung und Tod, um Christen zu motivieren, mit anderen zu teilen. Er schreibt: "Ich gebe euch keinen Befehl. Ich sage euch nur, wie hilfstbereit andere sind, um euch dadurch anzuspornen. Ich möchte erproben, wie ernst es euch mit eurer Liebe ist. Ihr wisst ja, was Jesus Christus, unser Herr, in seiner Liebe für euch getan hat. ER war reich und wurde für euch arm; denn erwollte euch durch seine Armut reich machen." (2. Korinther 8, 8-9) Das Jesus-Paradigma ist also der ulitmative Anreiz, anderen Christen freudig und gerne mit den eigenen Mitteln zu helfen. Paulus macht deutlich, dass dieses Geben das Natürlichste der Welt ist, wenn usnere ganze Weltanschauungin Jesus zentriert ist. Hier merken wir sofort, dass alles Geben und Teilen nur dann sinnvoll ist, wenn es aus dem Grund geschieht, weil wir Jesus nachfolgen. Wir können nur dann gerne und freudig anderen etwas schenken, wenn wir selber Jesu Liebe existentiell erfahren haben. Unser freiwilliges Geben wird dann nämlich einfach ein Spiegelbild von dem, was Jesus tut - von seiner lebendigen Liebe. Einander verpflichtete Gemeinschaft - der kommunitaere Weg
06:28, 24 January 2010
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Kommunitär, Kommunität, Communitas - oder: eine BegriffsklärungDer kommunitäre Weg ... was meint eigentlich kommunitär? "Kommunitär" kommt von "Kommunität". Und das wiederum leitet sich vom lateinischen communitas ab, zu Deutsch Gemeinschaft. Kommunitäten wurden im evangelischen Raum lange Zeit hauptsächlich Gemeinschaften von Frauen und Männern genannt, welche nach den "evangelischen Räten" (Armut, Ehelosigkeit, Gehorsam) leben. Im engeren Sinne bezieht sich "kommunitär" auf solche ordensähnlichen Gemeinschaften der evangelischen Tradition. In den letzten Jahrzehnten erfuhr dieser Begriff jedoch eine Ausweitung. Es begannen sich Gemeinschaften "Kommunität" zu nennen, deren Mitglieder nicht zwingend aus ihren familiären Beziehungen und familiären Kontexten heraustraten, sondern den kommunitären Weg gerade als Familien leben wollten. "Kommunität" kann man also in einem engeren und weiteren Sinn verstehen. Die Sehnsucht, gemeinsam den Weg der Nachfolge zu gehen, verbindet Kommunitäten im engeren und weiteren Sinn. Und: Kommunitäten sind geistliche geprägte Gemeinschaften, in denen Nachfolge in einer verbindlichen Form gelebt wird. Kommunitäten suchen nach Wegen und Möglichkeiten, gemeinsam Glauben zu leben und Gott in der Welt zu dienen. Die dabei erlebte Verbundenheit ruft nach Verbindlichkeit. Die Verbindlichkeit will die Verbundenheit schützen und vertiefen. Ebenso gilt: Damit die Verbindlichkeit nicht hohl wird, will die Verbundenheit gepflegt werden. So achten Kommunitäten auf die Wechselwirkung von Verbundenheit und Verbindlichkeit. Verbindliche Lebens-, Glaubens- und Dienstgemeinschaft Der Aspekt der Verbindlichkeit wurde bereits erläutert. Doch möchte ich dazu noch folgendes ergänzen: Die Verbindlichkeit geht in zwei Richtungen. Zunächst einmal ist Verbindlichkeit die Ver-Bindung mit Gott, der sich seinerseits an uns Menschen bindet. Dann ist sie auch die Ver-Bindung mit dem Bruder, der Schwester, dem Nächsten. Ohne Opfer ist keine Gemeinschaft möglich. So verlangt auch eine verbindliche Gemeinschaft mit Gott und dem Nächsten Opfer. Das geschieht nicht aus Lebensverneinung. Man wagt Opfer vielmehr, um Freiraum zu schaffen, mit dem Ziel vor Augen: Frei sein für Gott und die Menschen - um des Himmels willen und der Erde wegen. Ganzheitliche Nachfolge in Lebens-, Glaubens- und Dienstgemeinschaft Es hat sich weitgehend durchgesetzt, das Innenleben der Kommunitäten mit der Trias, dem Dreingklang von Lebens-, Glaubens- und Dienstgemeinschaft zu beschreiben. - Gemeinschaften auf dem kommunitären Weg sind Glaubensgemeinschaften, weil sie gemeinsam Gott suchen und Jesus folgen wollen. Dazu gehört der intensive Umgang mit der Bibel und dem Gebet. - Um die Lebensgemeinschaft der KOmmunität zu beschreiben, wird nicht selten das Vorbild der Jerusalemer Urgemeinde und deren Liebe, Beisammensein und Güterkommunismus zurückgegriffen. - Die Bandbreite des Dienstes der Kommunitäten ist gross: Beherbergung von Gästen und ihre seelsorgerliche und spirituelle Begleitung, missionarische Dienst im In- und Ausland, .... Ganzheitlich - Davon ist das kommunitäre Leben durchzogen. Fragt man Brüder und Schwestern nach dem Beweggrund, warum sie sich für das kommunitäre Leben entschieden haben, bekomme man häufig zu hören: "Ich wollte etwas Ganzes für Jesus tun." Dieser Wunsch nach Ganzheit hat etwas Radikales, etwas Bedingungsloses. Das bedeutet aber nicht, dass man einseitig wird. Die Bedingungslosigkeit vollzieht sich hier im Gleichgewicht von Lebens-, Glaubens- und Dienstgemeinschaft. Wenn es gelingt, diese Balance zu halten, führt das geistliche Leben nicht zu einem weltfremden Christentum, und der Dienst verkommt nicht zu einem atemlosen Aktivismus. Gemeinschaften auf dem kommunitären Weg tragen ihren Schatz in irdenen Gefässen. Deshalb gehören Schuldigwerden und Scheitern dort genauso zum Leben wie anderswo. Die Besonderheit dieses Weges ist nicht ein romantisiertes, konfliktfreies Leben, sondern der Punkt, dass Kommunitäten im Lauf der Zeit Schweitern als Chance erkennen und Vergebung kultivieren. Und was ist einladender als Menschen, die Versöhntheit ausstrahlen? Warum wir eine Theologie des Alltags brauchen
02:25, 10 January 2010
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Rennpferde als AckergäuleIch habe inzwischen mehrfach erlebt, dass Menschen an ihrer Aufgabe innerhalb einer christlichen Gemeinschaft gescheitert sind. Jedes Mal, wenn das passiert, scheint die Bestürzung unter den Mitgliedern gross zu sein. Wie konnte das bloss passieren? Wie konnte es zum Burn-out kommen? Wie kann es sein, dass die Zusammenarbeit nicht mehr klappt? Wie kann es überhaupt sein, dass so etwas unter Christen vorkommt? Sollte bei uns nicht einer des anderen Last tragen? Woran scheitern Pastoren und Leiter? Ich habe erlebt, wie Leiter, die über herausragende Fähigkeiten verfügten und die von ihren Mitglieder geliebt wurden, daran scheiterten, dass man ihnen Aufgaben zumutete, die sie nicht meistern konnten. Meistens waren das Aufgaben aus dem Bereich des Managements. Die Problematik ist geradezu gespenstisch irrational: Es ist so, als würde man ein Rennpferd vor einen Pflug spannen und von ihm erwarten, dass es auf dem Acker schuftet. Die Resultate werde nicht überheugend sein und nach zwei Jahren ist das Pferd tot. Dass der Bauer das Pferd mit der Peitsche zu höherer Leistung antreibt, macht die Sache nicht besser. Wir können in unseren Gemeinschaften beobachten, wie Leiter, die fraglos über eine gewisse Wirtschaftskompetenz verfügen, weil sie nämlich häufig aus der Wirtschaft stammen, ihre Pastoren verschleissen. Warum? Weil die Pastoren, die ihrer Berufung und Begabung entsprechend Hirte, Seelsorger, Lehrer und Denker sein sollten, zu Aufgaben getrieben werden, die dem Idealbild des wirtschaftlichen Lebens entsprechen. Was bedeutet 'Relevanz'? Es fällt auf, dass Probleme dieser Art häufig in Gemeinden auftauchen, die sich verstärkt darum bemühen, 'relevant' zu sein. Im herkömmlichen Sinne bedeutet 'relevant': Etwas ist bedeutsam oder von belang für etwas oder jemanden. In evangelikalen Kreisen ist eine weiter Bedeutung hinzugekommen. 