Mormonen
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Ben vorlesen

Seufzend legte ich den Füllhalter aus der Hand und ließ den Kopf auf den Schreibtisch sinken. „Ich kann nicht mehr”, stöhnte ich dabei. Mein Blick fiel auf die Uhr an der Wand. Es war schon viertel vor neun. Eigentlich hatte ich spätestens um halb zehn im Bett sein wollen. Als ich auf die Mathematikaufgabe blickte, an der ich gerade arbeitete, traten mir die Tränen in die Augen. Ich war so müde. Mein Kopf schmerzte, und mein ganzer Körper tat weh. Aber zum Schlafen hatte ich einfach keine Zeit. An der Matheaufgabe musste ich noch mindestens eine Stunde arbeiten, und anschließend musste ich noch den Text für die Theaterprobe morgen auswendig lernen. Außerdem musste ich in zwei Tagen mein Englischreferat abgeben, und ich hatte noch nicht einmal damit angefangen. Zu allem Überfluss stand am nächsten Tag noch die Klavierstunde auf dem Programm, und Mrs. Dolan fand es bestimmt nicht gut, dass ich in der zurückliegenden Woche so wenig geübt hatte. „Tammy?” Die Kinderstimme holte mich aus meinen Gedanken. Ich drehte mich entnervt zur Tür.
„Ben”, fuhr ich meinen Bruder an, „warum schläfst du denn noch nicht?” Der sechsjährige Ben sprang fröhlich durch mein Zimmer und kletterte auf meinen Schoß.
„Ich hin nicht müde”, sagte er einfach.
Ich lächelte, nahm ihn in die Arme und gab ihm einen Kuss. Man konnte Ben einfach nicht lange böse sein.
„Lies mir eine Geschichte vor, Tammy”, bat er.
„Ben”, fing ich an, „ich würde dir ganz bestimmt gerne etwas vorlesen, aber ich habe heute Abend einfach keine Zeit.” Dann begann ich, ihm ausführlich zu erklären, wie groß der Druck war, unter dem ich stand. Doch als ich merkte, wie enttäuscht er war, hörte ich auf zu reden. Irgendwie hatte ich ein schlechtes Gewissen. Da fiel mein Blick auf die heilige Schrift, die auf dem Boden lag.
Das muss ich heute Abend auch noch erledigen, dachte ich und fühlte mich noch ausgelaugter.
Doch plötzlich hatte ich eine Idee. Ich stellte Ben auf den Boden und griff nach dem Buch Mormon.
„Du magst doch Geschichten aus der heiligen Schrift, nicht wahr?”, fragte ich. Ben nickte glücklich und setzte sich zurecht. Der Leseauftrag für den Seminarunterricht lautete 3 Nephi 17, und ich schlug schnell die entsprechende Seite auf und begann zu lesen: „Siehe, nun begab es sich: Als Jesus diese Worte geredet hatte, blickte er abermals auf die Menge ringsum und … ”
„Tammy, was ist eine Menge?”, fiel Ben mir ins Wort.
„Das sind ganz viele Menschen”, gab ich eilig zur Antwort und las dann weiter: „und er sprach zu ihnen: Siehe, meine Zeit ist nahe.” „Tammy, was bedeutet das?“ wollte Ben wissen.
Ich stöhnte innerlich. Das Vorlesen dauerte viel länger, als ich es mir vorgestellt hatte Ich las ihm ungefähr eine halbe Stunde lang vor, und trotzdem hatten wir erst eine einzige Seite geschafft. Ben wollte alles, was ich vorlas, genau wissen und verstehen. Jesus unterwies die Nephiten? Jesus heilte die Kranken? Was er betete, konnte nicht niedergeschrieben werden? Alles faszinierte ihn. Aber nicht mich. Ich wollte einfach nur mit dem Kapitel fertig werden, meinen Bruder ins Bett schicken und mich dann wieder meinen vielen Hausaufgaben zuwenden.
„Und als er diese Worte gesagt hatte, weinte er, und die Menge gab davon Zeugnis, und er nahm ihre kleinen Kinder, eines nach dem anderen, und segnete sie und betete für sie zum Vater.

Und als er dies getan hatte, weinte er abermals; und er redete zur Menge und sprach zu ihnen: Seht eure Kleinen! Und als sie schauten, um zu sehen, hohen sie den Blick zum Himmel, und sie sahen die Himmel offen, und sie sahen Engel aus dem Himmel herabkommen, gleichsam inmitten von Feuer; und sie kamen herab und stellten sich im Kreis um die Kleinen, und sie waren von Feuer umschlossen; und die Engel dienten ihnen.” (Vers 21-24.)
Ich machte eine Pause, um Atem zu hole. Dabei fiel mir plötzlich auf, dass ich gerade vier Verse hintereinander gelesen hatte, ohne dass Ben mich ein einziges Mal unterbrochen hätte!
Erstaunt schaute ich zu Ben hinunter und sah, dass ihm die Tränen das Gesichtchen hinab liefen. Unsere Blicke trafen sich, als ich nach einer Erklärung für seine Tränen suchte. „Tammy”, sagte Ben leise. „Ich wäre so gerne dabei gewesen.” Plötzlich spürte ich, wie auch mir die Tränen in die Augen traten. Irgendwie schämte ich mich. „Ich wäre auch gern dabei gewesen, Ben”, flüsterte ich.
Meine Hausaufgaben, der Text für das Theaterstück und die Klavierstunde verloren an Bedeutung, als mir bewusst wurde, dass ich meine Einstellung zu geistigen Belangen überprüfen musste. Ich drückte meinen süßen kleinen Bruder an mich, der mir vor Augen geführt hatte, was wirklich wichtig ist, und nahm mir fest vor, es in Zukunft besser zu machen.
Tommy Munro, Mai 2000

01:29 - 29 March 2008


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Hier veröffentliche ich besondere Erlebnisse von Mormonen aus alten Kirchenzeitschiften
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