Schienenleben


Reisen im Zug = Zeit zum Nachdenken, Beobachten und Schreiben

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Staugedanken

Posted at 10:24, 16 October 2012



Blogs und Tagebücher haben die unangenehme Eigenschaft, dass sie in Vergessenheit geraten, sobald sich das Leben des Autors in geordneten und normalen Bahnen abspielt.
Natürlich habe ich mir geschworen, meinen Blog "Schienenleben" zu krönen und zwar nach der ersten Autofahrt nach drei Monaten "Spielsperre" am Steuer. Und natürlich habe ich diesen doch so lange ersehnten Blog nicht geschrieben. Ich war zu glücklich! Die alte Weisheit, dass man Tagebücher nur schreibt, wenn man Ärger oder Probleme hat, stimmt eben doch.

Nun denn, so liefere ich denn hiermit diesen Abschlussblog mit etwas Verzögerung nach, aber: mieux vaut tard que jamais, wie man sagt.
Inzwischen habe ich mich längstens wieder an das Steuerrad gewöhnt,  die Pläne, ein Auto zu verkaufen und es mit eineinhalb zu versuchen (es steht ja neben unserem zweiten noch ein Erbstück in der Garage), sind erstmal aufs Eis gelegt. Ich kann mir immerhin zugute halten, dass ich in diesem Schuljahr jeden Tag um 7:25 loslegen muss, was bedeuten würde, dass ich jeden Tag um 5:10 aufstehen müsste. Das würde sich aber auf Dauer mit meinem Lebensrhythmus nicht vertragen. Ich bin zu sehr Nachtmensch. Früh ins Bett ist nicht bei mir.

Also fahre ich halt wieder wie immer mit dem Auto nach Moosseedorf, was zwei grosse Vorteile hat: Erstens geht es nun mal schneller als mit dem Zug und zweitens muss ich mir nicht so genau überlegen, was ich warum und wann wie brauche. Ich nehme einfach alles mit, was ich eventuell gebrauchen könnte. Dafür habe ich schliesslich einen Kombi! Das ist für mich, da ich mich nicht gerne festlege und im Voraus plane, der klar grösste Vorteil. Die zwei Kilo Körpergewicht, die ich in meiner Schienenzeit verloren habe, habe ich übrigens in Kanada zuerst wieder zugelegt und nun erneut verloren. Immerhin ein Andenken konnte ich also über die Zeit retten.

Ein weiteres nützliches Souvenir aus meiner Schienenzeit ist der Zuwachs an Gelassenheit, welche ich damals aufgrund fehlender Eile erworben habe. Ich bin da sehr stolz drauf! Angebracht ist es ausserdem, da mein Strafregister nun aus allen Nähten platzt. Gelassen fährt es sich vorbestraft nunmal besser. Diese Gelassenheit habe ich heute auch gebraucht, denn heute dauerte meine Reise in die Schule dreimal so lang wie üblich. Eineinhalb Stunden! Eine Stunde alleine bis zur Raststätte Deitingen, wo sich zwei LKWs nicht auf die Vorfahrt einigen konnten.

Wie ich so im Stau stand, sind mir einige Dinge durch den Kopf gegangen:
- Als ich einmal mit dem Zug hängen blieb, war das Warten deutlich unangenehmer. Im Auto hat man ja auch im Stau immer etwas zu tun, die Zeit geht schneller vorbei, man friert nicht.
- Zum Glück habe ich mein Brötchen schon in Oensingen gekauft und nicht erst auf der Raststätte wie ursprünglich geplant. Kaffee hatte ich sowieso dabei, also konnte ich in Ruhe Frühstücken.
- Im Stau ist es so, dass es einige Automobilisten sehr eilig haben. Sie nutzen dann auch mal eine Raststätte, um etwas Boden gut zu machen. Weil alle andern, die im Stau stehen, es nicht eilig haben und nicht zu spät kommen, ist das auch völlig verständlich und geht absolut in Ordnung.
- Ein iPod im Auto in Verbindung mit einer wohlklingenden Musikanlage ist eine tolle Sache. Gute Musik (hier von ADELE) entspannt ungemein.
- Das Gute an meinem Job ist, dass es mir meine Kunden nicht übelnehmen, wenn ich zu spät komme. Für die Kollegen, die die Klasse in meiner Abwesenheit beschäftigen mussten (ich habe zum Glück schon gestern alles kopiert), war es möglicherweise etwas stressig. Aber die Schüler freut es doch eigentlich, wenn ich zu spät komme. Also mache ich denen einen Gefallen und so was wirkt sehr beruhigend im Stau.
- Dass der LKW vor mir die Nummer LU277499 hatte, fiel mir erst auf, als ich ihn nach einer Stunde am Ende des Staus überholte. Vorher starrte ich fast sechzig Minuten auf das Schild, aber kam nicht auf die Idee, es auswendig zu lernen.
- Schadenfreude ist die grösste Freude: Als wir endlich zufahren konnten, war der Stau in der andern Fahrtrichtung. Hey, wenn man schonmal der Polizei beim Unfallräumen zuschauen kann, dann muss man es doch ausnutzen und etwas abbremsen auf der Höhe des Unfalls, sich Zeit nehmen beim Vorbeifahren an der Unfallstelle - und vielleicht auch noch schnell ein Bild machen. Könnte man ja an 20min senden und als Leserreporter gross rauskommen.
Da haben doch alle etwas davon, oder?

Bis bald

CAS


Von Männern, Frauen, Augen und Macht

Posted at 06:32, 3 April 2012


Männer - das starke Geschlecht. Der Mann ist das Familienoberhaupt. Früher war der Mann der Jäger, der die Nahrung in die Höhle schleppte, der seine Familie gegen Eindringlinge notfalls bis zum eigenen Tod verteidigte. Das Wohlergehen der Familie und damit der Menschheit lag also quasi in des Mannes Hand. Natürlich ging es schon damals nicht ohne Frau, irgendwer musste ja die Kinder zur Welt bringen, die Kinder grossziehen und hüten, wenn der Mann auf Jagd war. Doch in einer Zeit, als das Leben in erster Linie ein Kampf ums Überleben war, machte den Mann die Eignung für solche Überlebenskämpfe zum mächtigen Geschlecht.

Nun hat sich das Leben in den letzten Jahrhunderten doch nachhaltig verändert und sukzessive hat sich damit auch der Lebensinhalt verschoben. Das Überleben steht nicht mehr im Vordergrund. Es braucht keine starken Hände mehr zum Überleben, es braucht keinen Speer mehr, um sich zu verteidigen und es braucht keinen Mut mehr im Alltag. Oder zumindest fast keinen.
Nein, das Überleben geht mindestens in den hiesigen Breitengraden mittlerweile fast von selbst, heute sind andere Qualitäten und Kompetenzen gefragt. Solche, die die Frauen ebenso gut beherrschen wie die Männer. Daher spricht man nun seit etwa 50 Jahren von Gleichberechtigung und das ist ja eigentlich auch richtig.  Das wissen im Prinzip alle Männer, auch wenn man es natürlich nicht so gern zugibt, weil damit der Verlust von angenehmen Privilegien verbunden ist. Das ist manchmal recht lästig.

Aber in gewissen Situationen möchte ich nicht mehr den Verlust einzelner Privilegien betrauern, sondern ich stelle den Verlust jeglicher Kontrolle fest - an mir und an andern Männern. Denn gerade in den warmen Tagen wird einem als Mann sehr deutlich klar, dass die Frauen den Männern in einem entscheidenden Punkt überlegen sind, ja sogar dominieren. Irgendwie hat nämlich entweder Gott oder die Evolution oder wer auch immer es so eingerichtet, dass Männer noch immer viel stärker triebgesteuert sind als Frauen. Die Männer werden allzu oft von ihrer eigenen Natur verraten. Der Frühling führt uns Männern das gnadenlos vor Augen. Sobald die Temperaturen nämlich steigen, fallen die Hüllen, sprich Wintermäntel. Das, was an Bekleidung am Körper übrig bleibt, betont die körperlichen Formen und genau da liegt der wunde Punkt jedes Mannes. Wenn eine Frau mit beeindruckender Oberweite, mit schönem Decolleté, mit tiefem Ausschnitt oder bauchfrei oder sonstwas auf einen Zug wartet - oder sogar im Zug gegenüber sitzt -, ist man als Mann verloren. Die Augen wandern dorthin, wo sie eigentlich nicht dürfen (obwohl: wer bestimmt das eigentlich?). Und man guckt. Starrt vielleicht sogar. Man speichert den Ausschnitt in seinem mentalen Fotospeicher ab. Das Gedächtnis arbeitet und im dem Mann in die Gene geschriebene exzellente Vorstellungsvermögen bildet sich ein klarer, fantasiebestimmter 3D-Entwurf dessen ab, was die spärliche, frühlingshafte Kleidung noch verdeckt.