'Relevant' wird inzwischen auch als Synonym für das Wort 'evangelistisch' gebraucht. Wenn eine Gemiende sich darum bemüht 'relevant' zu sein, dann meint sie damit in aller Regel, dass sie für die Menschen in ihrem direkten Umfeld 'von Belang' sein will: Ihre Formen und Bräuche sollen verstehebar und nachvollziehbar sein, ihre Angebote sollen neiderschwellig sein, sodass dem Glauben fernstehender Menschen ihre Veranstaltung und Gottesdienste besuchen können, ohne dabei besondere Hindernisse überwinden zu müssen. Eine 'relevante' Gemeinde hat den Anspruch, dass das, was in ihren Veranstaltungen gesagt und getan wird, etwas mit dem Lebend der Anwesenden zu tun hat. Sosehr sich Gemeinden auf diese Weise um Relevanz für ihr direktes Umfeld bemühen, sosehr lässt sich beobachten, dass das Ziel nie in dem Masse erricht wird, wie es angestrebt wird. Gleichzeitig ist der Preis, den eine Gemeinde für ihre hinzugewonnene Attraktivität bezahlt, sehr hoch: Der besteht nämlich nicht selten in erschöpften und teilweise frustrierten Mitarbeitern - oder aber in Mitarbeitern, die kurzerhand aus ihrer Aufgabe entlassen werden, weil sie nicht die erwünschten 'Resultate' erzielen. Jedem ist klar, wie diese Leute sich nach so einem Erlebnis fühlen müssen. Was sich hier andeutet, ist ein gravierendes und gefährliches Missverständnis. Und schuld ist natürlich - wie sollte es anders sein? - die Postmoderne. Wir sind alle 'postmodern' Der Begriff 'postmodern' eignet sich sehr schlecht, um sich von irgendetwas oder irgendjemandem abzugrenzen. Der Grund ist zum einen, dass niemand ganz konkret weiss, was das sein soll. Zum anderen sind wir alle ein bisschen postmodern. Dast rifft auf Alte und Junge zu, auf Befürworter der Postmoderne und ihre Gegner. Wir sind alle postmoderne Menschen, denn wir leben in der Postmoderne und wir werden durch unser gesellschaftliches Umfeld geprägt, ob wir es wollen oder nicht. Was ist wirklich wirklich? Bis vor einigen Jahrzehten gab es für Christen zwei Arten von Wirklichkeit: eine alltägliche Wirklichkeit und eine 'geistliche' Wirklichkeit. Die 'geistliche' Wirklichkeit wurd ein Ritualen, Gottesdiensten und Veranstaltungen erlebt. Wenn man die religiösen Events verliess, kehrte man in die Wirklichkeit des Alltags zurück. Die Wirklichkeit des Geistlichen oder Heiligen und mit ihm die entsprechenden Verhaltensformen streifte man ab wie einen Pullover. Mit der Postmoderne hat uns eine weitere 'Wirklichkeit' erreicht: die mediale Wirklichkeit, d.h. das, was uns in Fernsehen, Funk und Printmedien als wirklich vorgespiegelt wird. Es ist diese 'Wirklichkeit', die mittlerweile für die Mehrheit der Menschen unserer Kultur die 'wirklichste' aller Wirklichkeiten ist. Um unsere Zeitgenossen mit dem Evangelium zu erreichen, bieten wir ihnen nun die Mischform einer 'geistlichen' und einer 'medialen' Wirklichkeit an: wir veranstalten Gottesdienste, die formal von bekannten Fernsehformaten inspiriert sind. Die dem zugrunde ligenden Überlegung lautet so: Menschen schauen fern. Das, was sie dort sehen, halten sie meistens für wahr. Ausserdem sind sie mit dem Sendeformat der verschiedenen Programme vertraut. Was also liegt näher als Veranstaltungen anzubieten, die dem Format der Fernsehprogramme ähneln? Denn erstens sind die Besucher mit dem Format bereits vertraut. Und zweitens erscheint ihnen der Wahrheitsanspruch dessen, was wir sagen, möglicherweise plausibler. Auf diese Weise gelingt es uns vielleicht, sie in unsere Veranstaltungen zu locken, damit sie mit der 'geistlichen' Wirklichkeit in Kontakt kommen. Das Ansinnen ist verständlich. Doch es beinhaltet einen schwerwiegenden Denkfehler: Es gibt nur eine Wirklichkeit. Sie teilst sich nicht auf in eine 'mediale' Wirklichkeit (die gar keine Wirklichkeit ist, sondern nur eine ideologisch gefärbte Interpretation der Wirklichkeit), eine 'geistliche' Wirklichkeit und eine Alltagswirklichkeit. Gott ist die ultimative Wirklichkeit. In ihr lebt, atmet und handelt jedes Lebewesen, ob es das weiss oder nicht. Doch während vielen unserer Zeitgenossen der Zugang zu dieser Realität verborgen ist, kennen wir ihn: Der Zugang ist Jesus. Durch ihn haben wir Zutritt zum 'Thron Gottes' (Hebr. 4,16), d.h. zur ultimativen Wirklichkeit des Lebens. Immer leben wir in der unmittelbaren Gegenwart Gottes und seine Gegenwart ist in uns präsent. In jeder Minute des Tages. Diese Wahrheit hat erschreckend wenig Auswirkungen auf die Art und Weise, wie wir leben und glauben. Im Gegenteil. Statt den Alltag zu heiligen, also jedes Detail des Lebens zum Gottesdienst zu machen, pferchen wir das Leben in den begrenzten Rahmen unserer Veranstaltungen, in der Annahme, nur dort könne man Gott erleben. Wenn es wirklich stimmt, dass wir in Gott sind und Gott in uns, was liegt dann näher, als sein konkretes Handeln in unserem Handeln zu erwarten? Und genau das ist auch der Schlüssel zu einem relevanten Christsein als Einzelner und als Gemeisnchaft. Diesen Schlüssel hat uns Jesus vor langer Zeit in die Hand gedrückt. Alles ist Gottesdienst Unsere Trennung zwischen 'geistlicher' und 'alltäglicher' Wirklichkeit hat dazu geführt, dass wir die Kleinigkeiten des Lebens abgewertet haben. Das führt wiederum dazu, dass Christen sich nicht vorstellen können, wie Christsein im Alltag praktisch aussehen soll, weil sie nicht wissen, dass alles, was sie tun, eine Bedeutung hat und ein potenzieller Gottesdienst sein kann. Nicht umsonst schreibt Paulus an die Gemeinde in Korinth: "Was immer ihr tut, ob ihr esst oder trinkt oder was es auch sei - verhaltet euch so, dass Gott dadurch geehrt wird." (1. Korinther 10,13) Thin Places MIr ist klar, dass die Tatsache, dass unser Gottesdienst überall und immer stattfindet, unsere Veranstaltungen nicht überflüssig macht. Auch unsere herkömmlichen Gottesdienste nicht. Wir sollten aber nicht - aus einem falschen Bestreben 'relevant' zu sein - das über Bord werfen, was unsere Gottesdienste so stark macht: Gebet, gemeinsame Anbetung und Predigt. Die Attraktivität eines Gottesdienstes besteht nicht allein im Verstehen, sondern vor allem auch im Erleben. Gottes Gegenwart spüren, die Kraft seiner Worte erleben, dabei sien, wenn seine Kinder intime Gebete an ihn richten, Gottes Segen empfangen - all das macht die Attraktivität christlicher Gottesdienste aus. Was ist christlich?
12:56, 10 January 2010
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Was ist "christlich"?In unserem "postchristlichen" Abendland wird der Begriff des "Christlichen" immer undeutlicher. Zu Zeiten der Bibel war es ein klares Label: Jemand war Christ, wenn er mit Jesus lebte und dem "neuen Weg" des Evangeliums folgte. Je nachdem, wo man sich befand, war "Christ" eine positive Bezeichnung oder eine Garantie für Verfolgung, aber es war immer klar, was ein Christ ist. Heute ist das anders. Für manche ist derjenige ein Christ, der sich grob an den judaeo-christlichen Ethikkodex hält, für den anderen ist der ein Christ, der mit Jesus am Start ist und Geistesgaben praktiziert. Tatsächlich gibt es viele Theologen, für die eine gläubige Anerkennung des Opfers Jesu nicht mehr das Merkmal, sondern nur noch eine Spielart des Christlichen ist. Wenn wir davon ausgehen, dass sich Theologie global verändert, dann ist es klar, dass jeder neue Aufbruch sich theologisch neu finden und auch definieren muss. Aus dieser Notwendigkeit sind Abertausende dicke theologische Manifeste und unzählige Denominationen entstanden. Jede hatte, um es möglichst positiv zu formulieren, eine neue Facette der göttlichen Offenbarung erhalten, diese in eine neue Struktur zu giessen und gegenüber anderen Gruppen zu verteidigen. Das Problem dabei ist nicht, dass Gott neue Wahrheitsfacetten