Ruhm - Daniel Kehlmann - 08:36, 8 March 2009 |
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Während sich in den Zeitungen die Kritiker nicht mehr darüber einig sind, ob es ein Fehltritt oder ein weiterer rühmender Vielfaltenwurf Kehlmanns war, so lässt es sich dieses Buch nicht anmerken. „Ruhm“ wurde vorgeworfen in der falschen Liga zu spielen. Die postmodernen Spielereien, das Sprechen der Figuren zum Erzähler, all das sei schon längst nur noch ein Geplänkel, Firlefanz, ein Getänzel um der neusten Sachlichkeit zu entgehen. Es war dieser Anstoss, der mich motiviert hat, dieses Buch zu lesen, denn für einen Schreiber wie mich, lass ich gelten: Wo experimentiert wurde, gibt’s was zu lernen. Und ich stürze mich wie Assgeier hernieder und zehre am Ruhm anderer. Und tatsächlich ist es auch Kehlmanns Ruhm. Nach der „Vermessung der Welt“ ist der junge Autor so weit geflogen wie Rückenwindaffinitätskanonenkugel. Und es ist etwas neid, das mich liest, während ich dieses Buch lese. Es ist Verabscheuung in einer Art von Respekt verpackt, dass ich die Kritiker am Liebsten wegbliese, ihre Vorwürfe in Grund und Boden stampfte. Natürlich wäre ich es gern, der das Buch da geschrieben hat, das ich in den Händen halte. Aber was soll das schon, darum geht’s mir nicht. Es ist nicht so, als ob ich Kunst nicht geniessen oder konsumieren könnte. Es ist schwierig, aber es geht. Und es tut gut, ja, bestimmt tut es gut. Kehlmanns Buch dreht sich um die Frage der Identität und um das Zeitalter der Technik. Um den Typen, der plötzlich die Telefonnummer eines Schauspielers zugewiesen bekommt und seine Anrufe entgegen nimmt. Um den unerträglich exzentrischen Schriftsteller in einer Selbstkrise, der die Menschen um sich rum kopiert und in Geschichten verpackt. Um die Frau, die nicht weiss, ob sie noch ist, wie lange sie noch ist, die sich töten und nicht sterben will und plötzlich jung ist. Um den Schauspieler, dessen Telefonanrufe plötzlich verstummen, der verstossen wird von seiner Identität und hinter- und doppelgegangen wird und plötzlich ohne nichts da steht. Um die Frau im Niemandsland, wo Kommunikation eine Fremdsprache und kulturelles Verständnis eine Unmöglichkeit sind. Um den Feel-Good-Yoga-Schriftsteller, der sich jeden Tag seiner selbst bewusst und potenziell entledigt wird. Um den Internetblogger, dessen Leben mehr Internet ist, als Realität und je eher das eine bedrohlich zu werden scheint, desto stärker nimmt ihn das ander ein. Um den Betrüger mit Doppelleben, der sich selbst den Verstand raubt, weil er es will. Es geht um Geschichten einerseits und um Identitäten andererseits. Es geht um Identitäten in Geschichten. Und, interessanter, um Geschichten in Identitäten. Es geht um das Wechseln und den Bruch, über die Haltlosigkeit im Leben, das jeden Tag anders endet als es begonnen haben werden würde. Genaugenommen ist alles eine Bruchlandung, und die Sprache in der wir uns verstecken oder in der sich zweifellos auch Kehlmann versteckt ist nicht viel mehr und nicht viel entfernter als die bodenlose Abgründigkeit, der Identitätsstiftung Warentest. Alle werden anders, immer. Deshalb ist der Roman schön. Weil die Geschichten sich nicht an etwas halten, sondern selbst Situationen schildern, die wir uns mit Sicherheit alle einmal im Kopf ausgemalt haben. Einfach weil es geschrieben werden konnte. Die beste Geschichte ist für mich „Wie ich log und starb“, die vielleicht realitätsnahste, oder? absurdeste von allen. Mit einer absoluten Selbstzerstörung im Kopf und drumherum. Oder „Stimmen“ weil es die Abgründigkeit eines normalen Menschen zeigt, der plötzlich in der Identität eines anderen herumfingern kann, vorbehalts und rücksichtlos, ganz in der Bequemlichkeit der technischen Sicherheit versunken. Ein Telefon und tausend Meter Luft dazwischen, wenn auch die Zahlen nahe beisammen sind. |
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