Mormonen
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Ein gewonnener Kampf

Ich war tief erschüttert von der Armut, die sich meinen Augen darbot, als ich über den staubigen. von Gerümpel übersäten Weg auf die alte, halbverfallene Hütte zuging. Das Dach war auf der einen Seite eingebrochen. Die kaputten Fensterscheiben waren flüchtig mit alten Zeitungen überklebt, und Glasscherben, Nägel, alte Dosen und anderer Müll verliehen dem Grundstück ein trostloses Aussehen. Zerschlissene Gardinen hingen lose hinter den Fenstern, und innen erblickte ich rußgeschwärzte Wände und Fußböden. Ein ganzes Rudel Katzen machte sich vor mir davon, als ich den Weg entlangschritt. Als ich an die verwitterte Tür klopfte, dachte ich flüchtig an das bequeme Leben, an das ich mich an der Brigham-Young-Universität gewöhnt hatte, und einen Augenblick lang sehnte ich mich nach der Sicherheit zurück, die ich dort empfunden hatte. Aber jetzt war ich als Schwesternschülerin hier, weit weg von Provo, und war nicht ganz sicher, ob ich den Anforderungen gewachsen war, die man an mich gestellt hatte.
Angefangen hatte es einige Wochen zuvor in einem Kursus über das öffentliche Gesundheitswesen. Im Rahmen dieses Kurses wurde von uns ein praktischer Einsatz als Schwesternschülerin verlangt. Ich hatte vorgehabt, in Salt Lake zu arbeiten, doch am ersten Tag hatte der Ausbilder gesagt, daß im Gesundheitsamt einer Kleinstadt Schwesternschülerinnen als Arbeitskräfte gebraucht wurden. Ich fühlte plötzlich in mir den Drang, mich freiwillig zu melden. Ich wollte ihn unterdrücken, konnte es aber nicht, und es dauerte nicht lange, bis ich in eine neue Heimat und zu neuen Aufgaben unterwegs war.