ans Licht gebracht hat, sondern dass Menschen mit diesen Wahrheiten oft schlecht umgegangen sind. Während es manchem gefällt, etwas von Gott zu hören und etwas zu verstehen, was wir bisher nicht verstanden haben, empfinden andere neue Offenbarungen als gefährlich und neiben dazu, die eigenen Leute motivierter zu bekämpfen, als man denken sollte. In nicht wenigen Fällen waren Gläubige bereit, für die Wahrheit - für ihre Wahrheit - zu töten. Schon deshalb muss sich Theologie insgesamt ändern, denn Theologie geht mit Wahrheit um und die postmoderne Wahrnehmung von Wahrheit hat sich gegenüber dem klassischen Wahrheitsempfinden stark gewandelt. Während es früher nur eine Wahrheit gab - und es galt diese eine Wahrheit mit Klauen und Zähnen zu verteidigen-, ist Wahrheit heute mehr und mehr zu einer Beziehungssache geworden. Hitzige Diskussionen und Glaubenskriege entstehen aber nicht nur aus inhaltlichen Diskrepanzen, sondern aus strukturellen. Um eine Wahrheit zu erhalten, wird eine Struktur, eine Bewegung, Kirche, Denomination um sie herum gebaut, und diese kämpft mit anderen. Form wird oft mit Inhalt identifiziert und der Streit wird nicht selten mit und von Leuten geführt, die eine Offenbarung aus zweiter Hand haben und für etwas kämpfen, was sie nur halb verstanden haben. Nach jedem feurigen Aufbruch des Heiligen Geistes bleibt am Ende eine Menge erstarrter Lava und Asche zurück - die heilige Asche geschehenen Wunders (Karl Barth). Wahrheit als dynamische Tatsache Interessanterweise steckt im biblischen Begriff von Wahrheit beides drin: Wahrheit ist eine Sache, die absolut feststeht, sich aber geistlich nur in der Gottesbeziehung offenbart. In Johannes 14,6 sagt Jesus: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich." Diese Wahrheit ist ein juristischer Begriff, sie ist das, was der Richter feststellt und auf dessen Grundlage er Recht spricht. In dem Sinne ist sie etwas, was einfach "ist" und feststeht. Sie ist aber auch eine Person, Jesus Christus, und damit etwas, das in Beziehung eingebunden ist. Geistliche Wahrheit kann man nicht besitzen, so wie man keine Person besitzen kann. Man kann nur mit ihr in Beziehung treten; sie lebt und entsteht in der Gottesbeziehung. Damit sind zwei grundlegend wichtige Dinge über Wahrheit gesagt: (1) es gibt eine objektive, absolut richtige Wahrheit und (2) diese Wahrheit wird immer warhgenommen: von einem Menschen, einer Gruppe, allgemein einem Subjekt und durch die Wahrnehmung gebrochen. Deshalb erscheint geistliche Wahrheit als so komplex: Sie bricht sich in Millionen Gläubigen wie Licht in einem Kristall und das eigentlich weisse Licht der Wahrheit erscheint in vielen bunten Facetten - so entsteht die komplexe Schönheit der Theologie. Johannes 14,6 zeugt zugleich die Grenzen dessen auf, was Wahrheit sein kann - und ein Mittel dazu, sie immer mehr wiederzuspiegeln. Die Grenze ist das Evangelium, da wir von christlichen Arbeiten sprechen, muss Christus in ihnen enthalten sein. Wahrheit ist für den postmodernen Menschen weniger Besitz als mehr eine Richtung, in die er unterwegs ist - hin zu Christus. Damit wird Wahrheit zu etwas Hochdynamischen, das mit den Mitteln der alten Welt, als Warheit noch statisch gesehen wurde, schlecht zu beschreiben ist. Viele der Probleme, die neue Aufbrüche mit den vorhandenen Gruppen haben, kommen aus einem statischen Wahrheitsbegriff - die "neue" Wahrheit hinterfragt und gefährdet die "alte". Damit würden sich viele Kommunikationsbarrieren zwischen Christen von selbst erledigen, wenn wird Wahrheit als ein gemeinsames Ziel sehen könnten, zu dem jede7r von uns unterwegs ist und das wir erst in der Ewigkeit ganz erreichen werden. Der Kerninhalt des Christlichen hat sich nicht geändert. Christus ist derselbe, gestern, heute und in Ewigkeit (Hebräer 13,6). Aber die Wahrnehmung der Christen hat sich geänder tund damit auch die Umsetzung der christlichen Wahrheit. Wir sind philosophisch in einer asbolut einmaligen Ausnahmesituation: Wir gehen subjetiv an etwas Objektives heran. Das kann mein philosophisches Herz direkt an die Anbetung führen! Während die Werte dieser Welt immer nur an einem gegebenen Ort zu einer bestimmten Zeit für ein momentanes System gelten und woanders ganz anders gesehen werden, interpretieren wir ewige Satzungen. Dadurch kommt es zu dem interessanten Phänomen, dass es möglich ist, alte theologische Texte zu lesen und das Gefühl zu haben, dass der Autor auf dem Stand mondernster Überlegungen ist. Der ewige Wahrheitskern des Christentums tritt in allen Jahrhunderten zutage und zeigt, dass wir etwas Über-Subjektives haben, eben eine Wahrheit, und dass es Gott selber daran liegt, diese Wahrheit in allen Zeiten neu zu beleben und zu offenbaren. So spielt sich alles, was es an Inhalt in christlichen Arbeiten gibt, zwischen zwei Polen ab: Offenbarung und Erkenntnis. Offenbarung ist das, was der allmächtige Gott von sich zeigt, eine unbedingte, unwandelbare Wahrheit. Erkenntnis ist das, was wir von dieser Wahrheit erkennen - Wahrehit gebrochen durch unsere Wahrnehmung. Damit ist es möglich, dass sich die Theologie ändert, mit allen Veränderungen der Glaubenspraxis und der Bekenntnisse, die damit einhergehen, und dass dennoch der Kern, das Christliche, der Christus, gleich bleibt. Ein Paradigmenwechsel Europa hat eine lange Tradition geistigen Christentum. Jahrhundertelang wurde versucht, sich Gott auf intellektuellem Wege zu nähern. Die Folge ist ein allzu oft verkopfter Glaube. "Glaube", das ist für viele deutschsprachige Christen ein Abnicken von Heilstatsachen und eine reine intellektuelle Zustimmung, die in den wenigsten Fällen das Leben durchdringt. Früher mag das gereicht haben, aber es findet derzeit ein dramatischer Paradigmenwechesl statt, den die Gemeinde nicht verpassen darf. Wir kommen weg von einer "Wahrheitskultur" hin zu einer "Spassgesellschaft". Natürlich wird dieser Wandel vielerorts kritisiert; gerade bei denen, die Wahrheit als höchstes Gut schätzen, ist das Desinteresse gegenüber Wahrheit unbeliebt. Aber wenn wir die junge Generation erreichen wollen, muss uns klar sein, dass es nciht reicht, etwas zu sagen; wir müssen etwas tun und zeigen. Wenn Glaube nicht anfassbar ist, wird er keine Zukunft haben. Dabei ist die Sache an sich so alt wie die Bibel. Der Unterschied zwischen "jüdischem und griechischem Denken" , der immer mehr von sich reden macht, ist schon im Neuen Testament erwähnt: Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit (1. Korinther 1,22). Mit anderen Worten: die einen wollen etwas sehen und anfassen, den anderen reichen Argumente und kluge Gedanken. Der christliche Kern hat sich in unserer Kultur jahrhundertelang hauptsächlich in guten Theologien gezeigt, nun wird er sich den Herausforderungen der nicht intellektualisierten Welt zu stellen haben. Das wir einen enormen Einfluss auf das haben, was man in einigen Jahren als "gute Theologie" bezeichnen wird. Es wird eine Theologie sein, die dem Einzelnen Gott realer macht und ihm hilft, die Wahrheit der Bibel in seinem Leben umzusetzen. Es wird eine Theologie sein, die wieder mehr zu einem Erleben Gottes wie zu Zeiten des NT führen wird, aber mit dem, was man heute landläufig als "moderne Theologie" bezeichnet, nicht mehr viel zu tun haben wird. Gottes Reich besteht nicht in Worten, sondern in Kraft! (1. Korinther 4,20) Zitat des Jahres 2010
07:13, 8 January 2010
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Gott liebt es Dinge zu tun, dadurch dass er sich etwas entwickeln lässt.
