Quappe und die Welt

Schreiben therapiert mich leider garantiert nicht.

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Einen Zug nehmen - 01:10, 22 March 2009

Ich ziehe mit sofortiger Wirkung um. Dieses Attackieren geht mir auf die Nerven - ich kann so nicht arbeiten!
Ich teile zwar viele nostalgische Erinnerungen mit dieser Plattform und werde deshalb auch darauf achten, dass diese Seite nicht gänzlich verloren geht. Fortan findet man mich allerdings auf:

www.quappe.wordpress.com

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Lesegruppe

Ruhm - Daniel Kehlmann - 07:36, 8 March 2009

Während sich in den Zeitungen die Kritiker nicht mehr darüber einig sind, ob es ein Fehltritt oder ein weiterer rühmender Vielfaltenwurf Kehlmanns war, so lässt es sich dieses Buch nicht anmerken. „Ruhm“ wurde vorgeworfen in der falschen Liga zu spielen. Die postmodernen Spielereien, das Sprechen der Figuren zum Erzähler, all das sei schon längst nur noch ein Geplänkel, Firlefanz, ein Getänzel um der neusten Sachlichkeit zu entgehen.

Es war dieser Anstoss, der mich motiviert hat, dieses Buch zu lesen, denn für einen Schreiber wie mich, lass ich gelten: Wo experimentiert wurde, gibt’s was zu lernen. Und ich stürze mich wie Assgeier hernieder und zehre am Ruhm anderer. Und tatsächlich ist es auch Kehlmanns Ruhm. Nach der „Vermessung der Welt“ ist der junge Autor so weit geflogen wie Rückenwindaffinitätskanonenkugel. Und es ist etwas neid, das mich liest, während ich dieses Buch lese. Es ist Verabscheuung in einer Art von Respekt verpackt, dass ich die Kritiker am Liebsten wegbliese, ihre Vorwürfe in Grund und Boden stampfte. Natürlich wäre ich es gern, der das Buch da geschrieben hat, das ich in den Händen halte.

Aber was soll das schon, darum geht’s mir nicht. Es ist nicht so, als ob ich Kunst nicht geniessen oder konsumieren könnte. Es ist schwierig, aber es geht. Und es tut gut, ja, bestimmt tut es gut.

Kehlmanns Buch dreht sich um die Frage der Identität und um das Zeitalter der Technik.

Um den Typen, der plötzlich die Telefonnummer eines Schauspielers zugewiesen bekommt und seine Anrufe entgegen nimmt.

Um den unerträglich exzentrischen Schriftsteller in einer Selbstkrise, der die Menschen um sich rum kopiert und in Geschichten verpackt.

Um die Frau, die nicht weiss, ob sie noch ist, wie lange sie noch ist, die sich töten und nicht sterben will und plötzlich jung ist.

Um den Schauspieler, dessen Telefonanrufe plötzlich verstummen, der verstossen wird von seiner Identität und hinter- und doppelgegangen wird und plötzlich ohne nichts da steht.

Um die Frau im Niemandsland, wo Kommunikation eine Fremdsprache und kulturelles Verständnis eine Unmöglichkeit sind.

Um den Feel-Good-Yoga-Schriftsteller, der sich jeden Tag seiner selbst bewusst und potenziell entledigt wird.

Um den Internetblogger, dessen Leben mehr Internet ist, als Realität und je eher das eine bedrohlich zu werden scheint, desto stärker nimmt ihn das ander ein.

Um den Betrüger mit Doppelleben, der sich selbst den Verstand raubt, weil er es will.

Es geht um Geschichten einerseits und um Identitäten andererseits.

Es geht um Identitäten in Geschichten. Und, interessanter, um Geschichten in Identitäten. Es geht um das Wechseln und den Bruch, über die Haltlosigkeit im Leben, das jeden Tag anders endet als es begonnen haben werden würde.

Genaugenommen ist alles eine Bruchlandung, und die Sprache in der wir uns verstecken oder in der sich zweifellos auch Kehlmann versteckt ist nicht viel mehr und nicht viel entfernter als die bodenlose Abgründigkeit, der Identitätsstiftung Warentest.

Alle werden anders, immer.

Deshalb ist der Roman schön.

Weil die Geschichten sich nicht an etwas halten, sondern selbst Situationen schildern, die wir uns mit Sicherheit alle einmal im Kopf ausgemalt haben. Einfach weil es geschrieben werden konnte.

Die beste Geschichte ist für mich „Wie ich log und starb“, die vielleicht realitätsnahste, oder? absurdeste von allen. Mit einer absoluten Selbstzerstörung im Kopf und drumherum.

Oder „Stimmen“ weil es die Abgründigkeit eines normalen Menschen zeigt, der plötzlich in der Identität eines anderen herumfingern kann, vorbehalts und rücksichtlos, ganz in der Bequemlichkeit der technischen Sicherheit versunken. Ein Telefon und tausend Meter Luft dazwischen, wenn auch die Zahlen nahe beisammen sind.


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Mein Schreiben

Heteronomie - 08:59, 23 February 2009

Einmal, da war ich mit einem Kumpel im McDonald’s.