Nicht, dass das die Frauen nicht mögen. Sie wünschen es sogar. Jedenfalls dann, wenn es einigermassen diskret abläuft. Weil es sie überlegen macht, weil sie diese Abhängigkeit, dieses Begehren geniessen. Ein bisschen Macht, eine emotionale Dominanz. Es heisst nicht umsonst: Die Blicke auf sich ziehen. Und diese Blicke beherrschen im Moment des Starrens den Besitzer der Augen voll und ganz (80% der Männer geben es zu, die andern sind Lügner oder homosexuell). Je nach Beziehungsstatus und Libidoausprägung des männlichen Individuums sind diese Augenblicke kürzer oder länger. Aber darauf kommt es gar nicht an. Es spielt keine Rolle, weil sich für einen Augenblick die Unterlegenheit des Mannes überdeutlich manifestiert und etwa gleich stark ist wie die körperliche Abhängigkeit der Frauen von den starken Männern zur Zeit der Höhlenmenschen.

Es soll Männer geben, die lassen sich davon nicht beeindrucken. Liebe Frauen, das ist eine kleine Minderheit. Ich bin geständig. Hätte ich ein Blickaufzeichengerät auf dem Kopf (ja, das gibt es), so würde es mich schonungslos entlarven. Da ändert auch der Ring an meinem Finger nichts. Aber, liebe Frauen, das ist keine Krankheit und das ist nicht der erste Schritt zur Untreue. Es ist einfach so, dass unsere Augen auf das Schöne programmiert sind, und was gibt es denn Schöneres, als einen wohlförmigen Frauenkörper, der nur teilweise von sommerlich eng anliegenden Stoffen verdeckt wird? Die Wahrheit ist: Wir Männer lieben euch Frauen, und zwar euch alle!

Das hindert uns natürlich nicht daran, EINE bestimmte Frau viel mehr als alle andern zu lieben. Damit sind wir wieder in der Zeit der Höhlenmenschen: Der Mann hätte damals wohl kaum sein Leben für etwas aufs Spiel gesetzt, das ihm nichts bedeutete. Nein, das tat er nur für die Dame seines Herzens - und diese musste den Mann schon damals noch durch vieles mehr faszinieren können als durch blosse körperliche Rundungen, damals vermutlich noch recht unerotisch durch Stücke von Bärenfell verdeckt. 
So ist garantiert, dass wir trotz der Liebe zu allen Frauen eben eine Frau am meisten lieben. Und das ist auch gut so!

Bis bald

CS

Gummi statt Eisen

Posted at 09:23, 28 March 2012


Sie sind laut, sie dröhnen und brüllen. Manche so sehr, dass es schmerzt in den Ohren. Es soll Freaks geben, die das mögen, für die das "Musik" ist, die dafür sorgen, dass es noch lauter wird. Hauptsache, man überhört einen nicht.


Sie sind schnell, gefährlich schnell, eigentlich fast immer schneller als erlaubt, weil sie gerade dazu verlocken, schnell zu sein. Der Rausch der Geschwindigkeit und der Beschleunigung. Die Gefahr als Verlockung, als Kick.

Von ihnen geht ein Mythos aus, der Mythos der Freiheit, der Rebellion, der Unabhängigkeit. "Easy Rider" hat es uns einst vorgemacht und seither wird es hunderttausendfach imitiert. Illusion oder Wirklichkeit?

Der Töff oder in korrektem hochdeutsch ausgedrückt: Um das Motorrad. Ich mag keine Motorräder und ich mag oft die Menschen auf den Motorräder noch viel weniger. Schon früher habe ich mir nichts aus Töfflis gemacht und das Motorrad fahren hat mich nie gereizt. Sinnlos herumfahren, die Luft verpesten, Pässe abspulen... nein, diesem Hobby kann ich nichts abgewinnen. Im Gegenteil: Die pubertären Typen, die sogar zum Zurückschalten hirnlos und sinnbefreit mit Pseudozwischengas den Gashahn extra aufreissen und so zuverlässig für akustische Umweltverschmutzung sorgen, bringen mich regelmässig zur Weissglut. Motor hochjagen nach der Dorfdurchfahrt und so dicht auf die Autos auffahren, dass kaum mehr eine Zigarettenschachtel zwischen Motorvorderrad und Autoheck passt. Das nervt, das ist ganz einfach doof und überflüssig.

Ich gebe zu: Da spricht auch die Eifersucht aus mir. Motorradfahrer verspüren mehr Freiheit auf Rädern als der Autofahrer oder gar der Zugfahrer. Fast jeder Motorradfahrer hat weniger Geld ausgegeben für sein Motorrad als die meisten Autofahrer für ihr Auto; trotzdem sind die Töffler schneller, flinker, wendiger. Das ist ungerecht. Die Vorteile des Autos sind emotionslos: Platz, Sicherheit, Komfort - all das spricht das Herz nicht an. Die meisten fahren Motorrad, wenn sie Lust dazu haben, ich fahre Auto, wenn ich aus irgendeinem Grund muss. Also hat der Töfffahrer Spass auf der Strasse und ich nicht.

Gestern kam ich in den Genuss der längsten Motorradreise meines Lebens. Ein netter Kollege, seines Zeichens begeisterter Töfffahrer, bot mir an, mich von Moosseedorf nach Oensingen zu chauffieren. Toll. Ein anderer Kollege, ebenfalls begeisterter Töfffahrer, lieh mir seine Motorradjacke aus. Es ist erstaunlich und überraschend, wie gross die die Woge der Solidarität ist, die einem als führerscheinloser Zugreisender entgegenschwappt. Wie sagt man so schön: wahre Freunde erkennt man erst in der Not, und obwohl ich keine echte Not habe, sind die Freunde schon zur Stelle. Das ist schön.

So stieg ich, bewaffnet mit Helm, Handschuhen und Töffjacke, auf den Soziussitz einer fast neuen Triumph. Hoch oben ritt ich, beinahe wie auf einem Pferderücken, durch die frühlingsgrünen Felder des Mittellandes. Mein Pilot widerlegte das Klischee des rücksichtslosen Töffpiraten nachhaltig und kutschierte mich zuverlässig und sicher - TomTom geführt - auf kürzestem Weg nach Hause.

Vielleicht verstehe ich die Motorradfreaks seit gestern ein bisschen besser. Ja, es hat was! Die Fliehkraft der Kurven zu spüren, weckt tatsächlich die Sucht nach Kurven (im Auto sind die ja eher lästig). Mit einem kurzen Dreh am Gashahn saugt man die nächsten hundert Meter Landstrasse gierig und vor allem atemberaubend schnell in die Räder. Auch hier ist es das unmittelbare, körperliche Empfinden des physikalischen Effektes, das bestimmt süchtig machen kann. Der Fahrtwind, der zuerst sanft und dann mit zunehmender Geschwindigkeit immer energischer an Körper und am Kopf rupft, die Gerüche der Landschaft, die zwar verzögert, aber viel intensiver als im Auto um die Nase streichen - ja, all das hat was.

Die Heimfahrt war auf jeden Fall ein Genuss und hat sich tief in meinem physikalisch-emotionalen Gedächtnis eingenistet. Daher weiss ich auch ganz genau, was ich an Pfingsten sogleich (nach Wiedererhalt des Führerscheins) machen werde: eine zünftige Tour über die Landstrasse, natürlich immer nur so schnell, wie man darf. Nein, nicht auf zwei, aber auf vier Rädern. Wind, Physik und Gerüche. Cabrio ahoi!

Bis bald und mit bestem Dank an Max.

CS

20 Minuten, PISA und der Kommunismus

Posted at 05:59, 23 March 2012



20 Minuten, PISA und Kommunismus

Das Phänomen taucht in den Zügen auf, und zwar stark periodisch. Morgens sieben (da ist die Welt eben schon nicht mehr in Ordnung, lieber James Last) beginnt es, erreicht um acht seinen Höhepunkt und klingt gegen Mittag wieder ab. Abends um fünf beginnt es erneut, erreicht um sechs einen zweiten Höhepunkt und verflacht sich gegen acht Uhr.
Es klingt nach Ebbe und Flut und gewissermassen ist es auch eine Flut. Keine nasse aus Wasser, aber eine trockene aus Papier. Zeitungspapier, um genau zu sein.
Gratiszeitungspapier! 20 Minuten und Blick am Abend bescheren uns diese Gezeiten im streng geregelten Morgen-Abend-Rhythmus. Es ist gewiss etwas übertrieben, wenn ich von Flut spreche, aber zumindest übersät wäre ein angebrachtes Wort. Um acht Uhr morgens ein Viererabteil zu finden im Zug, das nicht mit mindestens zwei Gratisblättern garniert ist, braucht fast mehr Glück als die Entdeckung eines vierblättrigen Kleeblattes.

