Mormonen
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Eine Stimme im Nebel

Es war Heiligabend. Dan Lytle war seit viereinhalb Stunden allein im Auto unterwegs. In Kalifornien herrschte dicker Nebel. Seit viereinhalb Stunden fuhr er hinter einem weißen Auto mit grün-weißen Nummernschildern her. Der Nebel hörte überhaupt nicht auf.
Seit seiner Mission war Dan nicht mehr so müde gewesen. Aber er hatte einen Verlobungsring in der Tasche, und in San Leandro wartete ein Mädchen auf ihn. Dan wußte, daß er noch mindestens drei Stunden fahren mußte, bis er Callie den Ring an den Finger stecken konnte,
Sieht nach einer langen Nacht aus, dachte er sich, während er und tausend andere Autofahrer durch den Nebel fuhren.
Dan suchte im Radio nach Weihnachtsmusik, damit die Zeit schneller verging. Dabei überlegte er, daß es bei Nacht gar nichts Ungewöhnliches war, Sender aus den, ganzen Land zu empfangen. An anderen Tagen wieder hörte man im selben Radio nichts als Rauschen. So auch heute. Dan drehte das Radio ab.
Ungefähr eine Stunde fuhr er weiter durch den dichten Nebel; vor sich sah er nichts als nur die Rücklichter des weißen Autos mit den grün-weißen Nummernschildern. Es war eine anstrengende Fahrt, und Dan mußte sich stark konzentrieren.
Da kam ihm ein sanfter, leiser Gedanke in den Sinn: „Dan, geh auf die ganz rechte Spur und fahr langsamer.”
Langsamer fahren? Warum? Die anderen Autos und Lastwagen fuhren doch auch ziemlich schnell durch den Nebel - so als ob man nicht bloß drei Meter weit sehen könnte.
Außerdem war es schon spät. Selbst wenn er nicht schneller fuhr als jetzt, konnte er den Ring wohl erst am nächsten Tag aus dem Kästchen holen, lange nachdem aus dem nebligen Heiligabend ein nebliger Weihnachtstag geworden war.
Dan überlegte. Hatte der Geist ihn wirklich gewarnt?
Oder hatte er sich das nur eingebildet? Warum sollte er nicht genauso schnell fahren wie die anderen? War es wirklich notwendig, daß er auf die rechte Spur wechselte und langsamer fuhr?
Wieder spürte er die Eingebung: „Dan, wenn irgendwo mitten auf der Autobahn ein Unfall ist, dann kannst du nicht mehr rechtzeitig anhalten. Du würdest mitten hineinkrachen. Also geh auf die rechte Fahrspur und fahr langsamer.”
Dan Lytle hatte gelernt, daß man immer auf die Eingebungen des Heiligen Geistes hören muß. Zögernd setzte er den Blinker, fuhr auf die rechte Spur und drosselte die Geschwindigkeit. Das weiße Auto mit den grün-weißen Nummernschildern behielt seine alte Geschwindigkeit bei und war bald im undurchdringlichen Nebel verschwunden,
Lieber spät als gar nicht, dachte Dan wehmütig. Wenn er weiter so langsam fuhr wie jetzt, dann hatte er noch eine lange Fahrt vor sieh.
Dan dachte an ein Erlebnis, das sein liebster Bischof ihm einmal erzählt hatte und das sich an einem anderen Weihnachtsabend vor vielen Jahren zugetragen hatte. Der Bischof war Soldat gewesen und hatte an der Grundausbildung teilgenommen. Es hatte so ausgesehen, als gebe es in dem Jahr keinen Weihnachtsurlaub, als müsse er, Benjamin Clark, das Weihnachtsfest weit entfernt von seiner Familie und seinen Freunden verbringen.
Aber dann, in letzter Minute, war die ersehnte Order doch noch erteilt worden: Sieben Tage Weihnachtsurlaub, und zwar ab sofort.
