Oft betrachtete Vincent seine Kinder beim Schlafen und fragte sich, wie ihre Zukunft wohl aussähe.
Oft wurden seine Kinder von ihm beim Schlafen betrachtet und sie träumten sich, wie ihre Zukunft nicht aussehen würde.
Ihre Träume wurden oft vom Schlafen betrachtet und Vincent spürte, dass es nur die Kinder der Zukunft waren.
Vincent spürte auch, während er die Kinder beim Schlafen betrachtete, dass ihre Zukunft nicht seine Zukunft war und dass er überhaupt nichts von Zukunft verstand.
Denn die Zukunft hatte Angst vor Vincent und verflüchtigte und versteckte sich, wenn er sich ihr näherte.
Hätte sich Vincent je an eine Erlebnis mit der Zukunft zurück zu erinnern versucht, so wäre da nichts gewesen, an das er sich hätte zurück erinnern können, stattdessen gab es viele Erinnerungen, die ihm, so spürte er, erst in der Zukunft hätten einfallen können, hätte sie keine Angst vor ihm gehabt.
Oft wenn er seine Kinder so beim Schlafen betrachtete, fühlte er, dass er keine Angst vor der Zukunft hatte.
Und er spürte, dass die Kinder keine Angst vor ihrer Zukunft hatten.
Oft spürte er, dass er Angst vor ihrer Zukunft hatte, was nicht die seine war.
Die Zukunft, vor der sich Vincent fürchtete, war nicht seine Zukunft, sie war die Zukunft seiner schlafenden Kinder, die seine Zukunft gewesen wäre, wäre da wirklich etwas Beängstigendes in ihrer Zukunft gewesen.
Doch die Zukunft hatte Angst vor den Kindern, denn die Kinder waren Vincents Zukunft.
Warum das alles genau so war, hatte er sich nie gefragt.
Seit ich dir das letzte Mal geschrieben habe, ist eine Menge Zeit vergangen. Ich habe lange auf mich warten lassen und du hast bestimmt schon gedacht ich hätte es vergessen. Aber da liegst du ganz falsch: Es war unumgänglich dir zu antworten, denn dein Brief hat mich lange beschäftigt und lag auf meinem Nachttisch, immer zu oberst über all den Büchern, die ich las, weil ich immer mitten in der Nacht auffuhr, das Licht anknippste und deinen Brief lesen musste und dann oben auf den Stapel aller anderen Bücher hinlegte. In deinem Brief steckte eine Anziehungskraft, die ich nicht verschweigen will. Es ist möglich, dass es an deiner radikalen Art zu schreiben lag, an deinem Inhalt, vor allem wahrscheinlich an deiner fesselnden Argumentation.
Deine Überlegungen haben mich sehr fasziniert und ich muss zugestehen, trotz meiner zweiunddreissig Lebensjahre, die ich der Aufgabe widmete, solchen Dingen aus dem Weg zu gehen, weil sie mir unvernünftig erschienen, haben sie mich auf magische Weise überzeugt. Ich war mein Leben lang weiss Gott kein Sittenstrolch, kein Wüstling, kein Vandale, geschweige denn ein Lügner oder auch nur ein böser Liebewicht, wenn du mir diese dichterische Neuschöpfung erlaubst. Du kennst mein Leben ja, ich war durchaus immer der freundliche Nachbar, schon damals als ich noch gar keine Nachbarn hatte. Es ist schwer zu verleugnen, dass es die frühe Liebe war, die mich an Sabrina und ihre unermüdliche Vernunft band, mit denen ich nun seit vierzehn Jahren zusammenlebe. Und genauso unmöglich ist es zu verneinen, dass mir diese Vernunft und der Anstand nicht gefallen hat, es war wie eine weiches Bett, das mich immerzu in meiner Bequemlichkeit auffing. In ihr war man auf der Seite der Gewinner: Obschon man Taten zu verfolgen hatte, die einem unvernünftig erschienen, so kannte der Kopf die Unvernünftigkeit oder die Sittenlosigkeit, die Mangelhaftigkeit, die dazu geführt hatte und wie sie zu umgehen gewesen wäre. Man ist immer der Gewinner im Konjunktiv und das ist manchmal die Hauptsache, finde ich.
Als ich deinen Brief zum ersten Mal gelesen habe, habe ich eine Gänsehaut gekriegt. Er war so andersartig und es steckte in ihm eine Art und Weise zu denken, die mir sehr bekannt und genehm war – plötzlich völlig vermischt mit einer Art und Weise zu handeln, die mir bis in die tiefsten Nervenbahn in meinen Knochen zuwider ist.
Doch bei wiederholtem Lesen, bei einem sehr langen Spaziergang, bei dem ich völlig vergessen hatte, rechtzeitig zum Essen zu kommen, dass Sabrina gekocht hatte, und dem Essen des erkalteten Fleisches im leeren Esszimmer, hat mich ein Gefühl ausgefüllt, das ich nicht genau einordnen konnte, ich konnte noch nicht einmal sagen, dass es mit deiner Nachricht in Zusammenhang stand.
Wie sehr du eigentlich Recht hast, ist mir erst über die Wochen klar geworden. Und schnell hatte ich den Entschluss gefasst, es dir nachzutun, du hast mir ja ausführlich geschildert, was für Erfahrungen du damit gemacht hast.
Letzten Samstag ging ich in den Wald um es auszuprobieren. Es ist ein sehr schöner Wald, an einem See, an dem die Leute für gewöhnlich spazierengehen oder auch fischen, denn es hat immer sehr gepflegte Holzstege, die auf das Wasser reichen. Man könnte sogar ein Ruderboot mieten und wir könnten darauf unsere eigensinnigen Gedanke spinnen, ein Bier trinken und lachen, was meinst du? Es würde mich sehr freuen.
