Quappe und die Welt

Schreiben therapiert mich leider garantiert nicht.

Counter

Nicht, was du denkst - 10:13, 24 May 2008

Das ist, was es ist. Guck nicht so. Es ist nicht so wie du denkst. Im Übrigen hast du das Brot dabei, das du kaufen wolltest?“, meinte meine Frau.

Öhm, ja“

Was?“

Ich hab das Brot“

Gut“

Und was macht er jetzt da?“, ich zeigte auf den Mann, der sich gerade anzog.

Der geht.“

Ach so, gut.“ Ich glaube kaum, dass mir da etwas durch den Kopf ging. Das war einfach nicht meine Art.

„…“

Wer war das eben?“, fragte ich, nachdem der Mann das Zimmer verlassen hatte.

Ich habe keine Ahnung.“

Was?“ Meine Ungläubigkeit war schlecht zu verstecken.

Nein, ehrlich, ich habe nicht die geringste Ahnung, wer das ist.“

Aber er war doch eben da und hat… dich gevögelt.“ Sie stütze sich energisch auf die Stuhllehne.

Nein! Was glaubst du eigentlich, was ich hier mache, wenn du am Einkaufen bist? Ich arbeite auch, weißt du?“

Ich nickte.

Aber er muss doch irgendwie rein gekommen sein!“

Ja, das macht mir allerdings auch Sorgen“

Und was… habt ihr denn hier zusammen gemacht?“

Nichts! Hör mal, ich hab ihn gerade erst vor ein paar Minuten entdeckt!“ Meine Frau war entrüstet.

Und“, ich schluckte unsicher, „wieso war er denn nackt?“

Weil er ein Spinner ist? Jemand der in Häuser einbricht, kann ja nicht ganz normal sein. Aber ich weiss es ehrlich nicht“

Ja, vielleicht, aber wieso warst du denn auch nackt?“

Darf man denn nicht mal seine Privatsphäre haben?“, meinte sie kühl, „Ich war duschen und als ich raus kam stand er da.“

Ja…“, ich rang um Worte, „Wieso hast du dann also nicht die Polizei gerufen, als du gesehen hast, dass ein Typ in unsere Wohnung eingebrochen ist?“

Vielleicht hätte ich das, aber dem Mann war ja nicht mehr zu helfen. Ich dachte, es sei besser mit ihm zu reden.“

Wieso hast du ihn dann jetzt einfach gehen lassen, wenn du meinst, dem Mann müsse man helfen? Wir hätten ihn vielleicht in eine Klinik setzen können oder weiss ich was.“

Er hat gesagt, er gehe jetzt und er schien nicht so als ob er aufgehalten werden wollte. Aber jetzt bin ich mir auch nicht mehr so sicher, ob ich das Richtige getan habe.“

Ich schüttelte den Kopf.

Aber…“ Erst jetzt fiel es mir ein. „Wieso zog er sich an als er raus ging.“

Meine Frau lachte schrill auf. „Ich bin kein Psychopath, Schatz. Woher soll ich das dann wissen?“

Ich mein einfach, es schien beinahe, als ob er die Hosen bewusst dabei hatte um sie, nachdem er bei dir war, wieder anzuziehen.“

Wenn du mich fragst“, sie tat so als hätte ich mich gar nicht an sie gerichtet. „Will er vielleicht nicht auffallen in der Öffentlichkeit damit er seine Neurose ausleben kann, ohne gleich in eine Klinik gesperrt zu werden“

Ich blickte sie resigniert an.

Schatz, ich weiss es nicht!“

Na… Was hast du dann für ein Gespräch mit ihm geführt?“

Meine Frau tat gelangweilt und schnitt das frische Vollkornbrot.

Ich ging zu ihm hin und sagte eine Weile gar nichts. Ich meine, was spricht man einen Psychopathen an? Ausserdem kam ich gerade vom Duschen, ich hoffte wohl irgendwie, er ging aus dem Haus, bevor er mich bemerken würde.“

Und du bist sicher er hat nichts gestohlen?“

Kaum. Ich hab ihn immer beobachtet als er da war. Aber du hast Recht. Gute Diebe können die Gegenstände vor deinen Augen wegschnappen!“

Ja, ja, schon gut, komm nicht vom Thema ab.“

Sie warf mir einen bösen Blick zu.

Er hat gezittert und da hab ich immer noch nichts gesagt. Er hatte mir den Rücken zugedreht und ich dachte, wenn ich jetzt etwas sage, dann würde er mich vielleicht in Stücke reissen. Plötzlich begann er so wirr zu reden.“ Auf meinen fragenden Blick fügte sie sogleich hinzu: „Er nuschelte, also hörte ich nicht was er sagen wollte. Dann suchte er mit seinen Blicken den Raum ab, bis er mich entdeckte.“

Und dann hat er dich in Stücke gerissen“, meinte ich so trocken, dass es ziemlich sarkastisch klang.

Nein. Er hat geschwiegen und war erstarrt. Er sah so erschrocken aus, dass ich den Gedanken, die Polizei zu rufen, völlig aus den Augen liess. Wer weiss, wie viel Angst die ihm eingejagt hätte?“

Sie schaute mich erwartungsvoll an. Ich zuckte mit den Schultern und sie begann weiter Brot zu schneiden.