Früher hat man Zeitungen im Zug hinterlassen, wenn man seinem Platznachfolger eine Freude machen wollte. Da war es dann genau umgekehrt: ab und zu hatte man das Glück, eine Zeitung von einem spendablen Vorgänger zu finden. Das war auch recht selten, aber mindestens ebenso angenehm wie heute das Finden eines NICHT zugemüllten Platzes. Aber kosteten alle Zeitungen etwas, daher kann man eine hinterlassene Zeitung als Geschenk bezeichnen. Heute hingegen kosten solche Blätter nichts (sie wären auch keine grosse Geldsumme wert) und handelt es sich dabei auf dem Zugsitz nicht um ein Geschenk, sondern eher um Müll. Die Leser hinterlassen die Zeitung ja nicht aus Nächstenliebe, sondern aus Bequemlichkeit - oder vielleicht auch deshalb, weil die Zeitungen nicht viel wert sind. Es kostet keine grosse Mühe, die Blätter aus dem Sammler zu pflücken, daher trennt man sich entsprechend leicht und gerne davon.

Nun könnte man einwenden, dass Gezeiten eine natürliche Erscheinung sind. Allerdings gibt es einen gewaltigen Unterschied zwischen Meer und Zug: Denn im Gegensatz zum Meer, das dem Mond folgend für eine regelmässiges Hin und Her zwischen Flut und Ebbe sorgt, fehlt dieser natürliche Effekt im Zug. Dort ist es alleine dem Zugreinigungspersonal zu verdanken, dass zwischen den zugemüllten Zügen auch mal eine Phase der Ebbe und damit der Sauberkeit herrscht.

Man darf mich hier nicht falsch verstehen: Ich finde 20 Minuten eigentlich keine schlechte Sache. Ich lese sie auch ab und zu. Als Deutschlehrer bin ich sogar froh um diese Zeitung. Die letzten PISA-Studien haben gezeigt, dass die Schweizer Jugendlichen schon etwas besser lesen können als noch vor einigen Jahren. Nein, der Erfolg dafür liegt sicher nicht in der Tatsache, dass wir in der Schule in allen Fächern Hochdeutsch sprechen müssen (dies ist zwar grundsätzlich richtig, aber es löst das Leseproblem
natürlich nicht). Da haben 20 Minuten und Blick am Abend sicher einen höheren Verdienstanteil. Logisch: Was man nicht beherrscht, kann man nur durch üben verbessern. Das wissen fast alle ausser der Erziehungsdirektorenkonferenz. Die wissen es zwar wahrscheinlich auch, möchten aber nichts verordnen, was etwas kostet, daher eben das Hochdeutschobligatorium. Zurück zum Thema: In Anbetracht der Tatsache, dass die Schweizer Jugendlichen noch immer keine besonders gut entwickelte Lesekompetenz haben, scheint es mir eine gute Sache, wenn man regelmässig Zeitungen liest oder zumindest überfliegt. Man muss wissen, dass viele Schweizer schon Mühe haben, einen ganz einfachen Text (PISA-Niveau 0 oder 1) zu verstehen. Lesen alleine genügt ja nämlich nicht, man muss es auch verstehen. Einen durchschnittlichen 20 Minuten-Artikel würde ich auf PISA-Niveau 1-2 schätzen. Also muss man eigentlich sagen: Würden alle 20 Minuten lesen und verstehen (oder es zumindest regelmässig üben), so wäre die Schweiz in der nächsten PISA-Studie (2012) noch besser!

Damit wird klar, dass das Ärgernis nicht die Zeitungen selbst sind, sondern (einmal mehr) die Art und Weise, wie die Menschen mit den Zeitungen umgehen. Man kann es drehen und wenden wie man will: Wieder droht eine eigentlich grossartige Erfindung an der Unfähigkeit des Menschen zu scheitern. Beim Kommunismus hat es nicht geklappt, weil jeder nur an sich selbst denkt und nicht bereit ist, sich zum Wohle der Allgemeinheit übermässig zu betätigen - das tut man nur für (viel) Geld. Davon hat man eben offenbar mehr als vom Allgemeinwohl und vom gerecht verteilten Wohlstand.
Das Zeitungsmüllproblem bringt man auch nur mit etwas mehr Nächstenliebe weg. Aber da wäre das Opfer ein viel Kleineres als beim Kommunismus und es hätten alle unmittelbar etwas davon: Saubere Züge.

Ich indes gehe einen noch einfacheren Weg: Ich habe mir die App von 20 Minuten auf meinem iPhone installiert und kann die Nachrichten jederzeit lesen - nicht nur im Zug. Ganz ohne Müll zu verursachen und ohne Papier zu verbrauchen. Dadurch wird die Gratiszeitung völlig überflüssig und weil sowieso jeder fast jeder Zugreisende ein Smartphone hat, stehen die Chancen auf ein besseres Abschneiden bei der nächsten PISA-Studie trotzdem nicht allzu schlecht.

Bis bald

CS


Sprache. Langue. Lingua. Lengua. Language. Gjuhë. Jezik. Dil.

Posted at 06:44, 21 March 2012



Beeindruckend viele "r" und "l" in unglaublich kurzer Zeit mit sehr kräftiger Stimme gibt der Mann neben mir im Zug von sich. Es klingt wie "Relerelerelererelere". Er hat kein Problem oder so. Es ist ein telefonierender Tamile. Das lässt sich sowohl an seiner Hautfarbe wie auch an seiner Sprache unschwer erkennen. Es ist keine sehr melodische Sprache wie italienisch. Aber eine unglaublich schnelle. Mit der Zeit stresst es mich - aber nicht, weil ich die Sprache nicht mag, sondern weil ich Atemnot kriege vom Zuhören. Der Typ kann scheinbar unendlich lange Sätze von sich geben ohne jegliche Pause. Vielleicht spricht er in Zirkuläratmung. Aber vielleicht bin ich selbst einfach nur langsam, obwohl in keinster Weise ein waschechter Berner.


An der Grenze der Kantone Solothurn und Bern aufgewachsen, mit einem Zürcher Vater, der auch nach 40 Jahren in der Region Bern beharrlich an seinem Dialekt festhält, bin ich im Prinzip ein sprachlicher Bastard. Absolut orientierungslos. Nach fünf Jahren Seminar in Solothurn und vier Jahre Konservatorium in Bern hat diese sprachliche Promenadenmischung eher noch an Dramatik gewonnen. Die Berner foppen mich wegen meines "Solothurner" Dialektes, die Solothurner lachen über mein breites "Berndeutsch". Höre ich den Menschen in Oensingen zu, kriege ich Pickel. Meine Schwiegereltern machen sich über meinen starken Schweizer Akzent lustig, wenn ich französisch spreche und ein schönes Bühnenhochdeutsch beherrsche ich trotz meines Berufs als Deutschlehrer nicht. Soviel zu meinem Dilemma. Wahrscheinlich bin ich eifersüchtig auf die Sprachkünste meines Zugnachbarn.

Ein Zug ist eine sprachliche Wundertüte. Weil ich die Klänge der Sprachen und der Dialekte liebe, höre ich gerne zu, wie die Leute sprechen. Und stelle immer wieder fest: Die Sprache ist so individuell wie der Mensch selbst. Nirgends lässt sich das so gut erleben wie in der Schweiz. Im Prinzip gibt es vier Landessprachen, aber die Schweiz oder besser, die Schweizer, oder noch genauer: die in der Schweiz wohnhaften Menschen haben viel mehr zu bieten als nur vier Sprachen. Ja, ich empfinde es als Bereicherung, wenn ich im Zug kroatisch, serbisch, albanisch, englisch, tamilisch, türkisch, arabisch (selten, aber schön) und was sonst noch höre. Jede Sprache hat ihren eigenen Charakter, ihren eigenen Klang. Rund, ruppig, schnell, langsam, sonor, spitz, geschmeidig, melodisch, hell, dunkel...es ist schwer, den Klang einer Sprache zu beschreiben. Und jeder Mensch färbt die Sprache mit seinem Dialekt individuell, haucht so der Sprache Leben ein. Lass hören, wie du sprichst, und ich sag dir, wer du bist.

Noch spannender werden Sprachen, wenn man sie vermischt, ihr neue Wörter vermischt oder alten Wörtern neue Bedeutung zukommen lässt. "Sorry man, i bi grad nid so easy druf, aber i phone dr nachem foode.". So ähnlich sagt es ein anderer Typ neben mir am Handy. Jugendsprache nennt man das. Das Schöne an der Jugendsprache ist, dass keine Normen gibt. Der Kreativität sind daher keine Grenzen gesetzt. Erlaubt ist, was die anderen Verstehen - und was gerade angesagt ist. Und wenn man es nicht versteht, ist es nicht peinlich für den Sender, sondern für den Empfänger, weil er nicht auf dem Laufenden ist. Einen solch unverkrampften Umgang mit der Sprache wünschte ich mir manchmal in meinem Französischunterricht!