Anfangs aber hat es mich selbst noch sehr erschreckt, es ist diese Vernunft, von der ich gesprochen habe. Ich stellte mir sofort Sabrinas Gesicht vor, wie sich mich anschauen würde und mein Herz machte den Anschein, sich zusammenzuziehen zu wollen. Aber nach einiger Zeit wurde mir bewusst, dass diese Vernunft, mit der ich aufgewachsen bin und die ich so sehr ehre, nicht die wahre oder einzige Vernunft sei. Das hast du ja sehr schön erläutert in deinem Brief.
Ich habe jetzt angefangen jedes Wochenende nach deiner minutiösen Beschreibung zu arbeiten und es macht zugegebenermassen unheimlich viel Spass und ich fühle mich befreiter. Sabrina hat gestern zu mir gemeint, ich scheine ihr viel glücklicher. Sie glaubt, es liege am kommenden Frühling und ich traue mich offen gestanden nicht, ihr die Wahrheit zu sagen.
Ich schreibe dir jetzt um dich in dieser Sache um Rat zu fragen: Wie soll ich es ihr sagen? Wird sie es verstehen? Würde sie es verstehen, wenn sie deinen Brief gelesen hätte? Ich befürchte aber, sie pflegt dir gegenüber immer noch eine Abneigung, die nicht zu verschweigen ist, ehrlich gesagt weiss sie gar nicht, dass ich dir schreibe. Ich denke, sie würde wütend werdend.
Ausserdem, mein lieber Freund, habe ich noch ein anderes Problem. Seit gestern Morgen ist in mir ein Gedanke erwacht und gereift, der mir tief im Kopf sitzt und mit dem ich nicht ganz fertig werde. Wahrscheinlich habe ich nicht genug ausführlich darüber nachgedacht, möglicherweise sind das auch immer solche Zweifel, die am Anfang auftauchen, aber ich wollte trotzdem dir diese Klage schreiben, weil du bestimmt schlauen Rat weißt.
Ich hab mich gefragt, mein Freund, ob es wirklich vertretbar sei, auf anderer Leutes Köpfe einzuschlagen?
Ich freue mich schon auf deine Antwort.
Der Maulwurf war auf dem Weg nach oben, als ihm wie als göttliche Eingebung der Einfall kam,sich einfach umzudrehen.
So wand sich der Maulwurf in seinem selbst gegrabenen Gang und brauchte mehrere Anläufe um seine Nase vollständig in die entgegengesetzte Richtung drehen zu können. Er nahm all seine verbliebenen Kräfte zusammen und drehte sich um.
Er wusste nicht, wie weit es noch zur Oberfläche gewesen wäre, es wäre bestimmt keine grosse Distanz gewesen, aber es reichte ihm und so drang er stattdessen wieder zurück immer tiefer ins Erdinnere vor, weit weg vom Garten über ihm.
Der Maulwurf hatte nie Jules Vernes gelesen und trotzdem liess er sich von seinem Vorhaben nach unten zu graben nicht ablenken.
Er war sehr motiviert und innert weniger Stunden hatte er schon mehrere Meter Tiefe überwunden.
Nach einigen Wochen kam ein zweiter Maulwurf des Weges und rief durch den Schacht von vielen hundert Metern über ihm. Der Maulwurf antwortete nicht, es war ihm egal, wer da war. Stattdessen bohrte er sich, angetrieben von diesem Lebenszeichen, weiter in die Erde, immer tiefer hinab, vorbei an Steinen und Schotter und leblosem Boden.
Irgendwann begann es wärmer zu werden und der Maulwurf kam ins Schwitzen. Doch er liess sich nicht aufhalten, er hatte beschlossen, sich umzudrehen als er nur noch wenige Zentimeter unter der Erdoberfläche war. Ausserdem konnte er sich auch nicht vorstellen, wie er wieder herauskommen sollte. Zum Klettern war er zu schwach und die Erde, die er weggeschaufelt hatte, lag teilweise noch über ihm. Also beschloss er, seinen Weg fortzuführen und sich weiter gegen den Mittelpunkt der Erde zu graben.
Als er sich durch Lava und Hitze gebohrt hatte und fast schon am Mittelpunkt war, spürte der Maulwurf beinahe keine Fliehkraft mehr und durch diese Entlastung wuchs er innerhalb weniger Stunden auf beinahe das doppelte. Die Last der Erdbeschleunig war von ihm gewichen und unter dieser neuen Freiheit schwoll er an wie ein saugstarker Schlamm, er wuchs und brach durch die Erde, wieder nach oben, bis er mit seinem Kopf aus dem Garten herausbrach, vor dem er sich zuvor abgewandt hatte.
Sein Kopf, der herausragte, war zwar einiges grösser, als jene der anderen Maulwürfe, die aus erschreckter Neugier aus den Löchern gesprungen kamen, doch der Kopf war unter den hier herrschenden Drücken wieder in einem natürlichen Rahmen, während der Maulwurf deutlich spüren konnte, wie sein Fuss mehrere Kilometer durch die Erde reichte.
Die Maulwürfe zeigten auf ihn und lachten, der Mensch, dem der Garten gehörte, sprang aus der Türe und fiel mit offenem Mund auf die Knie.
„Du hast mir meinen Garten zerstört, du Riesenbestie!“, schrie er und befahl seiner Frau, die Kettensäge zu holen.