Dialog zwischen Wuestenvater und Manager
12:49, 7 January 2010
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Mitten in der ägyptischen Wüste, der Manager ist gerade mit einem Geländewagen vor die Einsiedelei des Wüstenvaters vorgefahren.Wüstenvater: Sie kommen gerade recht. Sie können mir helfen, die kleinen Bäume in meinem Garten zu giessen. Manager: Das muss aber unter uns bleiben. Meine Familie und meine Mitarbeiter wissen, dass ich hier zu einer Beratung bin und Zuhause, da habe ich einen Gärtner für solche Arbeiten. Das Wichtigste im Leben besteht darin, dass wir erkennen, woraus sich das Leben aufbaut und was uns Kraft gibt. Dafür bin ich ja zu Ihnen gefahren, um das zu erfahren. Hier in der Wüste geschieht nichts ohne Mühe. Die körperliche Anstrengung ist zusammen mit dem geistigen Training ein heilsames Mittel gegen Langeweile und den Überdruss. Hier in der Wüste zählt jeder Tropfen. Und wann kann ich mit Ihnen über meine Probleme sprechen? (Schweigen) Wissen Sie, meine Ärzte sagen, ich stehe kurz vor einem Herzinfarkt. Und wenn ich mein Leben nicht verändere, werde ich richtig krank. Jeden Tag stehe ich unter einem enormen Druck. Ich trage viel Verantwortung. Von meinen Entscheidungen hängten viele Arbeitsplätze ab. Ich kann es mir nicht leisten, in der Leitung des Unternehmens auszufallen. Sie müssen mir helfen. Das tue ich bereits. Verzeihen Sie, das sehe ich etwas anders. Bisher haben Sie mir noch nicht die Möglichkeit gegeben, etwas zu meinen Problemen zu sagen. Ich soll mich lediglich mit Ihnen um ein paar Pflanzen kümmern. Was die Fürsorge im Leben bedeutet, wird im Kleinen und Unbedeutenden sichtbar. Hier zeigt es sich, ob wir etwas vom eigentlichen Leben verstanden haben. Ich glaube, ich habe viel vom Dasein begriffen. Immerhin nehme ich eine wichtige Position in der Gesellschaft ein. Mein Einfluss ist ziemlich gross. Ein solches Ziel können Sie nur erreichen, wenn Sie die Spielregeln kennen und wissen, was gespielt wird. Wenn Sie hier kein Wasser haben, werden Sie verdursten. Aber das ist nicht mein Thema. Zuhause gibt es genügend Wasser. Und warum haben Sie dann die beschwerliche Reise zu mir unternommen? Aber doch wohl kaum, um hier Blumen zu giessen. Es sei denn, es würde vielleicht mit zu Ihrem Honorar gehören, dass ich Sie bei Ihrer Arbeit unterstütze. Meinen Garten giesse ich seit zwanzig Jahren allein. Ich muss das Wasser immer von ganz unten heraufholen. Und wer soll mir wie viel dafür bezahlen? Ich tue dies alles für die Pflanzen und für mich. Ja, ich habe aber Verantwortung für eine grosse Anzahl von Menschen, die nicht davon existieren können, wenn ich die Grünanlage vor dem Unternehmensgebäude mit Wasser versorge. Ich übernehme Verantwortung für mein Leben, indem ich auf der Suche nach dem bin, was mich trägt, damit ich mein Inneres zur Sprache bringen kann. Aus dem Gefühl der Angst heraus kann ich nur wenig bewirken. Aber wie soll ich das, was mich trägt, denn nur herausfinden! Jetzt sagen Sie bitte nicht, dass dies Gott sei - für mich nicht. Ich habe meinen Glauben schon lange verloren, jedoch nur deshalb, weil Gott mir nicht mehr geantwortet hat. Als Nächstes möchte ich Sie bitten, allein dort oben auf das Felsenplateau zu gehen, damit Sie sich einen Überblick über die Gegend, über Ihre Gedanken und über Ihre Anliegen verschaffen. Das kann doch nun wirklich nicht Ihr Ernst sein. In der Hitze - und ganz allein hinaufsteigen? Der Ausblick lohnt sich. Ich gehe jeden Tag dort hinauf, um Gott näher zu sein. Jedes Mal spüre ich durch die Anstrengung hindurch, wie schwach ich doch in Wirklichkeit bin, obwohl mein Geist in der Zelle zu grossem Selbstbewusstsein aufsteigt. Und Sie meinen, ich sollte wirklich dort hinauf? Es gibt doch auch andere Möglichkeiten, ein Brainstorming zu machen. (Schweigen) Also irgendwie passt mir das überhaupt nicht. Ich stelle fest, dass diese Situation viel Ähnlichkeit hat mit meinem beruflichen Alltag. Ständig muss ich mich mit irgendwelchen Vorschlägen auseinandersetzen, die nicht in mein Konzept passen. Das 'Unternehmen Wüste' hat keine Mitarbeiter und keine Angestellten. Hier darf jeder so sein, wie er ist. Sie müssen nicht hinaufsteigen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Sie können weiterhin angespannt bleiben, obwohl keiner Ihrer Kollegen hier ist. Diese Gedanken kenne ich schon. Sie glauben, ich sei ein Machtmensch und könne kaum Kritik vertragen. Es muss diese eindeutigen hierarchischen Strukturen geben, sonst kämen wir nie zu wichtigen Entscheidungen. Alle unter einen Hut zu bekommen ist ja nie zu erreichen. Und mir ist ebenso bereits klar, dass man seine Gedanken überall mitnimmt und ihnen nicht entfliehen kann. Haben Sie Angst, sich in der Wüste zu verlaufen, weil Sie sich noch nicht auskennen? Es geht um Ihren individuellen Weg. Keiner sieht Ihnen zu, keiner hört Sie, niemand wird Sie auf der Anhöhe bemerken. Das ist das Gute hier an diesem Ort. Wir können zur Erkenntnis gelange, ohne dafür Lob zu erhalten. Was soll daran gut sein? Das verstehe ich nicht! Mein Hauptantrieb ist es, Erfolg zu haben und Anerkennung zu bekommen. Vielleicht werden Sie daran gehindert, sich ehrlich zu betrachten, weil die eigenen kritischen Stimmen schwer auszuhalten sind. Aber warum wollen Sie sich weiter etwas vormachen über das, was in Wirklichkeit anders ist? Und wenn ich wirklich ehrlich zu mir und den anderen bin: Wer findet mich dann noch sympathisch? Wer akzeptiert mich weiterhin, wenn man merkt, wie ängstlich und verzeifelt ich im Grunde meines Herzens bin, weil ich mich ausgebrannt fühle? Ich weiss nicht, ob Sie es verstehen können, aber ich möchte einfach aussteigen. Aber was wird dann sein? Kein Unterschied zu Ihrer jetzigen Situation! Durch Weglaufen finden Sie das eigene Ich nicht. Es ist entscheidend für sich eine Quelle im Leben zu finden, die unabhängig von den Äusserlichkeiten dieser Welt ist, die gegen viele Schicksalsschläge Bestand hat. Haben Sie eine solche Quelle gefunden? Ja. Und wie haben Sie das geschafft? Als Erstes habe ich über viele Wochen und eigentlich tue ich es immer noch, mein Leben als Ganzes unter Tränen reflektiert. Es war sehr hart, den grossen Denker und Könner gefangen zu nehmen, damit sich die schwachen Anteile in mir erstmalig vernehmbar zu Wort melden konnten. Wieso tun Sie das immer noch? Sie haben in der Wüste kein Gegenüber, das Sie provozieren und erniedrigen kann. In der wirklichen Welt muss ich einen harten Kampf bestehen. Wenn ich mich nicht täglich durchsetze, dann tut dies ein anderer. Das innere System meines Konzerns kann erbarmungslos zuschlagen, wenn ich nicht knallhart funktioniere und den Umsatz vorantreibe. Für wehleidige oder soziale Momente ist da wenig Raum. Ich bin mir nicht sicher, ob Sie da tatsächlich mitreden können. Neben dem äusseren Kampf gibt es einen inneren. Den äusseren Kampf werden Sie sicherlich meisterhaft beherrschen, sonst hätten Sie nicht diese hohe Position. Aber die innere Auseinandersetzung mit sich selbst liegt unbewältigt vor Ihnen. Ich trage meine Konflikte fast ausschliesslich mit mir selbst aus. In meinen inneren Dialogen steigen Wut, Traurigkeit, Sinnlichkeit und Ängste hoch. Ja, aber genau diese haben Sie eigentlich nicht nötig, da Sie in der Wüste nichts mehr grossartig verlieren können. Sie irren. Und wer ernährt meine Familie, löst meine Kredite ein und sorgt für mich, wenn ich einknicke und in Ungnade falle? Darf ich Sie bitten, mit mir zusammen den Sand vom Eingang der Einsiedelei wegzuschaufeln, denn es scheint ein Sturm aufzukommen? Lohnt sich das denn überhaupt? Diese Arbeit erledige ich jeden Tag, da ich sonst nicht mehr herein- oder herauskomme. Ähnlich verhält es sich mit meinen Gedanken. Bevor ich den Sturm kommen sehe, bereite ich mich innerlich vor und betrachte mein Leben genau und blicke auf das, was mir hilft. Ich finde es ganz schön anstrengend, ohne richtiges Werkzeug den Sand wegzuräumen. Und wofür dieses alles? Die ersten Monate dachte ich genauso. Ich wurde nachlässig und hatte eines Tages alle Mühe, da wieder herauszukommen. Mittlerweile freue ich mich auf diese Beschäftigung, da sie mir in Erinnerung ruft, dass ich nicht denken solle, ich hätte den Sinn meines Lebens bereits vollends erkannt. Jeder Tag ist vom Tod bedroht. Was denken Sie über den Tod - in Ihrem Leben? Ich muss und möchte in meinem Leben noch so viel erledigen, dass ich den Tod im Moment nicht gebrauchen kann. Insgesamt bin ich bisher ohne Gedanken an das Sterben ganz gut ausgekommen. Und wer weiss schon, was mich danach erwarten wird! Kommen Sie bitte