Unterstadt

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Unterstadt - 6 - Posted at 04:21 on 15 August 2006 by Unterstadt
Unterstadt

Nachdem wir uns gestärkt hatten, hörten wir den Lieferwagen kommen. Wir arbeiteten weiter und gegen drei hatten wir unseren gesamten Besitz in die neue Wohnung geschleppt. Während Mutter und die Mädchen Kisten und Schachteln auspackten, erkundete ich die Gegend.

Hinter dem schwarzen Holzzaun neben unserem Haus hörte ich Axtschläge. Das Tor stand halb offen, daneben war ein Schild befestigt: ‚Josef Jenny – Brennstoffhandlung’. Ich sah einen Mann von hinten, er spaltete Holz. Der Schotterweg bog nach links, hinunter zum Platz vor der Augustinerkirche. Ich folgte der Lenda, die zum unteren Stockwerk der Zähringerbrücke und dahinter zum Fussballplatz führte. Unter mir lag die Eisbahn ohne Eis, ein paar Buben spielten auf dem Betonplatz Hockey mit einem Tennisball. Ich ging über die Brücke, nach rechts durch die mächtigen Flügel des Berntors. Die Häuser bestanden aus Quadern vom gleichen Sandstein wie die Felswand, die der Fluss ausgehöhlt hatte. Sie leuchteten golden in der Nachmittagssonne. Im Fleur de Lys sass niemand, dafür grölten in der kavernösen Gaststube des Engels die Betrunkenen. Die schmale Terrasse gegen den Fluss hinaus war so verlottert, dass sie jeden Moment in die Saane stürzen konnte; ein paar mutige Touristen sassen trotzdem dort und erholten sich von der Besichtigung der Unterstadt. Im Dach der Bernbrücke fehlten Ziegel, Wasser war eingesickert und hatte das Holz schwarz und dunkelgrün gefärbt. In den Balken kletterten zwei Buben und sahen mir nach. Einer der beiden trug eine Hose, die ihm zu kurz war, wie mir meine, aber er war erst zehn Jahre alt, nicht siebzehn, und benutzte sie wahrscheinlich nur in der Freizeit, während ich meine in die Schule würde anziehen müssen, wenn ich bis nach den Ferien keine andere auftreiben konnte. Mutter hatte angeboten, ein Stück anzusetzen, aber wenn ich mit einer verlängerten Hose in die Schule ginge, wüssten alle, wie es um mich stand.

Im Schwanen rauchte die Serviertochter gelangweilt eine Zigarette, vor dem Tirlibaum tranken Handwerker in der Sonne ein Bier, während die Plätze im Schatten vor dem Tanneurs so leer waren wie die Gaststube des Soleil blanc. Ich ging die Samaritaine hinauf, vorbei an Fassaden, die der Regen ausgewaschen hatte. Fenstersimse waren

Unterstadt - 5 - Posted at 04:17 on 15 August 2006 by Unterstadt
Unterstadt

„Barbara.“

„Wie alt bist du, Barbara? Zwölf? Genau wie Elsie. Hast du vielleicht noch jüngere Geschwister? Nicht? Das ist schade.“

Barbara erklärte unsere Familienverhältnisse. Sie musste sich neben Elsie stellen, damit Frau Heimoz sehen konnte, wer grösser war. Barbara war einige Zentimeter grösser, stellte Frau Heimoz triumphierend fest, trotzdem drückte sie auch Barbara an sich.

„Elsie, du hast sicher Durst. Möchtest du einen Sirup? Ein grosses Glas? Und ein Stück Gugelhopf? Und du Barbara? Du kannst auch kommen, Marc. Aber nicht dass du den Mädchen den Kuchen wegisst!“

Frau Heimoz hatte nur eine Küche und ein Zimmer im Erdgeschoss. Es roch seltsam in ihrer Wohnung, säuerlich.

„Dürfen wir die Kätzchen sehen?“, bat Elsie.

„Natürlich. Aber nicht anfassen!“

Im Zimmer, neben dem Bett, lag eine Katze in einem Korb. Halb unter ihr steckten sieben Kätzchen, kaum grösser als Tennisbälle. Elsie und Barbara kauerten davor nieder und vergingen fast vor Entzücken. Frau Heimoz war so stolz, als habe sie die Katzen selber erschaffen. Über dem Bett hing ein grosses Ölbild. Es zeigte einen massigen Männerkopf mit Knollennase, fleischigen Wangen und einem dicken Hals in der Uniform eines Feldweibels. Er sah streng auf mich nieder.

Während wir dort waren, sprangen noch andere Katzen durchs Küchenfenster herein. Frau Heimoz begrüsste jede zärtlich und gab ihr einen Leckerbissen aus dem Kühlschrank. „Sie haben viele Katzen, Frau Heimoz“, sagte Barbara.

