Mormonen
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Sechs Tage nach der Taufe

Meine Erinnerungen an meine Kindheit, die ich auf einer kleinen Farm im nordwestlichen Florida verbrachte, sind Erinnerungen an schwierige Zeiten. Als ich sechs Jahre alt war, erblindete mein Vater infolge eines Verkehrsunfalls. Da ich auch keine Mutter mehr hatte, mußte ich zu Hause die Verantwortung für den Haushalt übernehmen. Es war nicht leicht, aber wir schafften es. Obwohl ich immer unsere Kirche besuchte, der wir damals angehörten. war ich nicht besonders aktiv und wurde daher oft übergangen.
Einige Jahre verstrichen, und mein Bruder, der gerade siebzehn Jahre alt war, ging als Soldat nach Vietnam. Im darauffolgenden Jahr kam mein Vater bei einem Verkehrsunfall um. Ich war diejenige, die seinen zerschmetterten Körper unter dem Auto fand, und ich dachte, ich würde den Verstand verlieren. Bald darauf mußten meine Schwester und ich vor dem Amtsrichter erscheinen. Uns wurde mitgeteilt, daß man kein Pflegeheim für uns gefunden hätte. Das bedeutete, wir würden in ein Waisenhaus gehen müssen. Doch bevor es dazu kam, heiratete meine Schwester, und kurz darauf heiratete ich Ben. In unserer Gegend waren die Möglichkeiten für jungverheiratete Paare nur begrenzt. Als Bens Onkel daher aus dem Norden zu uns kam und uns den Vorschlag machte, nach Indiana zu ziehen, taten wir es. Für lange Zeit waren wir sehr unglücklich. Hier standen wir nun, ganz auf uns gestellt, mehr als tausend Kilometer entfernt von unserer Heimat und allem, was uns vertraut war. In diesem Zustand traf es mich besonders, als ich einen Brief von meiner Schwester erhielt, in dem sie schrieb, daß sie ein Kind erwarte. Ich hatte mich bereits entschlossen, niemals Kinder zu bekommen. Ich war sehr verbittert und wollte kein Kind zur Welt bringen, damit es nicht die gleichen Erfahrungen durchmachen müßte wie ich.
Bald darauf jedoch fing ich an, einen Schmerz in mir zu fühlen, den ich nicht begreifen konnte. Ich brauchte etwas – etwas ganz für mich allein, woran ich mich festhalten konnte. Allmählich änderte ich meine Meinung und beschloß, das Risiko einer Mutterschaft auf mich zu nehmen. Ich war immer noch unsicher und ängstlich, aber auch ein wenig freudig erregt. Während meiner gesamten Schwangerschaft ging es mir schlecht, und manchmal wunderte ich mich über meinen Entschluß; aber als die Krankenschwester mir zum erstenmal das Kind in die Arme legte, gab es keinen Zweifel mehr für mich. Wir nannten den Jungen Bill. Er war so schön, und ich liebte ihn so sehr, daß ich fast vor Glück zersprang. Er wurde mein ganzer Lebensinhalt – nicht nur ein Teil meines Lebens, sondern alles, wofür ich lebte. Zwar hatte ich auch Ben, aber ich nehme an, daß meine bisherigen Erfahrungen in mir gewisse Zweifel (in diesem Fall waren sie unbegründet) an der Beständigkeit der Dinge in diesem Leben hervorgerufen hatten. Doch bei Bill konnte ich sicher sein. Er gehörte mir.
Unsere finanzielle Lage besserte sich, und wir konnten uns endlich ein Wohnmobil kaufen. Als wir in einen Wohnmobilpark zogen, hatten wir das Glück, einen Stellplatz direkt neben einer HLT-Familie zu bekommen. Sie waren sehr nett und luden uns oft ein, mit ihnen in die Kirche zu gehen. Ich hatte das Gefühl, daß ich für mein Kind Gott brauchen würde; und deshalb war ich froh, daß sie uns immer wieder fragten, bis wir schließlich ja sagten.
Unsere erste Versammlung war zufällig eine Fast- und Zeugnisversammlung. Diese neue Erfahrung verwirrte mich ein wenig, nicht aber Ben. Er wurde auf der Stelle bekehrt. In den folgenden zwei Wochen hörten wir zwei Missionarsdiskussionen. Dann, am Samstag, den 28. Februar 1970 hörten wir drei weitere Diskussionen. Noch am gleichen Abend hatten wir unser Interview und wurden getauft. Sechs Tage später, am 6. März 1970, brach eine Welt für mich zusammen. Mein Kind lag im Krankenhaus im Koma, und niemand konnte ihm helfen. Es lag im Sterben. So lange ich lebe, werde ich diesen schrecklichen Tag nicht vergessen. Der 5. März war ein wunderschöner Tag