Quappe und die Welt

Schreiben therapiert mich leider garantiert nicht.

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Mein Schreiben

Heteronomie - 08:59, 23 February 2009

Einmal, da war ich mit einem Kumpel im McDonald’s.

Sag mal, hat er gesagt, wie ist eigentlich James Bond gestorben?

Ich wusste die Antwort nicht, obwohl mir war, als hätte ich sie einmal gewusst, irgendwoher, das wusste man doch, woran James Bond gestorben war, das war ja nicht irgendwer, den kannte man schliesslich.

Als ich ihm mein Unwissen mitteilte, wunderten wir uns beide eine Weile. Ich glaube, wir strickten uns halbherzige Theorien und warfen immer wieder gegenseitig ein, dass wir letzthin doch mal etwas in der Zeitung gelesen hätten. Doch nichts brachte uns auf die rechte Spur.

Ich beschloss, mich der Frage zu widmen und versprach meinem Kumpel, ihm die Antwort möglichst bald mitzuteilen.

Wie ich genau zu den Informationen gekommen bin, die die Umstände von Bonds tragischem Dahinscheiden erleuchten, will ich hier nicht ausführen. Ich will allerdings nicht verschweigen, dass es mich viel Zeit, Schweiss und Blut gekostet hat und dass ein Schraubenzieher, eine Strassenlaterne, ein Helikopterabsturz auf dem Mont Blanc und konsequentes Waterboarding eine Rolle gespielt haben.

Ich werde nun versuchen, die Umstände möglichst getreu wiederzugeben. Ich kann nicht versprechen, es ohne eigene Dazudichtung darstellen zu können, da mir alle Punkte und Details fehlen um die Situation verständlich abzubilden.

 

Es musste an einem Samstag oder an einem Freitag gewesen sein, James befand sich zu diesem Zeitpunkt gerade im Coop um seine Einkäufe zu erledigen. Für gewöhnlich tat das seine Frau, denn er hatte sehr viel Wichtigeres und Dringenderes zu tun: Leben zu retten, Feuer zu löschen, Atomwaffenschieber zu töten und Entscheidungen auf Leben und Tod zu treffen. Sie fand, es täte ihm mal gut, etwas Abstand von seiner Arbeit zu nehmen und sich auf nichtige Dinge zu konzentrieren, auf Probleme, mit denen sich der normale Mensch regelmässig zu schlagen hatte. Das sei doch mit Sicherheit kein Problem für ihn. Dieser Wortlaut wurde mir von einer codierten Aufzeichnung ihres Gesprächs der Telefongesellschaft übermittelt und authorisiert, ich hoffe, sie richtig zu interpretiert zu haben.

James musste das gereizt haben. Er fühlte, dass es eine Herausforderung war – nicht das Einkaufen an sich, sondern viel mehr eine Herausforderung seiner Frau, die Rechtfertigung für seine langen Arbeitszeiten, seine Risiken und, wahrscheinlich war sie informiert, seiner Affären verlangte.

Mr. Bond stand also vor dem Regal der Corn Flakes, als – und diese Rekonstruktion kann ich nur mit Mühe bis in jedes Detail belegen – er sich plötzlich bewusst wurde, dass er eine Entscheidung zu treffen hatte. Es wurde berichtet, dass er mehrere Minuten schon davor gestanden hatte, ohne auch nur eine Packung anzufassen oder sich zu bewegen.

Er musste in Verzweiflung dagestanden sein, unfähig zu entscheiden, ob er die Kellog’s nehmen sollte, mit der vielen Schokolade, die ihm Appetit machte, aber von der er wusste, dass seine Frau sie nicht essen würde, oder doch lieber jene von Nestlé mit den Schokoladeröllchen oder jenen mit den Früchten? Doch wer wusste schon, woher und womit diese Früchte gepresst, getrocknet und sonst fabriziert wurden? Wer wusste schon, ob das Früchte waren? Und jene Corn Flakes aus Reis schienen ihm keine Alternative, da es gleich mehrere von ihrer Sorte waren. Und er wusste auch, dass er den Geschmack von Honig sehr mochte, doch die Farbe dieser Flocken war abstossend und gleichzeitig musste ihm ins Auge fallen, wie auf den Frosties mit Spielzeugen geworben wurde, von denen seine Frau nostalgischerweise sammelte und schon zwei der drei Zauberkisten hatte, oder waren es doch die Dschungelflieger von den Choco Crispies? Und wie wäre es mit Toppas gewesen?