mit in mein Kellion. Ich möchte Ihnen etwas zeigen. Sehen Sie, auf diesem Holzkreuz steht mein Name. Es wird auf meinem Grab stehen. Es fehlt nur das Sterbedatum. Jeden Tag nehme ich dieses Kreuz wahr und erinnere mich an das Leben. In meiner Welt würde man mich für verrückt erklären, wenn man ein solches Kreuz bei mir entdecken würde. Ich glaube, die anderen würden mir zu Recht unterstellen, ich hätte das Prinzip des Lebens nicht verstanden. (Schweigen) Warum sagen Sie nichts mehr? So wird es sein, wenn ich nicht mehr lebe. Jetzt kann ich noch über den Tod und das Leben nachdenken, später aber nicht mehr. Und was wird aus den Menschen, die Sie für verrückt erklärt haben? Natürlich wissen auch jene, dass sie sterben werden - irgendwann. Aber ein solches Denken gehört nicht in den beruflichen Alltag und ist eher an der Reihe, wenn jemand gestorben ist. Immerhin muss ich meine Mitarbeiter nach ökonomischen Gesichtspunkten führen. Können der finanzielle Ruin oder massive Verluste nicht ebenso tödlich sein? Sie haben sicher Recht. Aber dabei geht es nicht um Menschen, sondern um totes Kapital. Ach, Sie sind der Ansicht, das Kapital sei schon gestorben? Sie wissen schon, wie dieses zu verstehen ist. Das sagt man halt so. Natürlich kann das Geld auch lebendig werden, wenn man es richtig einsetzt. Jedoch, um darüber etwas zu erfahren, dafür habe ich nicht den weiten Weg hierher gemacht. Ich weiss, dass auch ich sterben werde. Dieses hilft mir allerdings in meinem täglichen Kampf nicht sonderlich weiter. Wissen Sie, wie Menschen reagieren, wenn sie glauben, man bedrohe sie in ihrer Existenz? Hinzu kommt, dass viele noch nicht begriffen haben, was es eigentlich mit dem Dasein wirklich auf sich hat. Sie haben gut reden. Sie brauchen sich um all dieses nicht mehr zu kümmern, was uns im normalen Leben den Hahn zudrehen kann. Wir sind gezwungen mitzumachen, sonst verlieren wir alles, wofür wir uns viele Jahre abgemüht haben. Und hat es sich gelohnt? Glauben Sie, dass es besser und wertvoller ist, in der Wüste zu leben und Gott nachzufolgen? Ich meine nicht, dass die Vergleichspunkte 'besser' oder 'schlechter' an dieser Stelle weiterhelfen. Für mich ist es nicht entscheidend, in Hinblick auf andere etwas zu leben, sondern ich möchte mein Leben für etwas einsetzen, bei dem ich mich von Herzen engagieren und mit meiner ganzen Existenz dahinterstehe. Ist der Job des Managers, den Sie in Ihrem Unternehmen einnehmen, eine Rolle, die Sie sich von Herzen wünschen, oder sind andere Werte für Sie massgeblich? Also, ich denke, jetzt läuft einiges in die falsche Richtung. Ich bin nicht zu Ihnen gekommen, damit Sie mein Handeln gänzlich in Frage stellen. Wie stellen Sie sich das denn vor? So einfach ist das alles nicht. Ich trage Verantwortung, da kann ich nicht so einfach alles stehen und liegen lassen, nur weil ich etwas so denke! Das möchte ich klarstellen: In die Wüste zu gehen war Ihre Idee. Ihc habe Ihre Gedanken nur in die Richtung führen wollen, in der Sie Ihrem Vorhaben, sich einmal grundsätzlich in Frage zu stellen, im Geheimen und unter extremen Bedingungen nachgehen und es ausleben können. Bitte, jetzt aber einmal ganz sachlich. Es geht nich tum mein Leben insgesamt. Ich möchte ganz rational und nüchtern von Ihnen ein paar Kriterien an die Hand bekommen, die ich auch anwenden kann. Das von Ihnen Angesprochene hat mich nicht sehr viel weitergebracht. Davon kann ich nichts bei meinen Mitarbeitern anwenden. Würden Sie mit mir gemeinsam die Wäsche hereinholen, die draussen auf der Leine hängt? Sagen Sie einmal, bin ich Ihnen denn überhaupt nicht wichtig? Ganz im Gegenteil! Damit wir beide uns nicht in unseren Gedanken und Bewertungen verrennen, sollten wir etwas tun. Dabei denke ich dann immer an Gott und frage ihn um Rat. Vielleicht könnten Sie etwas Ähnliches tun. Ich kann es nicht fassen. Wo bin ich nur hineingeraten? Das macht doch alles nicht viel Sinn! Was meinen Sie damit? Am liebsten möchte ich sofort wieder wegfahren, aber es scheint nicht einfach zu sein, von diesem Ort wegzukommen. Doch - es gibt eine Möglichkeit. Geben Sie Ihren Widerstand auf? Jetzt verstehe ich überhaupt nichts mehr: Welchen Widerstand? Ich bin gekommen, weil ich Ihre Hilfe und Weisheit brauche, und Sie fordern mich auf, in der Hitze auf eine Anhöhe zu gehen, mein Leben zu verändern und die Wäsche von der Leine zu holen. Ich möchte vor Ihnen nicht das verbergen, was ebenso meinen Alltag bestimmt. Gerne würde ich Ihnen zeigen, wie ich lebe und was ich in der Einöde vom Leben verstanden habe. Es gibt keien Garantie dafür, dass Ihnen mein Wissen etwas nützt oder ich Ihnen weiterhelfen kann. Warum versuchen Sie, mir gegenüber Ihren Willen durchzudrücken? Ich bin eben sauer über die Situation, in die ich geraten bin. Kann es sein, dass Sie aus der Wüste unbedingt etwas Besonderes mit nach Hause nehmen möchten, um es den anderen zeigen zu können? Geben Sie mir einen Augenblick Zeit, um darüber nachzudenken. (Schweigen) Ja, und ich bin ärgerlich darüber, dass Sie in einigen Punkten die Wahrheit benannt haben. aBer das möchte ich nicht zugeben. Wissen Sie, was das heisst, wenn einige Ihrer Ansichten wirklich auf mich zutreffen würden? Ich müsste mein Leben radikal verändern, und das kann ich nicht. An welchem entscheidenden Punkt Ihres Lebens müssten Sie eine Veränderung bewirken? Ich traue mich nicht, darüber nachzudenken. Wissen Sie, im Grunde meines Herzens habe ich angenommen, dass ich besser und kompetenter bin als andere. Ich habe mich angestrengt, damit man das auch merkt. Ich habe nicht aufgrund Ihrer Rolle, die Sie in der Gesellschaft einnehmen, Achtung vor Ihnen, sondern weil das Menschsein uns verbindet. Und was macht aus Ihrer Sicht das Wesen des Menschen aus? Wir sind Sterbliche, und im Grab wird keiner mehr erkennen können, wie glanzvoll oder einsam unser Leben gewesen ist. Vor dieser Bedeutungslosigkeit habe ich Angst. Ich auch. Und von daher bitte ich Gott, er möge mir meine Überheblichkeit und meine Masslosigkeit vergeben. Der mühevolle Weg zum Plateau, mein Holzkreuz und meine Ängste führen mir meine Schwachheit vor Augen. Am liebsten möchte ich über das weinen, was ich mir selbst und den anderen bisher vorgespielt habe. Mir dreht sich förmlich der Magen herum. Bitte geben Sie mir etwas Wasser. Sie beginnen sich langsam zu öffnen. Ich werde Sie begleiten und Sie mit Ihren Tränen auffangen. (Schweigen) Werden Sie hier unten auf mich warten, bis ich vom Plateau zurückgekehrt bin? Ich werde im Gebet mit Ihnen sein und mich innerlich auf Sie vorbereiten. Sie hatten Recht. Ich bin ein schwacher Mensch. Dürfte ich mich den anderen gegenüber doch so zeigen. Ich nehme Sie wahr. Sie sind nach langer Zeit für mich einmal wieder ein menschlicher Kontakt. Manchmal vermisse ich den gedanklichen Austausch, und schon eine ganze Weile beschäftigt mich ein Problem, das ich nicht lösen kann. Hat es etwas damit zu tun, dass Sie sich selbst und die anderen Sie für einen weisen Mann halten und Sie es nicht ständig sein können? Ja, das stimmt. Und manchmal möchte ich mein Leben hier aufgeben, weil mir der Schwung der ersten Jahre abhanden gekommen ist. Meine Verbindung zu Gott steht, aber ich zweifle daran, ob ich länger in dieser Zelle und dieser Einsamkeit bleiben soll. Als Berater dürften Sie diese Schwachstelle vor mir eigentlich nicht zugeben. Haben Sie denn geglaubt, das sich keine Zweifel an meinem Leben habe? Eigentlich nicht. Warum sollte ich Ihnen etwas vormachen? Sie spüren doch, dass ich ebenso meine Probleme habe. Damit sie Ihren guten Ruf nicht verlieren! Und habe ich diesen nun vor Ihnen verloren? Nein. Sie kommen mir dadurch nicht mehr so unheimlich perfekt vor. Ich beginne, mich mehr mit Ihnen zu identifizieren. Und ich spüre, dass mein Wunsch, Sie zu bekämpfen, nachlässt. Das erleichtert mich. Aus meiner Erfahrung heraus kann ich Ihnen sagen, dass jede Tätigkeit mit den Jahren - ob mit Dienstwagen oder ohne - von einer Art Sinnlosigkeit befallen wird. Und ich glaube, dass dies im Letzten nicht zu verhindern ist. Auch der selbstlose und ehrenvolle Einsatz unterliegt für mich auf Dauer dieser Realität. Und haben Sie eine Idee, warum dies so ist? Weil wir davon überzeugt sind, wir seien unbesiegbar - und wenn schon nicht in dieser Welt, dann eben in einer anderen. Über einen grossen Zeitraum können die Strukturen unsere Persönlichkeit stützen. Aber dann kommt der Moment, an dem wir über unser Leben enttäuscht sind, nicht in dem Sinne, dass wir es nicht voll ausgeschöpft hätten, sondern weil wir unseren Job erledigt haben. Sie glauben also, dass sich in meinem Einsiedlerdasein etwas erledigt oder ausgelebt hat? Ja, und es wird für Sie wichtig sein, dass Sie sich einer neuen inneren Aufgabe stellen und dass Sie für sich etwas finden, das Ihnen einen weiteren Sinn gibt - jenseits Ihrer gelebten Strukturen. Verändern Sie Ihren Tagesablauf, damit Ihre Psyche neu in Bewegung kommt. Gibt es etwas in Ihrem Kellion, was noch unerledigt ist? Ich habe hier einen grossen Stapel unbeantworteter Briefe von Managern, Freunden, Verwandten und Menschen, die meinen Rat suchen oder mit mir als Menschen in Verbindung bleiben möchten. Die Angst, das Denken an diese Menschen könnte mich von meinem inneren Weg abbringen, hat mich davon abgehalten, mich auf diese einzulassen. Vielleicht führen Sie sich selbst und die anderen auf einen neuen Weg, der bereichernd wird, wenn Sie antworten? Würden Sie mir helfen, diese Briefe nach Ihrer Wichtigkeit zu ordnen? Ja. Aber zuvor sollten wir die Pflanzen in Ihrem kleinen Garten mit Wasser versorgen. (Wüstenväter für Manager, Udo Manshausen, Gabler Verlag 2000) In Gottes Spur - auch im Jahr 2010
