Geschichte:Zauberkünstler ARF(absolute-Rohfassung) - 07:04, 15 January 2007 |
Der Zauberkünstler Die Leute klatschen. Sie lachen. Sie sind überrascht. Es ist ein Publikum wie jedes. Es amüsiert sich, sieht sich meine Zauberkunststücke an, wundert sich darüber und vergisst es wenige Minuten später. Ich bin weniger als Musik. Sie interessieren sich nicht für die Kunst, die in mir steckt. Sie verstehen nicht. Sie verstehen nicht, was passiert, aber sie haben eine Erklärung. Wie immer zu allem. Zauber gibt’s ja nicht. Mein Manager, ein kleiner Fisch, der mich aus dem Zirkus geholt hat und mich hierhin gebracht hatte, in Bars, wo ich mir selbst keinen Drink leisten könnte, klopft mir noch auf die Schulter. Der Vorhang öffnet sich. Mein Publikum wartet gespannt, und ist trotzdem abwesend. Es ist egal was ich mach, nur Nichtstun ist mir verwehrt, dachte ich verbittert. Mit einer möglichst eleganten Bewegung trete ich aus dem verdammten Nebel raus, der meine Füsse auffrisst. Die Fanfaren ertönen, die Musik erleichtert mir das gleichmässige bewegen, in dem ich im Rhythmus meine Schritte mache. Ich trete vor ein graues grosses Gerüst, das ungefähr in der Mitte platziert ist. Mit weit ausholenden Gesten demonstriere ich den Metallrahmen. Stumm, um die Spannung zu erhöhen, hole ich einige Zuschauer aus dem Publikum, fordere sie auf, auf die Bühne zu kommen. Während sie mit einem Grinsen im Gesicht nach oben klettern betrachte ich meine Zuschauer. Gemurmel, Gelächter, Gerede, Getränke – Ich war eben doch nur in einer Bar, sagte ich mir und schaute zu Boden, sodass der Hut meine Augen verdeckte. Das hier ist Dreck. Ich nickte stumm. Das hier ist Dreck. Ich empfange die Wagemutigen mit einem mysteriösen Lächeln. Sie sind zu dritt einer mit einem eleganten Kleid, ein Partylöwe, wie ich schon oft welche gesehen habe. Ein anderer mit ähnlicher Ausstrahlung schien sich nur darum zu kümmern, dass ihn das Publikum sieht. Mit einem Grinsen auf dem Gesicht lächelt er meinem Publikum zu. Einsamer Mann. Und der letzte des Trios sieht aus wie ein Geschäftsmann, leckt sich immer wieder über die Lippen, scheint überhaupt sehr nervös und wirft immer wieder scheue Blicke über die Schulter zum Gerüst. Ich mustere sie mit einem aufgesetzten Lächeln. Dann verkünde ich was ich vorhabe. „Diese drei mutigen Herren hier, werde ich an Ort und Stelle verschwinden lassen.“ So sollte ich es zumindest vortragen, aber ich liess mir nicht die Show wegen Phrasen meines Managers stehlen. Mit weit ausholenden Bewegungen umrahme ich das Gerüst. „Ich bitte nun die Herren, hier hinein zu treten.“ Sie begeben sich hinein, der Züngelnde nur zögerlich. Ich drehe mich und verkünde fast flüsternd: „Sein oder nicht sein. Unser Ort ist nicht immer da, wo wir zu stehen scheinen. Wir leben nicht immer, wo wir denken zu sein.“ Geheimnisvoll wende ich mich ab, überhöre das wenige, leise Gelächter. Ich ziehe ein weisses Tuch über den Metallrahmen und das Trio verschwindet darunter. Der Geschäftsmann hat die Augen nur starr geradeaus gerichtet. Damit niemand auf die Idee käme, dass die Drei einfach hinten hinausgehen und durch den Vorhang schlüpfen, beleuchtet man das ganze von hinten. Die Schatten sind zu erkennen. Einer davon etwas zuckend. Ich habe etwas Mitleid mit ihm. Ich drehe mich um. „Meine Damen und Herren, diese drei Männer werden jetzt verschwinden!