In diesem Wirrwarr und dieser Unschlüssigkeit, so sagt man, musste es in James Bonds Körper zu einem Defekt gekommen sein. Ein Zeuge hat mir, unter Winseln, erzählt, dass er gesehen hatte, wie der rechte Arm von James Bond zu den Rice Crispies reckte und sich sein Bauch zu den Prix garantie-Müsli verzog, während sein linker Fuss seltsam verdreht zu den Fitnessmüeslis wies und sich das rechte Knie zu den Dschungelfliegern verdrehte. Es sei ausgesprochen unnatürlich gewesen und er hätte nur schon vom Zuschauen unter Schmerzen gelitten, die Glieder schienen verdreht und zerschnitten und die Gelenke gebrochen.

Als James einfiel, dass er zu allem hin noch Milch benötigte, muss es ihn zerfetzt haben.

Das ist alles, was ich weiss und, Gott, ich wünschte, es wäre nicht wahr.


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Vincent - 08:18, 23 February 2009

Vincent hatte keine Angst vor der Zukunft.

Die Zukunft hatte Angst vor ihm.

Oft betrachtete Vincent seine Kinder beim Schlafen und fragte sich, wie ihre Zukunft wohl aussähe.

Oft wurden seine Kinder von ihm beim Schlafen betrachtet und sie träumten sich, wie ihre Zukunft nicht aussehen würde.

Ihre Träume wurden oft vom Schlafen betrachtet und Vincent spürte, dass es nur die Kinder der Zukunft waren.

Vincent spürte auch, während er die Kinder beim Schlafen betrachtete, dass ihre Zukunft nicht seine Zukunft war und dass er überhaupt nichts von Zukunft verstand.

Denn die Zukunft hatte Angst vor Vincent und verflüchtigte und versteckte sich, wenn er sich ihr näherte.

Hätte sich Vincent je an eine Erlebnis mit der Zukunft zurück zu erinnern versucht, so wäre da nichts gewesen, an das er sich hätte zurück erinnern können, stattdessen gab es viele Erinnerungen, die ihm, so spürte er, erst in der Zukunft hätten einfallen können, hätte sie keine Angst vor ihm gehabt.

Oft wenn er seine Kinder so beim Schlafen betrachtete, fühlte er, dass er keine Angst vor der Zukunft hatte.

Und er spürte, dass die Kinder keine Angst vor ihrer Zukunft hatten.

Oft spürte er, dass er Angst vor ihrer Zukunft hatte, was nicht die seine war.

Die Zukunft, vor der sich Vincent fürchtete, war nicht seine Zukunft, sie war die Zukunft seiner schlafenden Kinder, die seine Zukunft gewesen wäre, wäre da wirklich etwas Beängstigendes in ihrer Zukunft gewesen.

Doch die Zukunft hatte Angst vor den Kindern, denn die Kinder waren Vincents Zukunft.

Warum das alles genau so war, hatte er sich nie gefragt.


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Gute Freunde der Vernunft - 04:55, 20 February 2009

Lieber Peter

 

Seit ich dir das letzte Mal geschrieben habe, ist eine Menge Zeit vergangen. Ich habe lange auf mich warten lassen und du hast bestimmt schon gedacht ich hätte es vergessen. Aber da liegst du ganz falsch: Es war unumgänglich dir zu antworten, denn dein Brief hat mich lange beschäftigt und lag auf meinem Nachttisch, immer zu oberst über all den Büchern, die ich las, weil ich immer mitten in der Nacht auffuhr, das Licht anknippste und deinen Brief lesen musste und dann oben auf den Stapel aller anderen Bücher hinlegte. In deinem Brief steckte eine Anziehungskraft, die ich nicht verschweigen will. Es ist möglich, dass es an deiner radikalen Art zu schreiben lag, an deinem Inhalt, vor allem wahrscheinlich an deiner fesselnden Argumentation.

Deine Überlegungen haben mich sehr fasziniert und ich muss zugestehen, trotz meiner zweiunddreissig Lebensjahre, die ich der Aufgabe widmete, solchen Dingen aus dem Weg zu gehen, weil sie mir unvernünftig erschienen, haben sie mich auf magische Weise überzeugt. Ich war mein Leben lang weiss Gott kein Sittenstrolch, kein Wüstling, kein Vandale, geschweige denn ein Lügner oder auch nur ein böser Liebewicht, wenn du mir diese dichterische Neuschöpfung erlaubst. Du kennst mein Leben ja, ich war durchaus immer der freundliche Nachbar, schon damals als ich noch gar keine Nachbarn hatte. Es ist schwer zu verleugnen, dass es die frühe Liebe war, die mich an Sabrina und ihre unermüdliche Vernunft band, mit denen ich nun seit vierzehn Jahren zusammenlebe. Und genauso unmöglich ist es zu verneinen, dass mir diese Vernunft und der Anstand nicht gefallen hat, es war wie eine weiches Bett, das mich immerzu in meiner Bequemlichkeit auffing. In ihr war man auf der Seite der Gewinner: Obschon man Taten zu verfolgen hatte, die einem unvernünftig erschienen, so kannte der Kopf die Unvernünftigkeit oder die Sittenlosigkeit, die Mangelhaftigkeit, die dazu geführt hatte und wie sie zu umgehen gewesen wäre. Man ist immer der Gewinner im Konjunktiv und das ist manchmal die Hauptsache, finde ich.