Ja, liebe besorgte Hüter der sprachlichen Korrektheit, ihr sorgt euch um die Tradition, den Fortbestand und die Kultur der Sprache. Ja, liebe besorgte Deutschlehrerkollegen, ihr befürchtet, dass die Schüler in Zukunft vergessen, dass man korrekterweise "Schatz" und nicht "shats" schreibt. Ja, liebe Bildungspolitiker, ihr sorgt euch um die Leistung der Schweizer Kinder bei der nächsten PISA-Studie. Vielleicht habt ihr alle Recht. Vielleicht ist zu viel nicht gut.
Ich stelle im Fitnesscenter (eine andere Sprachspielwiese!) tatsächlich regelmässig fest, dass es irgendwie trendy geworden ist, im Dialekt falsche Fälle und falsche Artikel zu gebrauchen ("I hani hüt e krasse Outo gseh - däm isch würklech konkret krass gange"). Darüber sollte man sich wahrscheinlich schon Sorgen machen. Nicht nur, weil solche Menschen immer gebrandmarkt bleiben werden. Sondern weil -leider- ein richtiger Hype um diese Art von Jugendsprache entstanden ist. Motto: Weil es falsch ist, ist es cool. Und so entdecke ich - vor allem im Fitnesscetner - immer wieder junge Muttersprachler(!), die sich diese falsche Sprache aneignen, um dazu gehören.

Das ist besorgniserregend und dumm und vor allem hat das nichts mit Kreativität zu tun, sondern mit Unwissen. Jene Jugendsprache, die mir so gut gefällt, ist indessen nicht falsch, sondern einfach kreativ. Jede Sprache, und sei sie noch so reich, stösst doch ab und zu an ihre Grenzen. Und dann braucht es eben neue Wörter, wie zum Beispiel "Computer" oder "Compact Disc" oder "iPod" oder "App". Das tut der Sprache nicht weh, es bereichert sie. Aber es muss nicht immer Denglisch sein. Die Jugendsprache ist auch innerhalb der eigenen Sprache ein kreatives Tummelfeld. Ausdrücke wie "Taschendrachen" (Feuerzeug), "rolexen" (angeben), "Blechbrötchen" (Bierdose), "Tafelglotzer" (Streber), "Fummelbunker" (Disco), "Kumpelbumser" (unaufrichtiger Mensch) usw. finde ich fantasievoll und witzig. Und solche wie "Münzmallorca" (Solarium) oder "Murmelschuppen" (Kirche) sind sogar ironisch und gesellschaftskritisch zugleich. In anderen Bereichen nennt man sowas Kunst.

Dass diese Kunst nicht alle verstehen, das ist normal und es ist auch kein Problem. Denn die Menschheit wurde mit der Fähigkeit zu sprechen ausgestattet. Und mit Hilfe der Sprache kann man ja notfalls nachfragen. Auf Deutsch, Französisch, Englisch oder so.

Bis morgen

CS


Kleider machen Leute

Posted at 08:09, 16 March 2012


Wer kennt sie nicht, die Novelle von Gottfried Keller, in der der einfache, aber gut gekleidete Schneider Wenzel Strapinski von den Seldwylern für einen noblen, wohlhabenden Grafen gehalten wurde. Nachdem man sich - in der Hoffnung auf gute Geschäfte - die bestmögliche Behandlung zukommen liess, stellte sich Strapinski aber als Hochstapler heraus.

Nun, zwar gilt die Moral der Novelle Kellers immer noch: Gute Kleidung lässt manch einen edler erscheinen, als er tatsächlich ist. Einige machen sich sogar einen Sport daraus und versuchen, sich nur durch edle Kleidung so etwas wie Respekt und Ansehen zu ermogeln.

Allerdings beobachte ich beim jungen Typen balkanischer Herkunft, der mit gegenüber im Zug sitzt, eher das Gegenteil. Kleider können Leute eben auch nicht machen. Will heissen: Löcher in den Jeans (man bezahlt viel Geld für löchrige Jeans), die Hosenbeine in den weissen Socken verstaut und diese wiederum in hochweissen Nike-Turnschuhen,  Silberkette um den Hals und natürlich eine amerikanische Baseballmütze.Leicht schräg, klar. Das Ganze wird abgerundet durch eine modisch-verspiegelte Sonnenbrille mit Gläsern, die auch die Backen und die Hälfte der Stirn noch zuverlässig abdecken - und eine Dose ok aus dem Kiosk. Gehört auch fast zur Kleidung, passt jedenfalls zum Typ. Dass die Kopfhörer des iPhones, mit dem er spielt, auch mich berieseln, brauche ich ja nicht extra zu erwähnen. Der Typ ist jedenfalls der lebendige Beweis dafür, dass das Prinzip "Kleider machen Leute" ganz offensichtlich auch in der Umkehrung funktioniert.
Oder gefällt der Typ in seinem Look etwa ausser sich selbst auch gleichaltrigen Fräuleins? Kann ich mir nicht vorstellen. Möchte ich mir nicht vorstellen, denn das würde diese Fräuleins doch gleichermassen arg disqualifizieren.
Aber wieder muss ich die Jungen in Schutz nehmen. Mein Nachbar, Fussballprofi beim FC Basel, geschätzt etwa gleich alt wie ich, trägt sozusagen eine etwas zivilere Light-Version dieses Outfits. Immer. Nimmt sich selbst ebenfalls sehr wichtig und scheint noch im selben Level der Bekleidungsevolution zu stecken wie der Typ vor mir. Heisst also, mit dem Alter wird es nicht automatisch besser. Die bescheidene Frisur seines Klubkollegen Shaqiri, die allseits kopiert wird, gehört in die gleiche Kategorie. Da wird die Idolfunktion verhängnisvoll und wahrscheinlich sieht der Typ vor mir wegen all diesen Idolen so aus.
Doch Kleider sind schliesslich Geschmacksache. So will ich denn versuchen, nicht zu werten, sondern einfach nur zu staunen. Soll sich halt jeder so anziehen, wie er sich wohl fühlt und wie er es für gut hält.

Ins Staunen gerate ich allerdings schon am Bahnhof Solothurn wieder. Zwei Typen stehen neben mir, die mich locker um eine Kopfhöhe überragen - aber die Hosen tragen sie ebenso viel tiefer als ich. Also ungefähr in den Kniekehlen. Die Unterhosen, Marke Klein (steht da drauf, was drin steckt?), sorgen für den breiten Übergang zwischen Hosenbund (knapp unterhalb des Schritts) und dem Tommy Hilfiger T-Shirt. Ist ja auch wichtig, dass man so schöne Slips der Allgemeinheit nicht vorenthält. Ich sehe mich in meinem Verdacht, dass die ok-Dose zum Outfit gehört, bestätigt. Im Gegensatz zum Typen im Zug dürfen die beiden am Bahnhof rauchen und tun es auch, lavieren aufgeregt - und scheinen sich wohl zu fühlen, obwohl die Hose in den Kniekehlen die Bewegungsfreiheit doch erheblich einschränkt, wie ich beim Einsteigen in den mittlerweile eingetroffenen Zug feststelle.

Kleider machen Leute. Lieber Gottfried Keller, ja, Sie haben recht gehabt. Nur müssten Sie, wenn Sie Ihre Novelle in die heutige Zeit adoptieren wollten, bedenken, dass nicht jeder elegant sein möchte. Manche wollen modisch sein, andere schlank, jene möchten älter sein und einige möchten auf (vorhandenen oder nicht vorhandenen) guten Geschmack hinweisen. Viele wollen möglichst cool sein und eben so viele möchten beweisen, dass sie ganz einfach irgendwo dazu gehören.
Das sollte man wahrscheinlich einfach gut finden. Toll, dass es so viele verschiedene Outfits gibt. So erkennen wir schon von Weitem, was da für eine Sorte Mensch drin steckt, oder? Ja, lieber Herr Keller, und dann würden Sie feststellen, dass sich im Prinzip seit Seldwyla und Wenzel Strapinski doch nicht so viel verändert hat.

Bis am Montag

CS


Pünktlich. Schweiz.

Posted at 08:48, 14 March 2012


Es ist 13:46, die Warnsignal des westlichen Bahnübergangs in Jegenstorf ertönt. Zwanzig Sekunden später senkt sich die Schranke, weitere 10 Sekunden später fährt der RBS-Zug an der Schranke vorbei - und löst damit das akustische Warnsignal des Bahnübergangs östlich des Bahnhofs aus. 13:47 fährt der Zug im Bahnhof Jegenstorf ein, die östliche Schranke ist einige Sekunden vor dem Zug in vertikal-geschlossener Stellung. 13:48, auf die Sekunde genau nach Fahrplan, fährt der Zug schliesslich gen Solothurn los.

Ich sitze im Zug und sinniere über Pünktlichkeit, diese urschweizerische Tradition, die unser Land gemeinsam mit andern Mythen wie Zuverlässigkeit, Qualität und Sauberkeit fast magisch umhüllt - streng gehütet von den pünktlichen, zuverlässigen, exakten und sauberen Schweizern. Vielleicht wollen wir (vielleicht müsste ich hier sagen: die demokratische Mehrheit) gerade deswegen nicht sechs, sondern lieber nur vier Wochen Ferien. Es könnte ja sein, dass dies der Anfang griechischen Schlendrians ist, der unsere sorgsam gehegten Gepflogenheiten ins Wanken brächte.

