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20 January 2012 - INDIEN PUR

Zugfahrt

Ich sitze im Zug von Varanasi nach Mumbai. Vor dem Fenster zieht eine unglaublich schöne, in das warme orange Licht  der untergehenden Sonne getauchte Landschaft vorbei. Senfblumenfelder, kleine Dörfer mit Hütten aus Lehm und Stroh, Kuhherden, welche über den trockenen Boden stampfen und Staub aufwirbeln, Frauen mit bunten Saris, di Holz auf dem Kopf nach Hause tragen, einzelne Bäume, welche wohl im Sommer den bitter nötigen Schatten spenden, Schafherden, die  auf trockenen Feldern das braune Gras abgrasen, Gruppen von Männern, die am Feuer auf dem Boden kauern und Chai trinken, einzelne Tümpel und kleine Seen, in denen sich das Licht goldig reflektiert, Strommasten in regelmässigen Abständen in der weiten Ebene verteilt, die Kontur von grossen Vögeln, die sich auf einem kahlen Baum niedergelassen haben, ein Landweg auf dem ein Traktor, seine volle Ladung Brennholz  zur Hütte fährt und ein Motorrad zum Überholen ansetzt. Der Tag neigt sich dem Ende zu. Die Landschaft zieht gleichmässig an mir vorbei. Indien zeigt sich von seiner schönsten Seite. Das sanfte, monotone Rattern des Zuges und sein immer wieder einsetzendes Hupen verleihen der ganzen Atmosphäre einen meditativen Touch. Gegenüber von mir liegt eine schlafende, tief und gleichmässig atmende Frau und im Bett über ihr, ihr schnarchender Ehemann.

Sechs Stunden Fahrt liegen hinter mir und 20 vor mir. Am Bahnhof in Mumbai erwartet mich Tazeen, eine Freundin der Familie. Ich freue mich auf die riesige Metropole. Reisen kann sehr anstrengend und ermüdend sein. Auch wenn ich nicht jeden Moment der Reise aus vollem Herzen geniessen kann – in diesem Moment tue ich es und möchte mit niemandem auf der Welt den Platz tauschen!

Ich lasse mir nochmals meine ersten zwei Wochen Indien revue passieren: Die Überfahrt von Nepal nach Indien, die 12 Tage KIRAN und 2 Wochenende in Varanasi…

Varanasi

 

Die Stadt ist einzigartig. In ihr wimmelt es von Menschen, Rikshaws, Auto-Rikshaws, Motorrädern, Fahrrädern, Hunden, Kühen und Affen. Im Stadtinnern sind die Strassen gesäumt von kleinen Shops und fahrbaren Markttischen auf denen Gemüse und Früchte angeboten werden. Auf den Strassen gilt grundsätzlich Linksverkehr. Jedoch wird rechts und links überholt. Betonblöcke, welche die linke und rechte Strassenseite voneinander trennen, werden kurzerhand verschoben damit Autos und Buse auf die andere Fahrbahn wechseln können, da ihre Spur aufgrund von grossen Löchern, Tümpeln und Bauarbeiten unpassierbar geworden ist. Die Nerven der Fahrer scheinen aus Eisen zu sein. In voller Geschwindigkeit auf das Gegenüber zufahren und im letzten Moment ausweichen ist hier die Regel. Wer nicht aufpasst kommt unter die Räder. Wie das kleine, braune Welpen am Tag meiner Abreise. Wie ein Film spielt sich die Szene immer und immer wieder vor meinen Augen ab. Sie hat nur einige Sekunden gedauert, trotzdem erscheint sie mir in Zeitlupe. Ich hätte es verhindern sollen! Doch wie ? Ich sass mit Vera hoch auf dem Rikshaw.  Sehen und gesehen werden passt zu dem fahrenden Thron. Völlig ausgestellt wird man von links und rechts angestarrt. Da hilft auch das Kopftuch nicht viel. Die vorher erwähnte Tatsache von regelmässigen Geisterfahrern macht die günstige Mitfahrgelegenheit zu einem Nervenkitzel. Zudem laufen immer wieder Menschen, Kühe und Hunde vor die Räder. Bei den Menschen wird geklingelt, bei den Kühen geschnalzt und gerufen. Bei den Hunde einfach weiter gefahren. Meistens weichen sie aus, das habe ich schnell gelernt. Deshalb sass ich mit einem scheinbar gleichgültigen, ruhigen Blick hinter dem Fahrer, meinen schweren Rucksack zu Füssen, die kleine Tasche auf den Knien, als der kleine Welp ohne zu zögern die Strasse überquerte. Wie hätte er in dem Getümmel, das auf der Strasse herrschte die  grossen gefährlichen Räder erkennen sollen. Ich schaute nach unten und vermutete, dass das Rad nur wenige Zentimeter am Welp vorbeirollen würde, so wie das immer der Fall war in ähnlichen Situationen. Aber das Rad drückte das kleine Hündchen erst zu Boden und überrollte es dann mühelos. Meine guten 50 kg, 30 kg Gepäck und Rikscha auf einem nur wenige Wochen alten Hundekopf. Der Gedanke an die Auswirkungen lassen mich immer wieder erschauern. Ich blickte zurück und sah einen kurzen Augenblick den Welp winselnd, den Kopf am Boden, sich im Kreise drehen. Schon schloss sich die Menschen- und Verkehrsmenge wieder hinter mir. Was geschah wohl mit dem Welpen? Ein totes oder verstümmeltes kleines Hündchen mehr? Leid, Armut und Tod sind in der heiligen Stadt Shiva‘s, dem Zerstörer, allgegenwärtig. Kühe und Hunde suchen in den engen Gassen nach Essbarem. Zu wenig zum Überleben für einige. Ungesund für alle. Möchte nicht wissen, wie viele Plastiksäcke in einem Magen einer Kuh zu finden sind! Mir wurde erzählt, dass ein ausländischer Tierarzt Operationen an Kühen in Varanasi vorgenommen und dabei haarsträubende Entdeckungen gemacht hätte. Kann ich mir gut vorstellen. Wahrscheinliche hat er all das gefunden, was auch in den Strassen und engen Gassen auf den Boden liegt… Die Aufzählung überlass ich eurer Fantasie. Ich glaube nicht, dass ihr die Realität übertreffen werdet =)