09:30, 29 December 2009
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![]() Dieses Bild ist mir in Irland begegnet. Es ist die Quelle der Heiligen Brigid. Über dem Bogen ist das Brigid-Kreuz angebracht und darunter die Steine symbolisieren Ihre Schuhe. Ich lade Sie herzlich ein in die Schuhe des neuen Jahres einzusteigen und sich auf den Weg zu machen. Mit einem irischen Segen, wünsche ich Ihnen von Herzen Gottes Segen und Geleit für das Jahr 2010: Das gebe dir Gott Für jedes Problem, einen Freund es zu teilen, genug Kraft zum Tragen, für jedes Paket. Für jeden Weg, einen Platz zum Verweilen und eine Antwort auf jedes Gebet. Für jeden Sturm einen Regenbogen, für jeden Seufzer ein schönes Lied. Für jede Klage auch Grund zum Loben, für jedes Gewitter ein Hochdruckgebiet. Für jedes Fallen, Mut weiterzugehen, für jede Nacht ein wärmendes Licht. Und auch im Scheitern den Ausweg zu sehen, das gebe dir Gott, er verlasse dich nicht. Schlechter Umgang verdirbt die Sitten
07:20, 28 December 2009
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"Schlechter Umgang verdirbt die Sitten", weiss schon der Volksmund. Und da ist ja auch etwas dran. Unser Umgang, die Kultur, in der wir uns bewegen, prägen uns im Guten wie im Schlechten. Damit sind wir beim klassischen Dilemma der kulturrelevanten Gemeindearbeit: Wie sieht die Balance zwischen Kultur und Evangelium aus? Das Problem ist, dass wir oft im Umgang mit unserer eigenen Herkunftskultur eine gewisse "Betriebsblindheit" haben. Umfragen zufolge halten mehr als zwei Drittel der US-Amerikaner den Satz: "Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!" für die Zusammenfassung der Kernbotschaft des Evangeliums. Wir Deutschen mögen darüber lächeln, weil es sich dabei allzu offensichtlich um eine "christliche" Interpretation des "amerikanischen Traums" handelt, wonach jeder Tellerwäscher Millionär werden kann, wenn er nur sein Schicksal selbst in die Hand nimmt. Aber wie sieht das mit unseren Vorstellungen aus? Wie ist das mit den Sprüchen wie "Jesus liebt dich so, wie du bist"? Je öfter ich ihn höre, desto verdächter wird er mir, weil da meist ein Konzept von Gnade dahintersteckt, das nichts mehr mit Veränderung zu tun hat. Inhaltlich meint der Spruch dann nichts anderes als die Werbebotschaft: "Ich will so bleiben, wie ich bin. Du darfst!", die mir ja auch einen schlanken Körper ohne Veränderung der Ernährungsgewohnheiten verspricht. Könnte es also sein, dass dieser Satz von der Liebe Jesu gar ncith neutestamentlich ist, sondern nur den "deutschen Traum" von einem alle Probleme des Lebens auffangenden sozialen Netz wiedergibt? Hierbei handelt es sich um keine Kleinigkeit, sondern schlichtweg um eine göttlich Überhöhung einer bestimmten Vorstellung des Sozialstaates, der eben auch die Konsequenzen offensichtlich falscher Entscheidungen seiner Bürger mildern, wenn nicht sogar ungeschehen machen soll. Insofern wird hier unsere Kultur mit dem Evangelium gleichgesetzt. Genau das Gleiche geschieht auch auf anderen Gebieten, etwa dem Individualismus. Sowohl das Alte als auch das Neue Testament sehen den Menschen nicht als Individuum, sondern (wie die gesamte Antike) als Teil einer sozialen Einheit. Kein Mensch steht für sich allein, er gehört immer zu einem "Haus", einer "Sippe", einem "Stamm" und einem "Volk". Deckt sich das mit dem, was wir meinen, wenn wir davon sprechen, dass Jesus "jeden Einzelnen ganz persönlich" anspricht? Oder handelt es sich nicht dabei um eine "christlich" verbrämte Ausformung unseres kulturellen Individualismus? Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass in der Gemeinde dieselben kulturbedingten Probleme anzutreffen sind wie in unserer säkularen Umgebung. Weil dem Christentum allerdings konservatives (sprich kultur (!) bewahrendes) Element innewohnt, prägen uns die Veränderungen zwar vielleicht etwas später als den Rest der Gesellschaft, aber wir sind ihnen gegenüber alles andere als immun. Wer sich hier auf der "sicheren Seite" wohnt, dem empfehle ich einen kleinen Test: Unsere Prägung hängt bekanntlich in erster LInie davon ab, wem oder was wir uns aussetzen. Wer also sagt, er sei vor allem vom Evangelium geprägt und nicht von der Umgebungskultur, der müsste das auch beweisen können. Wie viel Zeit verbringen wir denn mit Bibelstudium, theologischer Literatur (und ich meine hiermit nicht Bücher, in denen die christliche Tradition nur dazu dient, die Meinung des Autors zu garnieren) und Gesprächen mit geistlichen Vorbildern? Und wie viel Zeit mit solchen kulturvermittelnden Medien wie Internet, Fernsehen, Zeitschriften, Musik und dergleichen? Ich sage nicht, dass es eine bestimmte Zeit für die Aufteilung zwischen beiden Bereichen geben müsste, aber wer sich kaum Zeit für die Auseinandersetzung mit geistlichen Fragen nimmt, kann auch nicht behaupten, von den Vorstellungen des Evangeliums geprägt zu sin. Woher denn? Aber machen wir uns nichts vor: Die Risiken sind enorm. Wir müssen gar nicht weit in der Geschichte zurückgehen, um eine Symbiose von Evangelium und Kultur zu entdecken, die die Kultur religiös aufgewertet, aber das Evangelium langsam aufgelöst hat: den Kulturprotestantismus, die "Staatsreligion" des kaiserlichen Deutschlands, nach dem Jesus im Prinzip dasselbe wollte wie die preussischen Pädagogen. Religion wurde damit zu einer Funktion der Kutlur, zu ihrer übernatürlichen Weihe und letzten Waffe. Wo der Rohrstock des Lehrers nicht hinreichte, konnte man auf Gott verweisen, der mit dem Vaterland gern in einem Atemzug genannt wurde. "Schlechter Umgang verdirbt die Sitten", das gilt nicht für Jesus, der mit Prostituierten und offensichtlichen Sündern gegessen hat und trotzdem seine Integrität wahren konnte. Was sich veränderte, war nicht seine Botschaft, sondern ihre Hörer. Doch selbst das hat ihn nicht vor den Anfeindungen derer geschützt, die bestimmte Orte von der Mission ausschlossen. Irgendwo dazwischen bewegen wir uns. Wir sind nicht so gefestigt im Evangelium wie Jesus, aber hoffentlich auch nicht ganz so blind gegenüber den Gefahren wie die wilhelminischen Hoftheologen. Und die Gefahren lauern überall, denn im täglichen Miteinander zwischen Evangelium und Kultur droht immer wieder die Kultur Oberhand zu nehmen. Dann predigen wir eine individualistisches Evangelium, ein Wohlstands-Evangelium, ein Selbsthilfe- und Wohlfühl-Evangelium, die alle eins gemeinsam haben: Sie sind kein Evangelium mehr, sondern die religiöse Überhöhung kultureller Werte. Der Geist der Zeit - Geschichte der Postmoderne
09:06, 27 December 2009