Sag mal, hat er gesagt, wie ist eigentlich James Bond gestorben?

Ich wusste die Antwort nicht, obwohl mir war, als hätte ich sie einmal gewusst, irgendwoher, das wusste man doch, woran James Bond gestorben war, das war ja nicht irgendwer, den kannte man schliesslich.

Als ich ihm mein Unwissen mitteilte, wunderten wir uns beide eine Weile. Ich glaube, wir strickten uns halbherzige Theorien und warfen immer wieder gegenseitig ein, dass wir letzthin doch mal etwas in der Zeitung gelesen hätten. Doch nichts brachte uns auf die rechte Spur.

Ich beschloss, mich der Frage zu widmen und versprach meinem Kumpel, ihm die Antwort möglichst bald mitzuteilen.

Wie ich genau zu den Informationen gekommen bin, die die Umstände von Bonds tragischem Dahinscheiden erleuchten, will ich hier nicht ausführen. Ich will allerdings nicht verschweigen, dass es mich viel Zeit, Schweiss und Blut gekostet hat und dass ein Schraubenzieher, eine Strassenlaterne, ein Helikopterabsturz auf dem Mont Blanc und konsequentes Waterboarding eine Rolle gespielt haben.

Ich werde nun versuchen, die Umstände möglichst getreu wiederzugeben. Ich kann nicht versprechen, es ohne eigene Dazudichtung darstellen zu können, da mir alle Punkte und Details fehlen um die Situation verständlich abzubilden.

 

Es musste an einem Samstag oder an einem Freitag gewesen sein, James befand sich zu diesem Zeitpunkt gerade im Coop um seine Einkäufe zu erledigen. Für gewöhnlich tat das seine Frau, denn er hatte sehr viel Wichtigeres und Dringenderes zu tun: Leben zu retten, Feuer zu löschen, Atomwaffenschieber zu töten und Entscheidungen auf Leben und Tod zu treffen. Sie fand, es täte ihm mal gut, etwas Abstand von seiner Arbeit zu nehmen und sich auf nichtige Dinge zu konzentrieren, auf Probleme, mit denen sich der normale Mensch regelmässig zu schlagen hatte. Das sei doch mit Sicherheit kein Problem für ihn. Dieser Wortlaut wurde mir von einer codierten Aufzeichnung ihres Gesprächs der Telefongesellschaft übermittelt und authorisiert, ich hoffe, sie richtig zu interpretiert zu haben.

James musste das gereizt haben. Er fühlte, dass es eine Herausforderung war – nicht das Einkaufen an sich, sondern viel mehr eine Herausforderung seiner Frau, die Rechtfertigung für seine langen Arbeitszeiten, seine Risiken und, wahrscheinlich war sie informiert, seiner Affären verlangte.

Mr. Bond stand also vor dem Regal der Corn Flakes, als – und diese Rekonstruktion kann ich nur mit Mühe bis in jedes Detail belegen – er sich plötzlich bewusst wurde, dass er eine Entscheidung zu treffen hatte. Es wurde berichtet, dass er mehrere Minuten schon davor gestanden hatte, ohne auch nur eine Packung anzufassen oder sich zu bewegen.

Er musste in Verzweiflung dagestanden sein, unfähig zu entscheiden, ob er die Kellog’s nehmen sollte, mit der vielen Schokolade, die ihm Appetit machte, aber von der er wusste, dass seine Frau sie nicht essen würde, oder doch lieber jene von Nestlé mit den Schokoladeröllchen oder jenen mit den Früchten? Doch wer wusste schon, woher und womit diese Früchte gepresst, getrocknet und sonst fabriziert wurden? Wer wusste schon, ob das Früchte waren? Und jene Corn Flakes aus Reis schienen ihm keine Alternative, da es gleich mehrere von ihrer Sorte waren. Und er wusste auch, dass er den Geschmack von Honig sehr mochte, doch die Farbe dieser Flocken war abstossend und gleichzeitig musste ihm ins Auge fallen, wie auf den Frosties mit Spielzeugen geworben wurde, von denen seine Frau nostalgischerweise sammelte und schon zwei der drei Zauberkisten hatte, oder waren es doch die Dschungelflieger von den Choco Crispies? Und wie wäre es mit Toppas gewesen?

In diesem Wirrwarr und dieser Unschlüssigkeit, so sagt man, musste es in James Bonds Körper zu einem Defekt gekommen sein. Ein Zeuge hat mir, unter Winseln, erzählt, dass er gesehen hatte, wie der rechte Arm von James Bond zu den Rice Crispies reckte und sich sein Bauch zu den Prix garantie-Müsli verzog, während sein linker Fuss seltsam verdreht zu den Fitnessmüeslis wies und sich das rechte Knie zu den Dschungelfliegern verdrehte. Es sei ausgesprochen unnatürlich gewesen und er hätte nur schon vom Zuschauen unter Schmerzen gelitten, die Glieder schienen verdreht und zerschnitten und die Gelenke gebrochen.

Als James einfiel, dass er zu allem hin noch Milch benötigte, muss es ihn zerfetzt haben.

Das ist alles, was ich weiss und, Gott, ich wünschte, es wäre nicht wahr.


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