Ben befand sich in Monterey in Kalifornien. Für die Reservierung eines Fluges war es schon zu spät, und ein Bus fuhr auch nicht mehr. Die anderen Mitglieder, die in der Kaserne Dienst taten, waren alle längst nach Hause gefahren. Ben konnte nichts weiter tun, als sich an die Straße zu stellen und darauf zu hoffen, daß ihn jemand mitnahm.
Ein Lastwagenfahrer namens .,Red". der Güter aus Kalifornien geladen hatte, nahm ihn bis Ostnevada mit. Die beiden sangen aus voller Kehle alle Weihnachtslieder durch, die sie kannten.
In Nevada hatte er dann lange in der Kälte gestanden und niemanden gefunden, der ihn nach Norden mitnahm. Auf der Straße war sowieso nie viel Verkehr, und spät am Heiligabend sah es ganz trübe aus.
Schließlich aber sah er in der Dunkelheit die Scheinwerfer eines Autos aufleuchten. Es bremste ab und hielt an. Ben stieg ein. Glücklicherweise fuhren die Jungs im Auto in seine Richtung und sagten, sie könnten ihn fast bis nach Hause bringen.
Dan erinnerte sich daran, was der Bischof dann erzählt hatte: Erst als er sich und seinen Rucksack auf dem Rücksitz untergebracht hatte und das Auto weiterfuhr, merkte er, daß die drei jungen Männer vorne betrunken waren —
und sich immer weiter betranken. Sie hatten Ben einen Schluck aus der Flasche angeboten und waren beleidigt gewesen, als er abgelehnt hatte. Der junge Soldat auf dem Rücksitz bekam Angst. Der Fahrer hatte viel zu viel getrunken; das Auto fuhr viel zu schnell; das Radio spielte viel zu laut. Ben dachte über seine Lage nach und spürte plötzlich, daß Unheil drohte.
Schließlich hat er: „Bitte, haltet an! Ich möchte aussteigen.”
Aber die Jungen auf dem Vordersitz hatten nur gelacht. „Du bleibst, wo du bist, Soldat. Wir halten für nichts und niemanden an.”
Mehrere Kilometer lauschte Ben ängstlich dem Summen der Reifen, der lauten Musik im Radio und dem rohen Gerede und dem lausen Gelächter, das vom Vordersitz zu ihm drang. Er war ganz in Zigarettenrauch und den Gestank billigen Fusels eingehüllt.
Mit jedem Kilometer fürchtete er mehr um sein Leben. In seiner Angst begann er zu beten: „Himmlischer Vater, ich bin in großen Schwierigkeiten, und ich weiß nicht, wie ich da herauskommen soll. Bitte, hilf mir! Bitte, beschütze mich, und laß mich am Leben bleiben! Himmlischer Vater, ich habe solche Angst; ich brauche deine Hilfe.”
Dan konnte seinen Bischof in Gedanken sagen hören: „Und plötzlich hatte ich ein ruhiges, friedliches Gefühl, das mir eingab, mich auf den Boden zu legen und meinen schweren Rucksack über mich zu decken.”
Das hatte er sofort getan. Es war nicht viel Platz zwischen Vorder- und Rücksitz, aber Ben hatte sich niedergekauert, sich fest an den Boden gepreßt und den schweren Rucksack über sich gezogen. Dann hatte er die Stirn an den Boden gedrückt und die Hände über den Kopf gelegt.
Ein paar Minuten später schien das Ende der Welt gekommen zu sein. Er hörte Reifen quietschen und spürte, wie das Auto ins Schleudern geriet. Dann krachte und splitterte es; das Auto war mit einem anderen zusammengeprallt, (las ebenfalls viel zu schnell gefahren war.
Erst viel später kam Ben wieder zu Bewußtsein. Er fand sich in einer schwarzen Welt wieder und konnte weder die Arme noch die Beine oder den Kopf bewegen. Es gab kein oben und unten, kein rechts und links. Es gab nichts, woran er sich hätte orientieren können. Im Auto regte sich nichts. Ben roch Benzin und Erbrochenes. Die Jungen, die auf dem Vordersitz gesessen hatten, mußten tot sein.
