Mormonen
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„Schlag auf den Stahl!“

„Du kannst dich mal daran machen, den Zement von diesen Stahlpfosten abzuschlagen”, sagte der Vorarbeiter ;zu mir und drückte mir den Schmiedehammer in die Hand. Er trat einen Schritt zurück, um mir zuzusehen. Er sollte auf jeden Fall sehen, daß ich meine Kräfte voll einsetzen würde, also pflanzte ich mich breitbeinig auf, hob den Schmiedehammer hoch über den Kopf und ließ ihn mit voller Wucht auf den Zement prallen, der wie ein kleines Faß den Pfosten der Leitplanke umhüllte, die wir aus ihrer Verankerung gelöst hatten.
Sechs . . . sieben . . . acht schwere Schläge auf die gleiche Stelle, doch spürte ich nur, wie der Griff des Hammers in meiner Hand zitterte, mehr nicht. Nicht einmal das kleinste Stückchen Zement hatte ich abgeschlagen. Ich ließ den schweren Hammerkopf einen Augenblick auf dem Boden ruhen und rieb mir die rechte Schulter, dann begann ich von neuem. Ich schwang den Hammer hoch über dem Kopf und bearbeitete den Zement wie vorher, doch mit dem gleichen Erfolg. Es war mir peinlich, daß der Vorarbeiter noch eine Minute stehenblieb. Dann ging er zum Werkzeugschuppen und sagte nur: „Ich hole dir mal was Besseres.”
Ich war morgens in meine Arbeitsschuhe geschlüpft und hatte mir die derben Lederhandschuhe in die Taschen meiner Cordhose gesteckt und war mit derselben bangen Frage zur Arbeit gegangen, die ich mir schon an den beiden letzten Tagen gestellt hatte: „Wird dies mein letzter Arbeitstag?” Ich hoffte still, daß das nicht eintreten würde. In drei Monaten würde ich ins Missionarsheim kommen und jeden Pfennig brauchen, den ich jetzt verdienen konnte, zumindest in den ersten Monaten meiner Mission.
Vater hatte gesagt, daß ihnen kein Opfer zu schwer fallen würde, wenn sie mir nur helfen konnten, meine Mission zu finanzieren. Ich wußte, daß es ihm damit ernst war, denn mir stand noch deutlich vor Augen, wie wir alle Margarine aufs Brot gestrichen und fast vollständig wieder abgekratzt hatten, als mein älterer Bruder Ron auf Mission war. Ich wußte auch noch, wie dankbar Vater gewesen war, wenn ich ihm von dem wenigen Geld, das ich nebenher verdiente, etwas zu Rons Mission beitragen konnte.
Ja, ich wußte, daß meine Familie gern für mich Opfer bringen würde. Ich wußte aber auch, daß ich selbst tun mußte, was ich konnte.
Ich umklammerte fest den Hammer, schwang ihn noch höher in die Luft, um ihn noch wuchtiger auf den Zementblock fallen zu lassen. Nach einigen Schlägen spürte ich, daß ich wütend wurde. Wie konnte ich bloß wuchtiger zuschlagen? Warum wollte der Zement denn nicht nachgeben?
„Hoffentlich kommt er nicht zurück, ehe man wenigstens sehen kann, wie ich hier schufte”, dachte ich mit einem Blick auf den Werkzeugschuppen.
Als ich dem Vorarbeiter am Montagmorgen erzählt hatte, daß ich mein Studium unterbrochen hatte, um Geld für meine Mission zu verdienen, hatte ich eigentlich gehofft, er würde ein bißchen stolz auf mich sein. Stattdessen hatte er erwidert: „Warum denn Zeit für so etwas vergeuden?” Seitdem schien er ständig darauf aus zu sein, abfällige Bemerkungen über die Kirche zu machen und mich durch seine Redeweise zu schockieren. Aber er war der Vorarbeiter, und von ihm hing es ab, ob ich blieb oder aufhören mußte.