gewesen. Die Sonne schien, und es war uns zumute, als gehöre uns die ganze Welt. Wir hatten jetzt all das, was ich als Kind nie gekannt hatte — Sicherheit, Gesundheit, Liebe und nun die Kirche. Der kleine Bill war gerade 19 Monate alt geworden, und an diesem Abend hatte er sich auf der Geburtstagsfeier seiner Großmutter vergnügt. Er war so glücklich, er rannte und spielte und freute sich. Dann wurde ich in den frühen Morgenstunden des 6. März durch ein Geräusch geweckt. Bill würgte und schrie laut. Ich rannte in sein Zimmer. Da lag er, ein kleines Häufchen Elend, ganz in Tränen aufgelöst. Er war fast schwarz angelaufen, und Schaum kam aus seinem Mund. Er fühlte sich so heiß an, ich mußte ihn in eine Decke wickeln, um seinen kleinen Körper überhaupt halten zu können.
Wir fuhren, so schnell es ging, ins Krankenhaus zur Notaufnahme, wo wir nichts als warten konnten, während die Ärzte Untersuchungen durchführten und fieberhaft versuchten, sein Leben zu retten. Schließlich kam der Arzt zu uns und sagte Bill habe 42° Fieber. Er erklärte uns, daß sie die Ursache für den schlimmen Zustand unseres Kindes nicht finden könnten. Er ließ den besten Spezialisten des Bundesstaates holen. Doch dieser stand ebenfalls vor einem Rätsel. Am späten Vormittag wurden wir in sein Büro gerufen, wo er uns eröffnete, daß er nichts mehr tun könne, wenn das Fieber nicht herunterginge. Mich verließ jegliche Hoffnung. An diese letzten Stunden kann ich mich nicht mehr allzu deutlich erinnern, aber ich weiß noch, daß ich mich so einsam fühlte wie damals als Kind.
Ben wurde hinausgerufen, um mit jemandem etwas zu besprechen, und ich war ganz allein. Ich rief meine Freundin an und sagte ihr, daß Bill nur noch wenige Stunden zu leben habe. Dann ging ich in sein Zimmer. Er war so klein, so wunderschön und so still. Ich setzte mich an sein Bettchen. Mein Herz war wie betäubt. Als ich so dasaß, kam plötzlich ein Gefühl über mich, daß ich nicht beschreiben kann — ein Gefühl so vollkommenen Friedens wie ich es nur einmal später erlebt habe, als meine Familie im Tempel des Herrn für Zeit und Ewigkeit gesiegelt wurde. Es überkam mich mit solcher Macht, daß ich ganz fassungslos und zutiefst berührt war. Dann schaute ich auf, und in der Tür stand ein Mann, den ich als einen Hohen Priester unserer Gemeinde erkannte. Ich wußte seinen Namen nicht, aber ich wußte, warum er da war. Ich beugte mich hinüber und holte Bill aus seinem Bett. Er erwachte, als ich ihn berührte. Einen kurzen Moment lang schaute er mich an und lächelte. Der Mann in der Tür sagte: „Ich bin Bruder Walters. Der Herr hat mich gesandt, um dieses Kind zu segnen.” Da Bill isoliert worden war, erlaubten die Krankenschwestern nur einen Besucher auf einmal. Deshalb mußte Bruder Walters seinen Partner draußen im Gang stehen lassen. Er salbte Bill mit Öl, dann legte er ihm die Hände auf den Kopf und segnete ihn mit Gesundheit und Kraft — und er sagte, er werde noch am selben Tag wieder gesund werden.
Kurz darauf kam der Arzt mit einem Formular zurück, das ich unterschreiben sollte. Es war die Zustimmung zu einer Autopsie. Ich weigerte mich, und er sagte zu mir, er komme gleich wieder. Zehn Minuten später blickte ich auf, und mein Kind saß aufrecht in seinem Bett, völlig gesund! Bill kletterte hinaus, als ob nichts gewesen wäre, und tapste hinaus in den Gang, so schnell ihn seine kleinen Füße tragen konnten — in seinem gewohnten Tempo. Er lief auf den Arzt zu und umklammerte seine Beine. Der Arzt, der immer gefaßt und beherrscht wirkte, blickte erstaunt auf ihn herab. Dann hob er Bill auf und kam den Gang entlang gelaufen. Er lachte und weinte zur gleichen Zeit. „Ein Wunder!” rief er.
Ich stimmte ihm zu.
Ich weiß nicht, wer Bruder Walters gerufen hatte, um Bill zu segnen. Ich weiß nur, daß er von Gott gesandt war.
Carolyn Thompson, Juli 1983

09:20 - 30 March 2008


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Hier veröffentliche ich besondere Erlebnisse von Mormonen aus alten Kirchenzeitschiften
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