Ich denke zurück an meine Kindheit im damals noch sehr beschaulichen Bauerndörfchen Schnottwil. Meine ersten Erfahrungen mit der schweizerischen Pflicht zur Pünktlichkeit machte ich in auf dem Schulweg, allerdings damals noch zuverlässig fremdbestimmt von Mama, die mich stets rechtzeitig weckte und auf den Schulweg schickte. Diese mütterliche Sorgsamkeit hatte leider auch eine Kehrseite: Vor allem nach dem mittwochnachmittäglichen Fussballspiel wurde eine ebenso pünktliche Rückkehr erwartetet. Damals fand ich diese Fürsorge insofern übertrieben, als dass ich immer der erste (und gefühlt der einzige) war, der zu einer bestimmten Zeit zu Hause sein musste. Und da begann vermutlich mein Pünktlichkeitsdilemma: Unser Fussballspiel nahm nämlich keine Rücksicht auf die Uhr - und mitten im Spiel aussteigen, weil man nach Hause muss, dass war echt sehr viel (zu viel) verlangt. So hatte ich die Wahl zwischen verärgerten Kollegen und einer wütenden Mutter. Oft habe ich mir gewünscht, dass Mama etwas von der italienischen Lässigkeit ihres Grossvaters (der da aber extrem schweizerisch und kein bisschen italienisch war) mitgenommen hätte. Tricks wie das Zurückstellen der Uhr (ein Geschenk von Papa - da sage mir einer, die Eltern hätten sich nicht abgesprochen) oder die ölverschmierten Hände wegen eines fingierten Kettenproblems am Velo zogen bei Mama nicht. Folge: Das nächste Fussballspiel am Freitag fand ohne mich statt. Höchststrafe!

Später, als ich in Solothurn im Lehrerseminar war und ich mit dem Postauto dorthin fahren musste, folgten die ersten stressigen Erfahrungen mit der Pünktlichkeit: Postauto fuhr um 6:15 beim los. Die 150m zur Haltestelle legte ich deutlich öfter im Sprint (vielleicht bin ich deshalb so antrittsstark...) zurück als im normalen Schrittempo. Mit der Zeit kannten mich die Postchauffeure und warteten auch dann, wenn das Postauto das Sprintduell gegen mich gewann. Im Gegenzug nahm ich es dem Postchauffeur nicht übel, wenn er zwischen Biezwil und Schnottwil noch kurz anhielt, um das Heu an seiner Wiese nahe der Strasse zu wenden. Ja, so harmonisch lief das damals auf dem Land.

Im völlig andern Umfeld der Musikhochschule in Bern entwickelte ich mich dann zum pünktlichen Musterstudenten - und eckte wieder an, aber diesmal weil der Herr Professor die Pünktlichkeit bestenfalls im Halbstundenbereich handhabte. Wahrscheinlich fand ich Unpünktlich- keit deshalb plötzlich extrem uncool.
Das Musikerleben verzeiht Unpünktlichkeit nämlich kaum, zu spät zu einem Konzert zu kommen, ist wahnsinnig peinlich - und mir zum Glück bisher erpart geblieben.

Daraus zu schliessen, das mein Kindheitstrauma in Bezug auf die Pünktlichkeit nun gelöst ist, wäre aber ein Irrtum. Man muss nämlich unterscheiden zwischen Pünktlichkeit und stressfreien Erreichens ebendieser. Pünktlichkeit ist der grösste Stressfaktor in meinem Leben. Pünktliche Züge, pünktliche Konzerte, pünktliche Verabredungen - all dies überfordert mich regelmässig im höchsten Masse. Jedem pünktlichen Erscheinen (und ich bin meistens pünktlich) geht entweder ein Sprint, lautes Fluchen am Lenkrad des Autos oder sonst ein Riesenstress oder alles Zusammen voraus. Ich bin meisterlich im Vernichten eines zeitlichen Vorsprungs. Aus ursprünglich zu viel Zeit vor einer Verabredung mache ich problemlos einen kritischen Rückstand. Sowas kann ich.
Zu allem Übel habe ich mit meiner Frau eine perfekte Mitspielerin gefunden. Der Kampf mit der Pünktlichkeit bei gemeinsamen Ausflügen wird dadurch noch deutlich intensiviert. Und mit Frau an der Hand sprintet es sich erheblich schwieriger, leider. Dass wir daher eine Viertelstunde zu spät zu unserer standesamtlichen Trauung gekommen waren, scheint daher logisch.

Inzwischen ist mein Zug pünktlich um 13:10 in Solothurn angekommen. Ich setze an zum Sprint und erreiche so noch den Regionalexpress nach Olten, der um 13:11 losfährt - auf der andern Seite des Bahnhofs.
Meine Sprinterqulitäten, die ich erworben habe als Opfer der schweizerischen Pünktlichkeit, gepaart mit ebendieser schweizerischen Pünktlichkeit - ein Dreameam!

Bis morgen

CS



Schienenlittering

Posted at 09:09, 13 March 2012



Szene 1: Ein recht junger Mann, geschätzte dreissig, steht vor mir auf dem Perron, raucht eine Zigi. Dann kommt der Zug. Die Türen öffnen sich, er nimmt einen letzten Zug, schnippt seine Kippe passgenau und treffsicher in den Spalt zwischen Zug und Perron. Er bläst im Einsteigen die letzte Rauchwolke aus seinen Lungen. Die Türen schliessen sich.

Szene 2: Zwei Typen schlendern dem Perron entlang. Beide ziemlich cool. Ausgelassene Stimmung. Nr.1 steckt sich eine Zigarette an, Nr. 2 schmeisst seine Colaflasche aus PET im hohen Bogen auf die Schienen. Man lacht. Ich sitze auf einer Bank, sehe zu. Ich: "Coole Sache, wegräumen kann es ein Anderer". Sie verstummen, gehen (immerhin ein bisschen verunsichert, stelle ich stolz fest) weiter, reagieren nicht. Ich wieder: "Und die Zigi schmeisst du dann auch gleich hinterher". Typ Zigarette sagt: "Ich war es ja gar nicht. Ich kann nichts dafür". Dann kommt mein Zug.

Ich checke es nicht. Vielleicht liegt das daran, dass ich Cola wie auch Zigaretten unsympathisch finde. Trotzdem: Es hat nun wirklich an jeder Ecke einen Mülleimer oder einen Aschenbecher. Und nein, das Perron ist weder das eine noch das andere, finde ich. Es ist eventuell etwas vielverlangt, die PET-Flasche bis zur nächsten Sammelstelle zu bringen. Dafür könnte ich möglicherweise einen Hauch von Verständnis aufbringen. Das Leben ist schliesslich kompliziert genug - da ändert auch die Zeichentrickfilmwerbung mit dem Drachen für das PET-Recycling nichts daran.
Aber einfach wegwerfen - das geht gar nicht. Alle Raucher, die sich über Typ 2 aus obiger Raucherszene aufregen, sollen sich überlegen: Wo entsorge ich meine Kippen? Am Strassenrand? Nein, das ist nicht besser, denn Kippen sind NICHT biologisch abbaubar, auch wenn es dort etwas Gras hat.

Auch die Autofahrer sind nicht besser, jedenfalls die nicht, die in der Kurve der Autobahnausfahrt in Oensingen ihren Müll entsorgen oder der Ansicht sind, dass ein Strassenrand erst mit einer McDonalds-Tüte optisch ansprechend aussieht.

Überhaupt ist es unfair, nur den Jungen die Schuld an den Müllsünden zu geben. Die haben da zwar zum Teil gewaltigen Aufholbedarf, aber soviel Müll, wie im Dorf, in der Stadt, auf den Schienen oder auch am Strassenrand herumliegt, kann gar nicht von nur von den Jungen stammen.

Dabei ist es doch so einfach: Müll einpacken, mitnehmen und im Mülleimer entsorgen. Mein sehr ordentlicher Jugendfreund und Trauzeuge sagt immer: Leg es doch gleich ordentlich weg, es gibt ja nicht mehr Arbeit. Recht hat er! Und möglicherweise hat er damit die Erklärung dafür gefunden, dass Autofahrer vielleicht doch ein wenig sauberer sind als Zugfahrer. Erstens ist das Auto nämlich persönliches Eigentum und damit geht man in der Regel etwas bewusster und sorgfältiger um. Wer denn, wenn nicht der Besitzer selbst, räumt den Müll aus dem Auto? Hier trifft also der Spruch meines Jugendfreundes und Trauzeugen durchaus zu.
Der Zugfahrer hingegen kennt solche Probleme nicht. Er kann den Müll liegen lassen, und weil man genau diesen Zug vielleicht nie mehr wieder sieht, kann es einem auch egal sein, wie lange der Müll dadrin bleibt. Wenn man dann doch den gleichen Zug wieder benutzt, hat das fleissige Zugpersonal den Müll längst entsorgt.