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Alle reden von der Postmoderne. Alle? Nun ja, nicht alle. Im Grunde nur ein kleines gallisches Dorf namens 'evangelikale Christenheit'. Der 'Rest' der Gesellschaft - besonderes deren professionelle Deuter - hat in den letzten zwanzig Jahren so exzessiv und intensiv über die Postmoderne diskutiert, dass es jetzt erst einmal genug ist. Wir Christen sind also wieder 'ein wenig' spät dran. Aber besser spät als nie: Die Postmoderne ist ein überaus wichtiges Thema. Was ist diese 'Postmoderne'? Nur eines dieser Schlagwörter, die alles oder nichts bedeuten? Schaut man auf die Entwicklung der westlichen Welt in den letzten 2000 Jahren, so werden üblicherweise Antike, Mittelalter und Moderne als grundlegende Epochen voneinander unterschieden. Doch was ist eine Epoche? Gesellschaft wandelt sich per Definition. Trotzdem gibt es im geschichtlichen Rückblick Zeiten, in denen ein Wandel stattgefunden hat, der so tief und grundlegend war, dass man von einem Epochenwandel spricht. Von einer Epoche zur anderen ändern sich nicht nur die Gesellschaft, sondern mit ihr auch die Menschen und ihr grundlegendes Weltbild, d.h. die Art und Weise ihres Zugangs zur Welt. 'Konturen der Postmoderne' Vereinfacht lässt sich sagen: War das Mittelalter vergangenheitsorientiert, die Moderne zukunftsorientiert, so herrscht in der Postmoderne die Gegenwartorientierung. Der Fokus liegt auf dem 'inneren Erleben'. Dies klingt nach üblem Hedonismus, also der Weltanschauung, nach der Genuss und Wohlfühlen letzter Sinn und höchstes Lebensziel ist. Doch: Wenn weder der Glaube an eine jenseitige bessere Welt noch an eine bessere diesseitige Welt vorhanden ist, bleibt erst einmal nichts anderes als eine gewisse Richtungslosigkeit sowie eine tief sitzende Ironi (als Schutzfolie gegen Enttäuschung). Genau damit können viele Menschen verständlicherweise nicht leben, und so begeben sie sich wieder auf die Suche nach Sinn. Zwar halten sich die meisten von einer allgemeingültigen Wahrheit fern, eine individuelle Wahrheit wird jedoch gesucht. Jedoch geht es weniger darum, die Wahrheit zu wissen, als sie vielmehr in einem 'ganzheitlichen' Sinn zu erfahren. Das zentrale Erkenntnisorgan, so könnte man sagen, ist nicht mehr nur der Kopf und mit ihm der Verstand, sondern dieser wird ergänzt durch das 'Herz', also die Gefühle und alle Sinne. Man kann auch von einer Öffnung für das Nicht-Rationale sprechen. Nachdem man die Grenzen der rationalen, wissenschaftlichen Erkenntnis und des menschlichen Verstandes erkannt hat, erlaubt eine postmodern geprägte Weltsicht wieder an die Existenz von Realitäten zu glauben, die nicht mit dem Verstand erfassbar und wissenschaftlich nachweisbar sind. Somit kommt es zu einer Öffnung für das Spirituelle oder allgemein gesprochen für das Transrationale (also das, was über oder jenseites des rational Erkennbaren liegt). Diejenigen, die in dieser 'postrationalen' Kultur aufwachsen, werden eine grössere Offenheit gegenüber Ideen haben, die in einer nichtrationalen Form präsentiert werden, und gegenüber Erfahrungen, die in einer nicht nachweisbaren Realität wurzeln. Die Ablehnung des Glaubens an eine unsichtbare Welt verliert in unserer Kultur an Strenge. Der Glaube an spirituelle Kräfte wird nicht länger als ein notwendiger Gegensatz zu einer intelligenten Weltsicht angesehen. Spirituell zu sein heisst jedoch nicht, dass man in einer anderen Realität lebt, sondern Spiritualität wird als ein Aspekt des normalen menschlichen Lebens und der alltäglichen menschlichen Aktivität angesehen. Dieser Aspekt ist für uns grundsätzlich zugänglich - ähnlich einem Muskel, den wir zu benutzen vorgessen haben. Doch Menschen, die auf einer spirituellen Suche sind, suchen oft nicht oder zuletzt beim Christentum. Der Grund dafür liegt zu einem guten Teil wohl darin, dass wir Christen selbst so modern geworden sind, dass wir verlernt haben, besagten Muskel zu benutzen. Man kann gar von einer spirituellen Armut des modernistischen, rationalistischen Glaubens sprechen. Die 'Rückkehr der Religion' ist daher von einer 'postchristlichen Spiritualität' gekennzeichnet, weil die Menschen sich zwar wieder spirituell zu öffnen beginnen, christliche Gemeinden und Kirchen jedoch als Teil der Moderne ansehen und mit dieser ablehnen. Mit anderne Worten: Kirchen und Gemeinden werden nicht als spirituelle Orte angesehen. Dort scheint man keine Spiritualität zu finden, sondern theologische Rechthaberei, erstarrte Strukturen und verkrampfte Persönlichkeiten. Dies darf nicht als eine Ablehnung der Formen und Formeln, in denn wir diesen Glauben gewöhnlich ausdrücken, verstanden werden. Wo sonst wird Spiritualität gesucht? Bekanntlich in östlichen Religionen, aber auch in der Natur. Letztere wird zunehmend als etwas Heiliges betrachtet. Logisch ist daher auch, dass spirituelle Techniken zunehmen bei indigenen Völkern (Naturvölkern) gesucht werden. Deren Rituale sind gemeinschaftlich, bodenständig und beruhen auf 'sinnliche Erfahrungen'. Im Kontrast hierzu kann der moderne indivudalistische Lobpreis stehen, der dem Einzelnen die Last aufbrummt, sich innerlich mit Gott auf die richtige Weise zu 'connecten'. Vor allem aber: Die Religion der Naturvölker beruht nicht auf einer Aussagenwahrheit. Herrschend sind hier nicht Theologie und Predigt, sondern Gemeinschaft, Rituale und Erzählungen. Was die Rituale der Naturvölker und östliche Religionen gemeinsam haben, ist der Fokus auf das Tun und auf spritiuelle 'Techniken'. Im Gegensatz dazu spielt sich ein Grossteil des 'Glaubenslebens' des modernen Christen auf dem diffusen Feld der 'Innerlichkeit' ab. Zwar hat der christliche Glaube viele spirituelle 'Techniken' in seiner langen und reichhaltigen Geschichte entwickelt, diese jedoch zunehmend vergessen. Vor allem, weil es seit der Reformation zu einer immer stärkeren Konzentration auf Aussagewahrheiten und die richtigen inneren Gefühle als das Wesentliche des Glaubens kam. Besucher einer christlichen Gemeinde werden oft dazu eingeladen, in den Gottesdienst zu kommen und dort alles zu beobachten und zuzuhören, vielleicht können sie auch einmal mitmachen. Aber sie werden nicht oder kaum in grundlegende 'Techniken' eingeführt, die sie ausprobieren und mit denen sie den christlichen Glauben im Alltag praktizieren können. Hier gilt es, die spirituelle Schatzkiste der Kirchengeschichte zu plündern und uns wieder mit den 1500 Jahren christlicher Tradition zu verbinden, die wir mit der Reformation wohl allzu leichtfertig abgeschnitten haben. Ausserdem sollten wir aufhören, das 'Tun' nur zu predigen und die Einzelnen bei der Umsetzung des Tuns alleine zu lassen. Vielmehr gilt es, Strukturen und Methoden zu entwickeln, in denen wir praktische Nachfolge gemeinsam einüben können. Eine typische Bewegung 'postmodernen Denken' ist das Dekonstruieren und Reimaginieren. Zum Beispiel untersucht man etwas auf seine unausgesprochenen Voraussetzungen oder man führt etwas auf eine historische oder kulturelle Bedingtheit zurück und enttarnt damit das Selbstverständliche und Gewohnte, um Platz zu haben, etwas Neues zu entwerfen. Es lässt sich also keinesfalls sage, dass das Denken in der Postmoderne keine Rolle spielt, aber es verändert sich, wird 'ganzheitlicher (auch wenn dieses Wort im Deutschen schrecklich klingt) und 'systemischer'. So werden z.B. viele dualistische Gegensatzpaare (wie Denken vs. Fühlen, Inhalt vs. Form, Individuum vs. Gesellschaft, evangelikal vs. liberal etc.) in denne wir gewohnt sind zu denken, infrage gestellt und es wird versucht, einen dritten Weg zu finden, der das Positive der vorher einander entgegengesetzten Seiten miteinander verbinden kann. Das Instrument des 'postmodernen Denkens' ist somit nicht mehr die Analyse, sondern die Synthese. Man denkt nun nicht mehr von den einzelnen Teilen her, sondern von dem Ganzen. Und man erkennt zunehmend, dass die Beziehungen zwischen den einzelnen Teilen wichtiger und wesentlicher sind als die einzelnen Teile selbst. So achtet man stärker auf die Wechselwirkungen und Eigendynamiken, die durch diese Verbindungen entstehen. Dadurch denkt man zunehmen in Netzwerken. Das zugrunde liegende Modell der Welt ist nicht mehr eine Maschine, sondern ein Organismus. Man denkt also organisch und vernetzt. z.B. versucht man eine Gemeinde nicht als Organisation, sondern als einen Organismus zu sehen. Und noch eine alte biblische Tradition gilt es an dieser Stelle verstärkt auszuüben: ein 'weisheitliches Denken', das weder naiv noch selbstgerecht auf Superschlau und Allwissend macht, sondern ein Gespür für die Komplexität, Zerbrechlichkeit und Brüchigkeit des Lebens entwickelt. Gefragt ist eine demütige Intellektualität. Auch sollte es zu einer Wiederentdeckung des Symbolischen und des Geheimnisvollen kommen, das dem 'postmodernen Denken' nicht nur Platz lässt für das rational nicht Erfassbare, sondern vielmehr nach diesem hungert und sich danach sehnt. Und nun? Aus all dem resultiert: Wenn wir nicht wollen, dass wir von diesem Sturm der Veränderung - der zwar in Zeitlupe abläuft, jedoch langsam, aber sicher alles Bestehende verändert - noch tiefer in eine randständige Existenz abgedrängt werden, müssen wir die moderne Art und Weise der Gemeinde, unsere moderne spirituelle Praxis (die sich oft in 'Stiller Zeit' erschöpft) sowie unsere moderne Theologie ganz neu überdenken und reimaginieren. Hierbei kann es nicht um alten Wein in neuen Schläuchen gehen. Es helfen weder kosmetische Veränderungen an den Formen unserer Gottesdienste noch ein neues Konzept, sondern nur die radikale Kontextualisierung des Evangeliums in unsere nachmoderne Kultur. Den Juden ein Jude, den Griechen ein Grieche, den Postmodernen ein Postmoderner. Hierzu ist es nötig, dass wir nicht einfach nur darauf schauen, was nach Meinung der Experten postmodern ist, sondern uns vielmehr zuerst versuchen bewusst zu werden, wo unsere Art des Christseins kulturell bedingt ist. Nicht weil dies per se schlecht ist, sondern weil sich so jenseits des Selbstverständlichen Freiräume eröffnen. Damit dieser Prozess nicht in einer Beliebigkeit endet, ist es notwendig, die Bibel ernst zu nehmen. Dies verlangt in erster Linie die Bereitschaft, die eigene Sicht der Bibel von der Bibel in frage stellen zu lassen und nicht andersherum. Wertschaetzende Achtsamkeit
