Wöchentlicher Wortbrand

Gänsehautverlust

Posted on 25 October 2006 at 09:32
Ich geb`s zu: Ich bin ein Freund von Horrorfilmen. Totenschädel, Skelette, die dunkelsten Keller, die markerschütterndsten Schreie (nein, nicht Christina Aguilera), Dämonen und röchelndes Atmen: Faszination pur. Schon als Kind hab` ich die Filme geschaut, die ich nicht sehen durfte. Ja, die Filme, die mich damals nicht schlafen liessen und jede Silhouette im Kinderzimmer zum Werwolf oder Vampir formten. Die Angst war doch so schön und prickelnd.
Und heute? "Scarymovies" (50 Schreie und immer die offensichtlichsten Mörder) haben den Schlachter-Markt fest im Griff, das Gruseln, den Schock und das Zähnekirschen vertrieben. Stil-Ikonen wie Freddy Krueger wurden ausgetauscht durch amerikanische Cheerleaders in halbdurchnässten T-Shirts, welche jeden Messerstich in die Brust dank Silikonwahn überleben würden. Wer tötet denn schon etwas, das sowieso schon 5 Jahre Chirurgie hinter sich hat? Auch die meisten Geschichten hinken gehbehindert durch die meisten Filme, ebenso gehandicappt die Hauptakteure: Ein Liebespaar mit Dauerlust, ein tätowierter Frauenheld mit Trägershirt, eine blauaügige Blondine mit nippelabzeichnendem, engem Oberteil und ein drogenschluckender, gepiercter Freak. Im Hippiebus oder Edel-Cherokee sind sie auf dem Weg zu einem berauschenden Rave, zum Springbreak oder an einen Traumstrand. Egal wie neu das Vehikel ist, immer erliegt es, in einer gottverdammten Einöde, einer Autopanne. Was für uns ein Anruf beim Pannendienst wäre, ist bei ihnen der Marsch ins nächste mässenmörderverseuchte Dörfchen, wo die Durchschnittsfamilie nach Rotenburger-Art kocht und jeder misshandelte Sohn ein maskiertes Ungetüm (auch hässliche Schauspieler kriegen ihre Chance) mit Kettensäge ist. Die Teens sind ratzfatz zersägt und zerlegt, die Filmhandlung schnell weggegähnt, das Filmende so offen wie die Mäuler in Zahnarztpraxen, sodass man mindestens noch drei Fortsetzungen abdrehen kann.
Durch Schockpromotion, Kinoverbot und Tarantino-Lorbeeren kriegen Filme wie "Hostel" zwar Reizpotential, am Schluss bleiben aber trotzdem nur Titten, Ärsche und eine Blumenwiese-Atmosphäre übrig.
Soviel legale, schlechtgedrehte Schrecklichkeit für`s Auge und "Tanz der Teufel" wirft Mr. Jugenschutzbeauftragter auf den Index, Shame on you!

Schmeiss den IPod aus dem Zug!

Posted on 10 October 2006 at 02:40
Seit ca. einem Monat darf ich aufgrund eines Handgelenkbruchs (Fachsprache: distale Radiusfraktur) die öffentlichen Verkehrsmittel benützen. Obwohl in öffentlichen Toiletten wahrscheinlich auch reger Hin- und Herverkehr herrscht, spreche ich in meinem Leidensfall den Zug an. Das Schienenmonster, dass dich warten lässt und dich, dank elektronischen Türen, fast nicht mehr aussteigen lässt. Zugfahren ist für mich keine Freude. Ich habe das Gefühl, als hätte es im Zugabteil mehr IPods als Pendler/innen. Trainpodding ist angesagt. Mindestens jeder hat inzwischen ein solche weisse Jukebox, die dich unwiderruflich zum Schweigen bringt und dich vor Sitznachbarn schützt. Um mich vor fremden Übergriffen zu schützen, trage ich inzwischen zwei Lagen Papiertaschentücher in der Hand, damit es aussieht, als hätte ich auch einen trendigen IPod.
Früher war es noch spannend, sich das Billett vom "Kondukteur" perforieren zu lassen. Die heutige, morgendliche Fahrt ist wohl eher vergleichbar mit Dawn of the Dead. Gratiszeitung-Zombies nähren sich halbschlafend am unendlichen Futtertrog des menschlichen Leids: Die Nachrichten (umgangssprachlich inzwischen News). Atomtests, Erdbeben und die neuesten Klingeltöne sorgen für den perfekten Anfang eines Arbeitstages. Natürlich sorgt so eine Zeitung, nach Blut, Bomben und Blocher, auf den letzten Seiten auch für Aufmunterung. Da wäre z.B. die Doppelseite der Stars und Sternchen: Exklusiv-Ejakulat für die Gala-Geilen. Als ob ich morgens nicht schon genug mit meiner eigenen Morgenlatte beschäftigt wäre, darf ich nun auch lesen, wie gross Brad Pitt`s Geschlechtsteil ist. Da heisst`s zügig weiterblättern zur Witze- und Comicseite (bunter als jedes Umfragendiagramm), noch schnell das Horoskop lesen (bewirkt Glücksgefühl oder Depression), das Kreuzworträtsel lösen oder das Sudoku knacken und schon ist man an seinem Ziel. Endlich. Ach, wie freue ich mich wieder auf mein vierrädriges, benzinschluckendes Automobil...
PS: Wer sich auf die Füsse getreten fühlt: Füsse runter vom Sitzpolster.