“ Ich richte meine Arme auf das Zelt, als würde die Zauberkraft somit richtig gelenkt - Und da kommt es wieder. Ich fürchte mich. Ich fürchte mich entsetzlich. Ich fühle wie es mich befällt, wie es sich an mich hängt und mich auffrisst. Wie es mich schält und aufsticht. Wie es mich verbrennt. Wie es mich verätzt, mich verdirbt. Und ich kann es nicht abschütteln, denn ich fürchte mich. Eine Angst, fast unerklärlich, woher sie kommt. Ich klammere mich an meinen geschwärzten altmodischen Holzstab. Und jetzt? Die Drei sind da unten, und was geschieht? Was soll passieren? Ich weiss es nicht, ich fürchte mich nur. Ich bin befallen. Ich betrachte angsterfüllt das Publikum. Was dachte es? Es ist gespannt. Ein bisschen. Es lässt sich überraschen. Das darf es auch. Und ich? Ich muss mich wohl auch überraschen lassen. Ich weiss nicht, was passiert, wenn ich jetzt das Tuch entferne. Bisher hat’s doch auch geklappt, versucht mir eine dumpfe Stimme einzureden, doch ich höre ihr nicht zu, ich zittere, ich bebe innerlich. Was habe ich getan? Wozu bin ich eigentlich fähig? Die entspannten Zuschauer werden schon etwas unruhig. „Wie mache ich das eigentlich immer?!“, versuche ich herauszuschreien, aber es klappt nicht. Meine Kehle ist zubetoniert, aufgefüllt und zugestopft. Eingeklemmt zwischen meiner Haut. Und die Worte bleiben stecken, tanzen unruhig in der Lunge und versuchen herauszuquirlen. Auszubrechen. Stumm. Immer diese Stille. Erwartungsvoll, auf Überraschungen gefasst. Und immer diese Unbehaglichkeit, dieses Unwissen. Wir blicken alle gespannt auf den weissen Stoff und die Schatten, die darauf abgebildet sind. Was passiert? Ich bin ein Zuschauer. Ich versuche, den Trick zu durchschauen, versuche, zu erkennen was passiert, ob etwas passiert. Und ich höre hin, denn vielleicht geben mir die Geräusche Auskunft über das Geschehen. Ich zaubere. Aber wie? Wie klappt das? Bei jeder Aufführung dasselbe. Ich soll das sein? Nein, ich bin das nicht ich will das nicht. Die Angst führt mich an die endlose Grenze. An die Grenze des Bewusstseins. Vor dem Zusammenbrechen. Vor dem Anfang. Vor etwas anderem. Unerklärlich, alles. Die Furcht verschluckt mich, mein Ende ist nah. Ich sehe nur noch die eine Möglichkeit, die meine Angst noch einmal zu steigern schien. Ins Unermessliche. Ich muss das Tuch wegnehmen. Was wird erscheinen? Wird es mir gelingen? Es ist nur ein Tuch! Verflucht. Ich höre meinem Streit nicht zu, ich will nicht mehr tatenlos dastehen. Ich will dieses Tuch! Mit grossen Schritten trete ich zum Gerüst. Entkleide es, erzwinge die Blösse. Mit einem Ruck ist alles weg. Die Welt wird weggezogen. Was wird dann da sein? Ich starre gespannt auf das, was zum Vorschein kommt. Und es kommt nichts. Der Metallrahmen ist leer. Ruhig darin. Kein Zittern, kein Zucken. Kein Mensch. Niemand. Und da ist ausser der Angst noch etwas anderes, das sich dazugesellt, das mir noch mehr Qualen aufzwingt. Das mich abfackelt, einwickelt, rumwirbelt und versenkt. Neben der Angst kommt die Trauer. Elende Trauer, tiefes Bedauern, ewiges Weinen, gigantische Tränen eine verschwommene Bühne, ein verschmutzter Vorhang, alles leblos seufzt und stöhnt alles Traurige in der Welt. Und ich höre