11:49, 26 December 2009
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Wert finden, Wert schätzen und Wert schöpfen - so lässt sich der Prozess umschreiben, der durch wertschätzende Achtsamkeit angestossen wird. Die erste Stufe ist, überhaupt einen Wert zu entdecken. Dabei gilt es, Abschied zu nehmen vom Klagen, Sichbewschweren und Sich-selbst-Bemitleiden und stattdessen die Augen, Ohren und Herzen zu öffnen für die vielfältigen Geschenke, die uns das Leben macht.Was aber, wenn es nichts wertzuschätzen gibt, wenn ich mich mit persönlichen, sozialen, politischen und ökologischen Verwerfungen und Katastrophen konfrontiert sehe? Dann wird es weitaus schwieriger. Doch Wert zu finden und zu schätzen beschränkt sich nicht nur auf das vermeintlich Gute und Angenehme. Wert finden und Wert schätzen heisst, den Realitäten ins Gesicht zu sehen und sie erst einmal zu akzeptieren, wie sie sind. Wird die Wirklichkeit nicht akzeptiert, wie sie ist, so sind die Energien in Abwehr, Angst und Verdrängung, in Scham- und Schuldgefühlen oder im Gefühl der eigenen Ohnmacht gebunden. Akzeptiere ich jedoch die Wirklichkeit als das, was sie ist, nämlich als wirklich, dann werden diese Energien frei, um Zukünfte hervorzubringen, die den eigenen Visionen und Hoffnungen eher gerecht werden. Dies ist möglich aus einer Haltung des Lernens. Wenn wir die Welt und das Leben als eine Bühne begreifen, auf die Gott uns gestellt hat, damit wir unseren freien Willen nutzen und Erfahrungen machen können, dann sind unsere Erfahrungen genau die Lernschritte, die es jetzt zu bewältigen gilt. Hilfreich hierbei ist es, wenn ich mich - angesichts von Problemen aller Art - auf das so genannte "Gute im Schlechten" konzentriere. Jede Katastrophe, welcher Art auch immer, hat nicht nur Schattenseiten, sondern auch positive Aspekte. Gelingt es, diese zu entdecken, dann ist ein entscheidender Schritt gemacht, um die eigene Gestaltungskraft zurückzugewinnen. Das hat nichts mit Beschönigen oder Schönreden zu tun. Gerade Prüfungen und Beschwernisse sind ein Schlüssel zur Transformation. Im individuellen Leben sind Krankheit, Verlust geliebter Menschen, Arbeitsplatz- oder Reputationsverlust Tore, die uns zu einer ganz neuen Achtsamkeit und Wertschätzung gegenüber den Geschenken des Lebens verhelfen können. Gesellschaftlich und politisch sind Ungerechtigkeit, sozialer Unfriede und kriegerische Auseinandersetzungen eine Herausforderung zum Humanen, an der wir wachsen können. Ökologisch sind die Zerstörungen, die wir derzeit erleben, Zeichen, die uns zu einem wertschätzenden Umgang mit der Natur auffordern. In diesem Sinne gilt der Satz: "Was ist, ist heilig." Es ist das, was Gott uns zu lernen aufgegeben hat - mag es der liebevollere Umgang mit mir selbst sein, eine achtsamere Haltung untereinander oder eine Haltung der Dankbarkeit gegenüber der Natur, die uns nährt und erhält. Wertschätzung zu erlernen und zu leben wird damit zu einem Prozess des - spirituellen - Selbstmanagements und letztlich der Selbsttransformation. Sein Ziel ist, es zu werden, wer wir sind und schon immer waren: eine Verkörperung der Liebe Gottes, fähig zu lieben und unsere Liebe auf uns selbst und unsere soziale und natürliche Mitwelt auszudehnen. Wie steht es nun um die Möglichkeit, nicht nur Wert zu finden und Wert zu schätzen, sondern auch Wert zu schöpfen? Wertschöpfung ist ein Begriff, der üblicherweise in der Betriebswirtschaft verwendet wird. Er bezieht sich auf finanzielle und monetäre Grössen. Doch Werte lassen sich nicht nur materiell schöpfen. Die wichtigsten Werte sind in Geld nicht aufzuwiegen. Es sind immaterielle Werte: Friede, Freude, Glück, Wohlbefinden, soziale Nähe und Einbindung, Verstehen und Verständigung, Rechtschaffenheit, Gerechtigkeit, Harmonie, Selbstentfaltung, Wissen und Weisheit. All dies sind immaterielle Werte, nach denne wir uns sehnen. Wertschätzung ist der Schlüssel, um solche immateriellen Werte zu schaffen. Und erstaunlich genug: Die immateriellen Werte sind die Voraussetzung dafür, dass auch materielle Werte geschaffen werden können. Das gilt im Kleinen wie im Grossen. Ein glücklicher und zufriedener Mensch hat im Leben einfach mehr Erfolg als jemand, der griesgrämig mit sich und anderen ist, der hadert und überall Unheil wittert. Eine wertschätzende Person hat eine positive Ausstrahlung: sie ist offen zu lernen, und wir suchen gerne ihre Nähe und Kooperation und bringen ihr Vertrauen entgegen, wenn sie eine Führungsposition hat. Ein griesgrämiger Mensch hingegen stösst eher ab, und man versucht, seine Nähe zu vermeiden. Das ist nur allzu natürlich. Gedanken zu Gottes segnender Hand
03:05, 25 December 2009
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Dieses Motiv habe ich in Irland an einem Hochkreuz, am unteren Rand eines Querbalkens entdeckt. Gehört es einfach zu einem der vielen Ornamente mit mehr doer weniger starker Aussagekraft? Beim näheren Hinschauen entdecke ich drei Menschenköpfe von einem Schlangenpaar unbarmherzig umzingelt - gewürgt. Ein Nährboden für die Angst mit ihren tausend Gesichtern: Situationen, denen ich mich nicht gewachsen glaube, denen ich mit Bangen entgegensehe, denen ich entkommen möchte. Das Älterwerden, die vielschichtigen Unsicherheiten der Zeit ... Wird da Angst zu einer Lebensprüfung? Bei den drei Köpfen zeigt sich keine Abwehrkraft. Die Angst lähmt sie. Sie stecken in einem Zustand tiefer Hilflosigkeit. Ihre Lebensfreude, ihre Lebenskraft scheint ihnen geraubt zu sein. Sie haben sich dem harten Zugriff der Schlangen ergeben. Ich blicke hinauf zu der geöffneten, kräftigen Hand vor dem Hintergrund eines Ornamentes - die Herrlichkeit und Macht Gottes symbolisierend. Die Hand schiebt sich verbindend zwischen das untere und obere "Ornament". Sie gleicht einer Menschenhand. Aber - woher kommt sie? Weist sie hin auf die Hand dessen, der aus der Ewigkeit in unsere Zeit gekommen ist? Auf die Fleisch gewordene Hand Gottes? Legitimiert durch die im Ornament angedeutete Herrlichkeit und Macht Gottes? Ist es die Hand dessen, von dem Jesus Christus sagt: Gott hat seinen Sohn in die Welt
gesandt, dass die Welt durch ihn gerettet werde (Joh. 3,17). Diese Hand - stark und tröstlich kommt sie hervor, schützend, geöffnet, segnend. Diese Hand - als Zeichen des Lebens, des Lichtes, der Hingabe, der Treue, der Vergebung - als Zeichen der Verbindung von mir und meinen Realitäten mit Gottes Wirklichkeit.
Hier zeigt sich der ewige Heilsplan Gottes - weltumspannend! In ihm bin ich aufgehoben und behütet mit allem, was mein Leben ausmacht. Gottes segnende Hand zur Weihnacht
03:04, 25 December 2009
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Ich bin fuer euch da
10:16, 25 December 2009
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Gott sagt:In das Dunkel Deiner Vergangenheit und in das Ungewisse Deiner Zukunft, in den Segen Deiner Zukunft, in den Segen Deines Helfens und in das Elend Deiner Ohnmacht lege ich meine Zusage: ICH BIN DA In das Spiel Deiner Gefühle und in den Ernst Deiner Gedanken, in den Reichtum Deines Schweigens und in die Armut Deiner Sprache lege ich meine Zusage: ICH BIN DA. In die Fülle Deiner Aufgaben und in die Leere Deiner Geschäftigkeit, in die Vielzahl Deiner Fähigkeiten und in die Grenzen Deiner Begabung lege ich meine Zusage: ICH BIN DA. In das Gelingen Deiner Gespräche und in die Langweile Deines Betens, in die Freude Deines Erfolges und in den Schmerz Deines Versagens lege ich meine Zusage: ICH BIN DA. In die Enge Deines Alltags und in die Weite Deiner Träume, in die Schwäche Deines Verstandes und in die Kräfte Deines Herzens lege ich meine Zusage: ICH BIN DA. { Last Page } { Page 1 of 2 } { Next Page } |
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