Flucht zum Pferde
Es kam, wie es kommen musste. Die Urgrossnichte des Fahrers war im Spital (DIE Ausrede schlechthin in der Mongolei – da Familie hier sehr wichtig ist, kann niemand was dagegen sagen, wenn man sich um laedierte Angehoerige kuemmert), deswegen war man nicht bereit und wir wurden Zeugen davon, wie Bestandteile zweier nigelnagelneuer Gers auf einen Lieferwagen gehievt und festgezurrt wurden. Mit einer Stunde Verspaetung und saemtlichen Familienmitgliedern an Bord ging es dann los. Ich freute mich schon darauf, beim Aufbau zuschauen zu koennen. Am Eingang zum Terelj-Nationalpark war dann aber erst mal Endstation. Die Bewilligung, sich in der geschuetzten Region nieder zu lassen, fehlte. Ich ahnte schon, dass es eine laengere Geschichte werden wuerde, und so machten wir zwei Schweizerinnen uns auf den Weg zum nahen Fluss. Der Hunger trieb uns etwa eine Stunde spaeter wieder zurueck. Wie erwartet war die Situation unveraendert, und zu allem Uebel auch noch das Restaurant geschlossen. Vor der sengenden Hitze fliehend verbrachten wir die naechsten Stunden im Schatten des Waerterhaeuschens, in Gesellschaft von drei dickbauchigen, stiernackigen Beamten in Wuestentarnkleidung und einem russisch anmutenden Uniformierten (gruen-blaue Augen). Waehrend meine Kollegin erst kurze Zeit in der Mongolei ist und folglich, typisch loesungsorientiert, eine Vorschlag zur Verbesserung unserer Situation machte, der natuerlich ignoriert wurde, hat mich der mongolische Lebensstil anscheinend doch schon etwas erfasst. Ich wartete naemlich einfach ergeben. Nach fuenf Stunden besann sich der Beamte dann eines Besseren und liess uns unter einer Bedingung weiterfahren. Mittlerweile waren wir schon ziemlich schlapp vor lauter Rumhaengen und wollten eigentlich nur noch nach Hause. Da das Erfuellen der Bedingung aber so oder so noch mindestens eine weitere Stunde dauern wuerde, bestiegen wir dann trotzdem noch unsere Pferde.
Die Touristengaeule sind meistens lahme Enten, wenn sie nicht von Natur aus geduldig und gutmuetig sind. Wenn man im Land der berittenen Krieger ist, muss man mindestens auch mal hoch zu Ross unterwegs sein – sieht ja nicht so schwierig aus. Die meisten werden dann schnell merken, dass es gute Gruende fuer Reitschulen gibt. Der Pferderuecken ist erstens nicht gerade bequem, wenn man da so unkontrolliert rumhopst, und dann haben diese Viecher auch noch ihren eigenen Willen! Einer wollte bloss fressen und nach Hause, meiner folgte auf Schritt und Tritt der Stute, moeglichst so dass mein Bein zwischen den Leibern eingeklemmt war. Da konnte ich lange die Zuegel nach rechts, links oder hinten zupfen (auch zerren half nicht mehr), „Schu!“ rufen und mit den Fersen antreiben. Der Gaul wusste ganz genau, dass er ein blutiges Greenhorn auf seinem Ruecken hatte, das loszuwerden nicht besonders schwierig sein wuerde. Schritttempo war angenehm, alles andere unsanft bis schmerzhaft (Koerbchengroesse A empfohlen...). Gluecklich zurueck beim Ger, der Heimweg war deutlich beschwingter, galt es noch den obligaten Suutetsae zu trinken, und dann machten wir uns, ohne die beiden Gers auf der Ladeflaeche, auf den Weg nach Hause. Als erstes verspeisten wir eine Riesenteller Fleisch, als zweites ging es unter die Dusche, Staub und Schweiss abwaschen. Auch diesmal hat zu guter Letzt doch noch alles geklappt.