Da die Strasse nicht dem Autofahrer und die Schiene nicht dem Zugfahrer gehören, gleichen sich spätestens da die Unterschiede wieder aus. Und so ist es nur der fleissigen Arbeit der Unterhaltsdienste zu verdanken, dass man hierzulande den Eindruck von erträglicher Sauberkeit hat. Das sollte doch so bleiben - denn Zustände, wie sie etwa in Paris herrschen (wo man vor lauter Zigarettenstummel auf den Schienen den Schotter nicht mehr sieht und auch vor Bahnhöfen über einen Teppich von Kippen staksen muss, weil auch in den Bahnhöfen das Tauchen verboten ist), solche Zustände möchte ich hier echt nicht haben.

Jetzt, wo ich das Schreibe, nehme ich mir das selbst auch vor und versuche daran zu denken, wenn ich das nächste Mal eine Apfelhülse aus dem Autofenster zu werfen geneigt bin.

Bis Morgen

CS

Von neuen und alten Zügen

Posted at 09:30, 12 March 2012



Ich sitze im modernen Zug der RBS (heute absolut pünktlich, eigentlich immer pünktlich, wenn keine Lebensmüden im Weg stehen). Das ist ein ganz modernes Gefährt, das fast völlig entkoppelt über die Geleise gleitet. Abrollgeräusche sind kaum zu hören, Windgeräusche sowieso nicht - höchstens das Heulen des Motors. Dieses allerdings hört man selbst mit Kopfhörern und Musik im Ohr (natürlich höre ich nur für mich Musik und daher entsprechend leise, siehe letzter Blog). Doch die Lautstärke geht irgendwie noch - aber mich stört viel mehr, dass das Geräusch komplett synthetisch ist scheinbar keinem Gesetz folgt. Es ist unabhängig von der Geschwindigkeit, es surrt einfach irgendwie in irgendeiner Tonart. Die Logik eines Automotors, der gaspedalgesteuert höher oder tiefer erklingt, fehlt dem Zug. Damit tue ich mich irgendwie schwer!
Ich habe noch nicht herausgefunden, WO ich im Zug sitzen muss, dass ich den Motor nicht höre. Habe die stille Stelle noch nicht entdeckt, sondern bisher eher den Eindruck, dass dieses Ding überall Motoren hat.
Trotzdem: Der Zug ist nicht nur orange, sondern tatsächlich komfortabel.

Ich schweife in Gedanken ab und denke an meine Kindheit. Als ich ins Lehrerseminar kam anno 1992, verkehrte zwischen Lyss und Solothurn noch ein Zug. Ich stieg in Büren ein und in Solothurn wieder aus. Fast jede Stunde fuhr ein Zug. Das waren noch die alten, dunkelgrünen Wagen mit den Fenstern, die man von Hand öffnen oder schliessen konnte. In diesen Zügen gab es Raucherabteile, die hatten rote Sitze, und Nichtraucherabteile, die hatten grüne Sitze. Mit einer Art Kunststoff bezogen, waren diese Sitze zwar pflegeleicht, aber rutschig, unbequem und im Sommer schweisstreibend. Und einen Heidenlärm machten diese Wagen. Wahnsinn! Man spürte, das die Eisenbahn eben Eisenräder auf Eisenschienen hatte und sie durften ungehobelt über Weichen polterten - wenn man im Tunnel das Fenster öffnete, was ich gerne tat, weil ich den modrig-feuchten Tunnelgeruch mochte, dann hatte man beinahe einen Gehörschaden. Das Klo war ein Plumpsklo, deshalb sagte Mama immer, man dürfe nicht im Bahnhof pinkeln und so. Sonst hätte man sich im Bahnhof zwischen den Schienen verewigt (da liegen jetzt halt Zigis, weil die nicht mehr mit in den Zug dürfen).
In diesen Wagen konnte man im Rollen die Türen öffnen mit einem eisernen Griff - so war es möglich, auf den schon losgefahrenen Zug noch aufzuspringen. Sehr praktisch!
Vor allem aber gab es einen Schaffner, der den Zug begleitete. Er trug eine rote Mütze und eine dunkle Uniform und pfiff bei jeder Station auf seiner Pfeife, bevor der Zug losfuhr. Wenn man kein Fahrkarte hatte, konnte man sie beim Schaffner im Zug kaufen. Wenn man eine Auskunft brauchte, zog der Schaffner sein dickes Kursbuch hervor und blätterte im passenden Fahrplan nacht.
Schaffner waren meistens freundlich, aber sie motzten, wenn man die Füsse (in den Schuhen) auf die Bank legte. Sie kamen zwischen jeder Station vorbei und kontrollierten die Fahrkarten, die damals noch klein und aus Karton waren. Mit einer Zange knipsten Schaffner ein Loch in die Fahrkarten. Natürlich war an jedem Bahnhof ein Schalter mit Bahnhofsvorstand, der die Billette verkaufte: Diese waren vorgedruckt und zweifarbig, braun-weiss oder so. Für jede Reise gab es ein vorgedrucktes Billett, daher hing die ganze Wand voller Fahrkarten. Ich sammelte solche Fahrkarten, das hatte einfach Stil. Ja, so war das früher.
Irgendwann hatten dann die Bahnhöfe keinen Schalter mehr und die Züge keine Schaffner und irgendwann gab es meinen Zug überhaupt nicht mehr. Eingestellt wegen mangelnder Nachfrage.

Heute wissen die jungen Menschen gar nicht mehr, was ein Schaffner ist und ausser Bern und Zürich haben fast keine Bahnhöfe mehr einen Vorstand. Das Billet muss man am Automaten lösen und man erhält trotz den höheren Preisen keine Kartonfahrkarte mehr, sondern nur noch einen Papierschnipsel - immerhin mit eingearbeitetem Silberfaden. Manchmal erhält man gar keine Fahrkarte mehr, sondern nur noch ein Code auf einem virtuellen Ticket dem iPhone.
Wenn man keine Fahrkarte hat und in eine Kontrolle gerät, kostet es soviel wie früher die Grosseltern jedes Jahr an Weihnachten auf das Sparkonto der Bank einzahlten. Fragt man heute einen Kontrolleur nach dem Fahrplan, so zückt er seinen Computer und tippt die Destination ein - und zuckt ratlos die Schultern, wenn der Computer die Destination nicht kennt.
Dafür darf man heute auch auf Bahnhöfen pinkeln, gibt es Steckdosen für das Notebook und angenehme Sitze im Zug. Der ist leise und komfortabel und im Sommer nicht so heiss dank Klimaanlage. Es fahren mehr Züge und sie sind schneller. Weil kein Kontrolleur mehr kommt, könnte man im Prinzip ungehemmt die Füsse auf die Sitzbank legen - aber man tut das nicht, das hat man einfach gelernt. Und weil wird das früher nicht durften und es die jungen Menschen heute manchmal tun, werden wir älteren Menschen neidisch und motzen anstelle des fehlenden Kontrolleurs die Jungen an.

Nein, ich möchte nicht mehr tauschen mit früher.

Bis morgen

CS



Von sozialen Menschen und musikalischen Egoisten

Posted at 06:58, 9 March 2012



Im Zug höre ich Musik. Also eigentlich nicht ich, aber der Typ vor mir. Doch weil er nicht nur an sich selbst denkt, lässt er mich mithören. Das ist sehr freundlich von ihm. Zwar teile ich seinen Musikgeschmack nicht. Aber immerhin: Er teilt seine Klänge mit mir. Trotz der starken Verzerrungen (der Typ opfert sogar sein Gehör dafür, dass  ich mithören kann und hört daher so laut, dass die Musik verzerrt) kann ich die Musik als House identifizieren. Hmm.
Später, in der Bahnhofunterführung, treffe ich eine Gruppe von jungen Mädels an, die die Musik nicht via Kopfhörer, sondern direkt per Lautsprecher im Raum verteilen. Sie sprechen zwar aufgeregt miteinander und kichern fleissig und zünden sich gerade eine Zigarette an oder schreiben eine SMS - und hören eigentlich gar nicht richtig Musik. Aber offenbar ist die Musik so etwas wie der Treibstoff der Jugend. Es geht wahrscheinlich gar nicht ohne. Anders kann ich mir das Gedudel nämlich nicht erklären.
Meine Schüler fragen mich oft, ob sie Musik hören dürfen. Zum Arbeiten. Während der Schulreise. Im Skilager. Zum Essen oder während der Pause. Zum Einschlafen im Lager sowieso und während dem Duschen dort erst recht. Eigentlich müsste es mich als Musiker ja freuen, dass unsere Jugend so musikbegeistert ist. Das Problem ist nur, dass es mir manchmal schwerfällt, das, was aus den Kopfhörern oder aus dem Handy ertönt, wirklich als Musik zu erkennen. Irgendwie klingt es nämlich oft ähnlich wie mein Metronom. Das pumpt auch in gleichmässigen Abständen einen Impuls aus dem Lautsprecher, genau wie das Gestampfe, das mir aus dem Handylautsprecher der drei jungen Mädchen entgegenschwappt. Gut, Musik ist ja Geschmacksache, das habe ich begriffen.
Den Schülern gefallen die Lieder, die ich mit ihnen im Musikunterricht singen will, vielleicht auch nicht immer. Dort lässt sich übrigens die Kehrseite des Treibstoffeffektes beobachten: Sobald Musik erklingt (also wir im Musikunterricht etwas singen), beginnen einige meiner Schüler zu schwatzen. Logisch, oder? Ertönt Musik, dann schwatzt man. Gut, man kann sagen, dass es im Kino bei denen, die nicht mehr ganz so jugendlich, aber auch noch nicht ganz so alt sind,  genau gleich funktioniert: Film ab, Gespräch an. Manchmal denke ich im Kino, es gibt Leute, die kommen nur ins Kino, weil es dort so gemütlich ist und guten Hintergrundsound hat und dann kann man so schön zusammen plaudern. Aber Leute: Manchmal ist der Film so gut, dass es gar nicht langweilig wird, wenn man einfach nur da sitzen würde und nur zusähe und zuhörte - glaubt mir, das kann in gewissen Situationen als Unterhaltungsfaktor echt vollkommen ausreichen.
Ich gebe zu: Auch ich höre oft Musik. Beim Frühstücken, schon vorher, unter der Dusche, im Auto erst recht und beim Arbeiten dudelt der Computer. Ich habe neulich sogar recht viel Geld ausgegeben dafür, dass mich die Lautsprecher im Auto nicht mehr nur anplärren, sondern fast so wohlklingend beschallen, als sässe ich im Konzertsaal. Ja, ich höre oft Musik und auch bei mir dient sie manchmal nur als Backgroundsound. 
Aber irgendwie gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen mir und dem Typen vor mir im Zug: Ich bin ein totaler Egoist. Ich höre meine Musik nämlich für mich ganz alleine, teile meine Klänge nicht mit den andern Menschen um mich herum. Obwohl es mich Mama und Papa seinerzeit anders gelehrt haben: Manchmal denke ich, wir sollten alle ein bisschen egoistischer sein. Beim Musikhören jedenfalls.