„Sie gehören nicht alle mir, aber sie wissen schon, wo sie am besten gepflegt werden“, sagte Frau Heimoz. „Es kommen noch vier andere zu mir. Falls ihr ein Kätzchen möchtet, schenke ich euch eins. Ich gebe sie zwar nicht gern weg, aber alle behalten kann ich auch nicht.“

„Ich möchte schon eins, nur wird es Mutter nicht erlauben.“

„Dann kommst du halt zu mir und spielst hier mit ihnen.“

Unterstadt - 4 - Posted at 05:03 on 8 August 2006 by Unterstadt

Unterstadt

„Klar.“

Zu dritt ging es besser. Nach einer Stunde war alles oben, nur das grüne Sofa überstieg unsere Kräfte. Wir setzten uns darauf und warteten auf die nächste Ladung.

„Wie heisst du?“, fragte Barbara unsere Helferin.

„Elsie, und du?“

„Barbara. Und er heisst Marc. Wohnst du hier im Haus?“

„Ja, im ersten Stock.“

„Wie alt bist du?“

„Zwölf.“

„Genau wie ich. Wir können Freundinnen werden, willst du?“

Elsie nickte und lächelte zaghaft. „Zum Glück seid ihr jetzt hier. Vorher hat eine böse Frau in eurer Wohnung gewohnt. Zu Hause hat sie immer laut geschrien, dabei war sie allein. Und gestunken hat sie!“ Elsie klemmte sich die Nase zu und tat, als müsse sie erbrechen. Barbara kicherte, dann tat sie auch so, als müsse sie erbrechen, und die beiden stellten pantomimisch die hundert grausigsten Gerüche dar, die sie je gerochen hatten. Zwischendurch hatten sie Lachanfälle, dass sie fast vom Sofa fielen. Ich blieb nur sitzen, weil ich Elsies Brüste in der zu grossen Bluse sah, wenn sie ihre Arme hob. Es waren mehr geschwollene Brustwarzen als Brüste, etwa so gross wie die der Zwillinge, die sie ständig im Spiegel betrachteten und sich fragten, warum sie nicht wuchsen.

Eine stämmige Frau mit weissen Haaren und einer blauen Schürze trat aus der Haustür. Elsie kam wieder zur Besinnung und sagte: „Guten Tag, Frau Heimoz.“ Frau Heimoz sah uns streng an und fragte: „Seid ihr die neuen Nachbarn?“ Ich nickte.

„Elsie, du hilfst ihnen?“ Ihre Stimme klang plötzlich mild. „So schwere Sachen hast du getragen? Dabei bist du noch so klein. Komm zu mir!“

Elsie schmiegte sich an die Frau, die ihren dicken Arm um sie legte und sie fest an sich drückte.

„Ist das deine neue Freundin? Das ist schnell gegangen!“, sagte sie. „Wie heisst du, mein Kind?“


Unterstadt - 3 - Posted at 06:32 on 7 August 2006 by Unterstadt
Unterstadt


Taschengeld.“ Das Taschengeld war im Herbst gestrichen worden, nachdem Vater uns verlassen hatte. Mutter hatte keinen Beruf, sie hatte ihre Ausbildung zur Krankenschwester abgebrochen, als ich geboren wurde. Sie arbeitete in Vaters Geschäft für Inneneinrichtungen, das damals, in den 60er Jahren, gut lief, weil es das erste seiner Art in der Stadt war. Später nahm die Konkurrenz zu, das Geschäft kostete mehr, als es einbrachte, und als Vater fand, die Situation sei aussichtslos, kam er eines Abends nicht nach Hause zurück. Er rief an und sagte, er halte es nicht mehr aus, seine besten Jahre habe er in diesem Provinzloch verschwendet, er brauche nochmals eine Herausforderung. Mutter fand eine Stelle als Sekretärin und begann, den Kredit abzuzahlen, den sie kurz zuvor aufgenommen hatte, nach Vaters Versprechen, damit könne er das Geschäft wieder in Schwung bringen.

Ich vermisste ihn nicht. Früher, wenn er sich über mich geärgert hatte, hatte er mich an den Haaren gepackt und meinen Kopf gegen die Wand geschlagen. Als ich älter wurde, sagte er, er wolle uns antiautoritär erziehen, aber meine Angst vor ihm blieb.

Wir luden den Lieferwagen aus, den Mutter für den Umzug ausgeliehen hatte. Unser Besitz lag für alle sichtbar aufgereiht vor dem Haus. Was Mutter verkaufen konnte, hatte sie verkauft, übrig geblieben waren Spanplatten, Möbel aus Plastik, wackelnde Stühle, zerkratzter Lack; vermutlich keine unübliche Zusammenstellung in der Unterstadt.

Die Zwillinge waren auf dem Schönberg geblieben, um die alte Wohnung auszuräumen; Mutter fuhr zurück, um die nächste Ladung zu holen; Barbara und ich mussten unser Zeug hinaufschaffen. „Wir beginnen mit dem Tisch“, sagte ich zu ihr. Zwölfjährig war sie zu klein und zu dünn, um so schwere Möbel zu tragen. Sie hob ihn an, liess ihn auf die erste Treppenstufe krachen, ging selber rückwärts stolpernd eine Stufe hinauf, blies sich die Haare aus dem Gesicht und zerrte wieder kichernd an der Tischplatte. Im ersten Stock drückte sich ein Mädchen in den Türrahmen, um uns vorbeizulassen. Sie war genauso klein und dünn wie Barbara, hatte zwei braune Zöpfe und trug eine orange, ärmellose Bluse und eine grüne Cord-Latzhose. „Darf ich euch helfen?“, fragte sie schüchtern.