Also fragte ich ihn, ob er etwas essen wolle. Darauf nickte er nur. Er war so gebückt und er zitterte, als wäre er am Erfrieren. Ich fragte ihn auch, ob er ein Tuch wolle. Auch darauf nickte er nur. Also hab ich ihm meins gegeben. Ich traute mich nicht, mich umzudrehen und ein anderes hervorzuholen, denn dann hätte er mich erwürgen können, oder?“

Ich wiegte den Kopf zur Antwort leicht auf die Seite. „Wieso hast du ihm ein nasses Tuch gegeben, wenn er schlotterte?“

Du solltest mittlerweile wissen, dass ich zwei Tücher habe, eines um mich abzutrocknen und eines das ich trage.“

Ah ja, richtig.“

Ich gab ihm also das trockene Tuch und ich ging in die Küche und suchte etwas, dass ich ihm anbieten könnte.“

Und…?“

Ich hab ihm Pasta gekocht.“

Du hast gekocht!? Wieso kochst du für einen wildfremden nackten Mann, der ins Haus eingebrochen ist.“

Ehrlich gesagt war es mir ein bisschen peinlich, dass wir kein Brot hatten“, sie warf mir einen messerscharfen Blick zu, als wäre ich daran schuld, „also vertuschte ich das indem ich ihm etwas zu essen kochte.“

Hat es ihm geschmeckt?“, meinte ich verbittert.

Er hat zumindest nicht mehr gezittert.“

Und…äh, dann?“, fragte ich, nachdem sich eine Pause im Zimmer ausgebreitet hatte.

Haben wir abgewaschen“, sie richtete ihren Blick starr auf den Brotlaib der unter ihrer Hand dahinschwand.

Was?!“

Na ja, ich hab abgeräumt das Wasser eingelassen und plötzlich stand er neben mir und hat das Geschirr abgetrocknet. Kaum zu glauben, was?“

Perverses Schwein.“, flüsterte ich. Ich wollte es einfach mal gesagt haben.

Was hast du gesagt?“, sie schien mich ehrlich nicht gehört zu haben.

Nichts. Und nach dem Abwaschen, habt ihrs getrieben, oder was?“

Sie schien mich mit dem Messer bewerfen zu wollen. Dann griff sie jedoch zum Brot und warf es mir an den Kopf.

Nein! Wie könnte ich…? Ach, du spinnst doch.“

Ich schaute auf meine Haare, während ich Brotkrümel davon entfernte. Ja, langsam glaubte ich das auch.

Dann fragte ich ihn, ob er sich hinlegen wolle.“, sie wartete einen Moment, aber ich verkniff mir den Kommentar.

Wollte er nicht. Aber er ging zum Schrank, nahm eines unserer Fotoalben und setzte sich aufs Sofa.“

Ich warf einen schnellen angeekelten Blick hinüber.

Und… Ja, ich erzählte ihm von den Bildern, die er sah.“

Ich nickte, mühsam damit beschäftigt, mir die Szene vorzustellen.

Und…“, meinte ich darauf, „er hat die ganze Zeit nie etwas gesagt?“

Doch, doch, natürlich, aber ich dachte dich interessieren nur die physischen Gegebenheiten“, feixte sie, „Er hat immer gewisse Worte wiederholt. Zum Beispiel Zuhause oder Familie. Der Rest der Sätze konnte ich meistens kaum verstehen, weil er nuschelte.“, sie sagte es, als ob das alles erklären würde.

Und als ich ihm auch noch das Fotoalbum erklärte, zeigte er manchmal auf gewisse Gesichter auf jene zum Beispiel, von denen ich sprach.“

Und was ist, wenn er jetzt unsere ganze Familie kennt? Wenn er bei deinen Eltern auftauchen wird und bei ihnen dasselbe machen würde, denkst du, es liefe genauso friedlich ab?“ Ehrlich gesagt hätte es mich nicht gross gekratzt, wenn meine Schwiegermutter in Stücke gerissen worden wäre, aber ich brachte es noch einmal fertig, mir den Kommentar zu sparen.

Ich glaub nicht, dass das passiert, Schatz, aber vielleicht hast du Recht und wir sollten sie vorwarnen.“

Nein, nein, vielleicht hab ich übertrieben.“ Ich wollte auf keinen Fall mit meinen ehrwürdigen Schwiegereltern Gespräche führen. Nicht jetzt jedenfalls.

Das könnte ich mir auch vorstellen. Auf jeden Fall hat er dann gerade beschlossen zu gehen. Er hat das Buch zugeklappt und hat sich langsam wieder angezogen, als du den Schlüssel gedreht hast und rein gekommen bist.“

Wir schwiegen etwa zwanzig Sekunden.

Wieso war überhaupt abgeschlossen?“

Ich hab abgeschlossen… Um mich vor Einbrecher zu schützen“, sie kicherte leise.

Lustig, ja.“ Ich war genervt. „Also ist er wahrscheinlich nicht durch die Türe gekommen“

Oder er hat einen Schlüssel.“

Ich schwieg wieder.

Wieso fragst du mich eigentlich aus was ich den Nachmittag gemacht habe? Ich habe auch ein Leben. Frage ich dich, wie du und deine Kassiererin Kontakt gehabt habt? Frage ich dich, welche Farbe dein Einkaufswagen hatte?“

Ich gab auf.

Schatz, hol mir einfach ein Bier.“

Und sie holte eines.


Kommentier' das Ding

Texte nutzen dürfen? - 02:36, 2 January 2009

Hi.
Ana mein Name. Bin Regiestudentin und mache im Grillo Theater in Essen einen Abend zum Thema "Es ist nicht das, was du jetzt denkst!" Habe gerade deinen Text hier gelesen und er hat mir gut gefallen. Hättest du was dagegen, wenn ich Teile davon in meinem Abend intergriere?
Würd mich freuen, wenn du Kontakt aufnimmst, über: anazirner at gmail.com.
Danke.
Ana

Posted by Anonymous

About me
XXXXXXXXX
Da lang? Hier lang?