Am Tag nach meiner Ankunft meldete ich mich bei zwei Diplomkrankenschwestern im Gesundheitsamt — die einzigen im ganzen Distrikt. Sie waren hoffnungslos überlastet. Ich sah die Akten — Hunderte von Fällen, alles Leute, die medizinische Hilfe in irgendeiner Form brauchten. Mir wurde angst und bang, als ich erkannte, daß es hier keine Zeit gab, im einzelnen zu beobachten und zu lernen. Ich würde einfach mitarbeiten und auf das Beste hoffen müssen.
Die Amtsleiterin übertrug mir drei Fälle, sah mich nachdenklich an und sagte dann: „Ich habe für Sie noch einen Fall, aber ich bin mir nicht ganz sicher.” Sie hielt eine dicke, vergilbte Aktenmappe in der Hand.
„Diese alte Frau hat ein schweres gesundheitliches Problem, und sie weist jede Hilfe von sich. Sie tut das bereits seit zwei Jahren, und ich mag nicht mehr versuchen, ihr zu helfen. Wenn Sie glauben, daß Sie es mit ihr versuchen möchten, und wenn Sie versprechen, daß Sie im Fall eines Mißerfolges nicht enttäuscht sind, gebe ich Ihnen diesen Fall.” Ich empfand Mitleid für diese alte Frau, die ich nie gesehen hatte. und ich wußte, daß ich es versuchen mußte.
Ich las ihren Akt durch und stellte fest, daß sie Ende 70 war und sich bei einem Unfall einige Jahre zuvor das rechte Bein gequetscht hatte. Es war zu keinem Knochenbruch gekommen, doch wichtige Blutgefäße und Muskeln waren beschädigt worden. Obwohl man sie behandelt hatte, war die Durchblutung des rechten Beines beeinträchtigt. In regelmäßigen Abständen kam es zu Blutstauungen, wobei sich Abfallstoffe ansammelten und Druck auf die benachbarten Gewebeteile ausgeübt wurde, so daß das gesunde Gewehe abstarb und sich auflöste und Geschwüre entstanden. Dieser Zustand hatte sie geplagt, bis sie endlich zu einem Arzt gegangen war. Es war ein guter Arzt, doch war er ihr gegenüber gefühllos und unfreundlich gewesen. Wegen dieses einen unglücklichen Vorkommnisses hatte sie große Angst bekommen und sich entschlossen, nie wieder zu einem Arzt zu gehen. Der Doktor konnte die Behandlung nicht mehr zu Ende führen, und infolgedessen war ihr Bein sehr schmerzhaft, infiziert und unbrauchbar geworden. Es war von großen eitrigen Geschwüren bedeckt, und es wurde Blut zusammen mit abgestorbenem, schwarzgelbem Gewebe abgesondert. An einigen Stellen faulte das Fleisch.
Die alte Frau lebte wie eine Einsiedlerin, und der einzige Kontakt, den sie zur Umwelt hatte, war ein Nachbarskind, dem sie Geld gab, damit es für sie einkaufte und Erledigungen machte. Andere Leute hatten versucht, ihr zu helfen, doch die alte Frau war verängstigt und ließ niemand zu sich.
Trotzdem war ich nicht wirklich vorbereitet, als ich an jenem ersten Tag zu der gebeugten alten Frau mit dem grauen, langen und wirren Haar ging. Sie humpelte an die Tür und ließ mir kaum genügend Zeit, um zu sagen, wer ich war. Sie wies mich von der Tür und sagte, sie wolle mit keiner Krankenschwester etwas zu tun haben. Aber ich wußte: in Ruhe lassen konnte ich sie nicht. Mir war in ihrem Haus ein Geruch aufgefallen, den ich nur einmal zuvor gerochen, aber nie wieder vergessen hatte. Sie bekam Gangrän (Gewebstod).
Die Amtsleiterin bestätigte meine Diagnose und wollte, daß ich den Fall abgäbe. Sie sagte, die alte Frau lebe vielleicht nur noch ein paar Wochen, und wenn sie starb, während eine Schwesternschülerin den Fall betreute, würde mich vielleicht der Bezirksanwalt verhören und meine Kompetenzen als Krankenschwester in Frage stellen. Sie sagte, sie würde die Verantwortung übernehmen. Ich konnte jedoch nicht zulassen, daß die alte Frau ihr Leben so schmerzlich und allein beendete und bat die Leiterin, sie solle mir noch eine Woche gewähren. Wie durch ein Wunder stimmte sie zu.
Am zweiten Tag ließ mich die alte Frau hinein, und wir redeten über alles mögliche, nur nicht über ihren Gesundheitszustand. Ich ging nach Hause und weinte. Ich war sicher, ich würde sie nie davon überzeugen können, daß sie Hilfe brauchte.
Am dritten Tag besuchte ich sie wieder und stellte sie vor die Tatsache, daß sie sterben würde, wenn sie sich nicht behandeln ließe. Doch das schien ihr gleichgültig zu sein, da es ohnehin nichts gab, wofür sie leben sollte.
Ich kehrte in meine Wohnung zurück und war zutiefst entmutigt. Was konnte ich tun, wenn sie sich nicht helfen ließ? Ich konnte mich an niemanden wenden, ich konnte nur beten. Ich hatte für sie bereits gebetet, doch diesmal kniete meine Zimmerkollegin besorgt neben mir, und wir schütteten dem Herrn unsere Seele aus und baten ihn um Weisheit und Führung.
Die nächsten Tage vergingen, ohne daß etwas Besonderes geschah. Ich bemühte mich, Glauben zu haben, und betete ohne Unterlaß. Am fünften Tag kam die Antwort. Plötzlich wußte ich, was ich tun mußte. Ich hörte keine Stimmen und sah keine Visionen und vernahm weder von innen noch von anderswo einen Vorschlag — ich wußte einfach, was ich tun sollte. Ich stellte meinen Plan zusammen und eilte zum Haus der alten Frau. Ihre Augen glänzten, als ich ihr das schäumende Wasserstoffperoxyd zeigte, das ich mitgebracht hatte. Sie war davon beeindruckt und fragte, ob man auch im Krankenhaus so schmerzlose Medikamente und Behandlungen verwenden würde. Ich versicherte ihr, daß man sich die größte Mühe geben würde, ihren Krankenhausaufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Ich fuhr schnell hinüber zur Klinik und kündigte an, daß die alte Frau, die sich so sehr vor Ärzten fürchtete, vielleicht doch bald kommen würde.
Am nächsten Tag mußte ich übers Wochenende zurück nach Provo. Ich ließ sie nicht gern allein, doch machte mir eine liebevolle und besorgte Nachbarin — die Mutter des kleinen Mädchens, das für die Frau einkaufte — die Entscheidung leichter. Sie freute sich über die Veränderung, die mit der Frau vorging. Sie versprach zu helfen, wo sie nur konnte.
Als ich zurückkam, stellte ich fest, daß meine alte Freundin den Mut gefunden hatte, in die Klinik zu gehen. Das ganze Gesundheitsamt war in Hochstimmung. Ich eilte in das Krankenzimmer der alten Frau. Sie begrüßte mich mit einem sauberen, strahlenden Gesicht. „Ich bin in die Klinik gegangen. Sie haben mich überzeugt”, sagte sie. Dann fragte sie mich, welcher Kirche ich denn angehörte. Als ich zur Antwort gab, daß ich eine Heilige der Letzten Tage war, sagte sie: „Das habe ich mir gedacht. Vom ersten Tag an habe ich gewusst, daß Sie zu mir gesandt waren. In Ihrem Gesicht war ein Licht, das ich schon bei anderen Ihres Glaubens bemerkt hatte. Ich mußte Ihnen einfach vertrauen.”
Stellen Sie sich vor, von welcher Freude meine Seele erfüllt war! Gott hatte in einer Woche bewirkt, worum sich andere seit zwei Jahren bemüht hatten. Ein solches Gefühl der Erleichterung hatte ich noch nie erlebt. Ihr Bein war nach drei Monaten vollständig geheilt. Die Mormonengemeinde in ihrer Nähe setzte ihr Haus und ihren Garten im Rahmen eines Dienstprojekts instand. Die Missionare besuchten sie, und bald darauf wurde sie getauft.
Jetzt besucht sie regelmäßig die Sonntagsversammlungen, und sie hat wieder Freude am Leben. Ich bin unendlich dankbar dafür, daß ich diese Tochter unseres Vaters im Himmel kennen und lieben gelernt habe. Was ich mit ihr erlebt habe, hat mich gelehrt: mit beständigem Glauben und fortwährender Anstrengung findet man auch die verborgensten Schätze. Und hat man sie einmal gefunden, ist man für immer ein anderer Mensch.
Constance Poive, März 1981

01:39 - 29 March 2008


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Hier veröffentliche ich besondere Erlebnisse von Mormonen aus alten Kirchenzeitschiften
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