Als ich deinen Brief zum ersten Mal gelesen habe, habe ich eine Gänsehaut gekriegt. Er war so andersartig und es steckte in ihm eine Art und Weise zu denken, die mir sehr bekannt und genehm war – plötzlich völlig vermischt mit einer Art und Weise zu handeln, die mir bis in die tiefsten Nervenbahn in meinen Knochen zuwider ist.

Doch bei wiederholtem Lesen, bei einem sehr langen Spaziergang, bei dem ich völlig vergessen hatte, rechtzeitig zum Essen zu kommen, dass Sabrina gekocht hatte, und dem Essen des erkalteten Fleisches im leeren Esszimmer, hat mich ein Gefühl ausgefüllt, das ich nicht genau einordnen konnte, ich konnte noch nicht einmal sagen, dass es mit deiner Nachricht in Zusammenhang stand.

Wie sehr du eigentlich Recht hast, ist mir erst über die Wochen klar geworden. Und schnell hatte ich den Entschluss gefasst, es dir nachzutun, du hast mir ja ausführlich geschildert, was für Erfahrungen du damit gemacht hast.

Letzten Samstag ging ich in den Wald um es auszuprobieren. Es ist ein sehr schöner Wald, an einem See, an dem die Leute für gewöhnlich spazierengehen oder auch fischen, denn es hat immer sehr gepflegte Holzstege, die auf das Wasser reichen. Man könnte sogar ein Ruderboot mieten und wir könnten darauf unsere eigensinnigen Gedanke spinnen, ein Bier trinken und lachen, was meinst du? Es würde mich sehr freuen.

Anfangs aber hat es mich selbst noch sehr erschreckt, es ist diese Vernunft, von der ich gesprochen habe. Ich stellte mir sofort Sabrinas Gesicht vor, wie sich mich anschauen würde und mein Herz machte den Anschein, sich zusammenzuziehen zu wollen. Aber nach einiger Zeit wurde mir bewusst, dass diese Vernunft, mit der ich aufgewachsen bin und die ich so sehr ehre, nicht die wahre oder einzige Vernunft sei. Das hast du ja sehr schön erläutert in deinem Brief.

Ich habe jetzt angefangen jedes Wochenende nach deiner minutiösen Beschreibung zu arbeiten und es macht zugegebenermassen unheimlich viel Spass und ich fühle mich befreiter. Sabrina hat gestern zu mir gemeint, ich scheine ihr viel glücklicher. Sie glaubt, es liege am kommenden Frühling und ich traue mich offen gestanden nicht, ihr die Wahrheit zu sagen.

Ich schreibe dir jetzt um dich in dieser Sache um Rat zu fragen: Wie soll ich es ihr sagen? Wird sie es verstehen? Würde sie es verstehen, wenn sie deinen Brief gelesen hätte? Ich befürchte aber, sie pflegt dir gegenüber immer noch eine Abneigung, die nicht zu verschweigen ist, ehrlich gesagt weiss sie gar nicht, dass ich dir schreibe. Ich denke, sie würde wütend werdend.

Ausserdem, mein lieber Freund, habe ich noch ein anderes Problem. Seit gestern Morgen ist in mir ein Gedanke erwacht und gereift, der mir tief im Kopf sitzt und mit dem ich nicht ganz fertig werde. Wahrscheinlich habe ich nicht genug ausführlich darüber nachgedacht, möglicherweise sind das auch immer solche Zweifel, die am Anfang auftauchen, aber ich wollte trotzdem dir diese Klage schreiben, weil du bestimmt schlauen Rat weißt.

Ich hab mich gefragt, mein Freund, ob es wirklich vertretbar sei, auf anderer Leutes Köpfe einzuschlagen?
Ich freue mich schon auf deine Antwort.

 

Mit liebsten Grüssen

Quappe

 


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