Let`s fight for your right to not Party!

Posted on 8 October 2006 at 07:07
Heute war ich bei einer Kollegin, die Mitglied ist bei einer sogenannten Partyseite. Fünfminütlich loggt sie sich ein und freut sich über jede eingegangene Message. Wehe, niemand schreibt ihr, schon fühlt sie sich von allen verlassen und von der Gesellschaft verstossen. Ich glaube sogar, ihr Selbstbewusstsein steigt und fällt mit den gezählten Hits in ihrer Galerie. Ihres euphorisches, merkwürdiges Verhalten hat mich dazu bewegt, mich in letzter Zeit im www (worldwankweb) auf solchen Seiten umzusehen:
Ich suche für mich persönlich immer noch den Sinn dieser Communitys, aber für viele ist`s sehr wohl eine Bereicherung: Du lernst ganz viele Leute kennen. Ganz viele Leute lernen dich kennen. Du wirst prominent, beliebt oder berüchtigt. Du weisst nicht mehr, wie dicht du letzte Nacht warst? Kein Problem, klick dich rein und du siehst dich, mit heruntergelassenen Hosen, auf dem Tisch tanzen. Ja, die Zeit der Blackouts ist vorbei! Du kannst jetzt sogar deine One-Night-Stands deinem Freundeskreis bildlich vorlegen. Die, die und die hatte ich schon.
Die virtuelle Partywelt ist spannender als ein Besuch im Zoo: Meistgebotenes Motiv, alle Frauen stecken sich für den Schnappschnuss gegenseitig die Zunge in den Hals. 2 Frauen, die sich küssen und berühren. Was noch als Fantasie galt und so wirkte, wird bei mir dadurch inzwischen zum hormonellen Gähnen. Ich frage mich, ob sich dadurch Herpes flächenmässig mehr verbreitet hat? Sind die Verkaufszahlen von Blistex wohl gestiegen? Weitere beliebte Fotoposen: Frauen lecken sich verführerisch die Lippen, posieren bis zum Wadenkrampf, drücken und quetschen ihren Ausschnitt in die Linse, grinsen wie die Siegerin bei der Miss Schweiz Wahl. Ja, wer begehrt sein will, muss ideenreich sein. Über Nacht zum bekannten Model, Naomi Campbell hat scheinbar was falsch gemacht. Auch Spanner werden sich die Hände reiben: Niemals wieder verklebte Seiten.
Auch die männlichen Beaus stehen dem weiblichem Volk in nichts nach: Sie lassen sich mit 5 Ladies im Arm ablichten (getreu dem Motto: "Pimp up your Discobesuch"), zeigen Six-Pack, Bierwampe, undefinierbare Bandenzeichen und ihre neueste, geleaste Kollektion von Armani. Vom rasierten Vor-Schambereich bis zum Griff in den Schritt gibt`s alles.
Nein, ich behaupte nicht, dass die Party-Gemeinschaft monoton, gleichaussehend und unecht wirkt, schliesslich tragen doch alle verschiedene Nicknames...
Den Sinn hab` ich nun auch für mich entdeckt: Schon lange nicht mehr so gelacht!

Freunde