Ungefähr eine Stunde später kam ein Lastwagen vorbei und hielt am Unfallort an. Die beiden Fahrer riefen über Funk die Polizei, sagten aber gleichzeitig, daß wohl niemand den schrecklichen Zusammenstoß überlebt habe.
Die Polizei entdeckte dann Ben. Nach dem toten Ehepaar im einen und den drei toten Jungen im anderen Auto fanden sie Ben und holten ihn heraus.
Der eine Polizist sagte: "Mein Junge, du hast dir die Leute, mit denen du mitgefahren bist, nicht gerade gut ausgesucht, aber ich nehme an, jemand wacht über dich und beschützt dich. Ich hoffe, du machst etwas aus deinem Leben, denn du schuldest Gott etwas. Nur er konnte dich diesen Unfall ohne eine einzige Schramme überleben lassen."
Was wäre gewesen, wenn sich Bischof Clark am Weihnachtsabend damals nicht im Einklang mit dem Heiligen Geist befunden hätte; überlegte Dan Lytle. Oder wenn er nicht auf die Eingebung gehört hätte?
Dan Lytle starrte angestrengt in den Nebel.
Plötzlich tauchten wie aus dem Nichts rote Rücklichter vor ihm auf. Er sah Lichter auf der Straße aufzucken und das Blaulicht mehrerer Polizeiwagen. Ein Polizist, der zwischen den Autos entlangging, die mittlerweile angehalten hatten, erklärte: „Vorn ist ein schrecklicher Unfall passiert - es hat eine Massenkarambolage von Autos und Lastwagen gegeben. Haben Sie etwas Geduld - wir versuchen, eine Fahrspur zu räumen, damit Sie vorbeifahren können.”
Es dauerte lange, bis sich die Autos auf den vier nordwärts führenden Spuren auf eine einzige Spur eingefädelt hatten. Dans Mitleid mit den Unfallopfern wuchs sich zu ungläubigem Erschrecken aus. Ihm wurde fast übel. als er an der Unfallstelle vorbeifuhr.
Er sah völlig zertrümmerte Autos, wie ein Klappmesser zusammengedrückte Lastwagen, Krankenwagen, Polizeiwagen, Sanitäter - und bewegungslose menschliche Körper, die mit Decken zugedeckt am Straßenrand lagen.
Als Dan langsam an der Unfallstelle vorbeifuhr, zählte er die Autowracks - 10 ... 20 ... 30. Wie viele Menschen befanden sich am Weihnachtsabend wohl auf der Autobahn?
Wie viele kamen nur zu spät an ihr Ziel? Wie viele waren auf der Autobahn umgekommen?
Und da: Nummer 41. Erschrocken sah Dan die Reste des weißen Autos mit den grün-weißen Nurnmernschildern. Es war zwischen zwei anderen Autos eingeklemmt. Stundenlang bin ich diesen Auto nachgefahren, dachte Dan'. Stundenlang ﷓ bis der Geist mir eingab, daß ich auf die rechte Spur gehen und langsamer fahren sollte.
Was wäre passiert, wenn ich nicht mit dem Geist im Einklang gewesen wäre und er mich nicht hätte warnen können? Was, wenn ich die Warnung zwar gehört, aber nicht befolgt hätte? Dieser Gedanke machte ihn zittern. Dan verstand jetzt so gut wie nie zuvor, was sein Bischof vor vielen Jahren gelernt hatte.
Als Dan die Unfallstelle endlich hinter sich gelassen hatte, fuhr er so langsam weiter wie zuvor. Er schaltete das Radio ein und hörte Weihnachtslieder, die ein weit entfernter Sender ausstrahlte. Die Musik war klar und schön und ließ Frieden in ihm aufsteigen.
Auch nicht das geringste Rauschen war zu hören.
Terry Moyer, Dezember 1990

07:35 - 2 May 2008


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Hier veröffentliche ich besondere Erlebnisse von Mormonen aus alten Kirchenzeitschiften
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