In der Woche davor, meiner ersten an diesem Arbeitsplatz, hatte mir das Ganze viel mehr Spaß gemacht. Ich hatte zusammen mit Bert Godfrey eine Mauer aus Ziegelsteinen an die Stelle einer Holzwand gesetzt, die abgebrannt war. Mit diesem freundlichen Mann, dessen Gesicht von Wind und Wetter gegerbt war und der schon drei Missionen, darunter zwei Baumissionen erfüllt hatte, mußte die Arbeit einfach Spaß machen.
Die Firma hatte mich für zehn Tage eingestellt, hauptsächlich, um diese Mauer aufzubauen. Aber Bert und ich hatten so gute Arbeit geleistet, daß wir schon nach einer Woche fertig waren. Bert schien es nichts auszumachen, daß ich mich etwas ungeschickt anstellte und keine Erfahrung hatte. Er wußte, daß ich mir Mühe gab, und er wußte auch, warum. Er sprach oft davon, daß es wichtig ist, Gott zu dienen. Bert hatte mir nicht gesagt, daß der eigentliche Vorarbeiter Urlaub hatte, und ich war sehr überrascht gewesen, als er Montag plötzlich aufgetaucht war. Bisher hatte ich mit meiner Strategie eigentlich Erfolg gehabt. Ich hatte mir vorgenommen, so hart zu arbeiten, daß meine Arbeit mehr wert war als der Lohn, den ich bekam, und im stillen gehofft, der Vorarbeiter würde mich dann behalten.
Ich sah wieder auf die riesige Leitplanke, die mit ihren dreizehn Pfosten, die aus ihrer Zementverankerung ragten, aussah wie ein großer Kamm, dem einige Zinken fehlten. Vor langer Zeit hatte diese Leitplanke vor einem Gebäude dafür gesorgt, daß die Autos auf dem angrenzenden Parkplatz nicht das Gebäude rammten. Der Zement hatte sie fest in die Erde gesenkt. Jetzt war sie von zwei riesigen Kränen aus ihrer Verankerung gerissen worden und lag in der Einfahrt.
Als ich die schlurfenden Schritte über den Kies kommen hörte, ließ ich ein paar verzweifelte Schläge auf den Zementblock los. Ich war froh, daß wenigstens ein paar Schweißtropfen auf meiner Stirn standen. „Hier, versuch's mal mit dem”, meinte der Vorarbeiter und gab mir einen größeren Schmiedehammer. An diese Art der Hilfestellung hatte ich natürlich nicht gedacht. Ich lächelte, als ich ihm den kleineren Hammer zurückgab, aber er sah wohl, daß mein Lächeln nicht ganz aufrichtig war. Er blieb wieder ein paar Minuten bei mir stehen und ging dann ohne ein Wort zu einem anderen Trupp weiter.
„Der einzige Unterschied zwischen diesem und dem anderen Hammer besteht darin, daß er schwerer und mühsamer zu handhaben ist”, murrte ich leise vor mich hin, als der Stahlkopf schwer auf den Zement prallte. Endlich brach ein winziges Stück Zement ab. Nach ein paar Schlägen begannen meine Arme zu schmerzen, aber der Zement hatte sich nicht gerührt.
Wenn ich so weitermachte, würden die dreizehn Blöcke mindestens drei Tage in Anspruch nehmen. Aber ich wußte, daß ich meine Stelle los war, wenn ich bis zur Mittagspause keine greifbaren Ergebnisse vorlegen konnte. Dann konnte ich wieder beim Arbeitsamt Schlange stehen und nehmen, was mir geboten wurde. Das hatte ich schon drei Tage lang getan, ehe ich diesen Job bekam, also wollte ich ihn mir um jeden Preis erhalten.
Außerdem schrieben wir das Jahr 1954, und Tausende von Arbeitern, die ihre Familien zu versorgen hatten, suchten nach Arbeit. Wie konnte da ein unerfahrener Zwanzigjähriger mit ihnen konkurrieren, wenn die Stellen so knapp waren?