zu. Ich nehme alles auf. Die Trauer, die aus dem Gesicht der drei Männer gesprochen hat. Alle verschwunden. Weg! Und dann als die Welt zu Ende ist. Bevor die Trauer in meinem Kopf die Bombe hochgehen lässt. Bevor es alles stirbt, kommt die Erlösung. Ein erstes Klatschen, ein tosender Applaus, ein stürmischer Beifall, ein einstimmiges erheitertes überraschtes Lachen, dass den Raum anfüllt. Meinen Kopf einnimmt. Mich schlägt, aufweckt, mir das Leben wiederschenkt, dass ich nicht verdient geglaubt habe. Das feiernde Publikum war sichtlich beeindruckt, nicht nur von meinem Kunststück, sondern auch von meiner schauspielerischen Leistung. Ignoranz. Die Ignoranz fordert mich heraus, provoziert mich. Im Raum steigt ein Kampf auf. Trauer und Angst gegen Ignoranz und Rationalität. Stummes Toben, stilles Kampfgeschrei. Stickige Luft. Heisse Luft. Und ich gehe in die Mitte der Bühne. Meine Gefühle sind besiegt, haben verloren. Ich verneige mich. Doch nie ohne den Gedanken verloren zu haben, denn er ist hartnäckig. Liegt schon immer irgendwo im Hinterkopf und versucht mich zu erreichen. Ich spüre ihn, doch ich hasse ihn. Unsäglich grausam ist er. Er drückt sich vor, versucht im ganzen Schlachtfeld Beachtung zu finden. Ich bin ein Kadaver aufgewühlter Gefühle. Leichte Beute für den Gedanken. Und er präsentiert sich plötzlich, mit einem Schlag zeigt er sein wahres Gesicht, haut mich wieder um. Mischt meine Gefühle auf. Zerrüttet mich. Schüttelt mich. Und wo sind sie jetzt? Wo? Es nagt mir am Gewissen. Frisst mich auf. Nur zu, ich bin Futter für euch! Fresst mich alle, wenn es euch beliebt! Ich mag nicht mehr. Es ist zu schwer. Ich weiss nicht, was mit ihnen passiert ist. Wäre doch nur gar nichts passiert! Wären sie doch im Gerüst geblieben. Hätten sie mich doch deshalb ausgelacht. Hab ich sie getötet? Ich hab sie verschwinden lassen. Vielleicht ist es da schön. >Wo?!<, will ich schreien. Ich will fluchen, schimpfen, Luft raus lassen. Und ich bin hilflos. Weiss nicht mehr, was ich das letzte Mal gemacht habe. Da kommt mir eine Idee. Eine leise. Kann ich das noch mal? Doch ich überlege nicht lang. Geschwind decke ich den Zauberrahmen wieder zu. Ich lausche. Ich versuche mich anzustrengen, sie irgendwie mit Gedanken dahin zu bringen. Doch ich weiss, ich werde nichts spüren, ich werde nichts merken und wahrscheinlich nichts tun. Deshalb zögere ich nur noch kurz, als ich das Tuch herunterreisse. Von der eleganten Bewegung ist nichts übrig. Dahinter steckte nur Erwartung. Gemischt mit allem, Furcht, Adrenalin, Stolz. Ich weiss, dass sie wieder im Rahmen stehen, ich brauche sie nicht zu sehen. Denn ich weiss, dass sie da sind. Sie sind hinter mir. Dort wo sie gegangen sind. Und ich brauche nur dem Publikum in die Augen zu schauen, um zu wissen, dass es klappt hat, dass ich gewonnen habe. Es ist nicht Erleichterung, oder Befreiung, die mich zuversichtlich macht. Es ist Macht. Macht etwas zu können, das niemand kann. |
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Story - 10:42, 19 January 2007
So habs endlich mal ;-)Kritik oder so bring ich im Augenblick nichts großartiges auf die Reihe fürchte ich *drop* aber immerhin hab ich es gelesen und muss sagen von der Idee her gefällt es mir ebenso wie von der Umsetzung.
LG
DM
Posted by Anonymous