Auf jeden Fall sollte, wer durch Strassen und Gassen Varanasis wandert, nicht träumen sondern seine Augen offen halten. Den Blick abwechselnd nach unten, rechts, links, vorne und hinten schweifen lassen. Bei verdächtigen Geräuschen ist auch ein prüfender Blick nach oben angebracht, denn ein Affenangriff kann unangenehme Folgen haben.

 

Nichts desto Trotz: Ich liebe Varanasi. Nach meiner traurigen und wenig schmackhaften Einleitung kommt dieses Geständnis wohl sehr überraschend. Aber wie ich schon zu Beginn des Textes gesagt habe: Varanasi ist einzigartig. Mehr noch sie ist betörend. Sie lebt. Die Stadt Shiva’s, der Zerstörer. Ich weiss nicht, ob es eine zweite Stadt gibt, in der Tod so präsent ist, wie in der heiligen Stadt am Ganges. Wahrscheinlich ist es genau das, was die Stadt so lebendig scheinen lässt. Tod ist ein Teil des Lebens und Tod ist ein Teil der Stadt. Wer von den grösseren Strassen der Stadt ostwärts geht, gelangt in ein Labyrinth aus kleinen, engen Gassen. Musikshop, Kiosk, Restaurant, Travelagencies und Guesthouses reihen sich aneinander. Wer an den im Abfall wühlenden Kühen vorbei aus dem unübersichtlichen Gassenlabyrinth wieder herausfindet, kommt zu steilen Treppen, welche zu den unzähligen Ghats führen. Die Ghats  sind das Herzstück Varanasis und verleihen der Stadt einen bezaubernden, wenn gleich auch etwas eigenen Charme.



Es reihen sich Tempel an Tempel, Treppe an Treppe. Alle führen an den heiligen Fluss Ganges. Ein Bad in diesem Wasser gilt als reinigend. Die Atmosphäre ist entspannt. Es wird Chai getrunken, geschwatzt, spaziert und Kricket gespielt. An zwei Ghats werden die Toten verbrannt. Öffentlich,  für jedermann ersichtlich.  Nicht weit von den Feuern entfernt spielen Kinder Fangis. Wer in Varanasi verbrannt und wessen Asche anschliessend in den Ganges gestreut wird, der kommt direkt ins Nirvana. Die Feuer erlöschen selten.

Die vier Tage in der Stadt waren spannend und abwechslungsreich. Varanasi bei Tag und Nacht, bei Sonnenaufgang mit dem Boot auf dem Ganges und bei Nacht mit langen Spaziergängen entlang der Ghats.



Am Sonntag wurde „Kitcheri“ gefeiert. Die Strassen und Ghats waren gefüllt mit Pilgern von nah und fern, Bettlern und Süssigkeitsständen. Alle Menschen strömten zum Ganges, um ein reinigendes Bad zu nehmen. Auf den Dächern standen Kinder und liessen Drachen steigen.

So viele Menschen, so lebendig!


Und nach so viel Spiritualität und tiefgründigen Sätzen noch ein handfestes Argument Varanasi zu besuchen: „Kreshni“ Ein Feinschmecker Restaurant. Weiss nicht, ob ich schon einmal so gut indisch gegessen habe! Nahezu 30 Paneer (Frischkäse) Gerichte. Und eines besser als das andere. Eine wahre Gaumenfreude!

„Wie trostlos wäre das Leben ohne gutes Essen“, dachte ich zufrieden mit vollem Bauch, als ich das Restaurant verliess und lief geradewegs in die Arme eines Bettlers, welcher mit verkrüppelten Füssen am Boden sass.

Das ist Varanasi. Und das ist wohl Indien, von dem ich so lange geträumt habe und dass ich nun während 3 Monaten erleben darf.



*Su
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"Dieser Blog ist fr jene gedacht, die aus der Ferne an meiner Reise teilhaben wollen und nicht warten knnen, bis ich ihnen persnlich davon erzhle... enjoy!" Su*

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