Bis am Montag

CS

Der Kiosk

Posted at 06:12, 8 March 2012


Ich rauche nicht (fast nicht jedenfalls), ich trinke wenig Alkohol, kiffen finde ich doof - aber ich kioske. Kiosken ist ein Verb, das ich erfunden habe. Es leitet sich vom Nomen "Kiosk" ab und bedeutet so viel wie: sich oft im Kiosk aufhalten. Ich bin also kiosksüchtig. Das ist zwar nicht so gesundheitsschädigend wie rauchen oder saufen oder so, aber zumindest die Geldbörse und meine Frau leiden schon etwas unter dieser Sucht. Ich muss dazu etwas ausholen:

In Schnottwil, dem kleinen, beschaulichen Bauerndorf (mittlerweile ist es nicht mehr so beschaulich wie damals, aber immer noch beschaulich genug), in dem ich aufgewachsen bin, gab es zwar keinen Kiosk, aber es gab ein kleines Lädeli an der Hauptstrasse, zwischen der Post und dem Gemeindehaus, also genau im Zentrum. Dort trafen wir uns als Schüler sehr oft. Nach der Schule, nach dem Fussballspielen oder sonst auch. Natürlich liebten wir Süssigkeiten, den Zehnermocken gab es damals noch für zehn Rappen, ein Twix, das noch Raider hiess, kostete neunzig Rappen. Beliebt waren auch Tikis, das waren Bonbons, die - einmal im Mund - sich im Speichel auflösten und heftig aufschäumten. Übrigens kostete der billigste Kaugummi fünf Rappen, wenn man also fast kein Geld hatte, konnte man immerhin noch einen Kaugummi kaufen. Und wenn man gar kein Geld hatte, dann schrieb die alte Besitzerin des Ladens den geschuldeten Betrag mit Kugelschreiber auf eine Kartonunterlage. Einige von uns hatten damals, in den achziger Jahren, schon beeindruckende Listen auf dieser Unterlage. Liebe ältere Generation, die immer über die heutige Jugend schimpft und den Kopf schüttelt, dass man heute alles auf Pump kauft: Das gab es schon damals. Wir waren im Prinzip nicht besser, auch wenn sich unsere Schulden höchstes im tiefen zweistelligen Betrag bewegten.
Nun, meine Mutter mochte diese alte Besitzerin gar nicht. Sie ziehen den Jungen das Geld aus der Tasche, schimpfte sie. Das verstand ich nicht.
Heute weiss ich es besser. Mama hatte recht (das ist ja das Hässliche an Müttern: Sie haben einfach immer irgendwie recht. Warum eigentlich?). Mittlerweile kaufe ich zwar kein Schleckzeug mehr, weil ich es nicht mehr so mag. Vielleicht habe ich seinerzeit zu viel davon gegessen, obwohl Mama ziemlich streng war. Aber wenn auch Mütter immer recht haben, so wissen sie wenigstens nicht immer alles. Zum Glück.
Jedenfalls ist es heute nicht mehr das süsse Zeug, das mich im Kiosk magisch anzieht. Es ist auch nicht die Kioskfrau, denn Kioskfrauen mag ich nicht (vielleicht weil meine Mutter die Dorflädelifrau damals schon nicht mochte). Kioskfrauen sind alt, streng, pingelig, misstrauisch und schimpfen, wenn man die Heftli anschaut und nachher nicht kauft. Einen Kioskmann habe ich noch nie gesehen. Aber man muss sie auch verstehen: Sie müssen dauernd aufpassen, dass man ihnen nichts klaut, Kunden zerren Heftli aus dem Stapel hervor und legen es nicht richtig zurück. In einem Kiosk muss Ordnung herrschen! Andere motzen, weil die Zigis wieder aufgeschlagen haben. Im Winter frieren Kioskfrauen und im Sommer schwitzen sie. Morgens sind die Kunden mürrisch und abends gestresst. Ich möchte ja nicht im Kiosk arbeiten.
Aber ich gehe gerne hin. Ich liebe Heftli. Das ist eine wunderbare Welt. Es gibt Heftli für Töfffahrer, für Rätseltanten, es gibt das Bravo, es gibt Heftli für Männer und solche für Kinder, es gibt Eisenbahnheftli und solche, auf denen eine Prinzessin abgebildet ist oder ein König oder beides. Auf manchen Heftli sind nackte Frauen und nackte Männer, dort lugt ein neues Bike hervor oder ein frisiertes Hündchen. Diese Welt ist es, die ich liebe. Ich könnte stundenlang am Kiosk stehen und einfach nur in Heftli blättern. Aber das mögen die Kioskfrauen nicht. Daher muss ich die Heftli halt kaufen, was zur Folge hat, dass sie sich in meinem Keller stapeln. So etwas Wunderbares wie ein Heftli kann man nicht einfach wegwerfen, deshalb behalte ich sie und dann schimpft meine Frau, dass im Keller überall Heftli herumliegen und sagt, ich solle sie doch endlich entsorgen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass es im Dorf, wo sie aufgewachsen ist, keinen Laden mit Süssigkeiten gegeben hatte.