Ein paar weitere erfolglose Schläge überzeugten mich davon, daß ich am Ende meiner Kräfte war. Jetzt brauchte ich mehr Kraft und Weisheit, als ich besaß, wollte ich dieses Problem meistern. Ich stützte mich auf den wuchtigen Hammer, versuchte meinen aufsteigenden Ärger zu zügeln, denn ich spürte, daß ich dieses Problem mit dem Herrn besprechen mußte. Ich kniete nicht nieder und schloß auch nicht die Augen, sondern betete einfach laut zum Herrn und erklärte ihm, was mir aufgetragen worden war. Wie in einem Gespräch, aber doch aufrichtig, erinnerte ich ihn daran, daß ich das Geld nicht für ein neues Auto haben wollte. Er hatte mich auf eine Mission berufen, und ich wußte, er wollte, daß ich seinem Ruf folgte. Diese Stelle war schon eine Antwort auf meine Gebete gewesen, doch mußte ich sie auch behalten. Ich erwartete keine Engelscharen mit Schmiedehämmern, aber ich wußte, daß er mir helfen konnte.
Noch nie in meinem Leben habe ich eine so schnelle und klare Antwort auf ein Gebet erhalten. Plötzlich durchdrang mich ein einziger Gedanke mit solcher Macht, daß mein Herz laut klopfte. Später erkannte ich, daß es eine ganz einfache Lösung war. Ein erfahrener Mensch wäre sicher von selbst darauf gekommen, aber mir kam sie als Antwort auf mein Beten.
Die Anweisung lautete kurz und deutlich: „Schlag auf den Stahl, nicht auf den Zement.”
Warum, war mir zwar immer noch nicht klar, aber ich schwang den Hammer von neuem und schlug fünf oder sechsmal mit voller Wucht auf den Stahlpfosten, dort wo der Zementmantel begann. Als ein großer Brocken Zement in kleine Teile zerfiel, sah ich mit einemmal, daß der Stahlpfosten durch die schweren Schläge so stark vibrierte, daß sich die Schwingungen in dem Zementblock fortpflanzten.
Vergessen war das Gewicht des Hammers. Mit neuer Energie schlug ich immer wieder auf den Stahlpfosten ein, ging zum nächsten weiter und sah zu meiner großen Überraschung, wie durch die Vibration des Stahls meine eigene Anstrengung, um ein Vielfaches verstärkt, den Zement spaltete.
Knapp zwei Stunden brauchte ich, um sämtliche Pfosten von ihrem Zementmantel zu befreien und die Brocken säuberlich zu einem Haufen zusammenzutragen. Ich schulterte den Schmiedehammer und begab mich mit einem Dankgebet im Herzen auf die Suche nach dem Vorarbeiter.
„Ich brauche jemanden, der mir hilft, die Leitplanke aus der Einfahrt fortzuschaffen”, sagte ich und konnte meine Aufregung kaum verbergen. Er glaubte, ich sei bereit aufzugeben, und winkte mir, ihm zu folgen.
Als wir um die Ecke bogen und er die Leitplanke und, den großen Zementhaufen erblickte, blieb er unvermittelt stehen. Ihm fielen bald die Augen aus dem Kopf. Er sperrte den Mund auf und starrte eine Minute lang abwechselnd auf die Leitplanke und den Zement. Dann wandte er sich mir wieder zu und sagte: „Komm, du kannst jetzt etwas anderes tun.”
Es fiel kein weiteres Wort über diesen Vorfall, aber als ich am nächsten Morgen zur Arbeit kam, sagte er kurz: „Lloyd, du kannst so lange bei uns bleiben, wie du willst.”
Ich blieb noch fast drei Monate und ging dann ins Missionarsheim. Dann konnte ich noch einmal zehn Tage bei ihm arbeiten, ehe meine Gruppe abfuhr. Nach jenem denkwürdigen Morgen ließ er in meiner Gegenwart nie wieder ein verächtliches Wort über die Kirche oder meine Missionspläne fallen.
Seitdem hat mir der Herr noch oft geholfen, auf den Stahl statt auf den Zement zu schlagen, wenn ich vor Problemen stand. Aber als ich Ende November 1954 meine Mission antrat, wußte ich, daß der Herr mich dazu berufen hatte. Ich wußte, daß er mein Beten hörte. Und ich wußte auch, daß er mir nie etwas gebieten würde, ohne mir zu helfen, meinen Auftrag zu erfüllen.
B. Lloy Poelman, Juni 1977

11:49 - 25 May 2008


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Hier veröffentliche ich besondere Erlebnisse von Mormonen aus alten Kirchenzeitschiften
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