„Ja, bitte! Nicht wahr, sie darf uns helfen?“, bettelte Barbara.



Unterstadt - 2 - Posted at 05:49 on 2 August 2006 by Unterstadt
Unterstadt

Die Küche hatte ein winziges Fenster nach hinten, durch das ich mit ausgestrecktem Arm fast die Felswand berühren konnte. Ich ging durch eine Tür ins Wohnzimmer. Auch hier war der Fussboden verschlissen, die Tapeten lösten sich, an manchen Orten war der Putz abgefallen, darunter kamen Schilfmatten und Holzlatten zum Vorschein. In einer Ecke stand ein Holzofen. An der Decke hing eine Glühbirne, die nicht funktionierte. „Ich muss erst die Kaution für den Strom bezahlen“, sagte Mutter. Wenigstens war das Zimmer hell. Die beiden Fenster gingen nach Norden, auf den Schönberg, aber unsere alte Wohnung konnten wir nicht entdecken.

Die anderen Zimmer waren eine genaue Kopie der beiden ersten, nur die Küche war leer. „Hier schlafen die Mädchen“, sagte Mutter im grossen Zimmer.

„Zu dritt?“, rief Barbara, die in der alten Wohnung ein eigenes Zimmer gehabt hatte, weil die Zwillinge im gleichen Bett schlafen wollten. Mutter sagte nichts.

„Und wo schläft Marc?“

„Im Wohnzimmer oder in der Mansarde.“

„Und du?“

„Hier im kleinen Zimmer.“

„Dann müssen wir immer bei dir durch, wenn wir in der Nacht auf die Toilette gehen?“ Barbara starrte Mutter ungläubig an.

„Ihr könnt den Nachttopf benutzen.“

Wir stiegen auf den Dachboden. Drei Verschläge waren abgetrennt, der rechte gehörte uns. Er war drei Meter lang, zwei breit. Die Wände und die Decke aus ungehobelten Brettern waren mit Zeichnungen und Aufschriften bedeckt. Ich war nicht der erste, der hier oben wohnte. Vom Fenster aus sah ich über viele Reihen von Dächern hinunter zum Fluss, dahinter wand sich die Stadtmauer den steilen Hang hinauf. Oben endete die Zähringerbrücke und darüber schien die Sonne auf die Villen des Schönbergs. Unser Haus unter der Felswand lag noch im Schatten. Mir war es recht, ich hatte es lieber kühl.

„Ich habe eine billige Wohnung in der Unterstadt gefunden“, hatte Mutter vor zwei Wochen gesagt. „Sie ist nicht so komfortabel wie unsere alte, dafür bekommt ihr wieder

Unterstadt - 1 - Posted at 03:01 on 1 August 2006 by Unterstadt


Der Umzug


Wir hielten vor dem Haus. Es sah alt aus, verbraucht, kraftlos. Alles an ihm sank herunter, wartete auf einen Windhauch, um endlich auf den Boden zu fallen. Ein Stück Dachrinne hing vor der Fassade, Ziegel ragten über das Dach hinaus und hielten nur noch an einer Ecke, ein Fensterladen hatte sich von der oberen Angel gelöst und zerkratzte die Mauer, der Mörtel sprang in grossen Platten ab, einst war er rot getüncht gewesen, einzelne fahle Flecken waren übrig geblieben. Was nicht hing, war schief, die Kamine, die Fensterrahmen, die Tür, das ganze Haus stand schräg, lehnte sich fast gegen die Felswand, die dahinter emporragte.

Es hatte drei Stockwerke und im Dach drei Fenster. Die Eingangstür und die Fenster des Treppenhauses bildeten die Mittelachse, in jedem Stockwerk waren auf beiden Seiten zwei weitere Fenster. „Gehen wir hinauf und schauen uns die Wohnung an“, sagte Mutter. Die Tür klemmte und schleifte über den Boden. Drinnen war es finster, es roch moderig. Fussboden und Treppen bestanden aus abgetretenen Brettern, sie quietschten und krachten unter unseren Schritten. Wir stiegen in den zweiten Stock hinauf. Das Geländer der Treppe beugte sich bedrohlich weit nach aussen, als ich mich darauf stützte. „Eigentlich sind es zwei zusammengelegte Wohnungen“, sagte Mutter. Hinten links war die Küche: Holzboden, Gasherd, ein Ausguss aus gelbem Steingut, ein Hahn mit kaltem Wasser, ein Geschirrschrank, eine Badewanne mit Holzofen. „Warum ist die Badewanne in der Küche?“, fragte Barbara, meine jüngste Schwester.

„Das ist Küche und Bad gleichzeitig“, sagte Mutter.

„Und wo ist die Toilette?“

„Draussen, am Gang.“