Bis morgen

CS

Donald Duck

Posted at 05:40, 7 March 2012


Eigentlich wollte ich heute über Kioske schreiben - aber aus akutellem Anlass verschiebe ich dieses Thema. Darum schreibe ich über Donald. Als fleissiger Leser (und Sammler) des "lustiges Taschenbuch" (für Unwissende: Das ist der Comic mit Donald Duck und Micky Maus) hege ich schon seit jeher eine Art Hassliebe gegenüber Donald. Einerseits ist er irgendwie sympathisch, weil er in jeder Geschichte zum Schluss die rote Laterne trägt, der Looser ist. Verlierertypen sind nunmal erträglicher als Gewinnertypen wie zum Beispiel Gustav Gans im Comic. Einer, der immer Glück hat, ohne dafür einen Finger zu krümmen... mal ehrlich, wer mag den schon? Ich jedenfalls nicht. Wie könnte ich meinen Schülern erklären, dass man es weit bringen kann ohne jeden Einsatz und Fleiss? Und daher ganz offiziell: Liebe Schüler, Gustav Gans ist eine reine Erfindung, es ist nur im Comic möglich, ohne Fleiss den Preis zu holen. Im realen Leben geht das nunmal nicht. Also strengt euch bitte Hausaufgaben. Sonst werdet ihr wie Donald. Sympathisch zwar, aber eben ein Verlierer und Nichtskönner, einer der sich selbst Überschätzt und nichts als Schulden macht, einer, aus dem nie was wird.
Aber warum dann Donald als Blogbild? Nun, heute Morgen habe ich gewisse Parallelen zwischen Donald und mir gesehen. Sprich: Das Anziehen jeglicher Art von Pech, zumindest als Benutzer des öffentlichen Verkehrs und ganz konkret als RBS-Reisender. Diese Bahn hat mich nämlich in nunmehr vier Reisen schon zweimal im Stich gelassen. Ich fühle mich vom Pech so verfolgt wie Donald. Mindestens. Am Montag wegen einer Stellwerkstörung fast zwanzig Minuten Verspätung und nun heute eine ganze Stunde. Die Verspätung wäre noch eine Sache(obwohl die Neuntklässler dadurch nun erst am Freitag in den Genuss des Films "Der Vorleser" kommen - aber danke, dass ihr so brav am Text gearbeitet habt!) - viel schlimmer war die Warterei. Obwohl schon in Solothurn angekündigt wurde, dass die Strecke wegen eines Personenunfalls unterbrochen sei, dauerte es vom Aussteigen aus dem Zug bis zum Erscheinen eines Busses eine geschlagene halbe Stunde. In dieser Zeit schaufelten weiter Züge von Solothurn her weitere gefühlte tausend Pendler nach Fraubrunnen, so dass der schliesslich erscheinende Bus dann ein eher hilfloser Versuch war, die ausfallenden Züge zu ersetzen. Ich stand zwar zuvorderst an der Bordsteinkante, aber mein Pech war, dass die Bustüre drei Meter neben mir zu stehen kam. Keine Chance, einzusteigen. Für die verbleibenden 900 Pendler (emotional gefärbte Schätzung des Autors) wurde ein zweiter Bus versprochen, welcher dann nach weiteren fünfzehn Minuten erschien. Der war noch kleiner. Aber diesmal war ich bereit. Sobald die Türen geöffnet wurden, sprintete ich hinein - und ergatterte sogar einen Sitzplatz. Mit genau einer Stunde Verspätung kam ich in Moosseedorf an. Yeah!
Liebe RBS: das war echt kein Meisterstück! Es war kalt, Infos kamen keine - und wo blieb der Kaffee?
Nun sitze ich im Zug zurück. Diesmal hat die SBB ein Problem. Der Zug fährt zwar, aber wie! Kennt ihr die kleinen Trottinettchen, die man zusammenklappen und in den Zug nehmen kann? Ja, genau die. Wenn man da stark bremst, blockiert das Hinterrad. Das fägt huere! Aber dadurch scheuert man den Reifen platt, dann läuft er nicht mehr rund und rüttelt einen wie blöd durch beim Fahren. Eben so ein durchgescheuertes Rad ist am Zug unter meinem Sitz montiert. Echtes Trottinett-Feeling. Die beiden Sexy-Mädels vor mir stört es nicht. Ihre Haarprobleme (blond, lang, glatt dank so einem Haarglätter) lassen sich auch im Rüttelzug besprechen. Sie SMSen, machen einen Bravoliebestest und sprechen über Jungs. Laut. Und kichernd. Von so wichtigen Dingen kann ein Rüttelrad nicht ablenken. Vielleicht sollte ich mich einfach mit diesen Mädels unterhalten und nicht weiter über Zugprobleme nachdenken.

Bis morgen


CS

Parkplatzproblem

Posted at 05:59, 6 March 2012


Potztuusig - meinen ersten Blog, den ich gestern auch auf Facebook verlinkt habe, haben immerhin zwei Leser mit "gefällt mir" honoriert- oder war das nur auf das Begleitbild bezogen, das ich als Eyecatcher auf FB veröffentlich habe? Jedenfalls: Danke Marcel und Simone!
Derart ermutigt, schreibe ich natürlich weiter. Thema heute: Veloparkplätze. Klingt strange, oder? Aber hey, in Oensingen am Bahnhof einen Parkplatz für das Velo zu finden fast so schwer wie am Donnerstagabend in der Berner Innenstadt einen freien Parkplatz zu erwischen für das Auto. Wahnsinn, oder? Auf jeden Fall fand ich in Oensingen keinen GEDECKTEN Parkplatz für mein Velo, sondern nur eine Querstrebe ausserhalb des Veloständers, an dem ich mein Cannondale anketten konnte. Ja, liebe Gemeinde, anketten. Mein Bike hat nämlich keinen Abstellständer und steht deshalb nicht alleine. Ich muss es irgendwo anstellen können, sonst fällt es eben um. Und hey, heutzutage sind viele Velos Bikes ohne Ständer. Und noch etwas, liebe Gemeinde Oensingen: Anstatt sinnlos die Strassen vom kaum vorhandenen Schnee zu befreien könntet ihr doch einmal doch einmal alle Veloleichen am Bahnhof entsorgen. Dann fänden nämlich wieder einige Drahtesel mehr Platz UNTER dem Dach des Veloständers. Das wäre doch was!
Auf jeden Fall hätte ich nicht gedacht, dass ich als Velofahrer ein grösseres Parkplatzproblem habe als als Autofahrer...immerhin sind die Veloparkplätze, so man denn einen ergattert oder freigeschoben hat, gratis. In Moosseedorf kostet der Parkplatz fürs Auto immerhin 300.- im Jahr (da kommt mir gerade in den Sinn, dass ich davon nun 75.- einfach verplempere, weil ich ihn nicht mehr brauche. Ob ich mein "Abo" stornieren kann?
Noch etwas habe ich heute festgestellt: Das Schöne am Zugfahren ist, dass man frühstücken kann im Zug. Sowas geht auch im Auto, klar, aber eigentlich ist es relativ gefährlich, vermutlich verboten (was ist am Steuer eigentlich nicht verboten?) und vor allem viel weniger gemütlich. Meine Frau hat mir heute morgen extra einen frischen Orangensaft gepresst und Kaffee gemacht. Den habe ich dann in aller Ruhe im Zug von Solothurn nach Jegenstorf getrunken, dazu die von der Morgensonne beleuchteten Alpen angesehen und gemütlich das neueste Bike-Heftli dazu gelesen. Ehrlich, das war sehr gemütlich!
Auf der Heimreise habe ich schon die Schulstunden vorbereitet (so ein MacBookAir ist eine tolle Sache. Geht hin und kauft euch eines!) und jetzt im Zug nach Oensingen studiere ich die Partitur für die Probe heute Abend mit der MG Bleienbach.
War da eben ein Hauch von Euphorie zu hören?

Bis morgen

CS

Der Fahrplan

Posted at 09:17, 5 March 2012

Ok, das ist ein Versuch. Bloggen ist ja schliesslich Mode. Ich wollte schon immer mal bloggen und jetzt habe ich endlich Zeit dafür und auch ein Thema.
Mein erster Eintrag gebührt dem Fahrplan (siehe Foto). Wer mit dem Zug unterwegs ist, hat einen steten Begleiter: Den Fahrplan eben. Sowas fällt einem als Autofahrer eigentlich erst auf, wenn man mit dem Zug unterwegs ist. Im Auto gibt es keinen Fahrplan. Nur eine beliebige Abfahrtszeit und eine vom Verkehr diktierte Ankunfstzeit.
Gut, ich fahre ja schon ab und zu Zug, ich kenne also den Fahrplan schon, aber seit meiner Studienzeit in Bern vor 15 Jahren eben nicht mehr so intensiv wie die nächsten drei Monate. Diese Gelegenheit hat mir die Basler Polizei mit einem mobilen Radargerät beschert - oder vielleicht  mein Unvermögen, die Geschwindigkeitsbeschränkung zu beachten. Nun denn, es sei. Ich sehe es als Selbstversuch. Nach vielen Jahren und 40'000km im Jahr im Auto nun drei Monate mit 0km am Steuer, dafür mit Zug und Velo. Die Monatskarte ist gekauft, mein Cannondale auf Strassenmodus gepimpt - es kann losgehen.
Es hat schlecht angefangen heute. Die erste Reise mit den ÖV nach Oensingen, seit ich in Moosseedorf arbeite. Und gleich hat der erste Zug eine solche Verspätung, dass ich den Anschluss nach Oensingen verpasse. Mist. Und dann noch diese Kälte. Ich werd mich daran gewöhnen müssen. Da hat man wenigstens Zeit, die Leute zu beobachten.
Ein kleiner Xherdan Shaqiri geht an mir vorbei. Lieber Xherdan, wie fühlt es sich eigentlich an, wenn tausende von jungen Typen plötzlich die gleiche Frisur haben wie du? Nervt das nicht ein wenig? Also der Xherdan vor mir mag es wohl nicht, dass ich ihn anschaue. Er glotzt aggressiv zurück. Sorry, ich wusste nicht, das anschauen verboten ist. Wie wärs mit einem Schild um den Hals "Lueg mi nid a, mann!"? Dann weiss man wenigstens, dass man nicht schauen darf. Die junge Frau neben mir möchte wohl, dass sich ihr Zigarettenstummel nicht einsam fühlen muss und wirft ihn deshalb nicht in einen Aschenbecher (dort wäre er ja tatsächlich einsam), sondern voller Mitgefühl auf die Geleise, wo er in Zukunft mit ganz vielen andern Zigarettenstummeln leben darf. Megalieb, danke, junge Frau.
Jetzt bin ich doch noch angekommen. Fast zwei Stunden unterwegs. Und dabei immer schön auf den Fahrplan geschaut. Irgend ein Zug fährt immer, nicht immer der gewünschte, aber dann halt der nächste.

Bis morgen.

CS